Einkauf. beim NORMA

ein normaler, alltäglicher Vorgang.

Stellen Sie sich vor, das Auto ist ein Schiff.
Und jedes mal, wenn wir einen Supermarkt ansteuern, dann ist es, als ob der Einkaufskorb das Beiboot ist, mit dem wir an Land rudern – denn der Parkplatz des Supermarkts ist der Hafen, und das Schiff liegt in solchem vor Anker. (Außerdem kann man mit einem Auto schlecht in einen Supermarkt fahren.)
Am Landgang behufs des Einkaufens nehmen für gewöhnlich sowohl der Chef als auch Herr Weitwinkel teil. Begleitet vom Zahlmeister, zwei Marinesoldaten und 2-3 Matrosen, die die Einkäufe schleppen. Meistens ist es dann so, daß der Chef mit einem der Marinesoldaten loszieht, um Bier, Milch und Tabak zu kaufen, und der Rest des Landkommandos unter der Leitung des Herrn Weitwinkel die übrigen Regale abklappert. Als Treffpunkt wird dann „vor der Kasse“ ausgemacht.
Der Chef hält neben den Einkaufsplan natürlich auch Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts im Auge – man kann ja nie wissen. Alles zwischen 15 und 55 wird in 0,4253 Sekunden gerastert, analysiert – und eigentlich immer ad acta gelegt.
Ein abenteuerliches Schauspiel ist es, wenn Weitwinkel, und der Zahlmeister, der meistens einen Dreispitz trägt, eine mit einem Gänsekiel beschriebene, büttenpapierne Einkaufsliste abklappern. Dabei kommt es auch vor, das sich Weitwinkel von den Matrosen hochheben läßt, um in die obersten Regale sehen zu können. Bisweilen kauft er dann auch Waren, die ihn spontan faszinieren aber gar nicht auf der Liste stehen.
Nachdem der Einkauf getätigt ist, und die Matrosen die Einkäufe ins Beiboot verfrachten, der Zahlmeister den Einkaufszettel, den Kassenbeleg und die PayBack-Karte mit Weitwinkel durchgesehen hat, streiten dieser und der Chef hin und wieder darüber, ob diese oder jene Ausgabe denn wirklich notwendig war. Dann rudert der Einkaufskorb zurück über den Parklplatz (durch das Hafenbecken) zurück zum Schiff. Dort wird dann alles – wie auf einem großen Schiff – im Laderaum verstaut, und der Maschinentelegraf rattert. Das Ausparken aus der Parklücke ist das Ablegen des Schiffes vom Pier: Die Wachoffiziere lehnen sich über die Brüstung der Brücke, um einen Blick nach hinten zu haben, reichen die Entfernung zum Ufer auf die Brücke weiter; der Rückwärtsgang ist der klingelnde Maschinentelegraf, im Maschinenraum rotieren die Zylinder.
Die Marinesoldaten, bei mancher emotional-politischer Großwetterlage sogar Johanna deClerk und ein paar ihrer Kampflesben, stehen Gewehr bei Fuß, und beobachten die Umgebung.
„Heck kommt frei“
„Backbordmaschine halbe Kraft zurück, vordere Spring kommt frei. Wegfrieren. Klar bei Deckkommando!“
Weitwinkel ist unterdessen in seiner Kajüte verschwunden, oder beschnuffelt die Einkäufe. Der Chef überwacht als „Eigner“ des Schiffes stumm auf der Brücke das Ablegemanöver, und geifert zu den Klängen des Autoradios(wdr2) innerlich über twitter, die bdsm Community, zu Tode tief gnarfend und nicht Galle spucken könnend, legt er mürrisch den Gang ein.
Ein Opel Astra, Baujahr 95 – unter den smarten Gefährten des 21. Jahunderts mit Navi, und mehr Computertechnik als in den Apollo-Mondraketen der Amerikaner verbaut war – da erscheint dieses alte Vehikel wirklich wie ein dampfgetriebener Seelenverkäufer. Es nützt auch nichts, daß die Maate und Heizer, wenngleich hohlwangig und abgekämpft, stolz darauf sind, daß der Kasten noch schwimmt.
Wenn der Kahn wieder auf offener See ist, und den Hafen hinter sich gelassen hat, steht meistens eine Frau in Uniform in der Tür zur Kajüte des Chefs.
Entweder K. oder Johanna.
„Martin…möchtest du die Tagespresse studieren? Das Dossier deiner TL – wer, was, wann mit wem und wie oft….“
Und immer öfter kommt nur ein unwirsches „Nein!“ aus dem inneren der Kajüte zurück. „Diese hohlhirnige Finsternis…. wenn die alle mal vom Leben so gefickt wären wie ich, dann würden sie alle wundgescheurt sein-und zwar oben wie untenrum! und dieses ganze bdsm Blabla, angefangen von der großen Lehrmeisterin bishin zum kleinsten Windelscheißerchen würden alle mal die Schnauze halten. Eigentlich sollten wir mal da…bei diesem Dingens aufkreuzen… ich kann mit meinem bloßen Blick, mehr als …ach was solls… konnte ich mal. Ich hab ja nicht mal mehr eine sporadische Gelegenheit, mir eine Krawatte anzuziehen. Aber wenn…. dann… ich mach mit einer Krawatte, selbst wenn ich sie nur trage, mehr als andere mit ihren 147 Gerten-Floggern, weiß der Kuckuck was… [Stimme wird leiser] ….zumindest war das früher so… [Stimme wird noch leiser] …zumindest war das früher so…“
Die Frau in Uniform an der Kajütentür hat schon längst augenrollend den Gang verlassen, und das Tagesdossier dem Archivar vom Dienst wortlos auf den Tisch geknallt, und ist in die Offiziersmesse – um sich zu betrinken.
Während der Chef noch gedankenversunken und abgestumpft, in seinen Erinnerungen seine Dominanz und Potenz wiederzufinden sucht, oder zumindest ein paar schemenhafte Hinweise dazu, steht Weitwinkel in der Tür. Klopft vorsichtig an.
„Huhu…. die Pfrau Chamäleon wünscht uns über Funk einen guten Morgen, Chef!“
„Danke gleichfalls!“
„…und…ähm…wir haben noch 9,60€, mein Chef. Das sind 10 Rechnungs-Euro, bzw. 9 Valuta-Euro. Da kommen noch hinzu 1,25€ an Pfand der Bierpflaschen, die Sie eben gekaupft haben, mümpfennämlich.“
Der Chef hat nicht zugehört. Oder er hat zugehört, aber dann nur als Untoter. Mit unbewegter Miene fragt er: „Wie lange noch?“
„Ähm…ähm… das muß nach unserem jetzigen Kenntnisstand noch 5 Tage reichen, euer Gnaden!“
Das reicht nie.
„Lassen sie die Rationen halbieren. Tabak nur auf Bezugsschein. Essenausgabe nach Vorschrift, keine Bevorzugung der Offiziere.“ Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel gepreßt, die Augen verschlossen. „Ich hab nicht mal das Geld für neue Schnürsenkel. Schwarze Schuhe und Schuhwichse ist reichlich da – ich seh nachts um halb drei mit 2 Promille noch dominanter aus -und bin es auch-, als diese ganzen Schwafel-Heinis… aber ohne Schnürsenkel…“ [tiefes seufzen]
„Bitte was?“
„Ach nichts, Weitwinkel… nichts. Gehn` Sie. Ich komm gleich auf die Brücke. Und sagen Sie dem LI, er soll den Brennstoff peilen. Ich will nicht schon wieder mit dem letzten Tropfen die Aral ansteuern müssen.“
„Da sammeln wir aber Payback-Punkte, nämlich!“
[ orrr. seufz!]

„ICH WÄRE VERFICKT NOCHMAL FROH, WENN WIR NE SCHATZINSEL ANLAUFEN KÖNNTEN…und jetzt raus mit Ihnen!“
[„gehen Sie ihren Weihrauch, oder was auch immer sie unnötigerweise heute gekauft haben, beschnuffeln“ -> in Gedanken hinzugestezt]
Wie jeder gutaussehende, kompetente, mit Augen-die-frau-zum-feuchtwerden-veranlassende, aber leider leidende und zwangsweise hungernde und eine abgewetzte, reparaturbedürftige Uniform tragender Kapitän gießt sich der Chef erstmal ein Glas eines alkoholischen Getränkes ein. Das Schiff bewegt sich sanft in der Dünung. Der Astra rollt deshalb so gut über die Straßen des Landkreises Ahrweiler, weil der Asphalt hier genauso alt ist, wie das Auto selbst.
Durch das Oberlicht fällt etwas Licht in die Kajüte. Stumm sieht er dem blauen Dunst der Zigarette hinterher.
Im Hintergrund hört man die Kommandos an Deck.
„Zehn Grad Steuerbord! Lichtzeichen setzen!“ …der Maschinentelegraf rasselt.
„All die un- und fehl-gefickten Mösen meiner Generation, die mir versagt blieben… und jetzt sitzen Sie da..unglücklich… und lassen sich von der Premiummuschi belehren, wie man sich selbst noch schneller an die Wand fährt. Einfach mehr Vollgas geben…. nee…ich brauch das Tagesdossier nicht zu lesen. Ich WILL diese Welt gar nicht mehr hören. Alles, was ich in der Schule oder bei meinen Großeltern gelernt hab, ist heute verboten, verpöhnt oder ungesund. Das einzige was mich von den scheiß-beschissenen Nazis unterscheidet, ist der Glaube an den lieben Gott. Aber [Chef lacht verzweifelt diabolisch in sich hinein] das macht nichts. Das haben diese schwarzbelederten ignoranten Säulenheiligen der Gutmenscherei mit den Nazis gemeinsam: Dem Zimmermann aus Galiläa hören genausoviel oder wenig zu wie mir… Ach was solls…“
Müde reibt er sich den Kopf, bemerkt, das seine eigenen langen Gedankensätze nur für denjenigen noch einen Sinn ergeben, der auch in seinem Kopf wohnen würde, ihm zuhören würde.
Ein heftiges Reiben der Augen. Wieder wach sein.
Mürrisch, sehr sehr mürrisch, stapft er den Korridor entlang, und entert zur Brücke auf.
Ein Maat pfeift „Käptn auf Brücke“. Unwirsch läßt der Chef sich auf seinen Sitz fallen.
„neun Euro für 5 Tage…. “ seufzt er.
„BLINKER LINKS! Und beide Maschinen große Kraft voraus!“ Auf einmal ist er dann wieder wach. Hellwach. Und konzentriert.
„Obersteuermann! Ich erbitte mir ein Überholmanöver aus, bei dem selbst Falbalus und Ophelia Ehrenblowjobs als Lobeshymnen darbieten würden! Vollgas, wenn ich bitten darf!“
Der Obersteuermann knallt die Hacken zusammen, salutiert: „Jawoll mein Chef!“.
Der Motor heult auf.
Im Tank ist mehr heiße Luft als Benzin.
Weitwinkel hält sich in seiner Kajüte, von der plötzlichen Beschleunigung überrascht, verzweifelt irgendwo fest, während um ihn herum die Zitronen, mit denen er handelt, herumpurzeln.
Der Astra zieht mit Müh und Not, 70 verschlissene PS aussaugend, an einem lahmarschigen SUV vorbei. Von so einer unglücklichen Familienmutter MitteEnde 30, die auf ihrem geheimen Twitteraccount davon träumt, von einem Mann geschlagen, vergewaltigt und angepißt zu werden. Stattdessen söhnt sie sich mit ihrem Mann den Kindern zuliebe aus, und fährt vom Einkaufen direkt weiter zur „Kita Spatzenhirn“, nur um den nächsten augenroll-tweet zu verfassen. Der landet in ihrer TL gleich hinter Ophelia, MarieMoreau und Falbalus. Den alten, klapprigen bordeauxroten Astra, mit Triskelen, Effzeh und Lazitrölaufkleber, der da grade lebensgefährlich nahe an ihr vorbeiflankt, nimmt sie gar nicht wahr.
An Bord brummt sie Maschine.
„Wir schwimmen noch.“ schnaubt der Chef verbittert in sich hinein. „wir schwimmen noch.“
Autofahren ist seit je her immer eine Sache der Marine gewesen.

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