Der Untergang der Manga Mushihara – Teil 2

Mundorf… jetzt mal im Ernst: was hat das noch mit Unterhaltungsliteratur zu tun?
– ich weiß es nicht. In meinem Kopf ergibt das noch Sinn, und es ist ein Handlungsstrang, der parallel zu den anderen abläuft.
Es gibt hier kaum Humor, keine Erotik, auch kein BDSM – ich führe hier mein literarisches Experiment „Homage an U-Boot-Romane“ weiter. Was das mit meiner Entführung, dem dunklen Tempel, Kerstin, Ophelia, Chamaelita und Weitwinkel zu tun hat, ergibt sich erst später. Nicht in diesem Beitrag. Aber hier folgt erstmal die Fortsetzung des Seestücks.

„Der Untergang der Manga Mushihara – Teil 2“

– ein Seestück –

Sie brauchten wieder gute Stimmung. Einen Erfolg.
Statt dessen saßen sie in angespannter Stimmung in der O-Messe zusammen.
„Entschuldigung angenommen, Fräulein Leutnant. Aber dennoch bitte ich Sie nochmals, mir ihre Auslegung unseres Auftrags darzulegen. Wir wollen ja schließlich produktiv zusammenarbeiten, nichtwahr?“
Auch wenn in diesen Worten eine gewissen Ironie mitschwingen mochte, so holte Angelina tief Luft – denn hier lag ihre Chance das bislang verunglückte Verhältnis etwas zu retten. Mit dem Ton einer „zweitbesten Klassenstreberin“, die einen Vortrag frei aus dem Kopf referieren sollte, hob sie an:
„Walfang ist obsolet geworden. Wenn die Eskimos einmal im Jahr einen Wal erlegen, ist das eine Sache. Wenn aber eine reiche Industrienation wie Island, Norwegen oder Japan, das jährlich den Walfang subventioniert (!) und ihn zu „Forschungszwecken“ betreibt, die sich dann auf die Verspeisung der getöteten Tiere beschränkt, dann ist dies nicht gut. Weder Japan, Norwegen noch Island oder irgendein anderes Land ist auf Wale als Nahrungslieferant angewiesen.
Ein weiterer Aspekt ist die auch sonstige Überfischung der Meere: große Fischereiflotten, meist nicht mal unter der Flagge „großer Nationen“, sondern kleiner Lizenz-vergebender Länder wie z.B. Liberia, fischen die Meere leer. Oft sind auf den Weltmeeren auch ganze Trawlerflotten unterwegs, die keine offizielle Kennung tragen, und in den Weiten der internationalen Gewässer recht unbehelligt auch mit international geächteten Fangmethoden den Fischschwärmen nachheilen.
Eine nachhaltige „Nutzung“ des Meeres für den Fischverzehr sieht anders aus. Aber wenn der Bedarf des Marktes groß ist – wie schützt man dann die Fischbestände auf hoher See? Also muß Walfang und der Fischfang der Trawlerflotten Einhalt geboten werden.“
Angelina atmete aus – es wär als hätte sie das alles runtergerasselt, ohne auch nur einmal Luft holen zu müssen.

„Das haben sie aber schön auswendig gelernt, Fräulein Leutnant.“ säuselte Mellerbeck.
„Meine Befehle besagen, daß ich nach Möglichkeit Walfangschiffe und Fischtrawler versenken soll, es sei denn, die lassen sich mit einem Prisenkommando in den nächsten Hafen bringen, so sie umgerüstet werden, um den Plastikmüll aus dem Meer fischen zu können. Und darum sind wir hier: zum Schiffe versenken.“
„Das ist die logische Konsequenz daraus, Herr Kapitänleutnant. Und ich bin hier, um eben das zu protokollieren.“
Mellerbeck sah Angelina lange an. Er versuchte zu ergründen, ob sich hinter ihren giftgrünen Augen, dem bleichen Gesicht, wirklich ein so kühl rationaler Verstand saß. Mit ihrem langen naturroten Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hatte, sah sie wirklich erst aus wie eine Oberschülerin.
„Seien Sie versichert, Fräulein Leutnant, wir tun, was uns möglich ist.“
Eigentlich wollte Mellerbeck mit diesen Worten die Tafel aufheben, aber der LI kam ihm dazwischen. Mit noch halbvollem Mund, in den er sich eingelegte Heringe und Kartoffeln geschoben hatte, mampfte er:
„Apropos Umrüstung: Wenn wir wieder zu hause sind, bekommt unser Kahn Brennstoffzellen. Mit Wasserstoff. Doppelte Geschwindigkeit, doppelte Reichweite. Dann sind wir getaucht so schnell, wie jetzt über Wasser!“
„Das bedeutet aber auch fast ein ganzes Jahr Liegezeit in der Werft!“ seufzte Mellerbeck. Er teilte den Enthusiasmus seines leitenden Ingeniers für Zukunftstechnologien nicht im gleichen Maße.
„Sie wollen unseren schönen Kahn auseinandernehmen, LI… nur damit Sie noch mehr technisches Spielzeug haben. Na was halten wir denn davon, I-WO?“
Mellerbeck wollte nicht unbedingt die Meinung seines ersten Wachoffizier wissen, sondern lediglich dem LI keine Zeit lassen, ins schwärmen zu geraten.
Oberleutnant Hansen bekam einen roten Kopf – denn er war froh gewesen bislang nicht mehr am Gespräch beteiligt worden zu sein.
Er wurde aber vom Schicksal begnadigt: Denn in diesem Augenblick gellte ein Ruf durch das Schott aus der Zentrale, das von der Brücke durch den Turm nach unten gebrüllt worden war: „Fahrzeug!“
Sofort sprangen alle auf.
„Alle Mann auf Gefechtsstation! Tauchen! LI – auf 40 Meter gehen!“ rief Mellerbeck, als er durch das Schott in die Zentrale jumpte. Er wußte zwar noch nicht, was los war, aber der II-WO kam hinter der Brückenwache schon die Leiter in die Zentrale hinunter gerutscht.
„Einzelfahrer, Herr Kaleu, gerade so unter der Kimm auszumachen. Scheint aber näher zu kommen. Kein Frachter, kein Kriegsschiff!“ meldete der junge Leutnant.
„Na, dann schauen wir uns den mal genauer an, was LI?“ Mellerbecks Blick ging zum Steuerstand, wo der Leitende hinter den Rudergasten stand.
„Vorne oben zehn, hinten oben zehn…. Fluuuten!“
Die Diesel waren abgeschaltet, und die beiden Antriebswellen auf E-Maschinen umgekuppelt. Ein leises, stetes „singen“ durchdrang das Boot. Aber wenigstens rüttelten die Vibrationen der Diesel den Rumpf nicht mehr durch.
Langsam glitt das Boot, wie ein Fahrstuhl der nach unten fährt, immer weiter unter Wasser. Dabei hielt der LI den Papenberg im Auge:“ 15 Meter gehen durch …20 Meter gehen durch…“ bei 35 Metern ließ er das Boot durchpendeln. 200 Liter nach achtern lenzen!“ – der LI sprach die Kommandos wie in Trance.
„40 Meter über Kiel, Herr Kaleu!“
40 Meter war die ideale Tiefe zum rundhorchen. Auf Seerohrtiefe würden die Geräusche der Wellen auf der Wasseroberfläche zu viele Störungen verursachen. Und weiter unten machten unterschiedliche Temperaturen im Wasser das horchen schwierig.
„E-Maschine Stop!“ befahl Mellerbeck, und kroch durch das runde Luk von der Zentrale zum Funkerschapp.
„Na… haben wir was?“ fragte er den Horcher.
Der Horchgast saß in seinem kleinen Verschlag, umgeben von allerlei elektrischen Geräten, mit Kopfhörern über den Ohren und drehte den Horchweiser langsam um eine runde Skala im Kreis.
Ganz konzentriert, mit geschlossenen Augen, drehte er langsam hin und her.
„…Herr Kaleu… in zwo-neun-null-Grad… ich glaub, das sind Wale!“ er langte mit einer Hand an den Verstärker, um das akustische Signal stärker rein zu bekommen. Mellerbeck vertraute seinem Horcher. Wenn der Wale hörte, dann hörte er Wale.
„Da!… in null-zwo-fünnef-Grad…das ist ein Diesel….ganz sicher! größerer Pott! Wenn Herr Kaleu…?“ er reichte dem Kommandanten den zweiten Kopfhörer, den ihn umgehend ans Ohr nahm, ohne ihn aufzusetzen.
Ganz konzentriert lauschte Mellerbeck dem Geglucker, das er hörte. Doch ganz im Hintergrund hörte er auch den „Diesel“ gleichmäßig wummern.
„Das ist eine Dieselturbine, wenn mich nicht alles täuscht, Herr Kaleu!“
„Entfernung?“
Der Horcher, Obergefreiter Neumann, verzog die Miene: „So etwa fünf bis sechs Seemeilen, Herr Kaleu!“
„Gut gemacht, Neumann!“ Mellerbeck klopfte dem Horchgast auf die Schulter.

Eine Stunde später:
U-4711 hing auf 15 Meter unter Wasser. Seerohrtiefe.
Mellerbeck hatte sich die weiße Kommandantenmütze mit dem Schirm nach hinten aufgesetzt, denn er hing wie ein Affe am Periskop.
Um ihn herum in der Zentrale warteten alle, was er zu verkünden hatte. Sie hingen förmlich an seinen Lippen. Und schwitzten. In den tropischen Gewässern des indischen Ozeans, so nahe am Äquator, glich das Boot einer Sauna. Das Kondenswasser tropfte unentwegt von der Decke, sie schwitzen wie die Schweine.
Aber das spielte jetzt keine Rolle.
„Frage Horchpeilung?“ Mellerbeck blieb am Periskop kleben.
„Nichts – weit und breit nur der und wir!“ kam es aus dem Funkerschapp zurück.
„Hmmm… “ Mellerbeck brummte nur. „Was meinen Sie, I-WO?“ er machte den Platz am Periskop frei. Der I-WO hatte die ganze Zeit mit einer Ausgabe von „Jane´s Flottenkalender“ hinter ihm gestanden, und nahm nun selbst einen Blick durch die Optik.
„Walfänger, Herr Kaleu…..Japaner!“
„Sehe ich ganz genau so, I-WO. Jetzt ist die Frage: was machen wir? Versenken oder als Prise nehmen? Der Kahn scheint noch recht neu zu sein… wäre doch schade drum?!“
„Als Prise nehmen, Herr Kaleu. Das gibt massig Prisengeld. Und das EK I für die Besatzung.“
„Und für mich das Rettichlaub zum Twitterkreuz.“ grunzte Mellerbeck. „Dann wolln wir mal. Die Mannschaft für die ZehnKommaFünnef soll sich bereitmachen. Wir tauchen auf. Brückenwache bereit machen! Alle Mann auf Gefechtsstation!“
Der LI gab seine technischen Kommandos: „Vorne und achtern anblasen!“

„Wollen Sie wirklich versuchen, das Schiff zu kapern, Herr Kaleu?“
Mellerbeck drehte sich um. Angelina stand mit fordernder Miene am Schott zur O-Messe.
Er seufzte.
„Fräulein Leutnant. Dieses Schiff hat einen Wert von mehreren Millionen. Wenn ich die Möglichkeit habe, es als Prise zu nehmen, dann werde ich das versuchen. Kapern tun nur Seeräuber.“
„Wäre versenken nicht effizienter?“
So langsam war Mellerbeck genervt.
„Das zu entscheiden, überlassen Sie bitte mir, Fräulein von Mackensen! Ob versenken oder als Prise nehmen – es wird ein Walfangschiff weniger auf dieser Welt geben. Sie können meinetwegen alles in ihrem Bericht festhalten, wenn Sie wollen. Und jetzt lassen Sie uns gefälligst unsere Arbeit machen!“
„Ich mein ja nur…“ Angelina merkte, das sie hier und jetzt keinen guten Stand hatte.

Die Druckluft pfiff rauschend in die Tauchzellen. Das Wasser gurgelte. Bald darauf blubberte das Wasser auf der Oberfläche, als koche es. Der Bug schnitt durch, der Turm kam frei – die Männer der Brückenwache enternten hinter Mellerbeck durch das Turmluk ins freie.
Auf dem Vorschiff stieg die Geschützmannschaft aus ihrem Luk und bemannte das Seezielgeschütz. Die schweren 10,5cm Granaten wurden hochgereicht.
Mellerbeck und Hansen nahmen gleichzeitig ihre Ferngläser vors Auge.
„Bestätige Identifizierung, Herr Kaleu! Japanischer Walfänger. „Manga Mushihara“, Heimathafen Shibari!“ Der I-WO setzte das Glas ab und kniff die Augen zusammen. Mit bloßem Auge konnte man die Maling an Rumpf und Aufbauten noch nicht erkennen.
„Entfernung Zweitausend. Schätze mal so 8000 Tonnen.“ Der I-WO hatte gewöhnlich ein gutes Auge für die Einschätzung der Tonnage anderer Schiffe.
Er blätterte im Jane´s nach: „Hier stehts: 8020 Tonnen, maximal 16 Knoten, Tiefgang 11 Meter und 200 Mann Besatzung, Herr Kaleu!“
„Flotter Kahn“ brummte Mellerbeck und betrachtete den japanischen Walfänger. „Ein richtiges Fabrikschiff. Wenn wir den als Prise nehmen, kommt da wirklich ein hübsches Sümmchen zusammen.“
Er wandte sich an die Sprechanlage, die die Brücke mit der Zentrale verband:
„Funkspruch auf allen Frequenzen an den Jappsen: „Japanese whaler Manga Mushihara stop at once or you will be gunned!“
Der Horchgast, der bei Überwasserfahrt auch gleichzeitig der Funker war, sprach den Satz ins Funkgerät, und jagte ihn zusätzlich über die Morsetaste in den Äther.
Um ganz sicher zusehen, hantierte neben Mellerbeck der I-WO mit dem Signalscheinwerfer in Richtung des japanischen Walfangschiffs, und klackerte die Nachricht Buchstabe für Buchstabe.
Die „Manga Mushihara“ schien aber entweder den Funkspruch und den Signalspruch nicht zu bemerken oder zu bemerken wollen. Denn sie hielt weiter Kurs auf die Walherde, und machte keine Anstalten zu stoppen.
„Wiederholen sie die Warnung!“ rief Mellerbeck, so daß man ihn sowohl in der Zentrale verstehen konnte, als auch der I-WO, der neben ihm stand.
„Stop at once, or you will be gunned!“
Auch nach der Wiederholung der Aufforderung die Maschinen zu stoppen, erfolgte keine Reaktion.
Mellerbeck beugte sich über die Brüstung runter zum Vorschiff: „Feuer frei für die Zehnkommafünf – drei Schuß vor den Bug, wenn ich bitten darf!“
Die Geschützmannschaft hatte darauf schon gewartet. Der Obergefreite Jäger wummterte mit seiner Crew drei Granaten in schneller Folge aus der Kanone. Die leeren Messingkartuschen rollten scheppernd und qualmend über das Vorschiff, bis sie in das Wasser des indischen Ozean plumpsten. Der Geruch von verbranntem Kordit umhüllte die Männer an Deck von U-4711.
Ca. 100 Meter vor dem Bug der „Manga Mushihara“ spritzen kurz nacheinander drei große Wasserfontänen auf – der I-WO klackerte immer noch sein „Stop at once“, als durch die Sprechanlage von unten die quäkend verzerrte Stimme des Funkers schallte: „Der Japaner funkt Notsignal auf der internationalen Notfunkfrequenz! Attacked by unidentyfied submarine – und seine Position!“
„Orrrr!“ ärgerte sich Mellerbeck. Anstatt das japanische Schiff zu stoppen, die Besatzung festzusetzen und es als Prise zu nehmen, mußte er die „Manga Mushihara“ nun doch versenken. Mit der Besatzung an Bord.
Zumindest, wenn der Japaner weiter Notsignale funkte. Vielleicht hörte ja gerade niemand zu?
„Los, Jäger, zerschlagen Sie ihm die Brücke. Aber pronto!“
Die Männer an dem Seezielgeschütz nahmen nun die Brücke der „Manga Mushihara“ ins Visier. Die ersten beiden Schuß lagen noch etwas zu kurz, und schlugen ebenfalls als große Wasserfontänen kurz vor der Bordwand des Walfängers ein. Aber der dritte Treffer saß. Die Brücke der „Manga Mushihara“ zersprang förmlich in tausend Splitter – in einer lauten Explosion.
„Der Funkspruch bekommt Antwort, Herr Kaleu!“ Die Stimme aus der Sprechanlage klang aufgeregt.
„Wer? Wer antwortet?“ fragte Mellerbeck hastig, denn er ahnte nichts gutes.
„Amerikanischer Flugzeugträger USS Charles Vinson! Sie antworten, daß sie zwei Maschinen zur Überprüfung herschicken!“
„Scheiße!“ brummte Mellerbeck. „…dann müssen wir es halt auf die harte Tour erledigen!“ und wieder in die Sprechanlage: „haben die Amerikaner ihre Position durchgegeben? wann sind die hier?“
Natürlich hatten die Amerikaner das getan, und der Obersteuermann übertrug die Position fieberhaft auf die Seekarte, und rechnete die Entfernung aus.
Noch ehe Mellerbeck die Entfernungsangabe auf der Brücke hatte, befahl er „UZO auf Brücke“ – die UnterseebootZielOptik, eine Art mechanisch mitdenkendes Fernglas – wurde auf hochgereicht und auf die entsprechende Halterung montiert.

„Geschützbesatzung einsteigen!“ Er rechnete – sie hatten mit etwas Glück maximal 20 Minuten, bis wenigstens zwei amerikanische Flugzeuge auftauchen würden. Bis es soweit war, wollte er von ver Wasseroberfläche verschwunden sein – und die „Manga Mushihara“ nach Möglichkeit mit genommen haben.
„Brückenwache bitte auch einsteigen! Nur der I-WO bleibt hier!“
Die Männer der Brückenwache stiegen wieder ein.
„Anlauf beginnt! 5 Grad steuerbord! Beide Diesel äußerste Kraft voraus!“ Die Männer und eine Frau an Bord von U-4711 spürten förmlich, wie die beiden MAN-Diesel aufjaulten und die Vibrationen unter ihren Füßen immer stärker wurden. Der Entlüftungshutzen auf dem Turm bließ ätzend schwarze Abgase aus.
An Bord der „Manga Mushihara“ versuchten offenbar Besatzungsmitglieder, die völlig zerstörte Brücke nach Überlebenden zu durchsuchen und mit Feuerlöschern die Flammen zu löschen. Das Schiff selbst verlor immer weiter an Fahrt. Der Walfänger war manövrierunfähig.
„Das wird ein einfacher Schuß, Herr Kaleu!“ rief I-WO Hansen, um gegen den Lärm der Diesel anzukommen, während er durch die UZO blickte „Gegner Fahrt sieben, Bug links! Entfernung….eintausendzwohundert“
„Frage Torpedoraum?“ rief Mellerbeck.
„Rohr eins bis vier bereit!“ kam es aus der Gegensprechanlage zurück.
„Rohr eins, zwo und vier: Mündungsklappen öffnen!“ Rohr drei wollte er sich als Reserve halten – man wußte ja nie.
„Entfernung eintausend“ sang der I-WO an. Er hielt mit der UZO genau auf die Mitte der „Manga Mushihara“ – die Halterung war mit dem Feuerleitrechner im Turm verbunden, die die Angaben zu Geschwindigkeit, Lauftiefe und Lage des Ziels direkt an den Torpedoraum weitergab.
„Mündungsklappen sind auf!“
„Lauftiefe auf sieben Meter!“
„Eingestellt!“
„Rohr eins…los!
„Rohr eins ist los!“
„Rohr zwo…los!“
„Rohr zwo ist los!“
Mellerbeck spürte den Ruck, den das Boot machte, als die beiden Aale ausgestoßen wurden. Sie zogen eine Blasenspur nach sich, und eilten mit 40 Knoten auf ihr Ziel zu.
„Frage Rohr vier?“ machte sich Hansen bemerkbar.
„Moment noch, I-WO… Entfernung?“
„siebenhundert“
„Dann..Rohr vier los!“
Auch der dritte Torpedo zischte los.
Mellerbeck wollte eigentlich den Einschlag der Torpedos an der Wasseroberfläche beobachten. Aber er glaubte am Himmel hinter der Manga Mushihara einen kleinen dunklen Punkt erkannt zu haben.
„Ach du Scheiße… I-WO Einsteigen! Sofort! Alaaaarm!“
Der I-WO war zwar irritiert, denn er hatte den kleinen dunklen Punkt am Himmel nicht gesehen, gehorchte aber sofort. Selbst die UZO beließ er in der Halterung, und sprang sofort durch das Turmluk. Mellerbeck direkt hinterher. Als er von innen mit dem Handrad die Luke verschloß, schwappte das Wasser schon über die Brücke.

Unten, in der Zentrale, schrie der LI „Vorne oben zehn, hinten oben fünfzehn! Alle Mann vorauuuus!“
Man kennt die Szenerie aus diversen Filmen: Alle Mann der Freiwache rannten nach vorne in den Bugtorpedoraum, um mit ihrem Gewicht das Boot toplastiger zu machen und damit schneller zu sinken.
Angelina blieb in der Zentrale, und klammerte sich an einer Rohrleitung fest. Sie sah die Männer an ihr vorüber rennen und springen, und hatte auf einmal Todesangst.
Noch als er auf der letzten Sprosse der Leiter war, befahl Mellerbeck: „Auf 150 Meter gehen! Beide E-Maschinen Umdrehungen für vier Knoten! Neuer Kurs null-vier-fünnef Grad!“
„Turm schneidet unter!“. Damit waren sie also von der Wasseroberfläche verschwunden. Die Alarmtauchzeit lag bei 35 Sekunden – sie schafften es in 37. Immerhin.
„Herr Kaleu…?“ fragte der I-WO, um zu erfahren, was denn nun der Grund für dieses Alarmtauchen war.
„Dunkler Punkt am Himmel. Ich will nichts beschreien, aber das kann ein amerikanisches Flugzeug gewesen sein. Sicher ist sicher!“
Im nächsten Moment zerriß ein lauter Knall die Szenerie, kurz danach ein zweiter. Anderthalb Sekunden später schüttelte sie eine Druckwelle durch.
Die Männer waren verängstigt, trotz aller Ausbildung und Routine. Aber das schütteln dauerte nur kurz. Dann fingen sie sich wieder.
Dann kam der dritte Rumms – die Druckwelle war nicht ganz so stark.
„Drei Treffer, Herr Kaleu! Gratuliere!“ bemerkte der I-WO trocken.
„Danke, I-WO. Aber ich freue mich später.“
Mellerbeck war noch nicht in der Stimmung, sich zu freuen. Irgendetwas störte ihn. Sie waren jetzt erst auf 40 Metern Tiefe -und sanken weiter.
„Horchgast? was hören wir?“
Neumann in seinem Schapp peilte und lauschte. „Ziel sinkt, Herr Kaleu…“
Das konnten sie auch so hören – tiefe, lang gezogene diabolische Geräusche von metallischer Verformung, schwammig vom Wasser – sie waren so laut, dazu brauchte man kein Unterwassermikrofon.
„Und sonst?“
„Da kommt was schnell näher!“ Neumann war aufgeregt. „Flugzeuge! Schnell!“
Mellerbeck blickte an die Deckde der Zentrale, von der unentwegt das Kondenswasser perlte. Ganz ganz leise hörte er etwas vorrüber rauschen. Und einige andere an Bord auch.
„Flugzeuge… wußt ichs doch!“ brummte er.

U-4711 glitt geräuschlos immer weiter in die Tiefe…

to be continued…

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