Nach dem Untergang der „Manga Mushihara“ – U4711 auf großer Fahrt. Teil 5

Ich bin angehalten worden, doch meine Fortsetzungsgeschichten fortzusetzen. Nun denn…

Damit auf der einen Seite der Erde kinks gelebt werden können, müssen tapfere Männer und Frauen auf der anderen Seite der Erde höchst merkwürdige Abenteuer erleben…

„Vulkanausbrüche, Tsunamis, Schmuggler, indonesische Marine… So eine Scheißidee, uns ausgerechnet hier nachbunkern zu lassen…“ Kapitänleutnant Mellerbeck war alles andere als glücklich über den Treffpunkt mit dem Versorgungsschiff.
Gottseidank war es Nacht. Drei Uhr morgens und sieben Meilen vor der Küste.

Mellerbeck stand an der Turmbrüstung, und suchte den Horizont ab. Der I-WO, Hansen, stand neben ihm und suchte ebenfalls das Dunkel an. Die Maschinen waren gestoppt und U-4711 dümpelte sanft in der Dünung.
„Wußten Sie, daß die Indonesier in den 90er Jahren fast die gesamte Volksmarine der DDR aufgekauft haben?“ fragte Mellerbeck seinen I-WO.
„Nein, Herr Kaleu, das wußte ich nicht.“ gab dieser verwirrt zurück. Er war sich nicht sicher, ob der Kommandant ihn testen oder günstiegnfalls weiterbilden wollte.
„Würd mich nicht wundern, wenn unser Versorgungsschiff auch son Pott ist…“ brummte der Kapitänleutnant in sich hinein, und kratzte sich am Kinn.
Die Undercutfrisur, die er nun noch eine Zeit würde tragen müssen, verursachte ihm Unbehagen. Als er wieder an Bord gekommen war, hatte er als erste Amtshandlung sich die Zivilkleidung vom Leib gerissen, und war froh wieder in seinen gammeligen Uniformfragmenten wandeln zu können.
„Herr Kaleu…“ flüsterte ein Mann der Brückenwache „…ich glaube dahinten ist ein dunkler Schatten!“.
Mellerbeck drehte sich um, wandte mit halb zugekniffenen Augen seinen Blick in die Richtung achteraus, wo der Ausguck den Schatten ausgemacht zu haben glaubte.
Tatsächlich. Im Dunkel der Nacht schien ein noch dunklerer Schatten sich fast mythisch am Horizont abzuzeichnen.
„Alle Mann klarmachen zum alarmtauchen!“ zischte Mellerbeck. Der I-WO gab den Befehl über die Sprechanlage weiter in das Innere des Bootes.
Der Schatten kam wie ein schwarzes Loch durch die Nacht immer näher.
„Der gibt Blinkzeichen, Herr Kaleu!“
„Da seh ich selbst!“ Mellerbeck las mit „U-4-7-1-1“ „Der meint uns. Ich schätze, unser Naschschub ist eingetroffen. I-WO, Sie überwachen das Nachbunkern. Der Oberbootsmann soll sich beeilen – bei Sonnenaufgang möchte ich gerne wieder unterwegs sein können!“
„Jawoll, Herr Kaleu!“ antwortete Hansen.
Während auf dem Oberdeck die Luke aufflog und der Oberbootsmann mit seiner Seemannschaft an Deck krabbelte um die Trossen und Schläuche zum nachbunkern vorzubereiten, musterte Mellerbeck das Schiff.
Es schien sich tatsächlich einen klassischen Marineversorger zu handeln. Im Schein der Taschenlampen war an der meterhoch über dem Turm ragenden Bordwand der Name „Anita Feller“ zu lesen.
„Komischer Name für einen Versorger?!“ wunderte sich der I-WO, als er vom Turn auf das Oberdeck hinunter enterte.
„Schwesterschiff von der Theresa Orlowski und der Veronica Moser.“ brummte Mellerbeck.
„Reichlich beschissene Namen, wenn Sie mich fragen, Herr Kaleu.“
„Sie fragt aber keiner, I-WO. Und mich genauso wenig.“

Mellerbeck hatte es eilig, unter Deck zu kommen, um den versiegelten kleinen Umschlag zu öffnen, den ihm Johanna mitgegeben hatte. Den II-WO, den er als Ersatz nach oben schickte, verdonnerte er eindringlich „Immer schön aufpassen! Sobald irgendein anderes Schiff oder ein Flugzeug auftaucht, verpissen wir uns in den Keller, verstanden?“
„Jahwohl!“. Der II-WO salutierte, und fragte sich insgeheim, ob dieses „verpissen“ beinhaltete, den Oberbrootsmann, die Seemannschaft an Deck und vor allem den I-WO an der Oberfläche zurückzulassen.
In der Zentrale herrschte ein mittelgroßes Chaos, weil der LI ständig von einem Ventil zum nächsten, von einer Schalttafel zur nächsten und an jedes einzelne Handrad sprang, und gleichzeitig seine Maschinisten auf Trab hielt. Die freudige Erwartung voller Brennstofftanks versetzte ihn nahezu in Extase.

Um nicht im Weg zu stehen, hatte sich Angelina in der O-Messe auf die Back gehockt, die Beine angezogen, und versuchte sich mit einer Tasse heißen Ersatzkaffees wach zu halten. Richtig schlafen konnte sie in ihrer Koje im Moment ohnehin nicht. Halb gelangweilt, halb schlafend beobachtete sie ihre eigenen Fußspitzen in den abgewetzten feuchten HelloKitty-Söckchen.
Mellerbeck war nicht gerade beigeistert, das er die O-Messe nicht für sich alleine hatte.
„Guten Morgen, Fräulein Leutnant. Sie verzeihen, wenn ich mich neben Sie setze?“ sagte er nicht ohne einen Ton der Ironie.
Angelina antwortete erst gar nicht, sondern zog nur ihre rechte verschlafene Augenbraue einmal hoch und rutschte ein paar Zentimeter um dem Kommandanten Platz zu machen.
Sie hatte eine Ahnung, ein Gefühl des „ich weiß mehr als die anderen“ – aber sie wollte im Moment mit niemandem reden. Wenn sie nicht ihre ZA-Uniform getragen hätte, hätte sie ein „Ich hasse Menschen“ T-Shirt getragen.
Mellerbeck hatte indessen Platz genommen, und den versiegelten Briefumschlag aus der Tasche gezogen. Es war eigentlich eine leichte Befehlsverletzung, das er ihn jetzt schon öffnete – noch waren sie nicht wieder in See.
Aber jederzeit konnte etwas unvorhergesehenes eintreten, so das er es für ratsam hielt, ausnahmsweise ein paar Stunden früher als anbefohlen im Bilde zu sein.
Der Kommandant las die drei Seiten, die offenbar sehr eilig mit Maschine geschrieben worden waren. Einige Passagen waren nautischer Natur, andere marinedienstlich, das verstand er. Was er aber nicht ganz recht verstand, waren die Anweisungen und Hinweise auf der dritten und letzten Seite. Er las das Geschriebene mehrfach.“
„Fräulein von Mackensen?“
Angelina blickte ihn müde an. „Ja, Herr Kaleu?“
„Hier steht, ich soll Ihnen das Wort „Golem“ sagen. Hätten Sie bitte die Güte, mir mitzuteilen, was es damit auf sich hat?“

Angelina war wie elektrisiert. „Golem“ war das Stichwort. Ihre Vermutungen schienen sich also zu bestätigen. Sofort war sie hellwach.
Da sie aber nicht den genauen Wortlaut von Mellerbecks Geheimbefehlen kannte, war sie entsprechend vorsichtig.
„Nun…Herr Kaleu. Wie Sie wissen, bin ich vom ZA nicht ohne Grund auf U-4711 abkommandiert worden.“ sie machte eine abwartende Pause.
„Ja, sie sollen die Bekämpfung des Walfangs protokollieren, das hatten wir ja schon…! Aber das ist nicht alles, wie mir scheint?“
„Da ich Japanologie und Ostasienwissenschaften studiert habe, spreche ich selbstverständlich japanisch, um gegebenenfalls bei gefangenen Walfängern dolmetschen zu können.“
„Das weiß ich, aber das ist nicht die Antwort auf meine Frage.“
Angelina nahm einmal tief Luft, und versuchte mit diesem „tief Luft holen“ den letzten rest Müdigkeit von sich zu schütteln.
„Herr Kaleu…“ sie sah sich um, ob auch niemand in der Nähe war, der zuhören konnte. Auch wenn ständig besatzungsmitglieder durch das Schott in die Zentrale jumpten oder von dort nach achtern rannten – niemand der Matrosen hörte ihnen zu.
„…Der Befehl „Heydegeist“ bedeutet die höchste Alarmstufe für alle Streitkräfte, und wird nur im äußersten Notfall ausgegeben. Für Marineeinheiten bedeutet das, umgehend den nächsten Hafen anzulaufen zwecks neuer Befehlsausgabe. Und das haben wir ja auch getan.“
„Erzählen Sie mir bitte nicht Dinge die ich schon weiß, Fräulein!“
Angelina hob abwehrend die Hand.
„Was wissen Sie über sexuelle Perversionen, Herr Kaleu?“
Mellerbeck sah Angelina mit großen verwunderten Augen an. Dann wanderte sein Blick langsam an der Holzvertäfelung über der Back entlang, bis an die Stelle, wo das schwarz-weiß Bild von ChefleGrand hing. Dann drehte er sich wieder zu Angelina. „Nichts, rein gar nichts, Fräulein Leutnant!“
Angelina seufzte. „Ich gehe einmal davon aus, das wir nach Nord-Korea unterwegs sind, Herr Kaleu. Ich spreche nämlich nicht nur japanisch, sondern auch koreanisch. „Golem“ ist das Codewort für ein geheimes Waffensystem mit dem unsere Regierung die Welt zu einem besseren Ort machen will. Das ZA hingegen….“ sie machte wieder eine Pause „…ist weniger an dem Weltfrieden interessiert, als denn an mehr Platz für BDSM in dieser Welt.“
Mellerbeck sah Angelina lange an.
„Ich habe absolut keine Ahnung wovon Sie sprechen, Fräulein Leutnant. Ich verstehe nur, daß Sie bereits wußten, das wir ein neues Einsatzziel bekommen, noch bevor wir den „Heydegeist“-Befehl überhaupt bekamen?!“
„Gewußt habe ich es nicht, das müssen Sie mir glauben. Aber das ZA hat die Möglichkeit stets in Betracht gezogen. Ich bin quasi „vorsorglich“ an Bord gekommen. Bedauerlicherweise ist der Fall nun eingetreten, das wir „Golem“ in Nordkorea abholen müssen. Was für den „Heydegeist“-Befehl letztendlich ausschlaggebend war, entzieht sich auch meiner Kenntnis, Herr Kaleu, bedauere.“
„Na prima. Können Sie mir denn wenigstens verraten, was dieses „Golem“ genau ist? Bislang weiß ich nur, das wir so schnell wie nur möglich eine oder zwei Personen abholen sollen?“
„Einzelheiten kann ich Ihnen nicht sagen, Herr Kaleu. Ich schlage vor, das Sie sich einfach an die Anweisungen halten, die sie gerade in den Händen halten!“
„Ach nee?“ höhnte Mellerbeck. „Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht?“
„Das ist leider geheim, Herr Kapitänleutnant.“ gab Angelina sehr gedehnt mit einem Unterton der Überlegenheit zurück.
„Fräulein… Wenn Sie nicht diese Uniform trügen, und ich nicht so anständig erzogen wäre, dann würde ich Sie auf der Stelle kielholen lassen, nur damit wir uns verstehen!“
„Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Herr Kaleu!“
Mellerbeck grunzte höchst ungehalten. „Ich werd euch Flintenweiber vom ZA nie verstehen!“ knurrte er unzufrieden, als er mit seiner rechten nach dem Mikrofon der Bordsprechanlage angelte.
Als er das Mikro in der Hand hielt, machte er eine Durchsage, bei der er von dem dritten Blatt des Geheimbefehls ablas „Maschinenobergefreiter Silberstein bitte sofort zum Kommandanten, Maschinenobergefreiter Silberstein sofort zum Kommandanten!“

Vorne, im Bugtorpedoraum, waren die Männer gerade beschäftigt, einen dick mit Vaseline eingeschmieten Torpedo durch das Versorgungsluk zu hieven, und in die speziellen Rollschienenhalterungen zu buxieren, ohne das jemandem so ein tonnenschwerer Aal auf den Füßen landete.
Als die Gruppe der jungen verschwitzen Männer gerade mit einem Torpedo fertig waren, hatte einer von ihnen ein helles Ohr in diesem Krach und Durcheinander, denn er stieß seinen Kameraden in die Seite: „EDavid, der meint dich?!“
Der angsprochene und angestoßene hatte gerade mit aller Wucht ein Handrad festgedreht, und nichts mitbekommen.
„Wat?“
Und von vorne rief ein anderer Seemann: „Ey, Vorhaut, hörse dat nich, ker?“
David Silberstein spitzte die Ohren: Die Stimme des Kommandanten knackte in den Lautsprechern: „…Silberstein sofort zum Kommandanten!“
Verwundert sah er seine Kameraden an. „Was soll ich denn beim Alten?“
Der, der ihn angestuppst hatte, konnte auch nur die Achseln hochziehen. „Keine Ahnung. Aber geh besser mal gleich. Wer weiß, was der Alte von dir will!“
Bar jedweder Ahnung dessen, was er vielleicht ausgefressen haben konnte, hastete der Maschinenobergrefreite Silberstein durch den Bugtorpedoraum, die U-Messe und die Zentrale, und sprang durch das Schott nach achtern.
In der O-Messe richtete er sich auf, und salutierte zackig vor dem Kommandanten.
„Maschinenobergefreiter Silberstein meldet sich wie befohlen, Herr Kaleu!“
Silbersteins Blick ging unsicher zwischen Angelina und Mellerbeck hin und her. Angelina lächelte sehr dezent verschmitzt, während der Kommandant sich hinter einem Blatt Papier vergraben zu haben schien.
Langsam senkte Mellerbeck das Papier.
„Stehen Sie bequem! Nun…“ – er las zum wiederholten male mürrisch die Geheimanweisungen auf dem Blatt. „Silberstein…hier steht, Sie sind mosaischen Bekenntnisses?“
David Silberstein war verdutzt. „Jawohl Herr Kaleu. Das ist richtig. Ich bin Jude.“
„Hm. Schön“ brummte der Kommandant. „Heißt das auch, sie praktizieren ihren Glauben, also so richtig mit drum und dran?“
„Äh…also… die Speisevorschriften und den Sabbat kann ich natürlich nicht einhalten, Herr Kaleu. Aber ich bete täglich.“
Mellerbeck sah Silberstein lange an. „Fein fein. Hören Sie zu, Obergefreiter, in der nächsten Freiwache werden sie unseren Smutje in die Geheimnisse des koscheren Kochens einweihen. Speisevorschriften etc. Und polieren Sie ihr Gebets-Hebräisch auf. Verstanden?!“
„Jawohl Herr Kaleu!“ David Silberstein salutierte zackig, als ob er wirklich diesen äußerst merkwürdigen Befehl verstanden hätte.
„Danke, das wäre dann alles. Wegtreten!“
Silberstein verschwand durch das runde Schott in die Zentrale.

„Wie ich sehe, beherzigen Sie meinen Ratschlag, und folgen den Anweisungen auf dem Papier, Herr Kaleu!“
„Fräulein von Mackensen – überstrapazieren Sie bitte meine Nerven nicht. Sonst überlege ich mir das mit dem kielholen nocheinmal!“
„Wann denken Sie, werden wir in Korea sein?“
Mellerbeck seufzte. „Sobald wir dort angekommen sind. Und das wird sein, nachdem wir in See gestochen sind, und das wird sein, wenn wir fertig gebunktert haben. Und sofern ich nicht nochmal einen Mann meiner Besatzung aufgrund irgendwelcher obskurer Geheimbefehle von seiner Arbeit abhalten muß, werden wir wohl bei Sonnenaufgang endlich den Riemen auf die Orgel werfen können!“
„Aha.“ Angelina hielt es nun wieder für geraten, sich bedeckt zu halten.
„Sie entschuldigen mich, Fräulein Leutnant? Ich habe ein Kriegsschiff zu kommandieren?!“
Mellerbeck nahm seine weiße Kommandantenmütze, und stand auf.

…to be continued…

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