Das *andere* Land -Teil 2- „Jens findet ein zu Hause“

Es war einmal ein Tal. Ein liebliches Mittelgebirgstal, in dessen Mitte sich ein kleiner Bach durch die Auen windete. Entlang des Baches führte eine gepflasterte Landstraße und eine eingleisige Bahnlinie.
Und dort, wo sich das Tal immer weiter verengte, und der Bach aus den bewaldeten Bergen heraustrat, dort lag zu beiden Seiten des Baches der kleine Ort „Wiezethal“.
Eine einzige sehr alte Brücke aus Bruchsteinen (max Belastung 7,5to) verband die beiden Ortsteile. Mit diesen beiden Ortsteilen hatte es eine besondere Bewandnis, denn hier trafen die beiden Provinzen aufeinander. Auf der einen Seite das Land des Schnuffelns, auf der anderen Seite das Land des Spankings.
Auf der einen Seite lag Snöfland, auf der anderen Seite die Hauptprovinz.

Genau genommen führte die Provinzgrenze mitten durch den Ort, mitten durch die Grundstücke mit ihren Gärten und Häusern.
Das führte dazu, das es in den beiden Ortsteilen unterschiedliche Telefonnummern und auch zwei unterschiedliche Postleitzahlen gab. Ebenso unterlag der eine Teil des Ortes dem snöffische Landrecht (und damit waren seine Bewohner Untertanen ihres Grafen), der andere, größere Teil des Ortes hingegen gehörte zu einem ganz normalen Landkreis mit gewähltem Kreistag.
Dennoch bildete Wiezethal eine einheitliche Gemeinde.

Erst vor zwei Jahren, 2016, war Wiezethal an das Schienennetz angeschlossen worden, und man konnte nun aus dieser ländlichen Beschaulichkeit in nur 26 Minuten in die große Hauptstadt fahren.
Etwas oberhalb der Ortsmitte führte eine Wohnstraße mit Einfamilienhäusern den Berghang entlang. Südlage.
Die Häuser mit ihren spitzen Giebeln schienen alle zwischen 1935 und 1955 erbaut zu sein. Mit einer Ausnahme: ein recht moderner Bungalow mit Swimmingpool. Heim der Familie Heinemann. Aber eins nach dem anderen.
Das nächste Haus in der Sonnenbergstraße war das leerstehende Haus des verstorbenen Professor Pastorius – einem Altphilologen und Althistoriker, der eines Tages, nach einem langen erfüllten Akademikerleben, inmitten seiner Studien und Aufzeichnungen sanft dem Herrn entschlafen war.
So unterschiedlich die Provinzialzugehörigkeit der Grundstücke in Wiezethal war, so heterogen war auch die Zusammensetzung der Bevölkerung. Denn im letzten Haus in der Sonnenbergstraße wohnte der Arzt des Dorfes mit seiner Lebensgefährtin: Dr. Friedrich Hummelmann und Frl. Irma Witte.
Doktor Hummelmann war ein großer stattlicher dunkelbrauner Hamster von fast 1,80m, der stets einen Gehrock mit Weste und Fliege zu tragen pflegte. Irma hingegen war eine ganz normale menschliche Frau, mit runden drolligen Gesicht, runder knubbeligen Nase, die stets ein paar Stücke selbst gebackenen Apfelkuchen vorrätig hatte. Ihre grauen Haare waren zu einer wilhelminischen Damenfrisur frisiert – und da sie nicht nur Doktor Hummelmanns Lebensgefärtin sondern auch seine Sprechstundenhilfe, Gemeindeschwester, Hebamme und Kindergärtnerin des Ortes war, trug sie eigentlich immer eine weiße Kittelschürze.

Wie Jens nach Wiezethal gekommen war, bleibt im nebulösen Dunkeln der Erzählkunst. Er stand jedenfalls vor dem letzten Haus in der Sonnenbergstraße. Dr. Linde hatte ihm die Adresse auf einen Zettel notiert.
Er verglich noch einmal die Anschrift mit dem Emailleschild, das am Jägerzauntörchen des Anwesens hing: „Dr. Friedrich Hummelmann, Medicus. Alle Rassen. Termine und Hausbesuche nach Vereinbarung.“
Nun denn. Er öffnete das Törchen und ging zur Haustüre, und klingelte. Der Klingelknopf war ein schwarzer Bakkelitdruckknopf in einer weißen runden Bakkelitfassung. „Praxis“ war mit Schreibmaschine auf einen Zettel geschrieben, der nun in einem vergilbten Zellophanfenster unter dem Knopf in der Fassung eingelassen war.
Es klingelte im Inneren schrill. Nach wenigen Augenblicken wurde die Tür geöffnet. Jens sah in das runde drollige Gesicht von Irma Witte. Ehe er etwas sagen konnte, kam sie ihm zuvor: „Die Sprechstunde ist gerade vorbei. Kommen sie morgen früh wieder, oder lassen Sie mir ihre Adresse da, dann kommt der Herr Doktor heute Nachmittag bei Ihnen vorbei.“
„Ich will eigentlich nicht in Behandlung. Es geht um ein Haus…“ antwortete Jens zögerlich „…Der Herr Linde hatte mir Ihre Adresse..:“ weiter kam er nicht.
Irma schlug vor Freude die Hände über dem Kopf zusammen. „Ach…ach ach… Dann sind Sie der Herr Bauer, der wegen dem Haus vom alten Pastorius kommt?!“ Irma hatte ohnehin das Gesicht einer liebenswürdigen Oma, aber nun lächelte sie breit über beide Backen.
„Dann kommen Sie herein, nehmen Sie im Wartezimmer Platz, der Herr Doktor kommt gleich!“
Jens folgte ihr, und setzte sich in das Wartezimmer. Der Unterschied zu den Wartezimmern in Deutschland war unübersehbar: Nicht nur, das die Möbel allesamt aus dem Jahre 1952 entlaufen zu sein schienen: eine grün-goldene gemusterte Venyltapete und eine neoklassizistische Standuhr (wahrscheinlich aus Sumpfeiche) sowie ein Bücherregal bildeten ein recht gewöhnungsbedürftiges Ensemble, für jemanden, der aus dem vollvernetzten sterilweißen Berlin des Jahres 2018 kommt.
Ein großes Fenster, es reichte von der Decke bis an den Parkettboden, gab den Blick in einen Obstgarten frei.
Während Ärzte in Deutschland ihre Wartezimmer mit den möglichst furchtbarsten Ergüssen moderner Kunst vollzuhängen scheinen (wahrscheinlich, damit die Patienten sich noch kranker fühlen, als sie ohnehin schon sind), schien dieser Dr. Hummelmann eher ein Freund der klassischen Landschaftsmalerei zu sein.
Aber ehe sich Jens in diesem, für ihn sehr schrecklichen Stilensemble, weiter umschauen konnte, holte ihn die Standuhr aus seinen Gedanken. Sie schlug zwölf mal: Mittag.
Auf der dem Eingang entegen gesetzten Seite des Raumes wurde eine Schiebetür aufgeschoben. Sie quietschte etwas. Jens sah zuerst nur den Rücken einer Frau, und aus dem Hintegrund hörte er eine Stimme: „Wenn Sie solche Praktiken weiter auszuüben gedenken, müssen sie mit Blutergüssen rechnen, gnädige Frau! Achten Sie deshalb darauf, das Sie die Stellen gründlich desinfizieren, bevor Sie die Salbe auftragen. Aber in einer Woche sollten Sie beschwerdefrei sein, nämlich!“
„Danke Herr Doktor!“ Die Frau drehte sich um, und verließ eiligen Schrittes das Wartezimmer, ohne Jens auch nur mit einem Blick zu würdigen.
Hohe braune Lederstiefel, Breecheshosen, weiße Bluse: Für Jens bestand kein Zweifel: Auch diese Frau entstammte einem Film-Set. Er blickte ihr nur kurz hinterher, als seine Aufmerksamkeit wieder in die andere Richtung gelenkt wurde.
„Ach…noch ein Patient? ich habe eigentlich jetzt Mittagspause…“
Jens drehte sich um, und erschrak: Ein Hamster. Ein 1,80m großer dunkelbrauner Hamster! Im Gehrock! …offenbar war dieser gerade dabei gewesen, sich einen weißen Kittel auszuziehen.
„Ähm…Sie…sind…der Dr. Hummelmann?“ fragte Jens ungläubig.
„Der bin ich allerdings!“
Jens war perplex. Er hatte zwar schon auf dem Flug, pardon, Lufthafen aus größerer Entfernung ein humanoides Capybara im Frack gesehen, aber nun einem solchen Fabelwesen leibhaftig gegenüberzustehen und sich mit ihm zu unterhalten, das war etwas anderes.
Irma kam im richtigen Augenblick in das Wartezimmer gelaufen „Friedrich, das ist der Herr Bauer, der sich für das Haus vom alten Herrn Pastorius interessiert!“
„Achsooo, ja dann!“ Dr. Hummelmann reichte Jens seine rechte Hamsterpfote, die dieser immer nochreichlich verwirrt aber automatisch schüttelte.
„Dann werde ich Ihnen wohl das Haus zeigen wollen. Warten Sie einen Moment, ich hole den Schlüssel, sobald ich aus diesem Kittel…ächz…njech…“ er hatte irgendwie den Ärmel des Kittels verdreht, und Mühe ihn auszuziehen.
„Friedrich du bist ein alter Zausel!“ sagte Irma, während sie ihm half, den Arztkittel auszuziehen.
„Und du hast heute Nachmittag deinen Kurs?“ antwortete er, ohne darauf einzugehen.
„Ja allerdings. Deswegen habe ich heute auch nicht gekocht!“ sagte sie, als sie seinen Kittel endlich von ihm geschält hatte, und ihn an den Kleiderhaken im Wartezimmer hing.
Dr. Hummelmann wandte sich an Jens: „Dann werde ich Ihnen nicht nur das Haus zeigen, sondern auch unseren Ort und lade Sie zum Essen ins Gasthaus ein, nämlich!“
„Danke, das ist aber nicht notwe..“
Hummelmann wehrte ab: „Keine Widerrede, Sie sind mein Gast…!“

Als sie ein paar Augenblicke das Haus verließen, konnte es sich Jens nicht verkneifen zu fragen, was es denn mit dem „alle Rassen“ auf dem Schild für eine Bewandnis hatte.
Dr. Hummelmann war sichtlich irritiert. „Ähm…nunja…wie Sie sehen können, bin ich ein Hamster. Aber da hich nunmal hier in der Hauptprovinz lebe, wo fast ausschließlich Menschen wohnen, ist der Hinweis, das ich alle Bewohner unseres Landes behandeln kann, durchaus nützlich.“
„Verstehe…“
Wie bereits erwähnt, lagen die beiden Grundstücke direkt nebeneinnander – was Jens zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wußte.
„Ach…gleich das hier?“ fragte er verwundert, als Hummelmann das Tor zum Nachbargrundstück öffnete.
„Ja genau…wir sind Nachbarn. Das erspart Ihnen schonmal einen langen Weg zum Arzt, hihi!“ Hummelmann machte diese „lustige“ Bemerkung, da er sich richtig freute, das sich jemand für das Haus des alten Pastorius interessierte.
Gleich als sie im Flur standen, bemerkte Jens dieses eigentümlichen Geruch, der von alten leerstehenden Häusern ausgeht. Aber dieser Geruch…der hatte noch etwas anderes. Es roch… ein bißchen wie damals in der DDR. Wie bei seinen Großeltern.
„Sooo…dann zeige ich Ihnen mal alles!“ Hummelmann war wirklich froh, jemandem das Haus zeigen zu können.
„Der Fernsprecher hier, der gehört zum Haus. Die Leitung ist jetzt natürlich tot, da müssen wir erst zum Postamt, damit die Reichspost den Anschluß wieder freischaltet. Aber die Rufnummer ist 7-9-8. Das weiß ich noch.“
Die Rufnummern in diesem Land werden, zumindest in den ländlichen Gebieten, nicht nach Teilnehmer neu vergeben, sondern sind fest mit dem Anschluß verankert. D.h. wer in eine neue Wohnung zieht, erbt die Nummer des Vorbewohners.
Eine dreistellige Rufnummer! Jens wähnte sich auf einer Zeitreise.
Hummelmann deutete auf das Telefon.
Mit einer Mischung aus Belustigung und Fassungslosigkeit weitete Jens die Augen: Zum einen stand da ein kleines Tischlein. Gelsenkirchener Barock. Es hatte eine Platte aus dunkelgrün-schwarz geaderten Marmor. Und auf dieser Platte stand: Ein Telefon. Ein großes, schwarzes Telefon. Mit Wählscheibe. der voluminöse Hörer war mit dem Apparat nicht nur mit einem gerollten Kabel verbunden, nein, dieses Kabel war nicht aus Gummi, sondern aus Kordelstoff. Ein solches Monstrum an Telekommunikationstechnik kannte er nicht einmal aus seiner Jugend in der DDR. Das Ding ähnelte eher einem W-36, einem deutschen Vorkriegsmodell!
Für jemanden, der es gewohnt ist, bargeldlos im Supermarkt mit seinem Smartphone zu bezahlen, mit seinem Smartphone die gesamte Hauselektrik zu steuern und alles aus dem Internet zu streamen war das hier der technologische Supergau.
Aber andererseits: War es nicht sein Job, in diesem Land das Internet und die dazugehörige Infrastruktur zu etablieren? Im Geiste stellte er sich schon vor, wie anstelle dieses alten Telefonapparates eines Tages ein Router mit touchscreen stehen würde – vorausgesetzt die Leitung ließ Internet überhaupt zu.

Und so zeigte ihm Hummelmann alle leerstehenden Räume. In jedem Raum gab es Parkettboden. Ohne Kratzer. Die Wände schienen alle neu gestrichen zu sein. Und dennoch: überall lag dieser Mief von „leerstehendem alten Haus“. Die Treppe zur oberen Etage war vielleicht etwas eng, und sie knarzte unter jedem Schritt. Dafür war aber auch ein langer Läufer von oben bis unten über die Stufen gespannt, der auf jeder Stufe von einer Messingstange in Position gehalten wurde.
Die Zimmer waren überraschenderweise gut geschnitten. Aber mit einem innerlichen „Ohjee..“ nahm Jens zur Kenntnis, das es vergleichsweise wenige Steckdosen gab. Diese waren aber, ebenso wie die Lichtschalter, in runden Aufputz-Bakkelitkörpern. Die Verkabelung war ebenso über der Putzschicht, aber unter der Tapete. Das heißt, man konnte den Verlauf einer jeden elektrische Leitung als gerade Wurst unter der Rauhfasertapete nachverfolgen.
„Hier ist der Sicherungskasten.“ Hummelmann klappte in der Wand des oberen Treppenhauses eine Abdeckplatte zur Seite.
Jens sah das, was er bereits erwartet hatte: Einen schwarzen Kasten, in dem viele weiße Keramiksicherungen steckten. Und als i-Tüpfelchen war über jeder Sicherung ein vergilbeter Zettel geklebt, auf dem in Sütterlin(!) die Bestimmung der einzelnen Sicherung stand „Herd“, „Flur“, „Schlafzimmer“ usw.
Der eigentliche Schock kam jetzt erst: Als nämlich Jens mit einem süffisanten Lächeln bemerkte „ach… noch alles alte Technnik“, drehte sich Hummelmann verwundert zu ihm um.
„Wie? alt?“ Hääää? Nachdem dem alte Herr Professor verstorben war, haben seine Erben und ich als Nachlaßverwalter das Haus komplett ronvieren lassen. Die Leitungen sind alle neu gemacht, und auch der Sicherungskasten. Sehen Sie, hier die zwei Ersatz-Sicherungen sind noch in der Originalschachtel! Es ist alles ganz neu!“
Jens fielaus allen Wolken. „Neu? Sie wollen mir sagen, daß das hier neu ist?“
„Ja natürlich. Ich würde Ihnen doch kein unrenoviertes Haus vermieten wollen!“ Hummelmann war unsicher. Er wußte nicht, durch was er seinen potentiellen neuen Nachbarn und Mieter so entrüstet haben mochte.
„Und andere Sicherungen…mit Kippschalter..gibt es sowas hier?“
„Kippschalter? Hääää? Die Sicherungen haben einen Druckknopf, und werden, wenn sie gewechselt werden müssen, aus dem Gewinde geschraubt..“
„Ja…ich kenne solche Sicherungen.“ Jens winkte ab.
Oooohhh jeeee… hier war einiges zu machen. Drei PCs, der Flachbildfernseher und der Thermomix und den ganzen anderen Kram hier anzuschließen, könnte zu einer Herausforderung werden.
„Gefällt Ihnen das Haus nicht?“ fragte Dr. Hummelmann vorsichtig.
„Dochdoch.. schon.. was stellen Sie sich denn als Miete vor?“
„Nun…sagen wir 275 Mark im Monat.“
Jens rechnete kurz nach. „Das sind dann 550 Euro…wieviel Quadratmeter sagten Sie noch gleich?“
„Das sind Einhundertsiebenundzwanzig, den Garten und die Garage nicht mitgerechnet.“
„Und die Nebenkosten?“
„Hääää?“ Dr. Hummelmann wurde wieder unsicher, und legte seinen großen Hamsterkopf in die Schräge. „Was sind Nebenkosten?“
„Na für Heizung, Strom, Wasser, Gas…“
„Achsooo…aber das ist doch schon alles in der Miete mit enthalten, mein lieber Herr Bauer! 2,75Mark für die Müllabfuhr, 12 Mark für Wasser und Strom, 6,75Mark Gemeindekassenzuschlag – nur die Fernmeldegebühr für den Telefonapparat kommt noch hinzu. Das sind aber auch nur 4,75Mark.“
„Ich nehms!“ Jens dachte sich, das er bei seinem Gehalt plus Auslandszulage nicht so schnell derart günstigen Wohnraum bekommen konnte. Er würde sich eine goldene Nase verdienen, bei so geringen Kosten.
„Juhu!“ freute sich Dr. Hummelmann. „Dann sage ich einmal: „Herzlich Willkommen, Herr Nachbar!“ Sie reichten sich die Hände.

Noch während des Händeschüttelns bemerkte Jens etwas im Augenwinkel, als er aus dem Fenster im Treppenhaus auf das Nachbargrundstück blickte: Für einen kurzen Moment glaubte er, eine schwarze Gestalt auf allen Vieren durch den Garten kriechen zu sehen.
„Was können Sie mir über die anderen Nachbarn erzählen?“
„Nun…“ Hummelmann klappte den Sicherungskasten wieder zu, „auf der einen Seite wohnen Fräulein Witte und ich, und hier, zur anderen Seite raus, in dem Bungalow, da wohnen Heinemanns. Eine nette Familie. Sie haben zwei Töchter. Und eine Untermieterin, soweit ich weiß.“
Jens blickte nochmal auf das Nachbargrundstück des Bungalows: Ohne Zweifel! – da kroch eine Frau im schwarzen Ganzkörperlatex am hellichten Tag auf allen Vieren durch den Garten. Er rieb sich kurz die Augen, die Frau war weg.
„Das war hoffentlich nur eine Einbildung.“ seufzte er so bei sich.
Dr. Hummelmann, der Hamster, hatte nichts davon mitbekommen. Er war schon die Treppe hinunter gestiegen. „Und schräg gegenüber, da wohnt der Herr General Padberg. Der arme Mann.“
„Ein General?“ fragte Jens.
„Ja…aber der ärmste ist ganz allein. Vor einigen Jahren ist seine Tochter spurlos verschwunden, und vor zwei Jahren ist seine Frau an Krebs verstorben. Ich konnte Sie leider nicht retten. Aber die Woche über ist er ohnehin nicht hier, nur am Wochenende, da sitzt er meistens in seinem Garten und malt Bilder. Der arme Mann…seufz“.
Jens war hinter Hummelmann die Treppe hinunter gestiegen. Dieser hatte sich nach kurzem Innehalten wieder gefangen.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen unseren Ort! Den Mietvertrag unterschreiben wir später….ach…und wo sie eben die Heizkosten ansprachen: Im Keller sind noch ausreichend Briketts für den ganzen Winter, da müssen Sie sich keine Sorgen machen, nämlich!“
Und wieder einmal fühlte sich Jens wieder auf einer fassungslos-gefühlten Zeitreise.

Die Sonnenbergstraße war nicht sonderlich lang, und mündete alsbald in den „Ortskern“. Auf dem Weg dahin, kam Dr. Hummelmann und Jens eine große schwarze Gestalt entgegen. Ein Priester in Soutane. Mit seinem Barret auf dem Kopf erinnerte er Jens wieder an Don Camillo – so wie der „Dechant“ am Flughafen. Aber während er noch „Dreckspfaffe“ bei sich dachte, grüßte Dr. Hummelmann den Geistlichen mit einem freundlichen „Guten Tag, Hochwürden!“, der den Gruß mit einem „Guten Tag, Herr Doktor!“ erwiderte. Es war Jens sehr unangenehm, als ihn Dr. Hummelmann dem Pfarrer vorstellte.
„Hochwürden, das hier ist der Herr Bauer aus Deutschland, er wird mit seiner Familie für ein Jahr bei uns wohnen. Im Haus des alten Professor Pastorius. Herr Bauer, das ist unser Pfarrer, Herr Barentius.“
Der Pfarrer reichte Jens die Hand, der ihm die seinige nur unter großem Ekel entgegenreichte.
„Ach wie schön…Das herzlich willkommen in unserer Gemeinde. Und Gottes Segen!“
Pfarrer Barentius segnete die beiden mit dem Kreuzzeichen -Jens hätte im Strahl kotzen können. Innerlich dachte er sich: „na viele Kinder hast du heute schon gefickt und Menschen was von Moral gepredigt?!“. Äußerlich hingegen stand er mit versteinerter Miene da, und versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
„Verzeihen Sie meine Herren, aber ich bin in Eile.“ entschuldigte sich der Pfarrer. „Vielleicht sehen wir uns ja in der Messe?“ winkte er noch als gruß hinterher.
„Mit Sicherheit nicht!“ knurrte Jens.
Dr. Hummelmann schien das überhört zu haben oder zumindest überhört zu haben wollen. Denn er sagte lediglich: „Der Pfarrer Barentius ist ein sehr gebildeter Mann. Seine Predigten sind sehr geistreich. Und außerdem ist er ein begnadeter Skatspieler….aber hier, sehen Sie Herr Bauer“
Hummelmann deutete auf ein kleines Ladengeschäft. „Wenn Sie beim Einzug Schrauben oder Nägel brauchen, oder noch mehr elektrische Installationen, dann sind Sie hier an der richtigen Adresse!“
Jens besah sich den Laden. „Elektrische Installationen und Eisenwarenhandlung. Inh. Salomon Kabelbaum“ stand da über dem Eingang zu lesen.
Vor dem Laden kehrte eine kleine hutzelige Gestalt mit einem Besen den Bürgersteig.
„Guten Tag Herr Kabelbaum! Na was macht das Knie? Wieder besser?“ grüßte Dr. Hummelmann die kleine hutzlige Gestalt.
Es war ein kleiner alter Mann mit einer großen Nase. Er trug ein Keppi auf dem Hinterkopf, hatte einen langen Bart und graue lange Locken beiderseits des Gesichts. Der Mann drehte sich um.
„Oioioi… Guten Tag der Herr Doktor! Joi…dem Knie geht es wieder gut, ech hipfe wie ejn junger David als er den Goliath mecht erschlagen haben!“
„Na das freut mich doch, Herr Kabelbaum!“
Hummelmann wandte sich zu Jens: „Der Herr Kabelbaum ist der Elektriker in unserem Ort. Er hat auch die Leitungen, Steckdosen und Sicherungen im Haus neugemacht.“
„Aha…“ dachte Jens bei sich. „Das ist also die elektrische Koryphäe mit der vorsintflutlichen Technik“ – das sprach er natürlich nicht laut, sondern grüßte stumm.
„Joooi, alles nei, alles nei hem wir gemacht, nichwahr, Herr Doktor.“
„Herr Bauer zieht mit seiner Familie in das Haus, müssen Sie wissen.“
Nun wandte sich Kabelbaum an Jens: „Wenn der Herr noch Winsche hat, oder noch Ersatzteyle mecht sein Eygen nennen, Schrauben, Nägel und Licht, ich steh Ihnen zu Diensten, der Herr!“ Kabelbaum deutete eine Verbeugung an.
Jens bedankte sich artig „Ich komme vielleicht darauf zurück, Danke.“, und war froh als er mit Hummelmann weitergehen konnte.

Sie waren nicht weit gegangen, als sie an einem Platz ankamen. Verschiedene Straßen, oder besser: enge Gassen, liefen hier sternförmig zusammen. In der Mitte des Platzes war ein kleiner Springbrunnen.
„Sehen Sie Herr Bauer. Hier ist die Mitte von Wiezethal. Dort ist die Kirche, daneben das Pfarrbüro, daneben die Bürgermeisterei. Da werden Wir Sie nachher ins Melderegister eintragen gehen. Aber jetzt ist ohnehin Mittagspause, da haben alle zu.“
„Mittagspause?“
„Ja natürlich! Warum sollte denn eine Behörde über Mittag geöffnet haben? Die Leute müssen ja schließlich etwas essen. Von zwölf bis zwei haben Ämter und Geschäfte zu. Eine Stunde zum essen, die andere zum verdauen. Ist das bei Ihnen in Deutschland etwa anders?“
„Ähm…nunja…etwas.“
„Hmhmhm… naja jedenfalls…sehen Sie hier hinten, da ist das Reichspostamt. Da werden wir nachher ihren Telefonanschluß wieder anmelden.“
„Nach der Mittagspause?“
„Äh..ja. Nach der Mittagspause. Und hier vorn ist das Lebensmittelgeschäft…“
„Das hat zu wegen Mittagspause?“
„äh..jaaa?!..und daneben die Schreibwaren und Buchhandlung…die haben aber jetzt auch Mittagspause.“
„Verstehe.“ Jens mußte süffisant grinsen.
„Und dort hinten geht es zum Bahnhof, aber da fahren jetzt keine Züge…“
„Lassen Sie mich raten? Mittagspause?“
„Das ist richtig. Woher wissen Sie das?“
„Och..war nur so ne Vermutung.“

…to be continued…

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