der dunkle Tempel (Teil 3) – der Verbleib des „güldenen Buches des BDSM“

Fortsetzung von Teil 2

Kapitel 8

Ich wollte gerade das „güldene Buch des BDSM“ trotz seiner Nichtexistenz nun endlich loswerden. Mein Ablenkungsmanöver war ja kolossal gescheitert, und ich fragte mich, wo Chamaelita und Kerrstin abgeblieben waren. Anstatt Schmiere zu stehen und mir den Rücken frei zu halten, stand ich nun mit meinem Namensvetter, einem relativ prominenten Dom, in der Apsis des „dunklen Tempels“.
Wieder hörte ich hinter mir Schritte: Diesmal waren es allerdings Chamaelita und Kerstin.
„Wo zum Kuckuck seid ihr gewesen?“ ich versuchte sie vorwurfsvoll anzuschauen.
„Wir haben uns etwas verlaufen…“ gab Kerstin kleinlaut zu.
„Da waren so schöne Andreaskreuze, und ne Menge Spielzeug…“ ergänzte Chamaelita.
Ich seufzte. „Na schön“ brummte ich. „Mission gescheitert…ich werd ein anderes Versteck für dieses Driss-Dingen finden müssen.“
Mein Namensvetter und Chamaelita begrüßten sich, so daß ich mit Kerstin einen Moment alleine war.
„Das hier zu verstecken war eine Schnappsidee. Wir müssen uns etwas neues einfallen lassen!“
Gerade wollte ich weitersprechen, als ich im Hintergrund eine Gestalt gewahr wurde:

Da stand Ophelia. Im vollen Fetischdress. Und während ich mich noch eine halbe Sekunde lang mich an ihrem Anblick weidete, traute ich umgehend meinen Augen nicht mehr: Denn zwei lange puschelige Ohren samt darunter gelegenem humanoiden Kaninchen zwängte durch die Tür, die aus dem Keller in diesen Hauptraum führte.
„Sehen Sie, liebe Frau Ophelia, wenn der Chef nicht zu den guten gehören würde, wäre er nicht hier. Ebenso wie alle anderen. Mümpfennämlich. Den Herrn dort hinten“ (er deutete auf meinen Namensvetter) „kenne ich allerdings nicht!“
Ich seufzte. „Weitwinkel! Ich hatte Ihnen doch gesagt, Sie sollen im Auto auf uns warten?!“
„Ja, aber ich habe mein Anliegen lieber selbst vorgebracht. Mümpf.“ Er hielt kurz inne und sah sich verwirrt um. „Huchnmümpf… warum fängt das hier an zu schneien?“
Tatsächlich rieselte urplötzlich leichter Schneegriesel von oben herab (wtf?!?!) und mir war plötzlich kalt. Chamaelita und meinen Namensvetter schien es ebenfalls zu frösteln. Ich war auch kurzzeitig verwirrt, bis ich den Grund gefunden hatte:
Ophelia und Kerstin standen sich direkt gegenüber und sahen sich mit halb zugekniffenen Augen stumm an. Darum war plötzlich die Zimmertemperatur abgesackt.
Ich facepalmte. „Ach herrje…huhu…. Mädels?!“ ich wedelte mit meinen Händen erfolglos vor den Gesichtern der beiden Damen herum.
Dann versuchte ich es mit Ansprache. Zu Ophelia gewandt: „Du hast doch vor Zeiten mal auf twitter die Frage gestellt, was eine „Schlampe“ ist. Ich glaube, ich habe eine recht akademische Definition gefunden. Du bist jedenfalls keine, zumindest nicht im klassischen Sinne.“
Anscheinend wirkte das, und Ophelia kam aus ihrer Starre heraus – zu Kerstin sprach ich: „…und die Ophelia hier, die kümmert sich um Frauen, denen es schlecht ergangen ist. Das ist ne gute Sache, und hätte auch Sally sehr gefreut!“
„Soso…“ knurrte Kerstin, die ebenfalls aus ihrer Starre erwachte.
Der Schneefall hörte auf, und es war auch nicht mehr kalt.
Wieder einmal seufzte ich. Anstatt das „güldene Buch“ still und heimlich verschwinden zu lassen, war das hier zu einem nicht ganz spannungsfreien gesellschaftlichen Happening von Fetischqueen bis Mümpfhase geworden. Das genaue Gegenteil dessen, das ich eigentlich beabsichtigt hatte.
Da ich mich ja ursprünglich sehr auf diesen Abend und diese Eröffnungs-Orgien-Session des „dunklen Tempels“ mit seinem Motto „in kink we trust“ gefreut hatte, mußte ich nun endlich mal klare Anweisung geben.

„Weitwinkel!“ mein Reichskassenwart hoppelte heran. „Sie haben dieses Buch angeschleppt, und ich übertrage Ihnen jetzt auch die ehrenvolle Aufgabe, es auch wieder irgendwo zu verstecken. Wenn Sie auf ihrem Weg nach Wien mit Frau Chamaelita an einem passenden Versteck vorbeikommen, dann verstecken Sie in Jottes Namen dieses Buch! Und vergessen Sie nicht: Es gibt dieses Buch eigentlich gar nicht!“
„Jawohlmümpf…“ hummelte Weitwinkel als Antwort.
„Ich würde ja eigentlich heute Abend auch gerne hier bleiben..“ seufzte Chamaelita etwas traurig.
„Ich weiß Chamaelita, ich weiß… aber wir können Weitwinkel nicht mit dem „güldenen Buch des BDSM“ alleine in der Weltgeschichte umherhoppeln lassen.“
„nee..das stimmt!“ nun mußte sie kichern.
„Paß auf ihn auf. Und gib mir hinterher Bescheid, wo ihr es versteckt habt.“
„Warum? Versteckt ist versteckt!“
„Weil ich der Chef bin, ganz einfach. Ich wills ja nicht lesen. Geschweige denn anwenden. Aber zur Sicherheit…man kann nie wissen!“
„Sosooo…“ grinste Chamaelita.

Ich holte tief Luft.
„So…und jetzt zu Dir, Ophelia…“ ich nahm sie kurz beiseite „Ich glaube, gerade wir zwei könnten einen akademisch-theoretischen Überbau zum Thema „BDSM““ liefern – aber in anbetrachtet dieses unseligen Buches hier – halten wir es besser mit der Praxis, als mit der Theorie. Gleichwohl hab ich mir den Kopf darüber zerbrochen, was eine Schlampe ist.“
„Akademischer Überbau zu BDSM gefällt mir“ schmunzelte Ophelia. „aber man sollte es wirklich nicht übertreiben, lieber leben, anstatt zu theoretisieren. Aber deine Definition interessiert mich trotzdem.“
Ich hatte mir die Definition von „Schlampe“ lange hin und her überlegt. Ophelias tweet bezüglich der Frage nach der Definition war für mich eine zu verlockende Einladung gewesen, darüber zu sinnieren.
„Eine Schlampe ist..“
„Eine Frau, die im Schlamm steht. Das ist meine Meinung. Nämlich!“
Alle anwesenden, mein Namensvetter, Chamaelita, Kerstin, Ophelia und ich drehten uns zu Weitwinkel um. Als er merkte, daß alle Blicke auf ihm lagen, fielen seine langen Ohren wieder schlaff links und rechts herunter.
Mit den Augen rollend seufzte ich: „Mein lieber Weitwinkel. Ich glaube, das sind Dinge, von denen verstehen Sie nichts. Auch wenn Sie im übertragenen Sinne vielleicht recht haben mögen.“
Weitwinkel klemmte sich das „güldene Buch“ unter den Arm, und mit der anderen Pfote nahm er Chamaelitas Hand.
„Kommen Sie, liebe Frau Chamäleon, verlassen wir dieses Sado und Gomorrha – fahren wir dieses Buch verstecken und dann nach Wien zu unserer Fortbildung. Die Fresien-Blüte soll dort besonders schön seit um diese Jahreszeit.“
„Oh ja, lieber Herr Weitwinkel, das machen wir…!“ so zogen die beiden Hand in Ha…, pardon, Pfote, von dannen.

Gerade, als ich mit Kerstin, meinem Namensvetter und Ophelia allein war, schien es die beiden Frauen zu frösteln. „Was ist nun wieder los?“ fragte ich.
Kerstin hatte einen irritierten Gesichtsausdruck. „Ich weiß nicht Martin… bei Star Wars würde ich sagen, ich spüre eine Erschütterung der Macht.“
Auch Ophelia meinte: „Mir ists grad kalt den Rücken runter gelaufen. Ich fühl mich nicht wohl.“
„Na prima – ihr traut euch beide gegenseitig nicht über den Weg, habt aber im gleichen Moment Vorahnungen.“ wunderte ich mich.
Nicht zu unrecht, wie sich im nächsten Moment zeigen sollte.

 

Kapitel 9

„Sind Sie Martin Mundorf?“
Eine Männerstimme hinter mir ließ mich zusammenzucken. Ich drehte mich um. Vor mir standen zwei Männer, die ich nicht kannte. Jedenfalls keine Doms, die auf der Gästeliste gestanden hätten.
„Äh…ja… um was gehts?“
Kaum hatte ich geantwortet, ging alles so schnell, das ich im folgenden stichpunktartig zusammenfassen muß, was mir hinterher erzählt wurde. Denn mir wurde schlagartig schwarz vor Augen.
Offenbar hatte man mich blitzschnell narkotisiert und mir einen dunklen Sack über den Kopf gestülpt. Mit vorgehaltener Waffe hatten sich meine zwei Entführer freie Bahn verschafft, und mich fortgeschafft.

Fassungslos standen mein Namensvetter, Kerstin und Ophelia beisammen. Kerstin fing sich als erste wieder.
„Fuck, fuck fuck! Das gibts doch nicht… die haben Martin entführt!“
„Ich muß weg hier….ich muß echt weg hier!“ Ophelia wurde etwas panisch.
„Mach dir nicht ins Hemd! ich bring dich in Sicherheit – Martin hält große Stücke auf dich. Und dann finden und befreien wir ihn!“ sie klang wohl sicherer, als sie sich selbst fühlte. Dann wandte sie sich an meinen Namensvetter:
„Sie! Falbalus! Geben Sie mir ihren Wagenschlüssel!“
„Warum sollte ich?“
„Weil der Chef gerade entführt worden ist, verfickt und zugenäht!“
Kerstin tickte für einen kurzen Moment richtig aus. Nachdem sie einmal kurz Luft geholt hatte, ging es aber offensichtlich wieder.
„Ich brauch nen fahrbaren Untersatz. Sie bekommen ihren Wagen auch wieder, versprochen. Ich weiß zwar nicht warum, aber Ihnen vertraue ich, Falbalus. Vertrauen Sie mir bitte auch. Führen Sie hier die Eröffnungsorgie durch, oder was auch immer das hier hatte werden sollen. Wenn einer nach Martin fragt: Sagen Sie, der Chef ist plötzlich krank geworden und läßt sich entschuldigen. Aber über das, was hier gerade passiert: zu niemandem ein Sterbenswörtchen, verstanden?!“
Mein Namensvetter, ganz Reservist, antwortete nur mit einem knappen „Verstanden!“ auf den „Befehl“ der in diesem Moment wohl doch recht dominant wirkenden Kerstin.
„Du fährst!“ sie warf Ophelia Falbalus´ Autoschlüssel zu.
Sie mußte nocheinmal tief Luft holen. „Verfickt, verfickt, verfickt! Der Chef ist entführt!“
Dann zückte sie ihr Smartphone, wählte einen Kontakt aus der Liste. Sie tippte und sendete nur ein Wort.
Es begann mit „H“.

(hier beginnen jetzt mehrere parallele Handlungsstränge. Mit dem ersten, dem Verbleib des „güldenen Buches des BDSM“ (das es ja eigentlich ja gar nicht gibt!!!) fahre ich hier fort – dieser Handlungsstrang ist dann auch der letzte im „Verbleib der beiden Bücher“)

 

Kapitel 10

Ein kleines Dorf im Rheinland: es gibt hier nur eine Dorfkneipe.
Wenn man, auch als ortsfremder Gast, etwas ungewöhnliches bestellt, oder auch nur etwas gewöhnliches wie ein Bier oder eine Mahlzeit nach 20.30Uhr, wird man angebellt – aber natürlich trotzdem bedient. Es geht eine brachiale Herzenswärme von dieser Lokalität aus – eine „allgenmeine Gästebeschimpfung“ – aber zum wohlfühlen. Selbst dominant veranlagte Männer werden hier demütig. Und gehorchen.
(und es gibt in meiner twitter-TL mehrere Leute(!), die das bestätigen können! Anm.d.Red.)
Das Wort „Henkerkörbchen“ bezeichnet den geflochtenen Korb auf der einen Seite Guillotine, in den der frisch abgetrennte Kopf nach niedersausen des Fallbeiles fällt. Und wenn nun die Wirtin dieses Landgasthauses liebevoll „Henkerkörbchen“ von den Dorfbewohnern genannt wird, dann sagt das einiges aus.
Es gibt allerdings auch Dorfbewohner, die behaupten, die Wirtin sei mit dem Räuberhauptmann Schinderhannes zusammen in die Schule gegangen.

Es war einer dieser Abende in dieser Dorfkneipe, an dem die übliche Thekenbesatzung ihren Dienst zu Ehren des Gambrinus und des Bacchus versah.
Am Spielautomaten saß ein Straßenbauer, neben ihm saß ein Bahnschrankenwärter, der seinen Feierabend ausklingen ließ, ein fast achtzigjähriger ehemaliger Maler, der als Fachmann für Tomatenanbau galt, ein pensionierter Bankbediensteter, der die schönsten Autobahnrouten nach Schwangau oder Südfrankreich in und auswendig kannte, ein pesnionierter Bürgermeister, der für die deutschen Meisterschaften im Runden-ausgeben trainierte – und zu guter letzt ein pensionierter Finanzbeamter, der in stundenlangen Monologen über „Grundsatzfragen der Verwaltungsstruktur des nördlichen Rheinland-Pfalz unter besonderer Berücksichtigung katholischer Bistumsgrenzen“ referierte. Und dabei als einziger kein Pils sondern Schwarzbier trank.

Chamaelita und Weitewinkel hatten von meiner Entführung nichts mehr mitbekommen – sie hatten den „dunklen Tempel“ kurz davor verlassen. Es plagte die beiden wohl ein Hüngerchen – und so kehrten sie auf ihrer Fahrt zu ihrem Fortbildungsseminar in eben jener Dorfgaststätte ein.
Chamaelita war schon mehrmals mit mir dort gewesen – sogar mein Namensvetter hatte mit mir dort gegessen (und war von der Wirtin zusammengestaucht worden, da er seinen Salat nicht aufgegessen hatte). Ein anderer Dom war mit mir ebenfalls einmal dort gewesen – und mußte sich über Gastronomiefragen seitens der Wirtin belehren lassen.
Mit anderen Worten: Wenn es etwas so etwas wie „Dominanz“ gibt: Sie endet in der Dorfkneipe. Vor Gott, dem Gesetz und der Wirtin sind alle gleich.

Und als Chamaelita ein Schnitzel aß, Herr Weitwinkel nur einen Salat, und sich fragen lassen mußten, „wo denn der Mertin steckt“ – da unterhielten sich die beiden über genau dieses Thema. Weitwinkel beobachtete die Gäste und die Wirtin.
„Frau Chamäleon?“
„Ja, lieber Herr Weitwinkel?“
„Wenn das so ist, daß diese Frau allen Menschen, gleich welchem Stande, Orientierung oder sonstiger Ausrichtung über den Mund fährt, und sie sich von ihr räsonieren lassen, gilt das dann wirklich auch für unseren lieben Chef und diese anderen Männer, die so sind wie er…also sie verstehen?“
„Ohja, Herr Weitwinkel. Ich habe das selber schon mitbekommen, als ich das letzte mal mit dem Chef hier essen war.“
„Hmhmhmhm…mümpf.“ Weitwinkel überlegte.
„Wissen Sie, ob die Wirtin einen Tresor hat?“
„Äh…nein, Herr Weitwinkel, das weiß ich nicht.“
„Hm…oder eine Truhe oder einen anderen abschließbaren Raum?“
„Soweit ich weiß befindet sich hinter der Küche ein Kühlraum, der eine Tresor-ähnliche Tür hat…“ Chamaelita ahnte vielleicht bereits, was Weitwinkel überlegte.
„Hmpfnmümpf! Nämlich!“ Weitwinkel vergewisserte sich, daß er nicht von der Wirtin und den anderen Gästen an der Theke beobachtet wurde.
„Entschuldigen sie mich bitte kurz, Frau Chamäleon! Mümpf!“ mit diesen Worten hoppste er von seinem Stuhl, nahm das „güldene Buch des BDSM“ mit sich, und hoppelte unentdeckt Richtung Küche.
Nach nur wenigen Augenblicken kehrte er freudenstrahlend zurück – um ein Haar wäre er beinahe doch noch von der Wirtin und den Gästen entdeckt worden. Aber er erreichte wieder seinen Platz.
„Was haben Sie gemacht, Herr Weitwinkel?“ fragte Chamaelita.
„Ich habe den Auftrag des Chefs ausgeführt, mümpfennämlich!“

Und so kam es, daß das „güldene Buch des BDSM“, das es a) nicht gibt!!! b) im Kühlhaus des Waldorfer Hofes liegt. Zwischen den Schnitzeln.
Unerreichbar für alle. Für immer.
Was BDSM ist, muß jeder für sich selbst rausfinden. Eine Anleitung dafür ist nicht verfügbar.

(Fortsetzung der Gesamtgeschichte folgt…)

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