Geschichten aus Knüsselhoven (2)

Es liegt in der Art von uns Rheinländern, das wir gerne erzählen. Und wenn wir erzählen, dann erzählen wir oft belangloses, oft unwichtige Details, und dennoch gleichzeitig beschreiben wir alle schweren und komplizierten Dinge der Welt in wenigen Worten. Wir berichten von Menschen, erzählen ihre halbe Biographie, nur um dann zu sagen: “Nä – der war es nicht, sondern jemand anderes.”

Im Rheinland hat das Sprechen einen Wert an sich – unabhängig vom Inhalt.
(Jürgen Becker)

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Eines der größten kulturellen Events in Küsselhoven, wenn nicht sogar das größte überhaupt, war ein unfreiwilliges Konzert der Bläck Fööss in der Karnevalssession 1987/88.
Die bekannte Kölner Band war eines Abends eigentlich zu einem Auftritt in Mechernich(Kreis Euskirchen) unterwegs, fuhr aber in einem dichten Schneetreiben (es ging NICHTS mehr) am Kreuz Meckenheim von der Autobahn runter. Die Bläck Fööss kurvten dann bei Sichtweite Null mit ihrem VW Bus durch die Schneewehen des Bonner Hinterlandes – bis sie im erst besten Dorf anhielten: Knüsselhoven.
Da an eine Weiterfahrt in die Eifel nicht zu denken war, und damit auch nicht an einen pünktlichen Auftritt, suchten die Bandmitglieder nach einem Gasthof um zu telefonieren. Handys gab es ja damals noch nicht.
Und es kam, wie es kommen mußte: Sie landeten im „Rheinischen Hof“ (Kölsch vom Faß), der Dorfgaststätte zu Knüsselhoven, wo, wie der Teufel es wollte, gerade die Kappensitzung der „KG Knüsselgarde ruud-weiß 1935 eeh-Vau“ in vollem Gange war.
Damals war noch der, leider viel zu früh verstorbene, aal Dörense Will (Wilhelm Dören) Sitzungspräsident – der sein Glück nicht fassen konnte, dem geneigten Publikum die Bläck Fööss als Überraschungsgäste präsentieren zu können.
Das Kinderprinzenpaar zu dieser Zeit war ein gewisser Jakob I. und Brigitte II. – die natürlich auch sehr begeistert waren, das sie „die Fööss“ auch mal live sehen konnten – oder vielmehr: das sie länger wach bleiben durften.
Schon damals hatte der kleine Jakob Wülles eine jewisse Schwäche für et Brigitte entwickelt – aber wie dat im Leben so jeht: et Brigitte wollt net. Und auch später, in der Ausbildung zum Kfz-Meister hatte der Wüllesse Jakob immer widder versöhk, et Brigitte in et Kinno inzulade.
Aber irgendwann gab er es auf, und nahm mit em Sylvia, Brigittes bester Freundin, vorlieb, und heiratete sie dann auch.
Dennoch dachte Jakob oft in schwachen Stunden an et Brigitte, und ärgerte sich über den blöden Fiffi, den sie statt ihm geheiratet hatte und der sie dann mit dem klein Jennifer hatte sitzen lassen.

Vorbei waren die Tage im „Rheinischen Hof“, an denen der Dörense Will „Hof hielt“ – er war nicht nur Sitzungspräsident der KG, er war zugleich auch der Gastwirt.
Schweren Herzens, und gegen ihren Willen, aber durch das Schicksal arg gebeutelt, hatte et Jabi (Gabi, eigentlich Gabriele), die älteste Tochter der Dörens-Dynastie den „Rheinischen Hof“ übernommen.
Et Jabi ist zwar irjendwo en Frau, aber ansonsten undefiniert. Sie ist undefinierbaren Alters, hat eine undefinierbare Anzahl Scheidungen hinter sich und raucht eine undefinierbare Anzhal HBs am Tag. Kinder hat et Jabi vermutlich keine – man weiß es nicht genau. Me mööt et ens frooche. Aber das traut sich niemand in Knüsselhoven, da den meisten Bewohnern eine gewisse Furcht vor Gabi inne wohnt.
Jedenfalls – ob im Saal der Gastwirtschaft fanden nach wie vor die Veranstaltungen des rheinischen Kalenders statt: Kinddäuf, Huhzick, Beerdijung, Kinderkommunion und Fastelovend; und im kleinen Nebenzimmer der Gastwirtschaft – gemeinhin nur „im Säälchjen“ jenannt, werden zwar auch hin und wieder Feiern abgehalten – aber meistens tagen hier Vorstandssitzungen der örtlichen Vereine.
Und eben auch – die Ortsgemeinderatssitzung. Die tagt auch „im Säälchjen“.

Jakob Wülles, seines Zeichens heute nun Ortsvorsteher von Knüsselhoven, hatte in der Woche zwischen dem zweiten und dritten Advent noch eine Gemeinderatssitzung anberaumt: Neben so Belanglosigkeiten wie der Gewerbesteuer, den Absprachen mit der Kreisverwaltung etc. standen zwei janz wichtige Punkte auf der Tagesordnung: zum einen die Planung der örtlichen Kappensitzung in der ersten Januarwoche, und zum anderen die weitere Planung im Neubaugebiet „Wiesengrund“.
Für die Außenstehenden sei erklärt: es gibt im Rheinland zwei Arten von Karneval. Und während sich links-liberal-vegan-atheistische-akademische Geister in den sozialen Hetzwerken sich jedes Jahr aufs neue zu überbieten versuchen, wer denn den rheinischen Karneval besser und am meisten hassen kann – und damit auf den Straßenkarneval und die Sauferei der Proleten abzielen – so geht doch die ursürungliche Form des Karnevals dabei etwas unter. Der Saalkarneval. Nicht so, wie man es aus dem Fernsehen kennt, mit Guido Cantz, nein, die dörflich, ländliche Version davon. Wo lokale „Größen“ der Büttenredenkunst in kleinen Dorfhallen und Dorfgemeinschaftshäusern auftreten. Wo die Leute noch Witze übereinander machen, und wo man sich an den mehr oder weniger professionellen Darbietungen auf der Bühne amüsiert. Wo elf ältere Herren, zur (Un-) Lustigkeit und Mineralwasser verdammt, den Elferrat bilden – und haßerfüllt stocksteif auf der Bühne sitzen und von den Darbietungen stets nur den Rücken zu sehen bekommen.
Die größte Freude für den Elferrat besteht darin, wenn man hin und wieder beim Gardetanz das Unterhöschen der umhergewirbelten Funkemariechen zu sehen bekommt. Aber selbst darüber kann sich ein Mitglied des Elferrats nicht so recht freuen – es ist ja doch meiste die eigene 16-jährige Nichte oder gar Tochter. Su ne Driss ävver och. (So ein Mist aber auch).
Und nun verhandelte der Ortsgemeinderat über die Vorbereitung der Kappensitzung und des Karnevals im allgemeinen – soweit sie die Ortgemeinde betrafen. Denn Leitung, Planung, Macht und Weisung lagen ja beim Vorstand der KG. Für diese hätte man lediglich die Sitzordnung ändern müssen – denn es waren nahezu die gleichen Nasen wie im Ortsgemeinderat (oder bei der freiwilligen Feuerwehr oder im Schützenverein. Lediglich der Junggesellenverein und er Fußballverein ist personell etwas besser durchmischt und auch jüngeren Altersdurchschnitts.)

Nachdem die karnevalistischen Angelegenheiten durchgesprochen waren, kam nun noch der Bebauungsplan für den „Wiesengrund“. Seit etwa 15 Jahren ein ewiges Streitthema im Ortsgemeinderat. Auch wenn auf dörflicher Ebene das Parteibuch keine sonderliche Rolle spielt (Jakob Wülles ist bei den Freien Wählern (die Freien Wähler sind die, die früher auch mal in der CDU waren und sich dann mit der CDU aus persönlichen Animositäten heraus jezänk han)), aber den ehemaligen „Drießpütz“ betreffend, wo es um die Schacherei um Baugrundstücke geht, eignen sich Parteibücher trefflich als zusätzliche Argumente.

Man kann in Knüsselhoven, wie in allen anderen rheinischen Dörfern auch, zwischen 8 und 18 Uhr CDU wählen. Wenn man einer beiden anderen Partei wählen möchte, dann steht das jedem frei – allerdings muß man dann die Wahlkabine aufsuchen, um sein Kreuz zu machen. (Dann wird man aber bei der nächsten Tombola der freiwilligen Feuerwehr nicht mehr berücksichtigt, und wird auch sonst auf der „nicht-mehr-einladen-Liste“ bei diversen Dorf-Aktivitäten notiert).
Die beiden anderen Parteien wären die SPD und die FDP – das es sowas wie „Grüne“ in Knüsselhoven geben sollte, ist in hartnäckiges Gerücht.
Das es die FreienWähler hier überhaupt gibt, ist ein politisches Kuriosum: gesamtstatistisch werden sie zur CDU gerechnet, da, wie gesagt, die Unterschiede lediglich in persönlichen Feindschaften, nicht aber im politischen Bereich liegen.
Bei der Familie Walter (Kirchgasse) weiß man, daß die SPD wählen – aber die sind entschuldigt, dem Walters Norbert singe Vatter, der war ausm Ruhrjebiet. Aus Bochum. Aber der Norbert is im Schützenverein, sein Frau, et Margit (die is jebürtig aus dem Nachbardorf Meßhoven) is bei den Möhnen. Die sind also „integriert“.
Und dat der Herr Doktor Michel – seines Zeichens Zahnarzt in Bonn, wohnhaft in Knüsselhoven, in der FDP ist, weiß auch jeder. Als der Genscher noch lebte, war der sogar mal in Knüsselhoven zu Besuch, um den Dr. Michel bei seinem „Straßenwohlkampf“ zu unterstützen – et End vom Lied war, dat die örtliche FDP Knüsselhovens, bestehend aus Dr. Michel und seiner Frau, mit Genscher und zwei anderen traurigen Gestalten im „Rheinischen Hof“ eine Bürgersprechstunde abgehalten haben, zu der niemand kam.
Und mit den Grünen – nunja… Ende der achtziger Jahre gab es hin und wieder mal bei Wahlen vereinzelte Stimmen für die Grünen, aber das hatte sich in der Vergangenheit wieder gelegt.
Bis dann diese komische Familie – niemand kennt ihren Nachnamen, das alte Haus im Suhrwingert gekauft hat. Die sind zugezogen, evangelisch, sprechen Hochdeutsch und: die sind nicht verheiratet. Wat ER arbeitet, weiß auch niemand, jedenfalls steht da immer ne Firmenwagen mit Münchener Nummer vor der Tür. Und angeblich – der Dorfbuschfunk weiß auch nichts genaues – ist ER zumindest geschieden und hat noch zwei Kinder. Wat SIE macht, weiß auch keiner so genau – SIE geht zwar hin und wieder auch mal bei et Brigitte für die Nägel zu machen, aber wat die arbeitet, weiß auch keiner.
Und seit dem diese komischen Zugezogenen da wohnen, gibt es wieder regelmäßig Stimmen für die Jrööne. (Die haben auch am Haus außen so nen Edelstahl-Zusatzkamin anjebaut, dat sieht nach so nem Blockheizkraftwerk aus. Dat müssen Jrööne sein.)

Gedanklich eigentlich noch bei der karnevalistisch tanzenden Brigitte aus Jugendtagen hängend, hob Jakob Wülles zum Worte: „Saat hüremol – de letz Woche stund im Wiesenjrund ne jruuße LKW – der hätt irjendjet schweres opjelade, un is domit fottjefahre. Weiß do irjendeiner wat von?“
De Walters Norbert, ein wahrhaftig rheinischer Leuchtturm der Sozialdemokratie, meinte nur „Näää…wann wor dat dann?“
„Letzen Freidaach möt dat jewees sinn.“
„Und was das für ein LKW?“ fragte Dr. Michel in grauenhaft gestelztem Hochdeutsch. (gebürtig ist der Dr. Michel aus Merzbach bei Rheinbach (ehemals bekannt durch seine Pferdemetzgerei im Ort), aber er meint aus einem falsch verstandenen akademischen Duktus heraus (schließlich arbeitet er ja in Bonn), „hochdeutsch“ reden zu müssen, oder das, was er dafür hält.)
„Ja… dat weiß ich auch nicht so jenau.“ sagte Jakob, „dat muß wohl ne Tieflader jewesen sein, der en jroßen Stein abtransportiert hat. Die einzige Baustelle da in dem Abschnitt is vom Karsten, em Brigitte ihrem Neffen, wo der sein Haus baut.“
„Vielleicht vom Landschaftsverband Rheinland?“ fragte Dr. Michel.
„Haste ens et Brigitte jefragt?“ fragte Norbert.
„Et Brigitte sagt, et wüßt von nix…“

Pauf! Paaf!

Bevor die Ortsgemeinderatssitzung dem mysteriösen LKW im Baugrundstück Wiesengrund näher auf die Spur gehen konnte, gab es einen lauten Knall.
Dä! Stromausfall. Alles zappenduster.

Nicht nur in Knüsselhoven. Nein, auch in Meckenheim, in Rheinbach, in den östlichen Teilen des Kreises Euskirchen, sowie in der Verbandsgemeinde Grafschaft (Kreis Ahrweiler), ja sogar in Bachem und in Berkum am Ballon (Radarantenne des Max-Planck-Instituts) gingen die Lichter aus. Für anderthalb Stunden!
So kam es denn, das sich Jakob Wülles genötigt sah, die Ortsgemeinderatssitzung im Schein eines Feuerzeugs zu beenden. „Mit dem wichtijen simmir eh durch – un alles weitere maache mir dann im Januar!“
Die WDR-Lokalzeit Bonn als auch der GeneralAnzeiger sowie die Rheinzeitung und die Bonner Rundschau berichteten anderntags einhellig, daß offenbar ein ungewöhnlicher Blitzschlag in der Nähe der Ruine der Tomburg bei Meckenheim Grund für den Stromausfall gewesen sei. Näheres sei aber noch unbekannt.
(Die Tomburg kennt man übrigens vom Etikett lokaler süßer Produkte, die sich gut für die Herstellung von Marz… oh – falsches Fenster)
Beim RWE (egal wie sich RWE nennt, ob innogy oder was auch immer: im Rheinland ist es bis in alle Ewigkeit „dat RWE“) zeigte man sich zwar verwundert, aber ratlos: Irgendwo hatte es offenbar eine Art von Überspannung gegeben…

To be continued…

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