der Ring

Ach…was soll ich sagen? Die wahre Geschichte des Nürburgrings ist in einschlägiger Literatur und bei Wikipedia nachzulesen.
In unserer Familie kursiert allerdings der mythologische Treppenwitz, „richtig groß“ wäre diese Strecke erst geworden durch: Konrad Adenauer, Hermann Göring und Opa Hanns.
Örgs?!
tja nun… es war nicht Adenauer sondern der Landrat des Kreises Adenau(der heute zu „meinem“ Landkreis Ahrweiler gehört) Otto Creutz, der in den späten 20er Jahren den Bau des Rennstrecke forcierte. Der dementsprechende wirtschaftliche Aufschwung der ganzen Region dürfte allerdings auch den Kölner Oberbürgermeister erfreut haben.
Hermann Göring? nunja – die Nazis hatten nunmal ein Faible für „doitsche Technik“ – und in den 30er Jahren ließ sich damit gut PR machen. (ob man das jetzt mit public relations oder Propaganda übersetzt, ist in dem Fall egal).
Ganz in der Nähe des Nürburgrings, im Kesselinger Tal, hatte die Luftwaffe sogar einen kleinen Truppenübungsplatz eingerichtet, für den extra ganze Dörfer umgesiedelt wurden.
Wie schlau es ist, in einem dicht bewaldeten Mittelgebirgsgebiet Flak-Ziel-Übungen durchzuführen, entzieht sich meiner Kenntnis. Göring war aber, neben vielen anderen Dingen, auch „Reichsjägermeister“. (grüner Lodenmantel, nicht der klebrig-süße Kotzbeschleuniger).
Es geht in der rheinischen Mythologie das Gerücht um, der fette Hermann habe den Luftwaffenübungsplatz nur deshalb hier eingerichtet, um das Gelände als Jagdrevier nutzen zu können. Jagd auf Muffel-Wild.
(Noch heute soll es übrigens in der Region verwilderte Nachfahren an Mufflon-Schafen geben.)
Und eben nur einen Flaksch..äh..Fangschu… äh Steinwurf entfernt, heimste der „Michael Schumacher der 30er Jahre“, Rudolf Caraciola, auf seinem Mercedes-Silberpfeil Sieg um Sieg ein.
Caraciola ist übrigens genau wie ich in Remagen am Rhein geboren; seine Eltern besaßen dort ein Hotel und einen riesigen Weinkeller. Und nach dem Krieg gab es in Remagen bei Carraciolas eine Autowerkstatt, bei der sich meine frisch vermählten Großeltern 1949 ein Auto geliehen haben, um damit in die Flitterwochen in den Taunus zu fahren.
Wie sehr die Nazi-Diktatur mit dem Rennsport verwoben war, zeigt sich auch daran, das Caraciola „NSKK-Staffelführer“ war.
(nationalsozialistisches Kraftfahr-Koprs, eine Untergruppe der SA, wenn ich mich nicht irre).
Wir sind also in den 30er Jahren, die Nazis freuen sich an Vorarbeiten aus der Weimarer Republik, es werden Rennen gefahren – und mein Opa Hanns mittendrin:

Denn schon damals waren Rennsportveranstaltungen Massenveranstaltungen. Und bei Massenveranstaltungen bedarf es Ordner, die die Massen etwas kanalisieren. Wie wir alle wissen, hatten die Nazis da ohnehin einen Hang zu, aber das ist ein anderes Thema.
Jedenfalls führte die Ahrtalbahn von Remagen damals noch bis nach Adenau. In Adenau-Breidscheid ist der tiefstgelegene Streckenabschnitt der „Nordschleife“ des Nürburgrings. Dort kamen die anreisenden Massen an, und wollten zum Ring.
Und eben genau dort war mein Opa Hanns mit anderen älteren HJ-angehörigen als „Hilfsordner“ eingesetzt.
Und nun begab es sich, das eine Ausländerin(!), eine Französin mit einem französischen Auto sich dorthin verirrt hatte, und die freundlichen uniformierten jungen Burschen fragte, wo es denn zu Start&Ziel ginge.
Ausgerechnet meinen Opa hat sie gefragt – und da er, obwohl er noch keinen Führerschein hatte, aber schon autofahren konnte, hat er ihr angeboten, sie zu Start&Ziel zu fahren. Das sind von Adenau aus ein paar Kilometer – die Nordschleife ist 25 Kilometer lang, und Start&Ziel liegt auf der anderen Seite des Rings.
Es stellte sich heraus, das es sich um die Ehefrau des französischen Rennfahrers Chiron handelte. Mein Opa hat sie wohlbehalten dort hingebracht – keine Ahnung wie er wieder zurück zu seiner Ordner-Truppe gekommen ist. Es gab fünf(!) Reichsmark Trinkgeld – Opa meinte, das wären „heute“ 50 DM. (Er starb 2012, also rechnet bitte selbst aus, wie viel das heut wär).
Und nicht nur das gabs: Opa handelte sich einen riesigen Anschiß von seinem Ober-HJ-Fritzen ein, was ihm denn einfalle, zu einer Ausländerin(!) ins Auto zu steigen? Wohlweißlich hat Opa das Trinkgeld verschwiegen – und es danach mit den anderen Kameraden „versoffen“. Und dann erzählte er noch irgendwas, von einer jungen Frau, die mit dem Hintern in einen Korb Kirschen gefallen ist, und das der rote Hintern das eigentliche Highlight des Rennens war – keine Ahnung, ich geb das nur so weiter…
Und auf dieses Rennwochenende in den späten 30er Jahren geht zurück, das der „Potsdamener Platz“ nicht nur in Berlin, sondern auch am Nürburgring liegt:
Eben weil so viele Menschenmassen damals schon in die Eifel strömten, war die hiesige Polizei damit einfach überfordert. Es wurden also Polizisten aus Berlin (!) in die Eifel abkommandiert, „weil die sich mit vielen Menschen und vielen Autos auskennen“. Und Opa hat mir überliefert, einer der Polizisten hätte verwundert gerufen „hier ist ja ein Verkehr wie am Potsdamer Platz?!“. Und seit dem trägt die Kreuzung der B257 (Köln-Trier) und der B258 (Mayen-Schleiden), die damals noch ebenerdig war, den Namen „Potsdamer Platz“.
Opa hat mir auch noch erzählt, das, als zu Anfang des Krieges, noch Rennen im Radio übertragen wurden, er den anderen Soldaten die Strecke genau schildern konnte. „Brünnchen“, „Schwalbenschwanz“, „Karussel“… einfach, weil er die Strecke kannte.

Das ab den 70er Jahren keine Formel-1 Rennen mehr auf der Nordschleife gefahren wurden, hatte natürlich viele Gründe. Aber in der rheinischen Mythologie heißt es: Der Niki Lauda hat den Ring kaputt gemacht. Der ganz allein. Die Wahrheit ist, das der Nürburgring um ein Haar Niki Lauda kaputt gemacht hätte, als er hinter Breidscheid in Anfahrt zum Bergwerk abgeflogen ist und beinahe lebendig verbrannt wäre.
Die Faszination, heute gottseidank ohne Nazis und leider ohne Opa, ist aber geblieben. Der Spitzname „Grüne Hölle“, oder einfach nur „der Ring“, kommen nicht von ungefähr. Der Nürburgring, die heutige Formel-1 Südschleife zusammen mit der legendären Nordschleife, ist die anspruchsvollste, längste, aufregendste und überhaupteste Rennstrecke der Welt.
Und eine ganze Region zehrt noch heute davon: als ich zusammen mit meiner Bar-Kollegin 2013 unsere Kellerbar in meinem Bonner Studentenwohnheim renoviert habe, waren wir uns über das Design und die Deko einig: schwarz-weiß-kariertes Linoleum und alte Rennsportplakate. Denn wenngleich sie auch aus dem Kreis Euskirchen (also schon NRW und nördlich des Nürnurgrings) kommt, so waren wir uns eins darüber, das Rennsportplakate in eine rheinische Kneipe gehören. Auch hier in Waldorf – wenn man aus dem Gastraum zu Klo geht, hängen an den Wänden alte Plakate aus den 60er Jahren „24 Stundenrennen“, „1000 Kilometer-Rennen“ etc.

Ich selbst hatte allerdings nie so den richtigen Draht zum Motorsport. Obwohl mein Fahrlehrer eine Rennlizenz hatte, und zusammen mit Michael Schumacher Kart-Rennen gefahren ist. Was mich den „Silberpfeilen“ etwas näher gebracht hatte, war die Frau von Mika Häkkinnen, Erja. Die fand ich damals heiß. Und weil mir meine Lucky-Strikes nicht mehr schmeckten, bin ich dementsprechend auf „West“ umgestiegen – und bis heut dabei geblieben.
Und so saß ich denn als 16-18 Jähriger mit meinem Opa im Wohnzimmer, und schaute Formel-1. Opa und wir waren uns einig: Es gibt nur drei Rennstrecken auf der Welt: Spa Francochamps, Monte Carlo und eben der Nürburgring – „alles andere ist was für Zivilisten“ (wie Opa „Menschen 2. Klasse“ zu betiteln pflegte).
[1. meinte er damit „ahungslose“ und Dummschwätzer und 2. mit einem Augenzwinkern.]

Der Ring gehört zum Kreis Ahrweiler. Meinem zu Hause.
Und von meinem Dorf bis da hoch fährt man grad ne halbe Stunde (wenn die Berge nicht wären, wäre man schnelle da^^). Sogar mit der Grundschule waren wir mal in dem damaligen Erlebniszentrum.
Und wenn ich heute Autorennen verfolge, besonders Rennen auf dem Ring (so auch das anstehende 24-Stundenrennen), dann denke ich an meinen Opa. Vielleicht guckt er ja aus dem Himmel zu.
So viel erstmal (…) von mir zum Thema Motor-Rennsport. Es gibt da noch ein paar innere Überlegungen und andere Geschichten – aber das kommt ein ander mal.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s