Da lief etwas schief

Ende November, Anfang Dezember, irgendwo im nördlichen Süddeutschland.
Es ist früher Sonntagmorgen. So ca. 7.27 Uhr. Drückend grau und schwer liegt der Nebel über der Landschaft. Es ist kalt. Richtig fies kalt. Aber nicht gefroren. Einfach nur naß kalt und nebelig.
Tauperlen sitzen stumm auf dem stumpf-grünen Gras neben der Landstraße. Tauperlen sitzen auf dem Plastik der verblichenen Zigarettenpackung, die achtlos in den Straßengraben geworfen wurde.
Der Nebel macht alles so still, als hätte die ganze Welt Watte gefressen. Kein Geräusch ist zu hören. Die zwei Rehe in ihrem grau-fahligen Winterfell scheinen wie in einem Stummfilm am Waldrand zu äsen.
Langsam brummt etwas heran. Wie zückende Augen der Unterwelt flammen zwei Xenonscheinwerfer durch den Nebel.
Ein großer, schwarzer Audi frißt sich mit Vollgas durch die Landschaft, frißt sich gierig über den Asphalt. Die Reifen wollen Grip, bekommen aber keinen auf diesem feuchten Provinzasphalt.
In dem Wagen ist es noch Samstagnacht. Es riecht nach Party, Zigaretten, Alkohol, Schweiß, Sex, Aftershave und Frauenparfüm. Der Fahrer hat Adrenalin im Blut. Im Auto ist es warm.
Der zweite Mann im Wagen, auf der Rückbank, hat jegliches Gefühl für Raum, Zeit und Temperatur verloren. Auch er ist vollgepumpt mit Adrenalin.
Der schwarze Audi wuppt richtig durch die Kurven und springt über die Hubbel.
„Schmeiß sie raus! Schmeiß das Dreckstück raus!“ krächzt einer der Männer.
Bei fast 80km/h öffnet sich mühsam die rechte Hintertür des Wagens. Mit ein, zwei Tritten befördert der Mann auf der Rückbank ein zusammengeschnürtes Paket unsanft aus dem Innenraum.
Das längliche, zugeschnürte Paket landet wild rotierend erst auf dem Asphalt, dann auf der Kante des Straßengrabens und kommt letztendlich im nassen kalten Gras zu liegen.
Der Audi gibt Gas.
Die beiden grauen Rehe flüchten in den Wald – das brummen des Motors nimmt schnell ab, bis die Geräuschkulisse wieder „null“ erreicht hat.

Das zusammengeschnürte längliche Paket ist eine gefesselte, fast nackte Frau. Fetzen ihrer ledernen Fetischkleider hängen ihr noch am Leib – aber dieser ist jetzt gezeichnet von Schürfwunden, Schnitten und blauen Flecken. Die, die ein paar Stunden alt sind, hat sie sich freiwillig zufügen lassen, doch die meisten sind von dem Flug aus dem Auto.
Vor Schmerzen der Ohnmacht nahe versucht sie zu wimmern, doch der Knebel in ihrem Mund ist zu fest und die Schmerzen selbst dafür zu stark. Bei dem Sturz aus dem Auto hat sie zwei Zähne verloren, mehrere Rippen gebrochen und eine Wirbelfraktur davongetragen. Doch am schlimmsten sind die inneren Blutungen. Sie weiß es nicht, sie spürt es nur. Irgendwas da drinnen ist furchtbar heiß, obwohl ihr so kalt ist.
Ihre Sinne schwinden. Zwei Krähen erheben sich „kra-kra-kra“ von einem Baum, und fliegen über die gefesselte verletzte Frau durch den milchigen Nebel hinweg.
Sie weiß nicht, das sie sterben wird, wenn nicht bald Hilfe kommt. Sie versucht, sich in Gedanken wach zu halten. Doch dann wird es ihr schwarz vor den Augen.

„Da! Da vorn! Da liegt was! Anhalten! Anhalten hab ich gesagt!“ – eine Frauenstimme, die gewohnt ist Befehle zu erteilen, versucht nicht zu laut zu sein. Als ob im inneren eines Ford-Transit noch extra Stille geboten sei.
Der Transit hält mit quitschenden Reifen. Die Türen fliegen auf. Sieben vollständig schwarz vermummte Gestalten, mit Overall und Sturmhaube, stürzen heraus. Nach allen Seiten absichernd halten sie ihre Maschinenpistolen mit Schalldämpfern in den Nebel. Die Frau aus dem Ford-Transit stürzt auf die gefesselte Schwerverletzte zu. Kniet sich nieder, legt die Maschinenpistole beiseite, fühlt den Puls der Verletzten. Schnell wird ihr klar, das hier Eile geboten ist.
„Einen Arzt! Schnell! Wir brauchen einen Hubschrauber!“
„Nummer2“ aus dem Ford-Transit, an Körpergröße übrigens auch der kleinste, erschrickt sich kurz, doch hastet dann eilig zum Funkgerät.
Nur 4 Minuten später landet ein Hubschrauber – die vermummten Gestalten hieven gemeinsam die Verletzte in den Heli, der sofort startet.
Die vermummten untersuchen noch kurz den Ort des Geschehens, finden aber nichts. Der Ford Transit verschwindet wieder in die Richtung, aus der er gekommen ist.
Nur vierzehn Minuten später bricht die Sonne durch den Nebel, und macht aus der friedlichen geräuschlos grauen Landschaft eine goldene.

„Biep-biep-biep- röchchchel, biep-biep-biep, röchchchel…“
Die lebenserhaltene Elektronik und die Beatmungsmaschine der Intensivstation geben monotone Geräusche von sich. Beängstigende Monotonie. Vita. Chronik eines Stillstands.
Die vordem gefesselte schwer verletzte Frau liegt mit allerlei Verbänden und Schläuchen in einem Intensivbett. Einzelzimmer. Ein Glaskasten.
Draußen, vor ihrem Zimmer steht eine andere Frau, nicht die aus dem Transit, und starrt auf die Verletzte. Sie lauscht dem dumpfen biep-biep-biep, das durch die Glastüre dringt.
Schwer atmet diese Frau ein und aus, seufzt. „Ganz…schöne…Scheiße!“ seufzt sie.
Ein Patient des Krankenhauses, ein Mann, der einen albernen Krankenkittel tragen muß, und sich gerade so an seiner Infusionsstange festhalten kann (eine Art Kleiderständer mit Rollen unten), schlurft ganz langsam und schwach den Gang entlang. Kommt bei der Frau an, nimmt einen Blick in das Zimmer mit der schwer Verletzten. Mit einem schwachen knurren löst er die Verhedderung des Schlauches, der aus dem Beutel in seine Vene führt.
„Kommt sie durch?“ fragt der Mann die Frau.
„Die Ärzte hoffen es. Wenn unsere Leute nur eine Minute später da gewesen wären, wäre es zu spät für sie gewesen.“
Sie sahen sich nicht an. Der Mann wandte wieder seinen Blick durch die Glasscheibe auf die schwer Verletzte. Ein langer, geqäulter Seufzer entfuhr ihm.
„Ausgerechnet jetzt. Ausgrechnet ich und nun das hier….ich kann mich selbst kaum auf den Beinen halten. Meine Ärzte wissen nichtmal wonach sie suchen sollen…“
„Ich weiß… ich komm gleich in dein Zimmer. Geh schon mal vor.“
Kraftlos in Körper und Psyche schlurfte der Mann wieder von dannen.
Die Frau stand noch eine Weile an dem Fenster und blickte in das Intensiv-Zimmer.
Biep-biep-biep röchchchel biep-biep-biep röchchchel…
„Mädchen, Mädchen… Bei der Höhe deiner Bühne… diesen Sturz hast du dennoch nicht verdient. Komm bloß wieder auf die Beine, du Miststück…“ wieder seufzte sie.

biep-biep-biep…

Ein Gedanke zu “Da lief etwas schief

  1. Pingback: das Blutbad – (prequel zu „da lief etwas schief“) | senior525's Blog

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