Fahrerwechsel

Die ganze Zeit über hören wir Johanna nur hin und wieder fluchen und schimpfen. Wenn wir sie denn hören. Der Streckenmonitor zeigt uns an, daß sie gut mit den GT3-Autos mithält. Jeden Unfall, jede Kollision, die wir im Fernsehen sehen, melden wir über Funk an sie weiter.
[„bedankt… ich sehe die gelben Flaggen“] kommts dann aus dem Funk zurück.
Kurz wieder eine onboard-Perspektive aus unserem Auto: Sie rasen die Fuchsröhre runter. Die Abstände zwischen den Autos werden größer. Das Feld verteilt sich langsam auf den 25 Kilometern.
[„die BMWs sind alle was lahm. hab bestimmt schon 4 überholt“]*krächz*
Ich funke zurück: „Du hast unterm Strich aber zwei Plätze verloren..“
[Ich weiß…aber das Auto geht gut mit… uaahh..FuckinAsshole!…sorry..da war ein CupPorsche der mich schneiden wollte… bin gerade….rgwerk Anfahrt Klos…tal]*krächz*
Ok – so langsam komme ich wieder runter. Irgendwie ist es beruhigend, mit Johanna zu sprechen.
Ich merke auch den Krach nicht mehr so sehr, wenn die ersten Autos hier an der Boxengasse über Start&Ziel donnern. Was-für-ein-ohren-betäu-bender-Lärm!!!
16:19 ich habe nicht wirklich viel Ahnung – aber ich habe die Anzeige für die Luftdrücke und die Öltemperatur entdeckt. Curt neben mir brummt „alles ok“. Johannas Vater ist ein stiller Zeitgenosse, wie mir scheint.
Ich „warte“ geradezu darauf, das irgendwas passiert. Nicht, das ich mir wünsche, das an unserem Wagen was kaputt geht – aber ich sehe wie es links und rechts von uns die ersten Reperaturen gibt.
Johanna fließt gut im Mittelfeld mit.
Weiwinkel legt sich schonmal seinen Rennoverall und Helm zurecht – und schlürft noch eine Tasse Kaffee mit Chamaelita.
Ich verlasse unsere Box nach hinten raus, Richtung Fahrerlager. Ich muß(!) eine rauchen.
So langsam will ich auch endlich fahren. Egal, wie gefährlich es da draußen ist. Jetzt bin ich hier, jetzt will auch mitfahren. Natürlich mach ich mir Sorgen um Weitwinkel. Ich hoffe wirklich, das er nicht die Panik bekommt.
Genauso hoffe ich, das ICH nicht doch noch Panik bekomme.
16:31: Johanna kommt zum ersten Boxenstop.
Noch ist kein Kratzer im Lack. Der Wagen rauscht ran, die Mädels sind schon alle bereit. Mit Feuerlöscher und Benzinschlauch. Das wurde tausendmal geprobt. Reifen und Schlagschraubergewusel. Schnell werden die Scheiben gewischt, der Rüssel angesetzt. Die Fahrertür wird geöffnet, für mehr Frischluft. Ich glaub jetzt ists auch ziemlich egal, was da für ne Flagge neben den Namen geklebt ist. Sie bleibt drin sitzen, die Trinkflasche wird durch eine neue ersetzt. Krach. Lärm.
[„gebt mir neue Reifen, bitte. Ist schon viel rubber pick up auf der Straße!“]*krächz*
Wie im Fernsehen: Schlagschrauber, Reifen weg, Reifen drauf, Schlagschrauber, Rüssel weg – und ab geht die Luzie. Johanna fährt noch einen stint von 5-7 Runden, dann ist Weitwinkel an der Reihe. Das Mädel mit dem Lollipop dreht sich nochmal um – alles gut gegangen. Der dCR 24-N GTx ist wieder auf der Strecke.
16:47:
Krach im Funkverkehr [„aaaah…shit shit shit!“]
„Johanna, was ist los?“
[„Vor mir ist gerade einer abgeflogen, im Adenauer Forst. Bin voll durch die Staubwolke gerauscht und hab die leitplanke leicht touchiert… haltet ihr bitte die Telemetrie im Auge?“]*krächz*
„Ist dir was passiert???“
[„Nein, mir gehts gut, und das Auto fährt auch weiter… kann aber sein, das ich was Dreck und Carbontrümmer aufgesammelt hab… oouuhh… arrgh.. sorry.. diese kleinen Seats gegehn mir auf die Eierstöcke!“] *krächz*
Curt und die anderen Mechaniker zucken mit den Schultern. Anscheinend hats nochmal gut gegangen.
„Johanna… wir sehen hier nichts. Scheintalles normal zu sein. keep racing!“
*krächz*
[Roger… sag…winkel…er soll sich …eitmachen…vier Runden…hrerwechsel!]*krächz*

17:17 Der erste Fahrerwechsel. Spannung. Anspannung.
Herr Weitwinkel steht in seinem Rennoverall da. Helm im Arm. Chamaelita und ich lachen: Herr Weitwinkel hat nämlich einen Spezialhelm, der oben zwei Ausbuchtungen zur Belüftung hat – für seine langen Ohren. Ein richtiger Hasenhelm!
„Ich habe etwas Angst. mümpf!“
„Ach Herr Weitwinkel…“ Chamaelita flauscht ihn. Ich klopfe ihm auf die Schulter. „Wir passen auf Sie auf, versprochen!“
„Mümpf!“ er zieht sich den Helm über.
Wieder rauscht der Wagen an. Das gleiche Prozedere wie zuvor. Johanna krabbelt in dem ganzen Gewusel aus der Fahrertür, Weitwinkel springt rein. Legt erst seine Sitzschale (für seine kleinere Statur) in den Sitz, und hopst dann hinters Lenkrad.
ich höre noch, wie Johanna schreit: „Fahrer ID nicht vergessen!“
Weitwinkel deutet mit dem Daumen nach oben.
(Fahrer ID : Es gibt einen Knopf, den jeder fahrer drücken muß, bevor er losfährt- damit wird die Anzeige des aktuellen Fahrers umgestellt, so daß die Rennleitung und die aktuelle Anzeige weiß, wer gerade hinter dem Steuer sitzt)
Ansonsten: alles recht unspektakulär, vond er allgemeinen Hektik einmal abgesehen. Wir haben Glück: gerade ist kaum was los in der Boxengasse. Weitwinkel hat also Platz und Ruhe, aus der Box zu fahren. Mit qualmenden reifen düst er davon. Chamaelita und ich sehen ihm sorgenvoll hinterher.
Johanna reißt sich endlich den Helm und feuerfeste Haube vom Kopf. Sie ist hochrot und total durchgeschwitzt.
„Boah is das heiß in der Kiste!“
Ihr erster Blick geht zu den Monitoren. Weitwinkel ist auf dem Grand-Prix-Kurs, und hat offenbar sogar zwei andere Autos überholt.
„Jetzt kann er mal zeigen, was in ihm steckt!“ ruft sie.
Im Fernsehen sehen wir kurz unser Auto – der Heckspoiler „Lazitröl“ ist groß im Bild. Das Dach der Fahrgastzelle „ANAL – alles super“ allerdings auch. Dann rauscht er Richtung Hatzenbach…

17:31: wir sehen entsetzt wie die Startnummer 55 in Flammen aufgeht und der Fahrer mühsam aus dem Wagen kommt. Das sieht richtig gefährlich aus! /o\
Weitwinkel muß da jeden Moment vorbeikommen.
[„Huchnmümpf! Hier auf der Grand-Prix-Strecke ist viel Rauch?!“]*krächz*
„Ja, Herr Weitwinkel, da hat ein Auto angefangen zu brennen! Aber dem Fahrer geht es gut! Machen Sie sich keine Sorgen. Fahren Sie einfach weiter!“
[„Hm..okee…“] *krächz*
man hört, das er Angst hat.
„Herr Weitwinkel… alles gut. Uns kann so etwas nicht passierren, wir haben eine automatische Feuerlöschanlage im Motorraum!“ versucht Johanna ihn über Funk zu beruhigen.
Zu Chamaelita und mir meint sie dann: „Das reißts im Ernstfall auch nicht raus, aber hoffentlich dreht er nicht durch.“
[„Verstanden! ich fahre einfach weiter!mümpf!“]
Puh. Johanna trinkt auf ex anderthalb Liter Wasser – ich geh mit Chamaelita erstmal eine rauchen… Um uns herum Rennlärm…

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Start

„Männerwochenende“ pfff…mir geht dieses „Männergehabe“ ziemlich auf die Nerven. In unserem Team fährt eine Kampflesbe, ein humanoides Kaninchen und meine Wenigkeit. Das taugt nicht zum „Männerklischee“. Zumal nur Johanna „Benzin im Blut“ hat. Weitwinkel und ich sind zu diesem Renneinsatz gekommen, wie „die Jungfrau zum Kinde“.

15:04 Das Auto steht in der Startaufstellung. Es ist heiß, laut… und ich bin flatterig aufgeregt. Weitwinkel gehts ähnlich, und Chamaelita hält uns beiden in der Box das Händchen. Eigentlich hätte ich an diesem Wochenende mit ihr nach Trier fahren wollen – aber das Johannas Rennplanung kams anders.
Chamaelita war kurzerhand zur „Boxenchefin“ erkoren worden: d.H. sie sollte einfach auf Weitwinkel und mich aufpassen, wenn Johanna grade im Auto saß oder schlief.
Johanna hatte uns in der Teambesprechung noch einmal eingeschärft: „Ankommen ist das Ziel. Ein Dreher kann immer mal passieren. Auch Unfälle. Aber“ – sie hob den Zeigefinger, „Ich erinnere nochmal daran, daß das MEIN Auto ist. Ich wünsche, das wir morgen Nachmittag hier sitzen und anstoßen können!“ Und extra an Weitwinkel gewandt: „Fahren Sie, Weitwinkel. Lassen Sie sich nicht irre machen. Auch wenn alle anderen Sie überholen, nicht anfangen zu weinen! Selbst wenn wir letzter werden, haben wir doch gewonnen! Ankommen ist das Ziel. Nicht antitschen, keinen Unfall machen, einfach fahren. Das gilt auch für Dich, Martin!“
Ich nickte. Und hatte einen Kloß im Hals.
Einführungsrunde.
Johanna steht mit unserem Auto irgendwo im Mittelfeld. Insgesamt 158 Fahrzeuge am Start. Und die Nummer „666“ vom Team „deClerk Racing“ mittendrin. Als erfahrenste würde sie starten. Nach ihr würde Weitwinkel fahren, dann ich. Und immer so fort. Einen „stint“ nennt man das – also ein paar Runden hintereinander, dann Fahrerwechsel. maximal drei Stunden am Stück darf man fahren, mindestens 15 Runden um gewertet zu werden. Eine Runde hat 25km links rechts rauf runter. Durch die „Grüne Hölle“.
Während der Einführungsrunde hängen wir alle in der Box an den Monitoren. Es riecht nach heißem Öl und Gummi.
Gottseidank hat Johanna in ihrem Auto auch eine Klimaanlage eingebaut.
Durch die Sprechfunkverbindung krächzt sie: „Warum ist in meinem Auto eine halbe Möhre angeklebt?“
-Die Autokarawane der Einführungsrunde schlängelt sich gerade durch den Adenauer Forst-
Weitwinkel biegt sich sein Mikro zurecht: „Das ist ein Glückbringer. Wenn wir morgen angekommen sind, dann esse ich die andere Hälfte auf, mümpfennämlich!“
[Johanna krächzt irgendwas unverständliches.] Ich rolle mit den Augen, Weitwinkel mümpft und Chamaelita lacht.
Die Einführungsrunde ist gerade unten im Abschnitt Wehrseifen angekommen.
Langsam wirds ernst.
Ich habe Angst. Bin aber jetzt schon voll Adrenalin.
Unser Boxenteam muß ich noch kurz vorstellen: Das waren zum einen Mädchen vom ZA, Johannas Schülerinnen. Quasi eine „girlsday-Aktion“. junge Frauen an technische klassische „Männerberufe“ heranführen. Und da war noch Curt. Johannas Vater. Der hielt sich aber weitestgehend zurück, und wuselte mit drei anderen Niederländern an den Werkzeugen herum. Mit ihm hatte ich nicht viel zu tun.
Ich saß einfach mit Weitwinkel und Chamaelita vor den Monitoren. Kopfhörer auf.
Die Einführungsrunde war gerade im Karussel. Die letzte 180-Grad-Steilkurve, die noch im Rennen weltweit befahren wird, wenn ich das richtig im Kopf habe. benannt nach Rudolf Caraciola. Erster Sieger auf dem Nürburgring 1927.
Boah… mir ist jetzt schon warm. Nebenbei verfolgen wir auch den live-Stream von Vodafone und das Programm von rtlNitro. Bilder von der Strecke.
Direkt vom Brünnchen.
Mir ist flau im Magen. Ich würde gern eine rauchen. Aber hier in der Box geht das nicht. Zu gefährlich.
Ich schwitze jetzt schon Wasser und Blut. Dabei dauerts noch ca. 3-4 Stunden, bevor ich mich in den Wagen setzten kann.
Weitwinkel nuckelt durch einen Strohlhalm ein Erfrischungsgetränk.
Ich hätte gern ein Bier, einen Blowjob und eine Zigarette.
[Johanna meldet sich wieder über Funk]: „Antoniusbuche…Auto läuft super. Bremsen sind gut temperiert“.
15:28.
Wenn das Feld gleich über Start&Ziel den fliegenden Start macht, dann wirds ernst.
Meine Beine sind wackelig.
Wir sehen, wie alle Schlangenlienien fahren. Um die Bremsen auf Temepratur zu brinngen.
Und da sind sie!
Los gehts! Das Rennen ist gestartet.
In der zweiten Rennrunde haben wir sogar mal kurz die onboard-Kamera aus Johannas Cockpit im Fernsehen.
Jetzt heißt es warten, wie Johanna sich schlägt…

der Ring

Ach…was soll ich sagen? Die wahre Geschichte des Nürburgrings ist in einschlägiger Literatur und bei Wikipedia nachzulesen.
In unserer Familie kursiert allerdings der mythologische Treppenwitz, „richtig groß“ wäre diese Strecke erst geworden durch: Konrad Adenauer, Hermann Göring und Opa Hanns.
Örgs?!
tja nun… es war nicht Adenauer sondern der Landrat des Kreises Adenau(der heute zu „meinem“ Landkreis Ahrweiler gehört) Otto Creutz, der in den späten 20er Jahren den Bau des Rennstrecke forcierte. Der dementsprechende wirtschaftliche Aufschwung der ganzen Region dürfte allerdings auch den Kölner Oberbürgermeister erfreut haben.
Hermann Göring? nunja – die Nazis hatten nunmal ein Faible für „doitsche Technik“ – und in den 30er Jahren ließ sich damit gut PR machen. (ob man das jetzt mit public relations oder Propaganda übersetzt, ist in dem Fall egal).
Ganz in der Nähe des Nürburgrings, im Kesselinger Tal, hatte die Luftwaffe sogar einen kleinen Truppenübungsplatz eingerichtet, für den extra ganze Dörfer umgesiedelt wurden.
Wie schlau es ist, in einem dicht bewaldeten Mittelgebirgsgebiet Flak-Ziel-Übungen durchzuführen, entzieht sich meiner Kenntnis. Göring war aber, neben vielen anderen Dingen, auch „Reichsjägermeister“. (grüner Lodenmantel, nicht der klebrig-süße Kotzbeschleuniger).
Es geht in der rheinischen Mythologie das Gerücht um, der fette Hermann habe den Luftwaffenübungsplatz nur deshalb hier eingerichtet, um das Gelände als Jagdrevier nutzen zu können. Jagd auf Muffel-Wild.
(Noch heute soll es übrigens in der Region verwilderte Nachfahren an Mufflon-Schafen geben.)
Und eben nur einen Flaksch..äh..Fangschu… äh Steinwurf entfernt, heimste der „Michael Schumacher der 30er Jahre“, Rudolf Caraciola, auf seinem Mercedes-Silberpfeil Sieg um Sieg ein.
Caraciola ist übrigens genau wie ich in Remagen am Rhein geboren; seine Eltern besaßen dort ein Hotel und einen riesigen Weinkeller. Und nach dem Krieg gab es in Remagen bei Carraciolas eine Autowerkstatt, bei der sich meine frisch vermählten Großeltern 1949 ein Auto geliehen haben, um damit in die Flitterwochen in den Taunus zu fahren.
Wie sehr die Nazi-Diktatur mit dem Rennsport verwoben war, zeigt sich auch daran, das Caraciola „NSKK-Staffelführer“ war.
(nationalsozialistisches Kraftfahr-Koprs, eine Untergruppe der SA, wenn ich mich nicht irre).
Wir sind also in den 30er Jahren, die Nazis freuen sich an Vorarbeiten aus der Weimarer Republik, es werden Rennen gefahren – und mein Opa Hanns mittendrin:

Denn schon damals waren Rennsportveranstaltungen Massenveranstaltungen. Und bei Massenveranstaltungen bedarf es Ordner, die die Massen etwas kanalisieren. Wie wir alle wissen, hatten die Nazis da ohnehin einen Hang zu, aber das ist ein anderes Thema.
Jedenfalls führte die Ahrtalbahn von Remagen damals noch bis nach Adenau. In Adenau-Breidscheid ist der tiefstgelegene Streckenabschnitt der „Nordschleife“ des Nürburgrings. Dort kamen die anreisenden Massen an, und wollten zum Ring.
Und eben genau dort war mein Opa Hanns mit anderen älteren HJ-angehörigen als „Hilfsordner“ eingesetzt.
Und nun begab es sich, das eine Ausländerin(!), eine Französin mit einem französischen Auto sich dorthin verirrt hatte, und die freundlichen uniformierten jungen Burschen fragte, wo es denn zu Start&Ziel ginge.
Ausgerechnet meinen Opa hat sie gefragt – und da er, obwohl er noch keinen Führerschein hatte, aber schon autofahren konnte, hat er ihr angeboten, sie zu Start&Ziel zu fahren. Das sind von Adenau aus ein paar Kilometer – die Nordschleife ist 25 Kilometer lang, und Start&Ziel liegt auf der anderen Seite des Rings.
Es stellte sich heraus, das es sich um die Ehefrau des französischen Rennfahrers Chiron handelte. Mein Opa hat sie wohlbehalten dort hingebracht – keine Ahnung wie er wieder zurück zu seiner Ordner-Truppe gekommen ist. Es gab fünf(!) Reichsmark Trinkgeld – Opa meinte, das wären „heute“ 50 DM. (Er starb 2012, also rechnet bitte selbst aus, wie viel das heut wär).
Und nicht nur das gabs: Opa handelte sich einen riesigen Anschiß von seinem Ober-HJ-Fritzen ein, was ihm denn einfalle, zu einer Ausländerin(!) ins Auto zu steigen? Wohlweißlich hat Opa das Trinkgeld verschwiegen – und es danach mit den anderen Kameraden „versoffen“. Und dann erzählte er noch irgendwas, von einer jungen Frau, die mit dem Hintern in einen Korb Kirschen gefallen ist, und das der rote Hintern das eigentliche Highlight des Rennens war – keine Ahnung, ich geb das nur so weiter…
Und auf dieses Rennwochenende in den späten 30er Jahren geht zurück, das der „Potsdamener Platz“ nicht nur in Berlin, sondern auch am Nürburgring liegt:
Eben weil so viele Menschenmassen damals schon in die Eifel strömten, war die hiesige Polizei damit einfach überfordert. Es wurden also Polizisten aus Berlin (!) in die Eifel abkommandiert, „weil die sich mit vielen Menschen und vielen Autos auskennen“. Und Opa hat mir überliefert, einer der Polizisten hätte verwundert gerufen „hier ist ja ein Verkehr wie am Potsdamer Platz?!“. Und seit dem trägt die Kreuzung der B257 (Köln-Trier) und der B258 (Mayen-Schleiden), die damals noch ebenerdig war, den Namen „Potsdamer Platz“.
Opa hat mir auch noch erzählt, das, als zu Anfang des Krieges, noch Rennen im Radio übertragen wurden, er den anderen Soldaten die Strecke genau schildern konnte. „Brünnchen“, „Schwalbenschwanz“, „Karussel“… einfach, weil er die Strecke kannte.

Das ab den 70er Jahren keine Formel-1 Rennen mehr auf der Nordschleife gefahren wurden, hatte natürlich viele Gründe. Aber in der rheinischen Mythologie heißt es: Der Niki Lauda hat den Ring kaputt gemacht. Der ganz allein. Die Wahrheit ist, das der Nürburgring um ein Haar Niki Lauda kaputt gemacht hätte, als er hinter Breidscheid in Anfahrt zum Bergwerk abgeflogen ist und beinahe lebendig verbrannt wäre.
Die Faszination, heute gottseidank ohne Nazis und leider ohne Opa, ist aber geblieben. Der Spitzname „Grüne Hölle“, oder einfach nur „der Ring“, kommen nicht von ungefähr. Der Nürburgring, die heutige Formel-1 Südschleife zusammen mit der legendären Nordschleife, ist die anspruchsvollste, längste, aufregendste und überhaupteste Rennstrecke der Welt.
Und eine ganze Region zehrt noch heute davon: als ich zusammen mit meiner Bar-Kollegin 2013 unsere Kellerbar in meinem Bonner Studentenwohnheim renoviert habe, waren wir uns über das Design und die Deko einig: schwarz-weiß-kariertes Linoleum und alte Rennsportplakate. Denn wenngleich sie auch aus dem Kreis Euskirchen (also schon NRW und nördlich des Nürnurgrings) kommt, so waren wir uns eins darüber, das Rennsportplakate in eine rheinische Kneipe gehören. Auch hier in Waldorf – wenn man aus dem Gastraum zu Klo geht, hängen an den Wänden alte Plakate aus den 60er Jahren „24 Stundenrennen“, „1000 Kilometer-Rennen“ etc.

Ich selbst hatte allerdings nie so den richtigen Draht zum Motorsport. Obwohl mein Fahrlehrer eine Rennlizenz hatte, und zusammen mit Michael Schumacher Kart-Rennen gefahren ist. Was mich den „Silberpfeilen“ etwas näher gebracht hatte, war die Frau von Mika Häkkinnen, Erja. Die fand ich damals heiß. Und weil mir meine Lucky-Strikes nicht mehr schmeckten, bin ich dementsprechend auf „West“ umgestiegen – und bis heut dabei geblieben.
Und so saß ich denn als 16-18 Jähriger mit meinem Opa im Wohnzimmer, und schaute Formel-1. Opa und wir waren uns einig: Es gibt nur drei Rennstrecken auf der Welt: Spa Francochamps, Monte Carlo und eben der Nürburgring – „alles andere ist was für Zivilisten“ (wie Opa „Menschen 2. Klasse“ zu betiteln pflegte).
[1. meinte er damit „ahungslose“ und Dummschwätzer und 2. mit einem Augenzwinkern.]

Der Ring gehört zum Kreis Ahrweiler. Meinem zu Hause.
Und von meinem Dorf bis da hoch fährt man grad ne halbe Stunde (wenn die Berge nicht wären, wäre man schnelle da^^). Sogar mit der Grundschule waren wir mal in dem damaligen Erlebniszentrum.
Und wenn ich heute Autorennen verfolge, besonders Rennen auf dem Ring (so auch das anstehende 24-Stundenrennen), dann denke ich an meinen Opa. Vielleicht guckt er ja aus dem Himmel zu.
So viel erstmal (…) von mir zum Thema Motor-Rennsport. Es gibt da noch ein paar innere Überlegungen und andere Geschichten – aber das kommt ein ander mal.

Fall durchs Dunkel

Überarbeitete Fassung

Ich laufe des nächstens eine Straße entlang, und frage mich, warum es 1942 ist. Und warum ich in Chicago bin. Und warum es regnet.
Mein Herz-Ohr möchte eigentlich „When the rain begins to fall“ hören, aber alles, was im Hintergrund dudelt ist „as time goes by“.
iIh finde das sehr beschissen. Von meinem nassen Trenchcoat und Schlapphut einmal abgesehen. Ich sehe mich um in der großen, nassen, schrill erleuchteten
Saxophon-Scheiß-Blues-Straße, und falle plötzlich in ein Loch.
Durch die Straßendecke rausche ich nach unten, und lande auf einem kaputten Sessel in einem großen dunklen Raum.
Langsam erst gewöhne ich mich an die Dunkelheit, die Wände abtastend. Ich stolpere mehrfach über umgefallene Möbel – und reiße mir einen riesen Riß in meinen Trenchcoat.
Da an der Wand hängt eine Kette. Offensichtlich, um eine Sub festzuketten. Bei der leichtesten Berührung zerfällt die Kette zu Staub.
Etwas weiter hängt eine Reitgerte an der Wand – auch sie zerfältt direkt zu Staub, nachdem ich die versuchte anzufassen.
Ich drehe mich um. Wo bin ich hier?
Der Dunkle Tempel? Der ort für das „echte“ ungezwungene BDSM? Warum sind die Lichter aus? Warum ist denn keiner hier? Und warum stolpere ich mit zerissenem Mantel über Unrat?
„Wo sind denn alle?“ frage ich halblaut.
Und bekomme Antwort:

„Die sind alle weg. Entweder sind sie bei Ophelias Autorenlesung oder auf der SecretNight.“
Ich drehe mich um, plötzlich stehe ich in einer Autowerkstatt. Johanna schraubt an ihrem gelben Rennwagen rum.
Nochmal frage ich: „Wo sind denn alle?“
„Hab ich doch grade gesagt – sind alle gegangen.“
„Chamaelita?“
„SecretNight.“
„Und Weitwinkel? Der ist doch nicht etwa auch auf der SecretNight?“
Johanna saufzte. „Nein. Der ist eben weg, hummelte was von Hasiküre.“
„Was?“
„Keine Ahnung. Fellpflege oder so. Jedenfalls bin ich noch hier.“
„Du erinnerst mich sehr an die Schlußszene aus „der Untergang“; der einzige, der noch übrig geblieben war, und bei dem noch Licht brannte, war der Mechaniker an der Lüftungssanlage.“
„Na herzlichen Dnak auch!“ brummte Johanna, ohne aufzusehen. „Schraubenschlüssel bitte!“
Ich reihte ihr den Schraubenschlüssel.
„Aber…aber…wo sind denn alle?“ ich war immer noch nicht ganz bei Sinnen. Jedenfalls kam es mir so vor.
„Na was glaubst du denn? Monatelang so gut wie nichts getwittert…nur hierund da was kryptisches.“
„Ich…ich glaube…ich war krank… oder so…“
ich versuche mich zu erinnern, und bin mir immer noch nicht ganz klar,ob ich in einem meta-Raum-Traum war, oder in der Wirklichkeit, oder ganz woanders.
„Und wo ist Kerstin?“
„Auf ner Fortbildung.“ Johanna sieht mich immer noch nicht an, da sie gerade mit einem Schraubenschlüssel eine Zündkerze festzieht.
„Krank warst du wirklich…und a friendly word of advice: du solltest ficken!“
„Johanna, du bist gut?! Wen denn? Siehst ja: ist keiner mehr da! Du bist lesbisch!“
„Das stimmt allerdings.“
Endlich sah sie mich an, als sie sich mit einem öligen Lappen die Hände vom gröbsten Öldreck befreite.
„Und damit du nicht gleich wieder in eine Sinnfindungskrise schlitterst, hab ich eine Aufgabe für dich!“
„Du? Für mich?“ Ich war irritiert. Vielleicht noch mehr als sonst.
„Ja. Du solltest dich mit etwas ablenken. Du brauchst eine Luftveränderung!“
„Ooooooh Vorsicht mit so großen Worten!…ich fühle mich, als hätte ich eine längere Automobilfahrt hinter mir…irgendwie..gerädert…“

Sie sah mich mit einem süffisanten Lächeln an: „längere Automobilfahrt ist das Stichwort: Weitwinkel und Du, ihr werdet mich auf den Nürburgring begleiten!“
„Was?“
„keine Widerrede! Ich habe das schon fix eingetütet! Das ist ja nicht so weit von deinem Dorf weg, oder?!“
„Nein, weit ist es nicht – aber was soll ich denn am Ring? Und Weitwinkel? Sollen wir uns ein Autorennen angucken?“
„Nope. Ihr sollt mitfahren. Alleine kann ich keine 24 Stunden am Steuer sitzen.“
ich schaute sie sehr skeptisch an. Das konnte sie unmöglich ernst gemeint haben.
„Wir sollen mit die beim 24-Stunden Rennen antreten? Johanna, du bist nicht nur lesbisch, du bist auch geisteskrank!“

(to be continued)