Das *andere* Land – Teil 3: Die Gräfin aus der Nachbarschaft.

Unweit des Dorfes „Wiezethal“, in dem sich Jens gerade niedergelassen hatte, gab es an der Straße zur Kreisstadt „Müssen“ einen auf der Landkarte vermerkten Wohnplatz. „Gut Synderhof“.

Gut Synderhof war von allem etwas: Bauernhof, Gutshof, Gestüt. Ein land- und forstwirtschaftlicher Betrieb, mit riesigen Liegenschaften.
Hier residierte „Katharina Friederike Gabriele von Niederzollern zu Gräfenberg“. Von allen anderen nur „Frau Gräfin“ gerufen. Von den wenigen Freunden „Gabi“, von ihrem Fickstück „Herrin.“

Die Gräfin betrieb mit ihrer „lockeren Lebenspartnerin“ und Gutsverwalterin unter anderem eine Reitschule.
Das heißt, die jungen Mädchen im Kichererbsenalter aus der Umgebung kamen nach der Schule zum Gut um „ihre“ Pferde und Ponys zu striegeln und auszureiten.
Was von den Heranwachsenden sorgsam getrennt war, und von der Gräfin als einträgliche Nebeneinnahme verbucht wurde, war die Tatsache, daß erwachsene Frauen eckiges Geld dafür bezahlten um ein „Reiterwochenende“ auf Gut Synderhof zu verbringen.
Allerdings handelte es sich hierbei darum, daß diese Frauen sexuellen Umgang mit den Zuchthengsten suchten – und dank der Gräfin auch fanden.
Was das betrifft war Gut Synderhof ein „Geheimtipp“ unter diversen Frauen. Und dann hatte Gut Synderhof noch eine weitere, noch geheimere Funktion: Hier befand sich eine kleine Ausbildungsstätte des ZA. Aber davon später vielleicht mehr.

Die Gräfin saß mit ihrer Gutsverwalterin beim nachmittäglichen 15.30-Uhr-Tee.
Auf dem Tisch stand das gute Porzellan und eine Gebäck-Etagere.
Unter dem Tisch kniete angekettet das kahlgeschorene Fickstück der Gräfin.
Während diese vielleicht etwas steif in ihrem Bleistift-Rock-Kostüm mit weißer Bluse auf dem Sofa bei jedem Schluck aus der Tasse den kleinen Finger abspreizte, wie sich das für höhere Damen gehört, so saß ihre Gutsverwalterin recht gemütlich im Sessel.
Cordula von Mackensen, so der Name der Gutverwalterin, war Diplom-Agrarökonomin. Und sie sah aus, wie die klischeehafteste ostpreußische Junker-Bitch der 20iger Jahre.
Kurze Haare, braune Reiterstiefel, Breecheshosen und ein weißes Männerhemd ohne BH darunter. Drei Knöpfe offengelassen. Sie machte sich nichts daraus, das man ihren recht flachen Busen sehen konnte. Die Gräfin bestand sogar darauf.
Cordula trank ihren Tee nicht aus dem feinen Porzellan. Sie bestand auf ihrem verbeulten Aluminiumbecher. Und eben diesen hielt sie in der einen Hand, während sie mit der anderen eine Zeitschrift hielt. Das „Auslandsjournal“.

„Gabi…hier hörmal“, Cordula war über einen Artikel aus Deutschland gestolpert. „Das mußt du dir anhören: Von unserem Korrespondenten aus der Bundesrepublik Deutschland: Die Gesellschaft in der Bundesrepublik erfährt zur Zeit tiefgreifende Veränderungen. […] Spaltung in zwei Lager: Die guten und die bösen. Wer Neger sagt, ist böse, ist ein Nazi […]“
„Nazis? fragte die Gräfin irritiert, und versuchte sich an ihren Geschichtsunterricht zu errinnern. „Das waren doch diese Verbrecher, die die Juden und die Polen massakriert haben, oder?“
„Ja… aber paß auf..hier steht weiter: „wer das Wort Neger verwendet, oder Angehöriger des Militärs ist, oder christlichen Traditionen und Werten anhängt, wird von den guten Menschen den bösen Menschen zugerechnet. Umgekehrt, wer sich für die Integration der geflüchteten Syrer und Neger einsetzt, oder das dritte, neutrale Geschlecht propagiert, oder aber muslimische Speisevorschriften öffentlich berücksichtigt, wird von den bösen Menschen zu den guten Menschen gerechnet. So ist aber auch derjenige, der eine gewöhnliche Zigarette raucht böse, wer hingegen Rauschgift-Zigaretten raucht (sogenannte Joints) ein guter Mensch.“
„Was? Drittes Geschlecht?“ die Gräfin runzelte die Stirn.
Cordula zuckte ratlos mit den Schultern. „So stehts hier. Anscheinend gibt in Deutschland noch mehr als Männlein und Weiblein. Was weiß ich…“
„Und Joints sind gut oder was? Ich mein, Speisevorschriften aufgrund der Religion lasse ich ja noch angehen. Dann gibts halt kein Schwein für die, die es nicht dürfen… aber…lies weiter…!“

Und so las Cordula Gabi, der Gräfin, den ganzen Artikel vor. Der Korrespondent hatte es sicherlich gut gemeint, aber da die Kontakte nach Deutschland noch nicht so lange bestanden (Jens war ja erst vor kurzem als einer der ersten Ausländer ins Land gekommen), hatte aber in seiner Naivität ein Bild gezeichnet, das vielleicht „etwas“ verzerrt war.
Und bei jedem Abschnitt, den Cordula vorlas, war die Gräfin irritiert.
„Was? Frauen in Deutschland fühlen sich sexuell belästigt, wenn ihnen ein Mann hinterherpfeifft?“
„So stehts hier.“
„Ich wäre persönlich angepißt, wenn die Männer mir nicht hinterherpfeiffen würden!“ die Gräfin rollte mit den Augen.

„So stehen sich unvereinbar die Lager der guten Menschen und der bösen Menschen in Deutschland gegenüber. Die ersten sammeln sich unter der Flagge grünen Partei, die letzteren unter der der blauen Partei. Und da aufgrund des Lagerkampfes die große Masse sich nicht mehr traut, eine eigene Meinung zu haben, da man sofort von einer Seite in die andere gestellt werden würde, verlieren die Parteien der Mitte, so die Arbeiterpartei (SPD) fortlaufend an Zustimmung. […]
Da durch das Internet und die Globalisierung eine Individualisierung in der deutschen Gesellschaft Einzug gehalten hat, es keine „soziale Klammer“ mehr gibt,
keine Parteien, keine Religionsgemeinschaften und keine Gewerkschaften, und einjeder „sein Ding“ macht, ist diese Gesellschaft paradoxerweise sehr anfällig geworden für eine Spaltung. Auch durch das schlechte Abschneiden der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der letzten Weltmeisterschaft bei gleichzeitig immer mehr kommerzialistiertem und hashtaggisierten Auftreten derselben, ist den Menschen in Deutschland das letzte verbindende Element genommen worden. Eines der größten Probleme in Deutschland bleibt aber der Fremdenhaß, besonders in den durch Sozialismus atheistisch gewordenen Ostgebieten.“

Irgendwann hatte die Gräfin genug.
„Hör auf. Das ist ja nicht zum aushalten. Wenn ich eine Zigarette in einem Dieselauto rauche, bin ich böse, wenn ich als Frau in Männerkleidern die Herrentoilette benutze, einen Joint rauche und Atheistin bin, dann bin ich gut? Und weil ich Lesbe bin, bin ich gut, aber wenn ich mich von Männern anpfeifen lasse, bin ich wieder böse? Wie kann man denn da etwas gegen Fremdenfeindlichkeit machen, wenn ich aufgrund meines Lebenswandels von den guten für böse gehalten werde, oder für die Integration, wenn ich wegen zweierlei Sorten Wurst von den bösen für gut gehalten werde?“

Sie hoben die Kaffee, besser gesagt die Tee-Tafel auf.
„Ich muß noch nach unserer Betty sehen. Lange kann es nicht mehr dauern, bis das Fohlen da ist.“ Cordula stand auf. Sie kümmerte sich um fast alles auf Gut Synderhof – aber die Stute Betty lag ihr ganz besonders am Herzen.
„Ich hab dem Tierarzt schon bescheid gesagt…“ murmelte die Gräfin gedankenversunken. Sie war durch den recht verwirrenden Zeitungsartikel ins grübeln gekommen.

Am nächsten Morgen, das Fohlen ließ noch auf sich warten und die Gräfin hatte unruhig geschlafen, saßen sie wieder zu dritt beim Frühstück.
Cordula fiel auf, das die Gräfin immernoch innerlich „auf etwas herumkaute“.
„Was ist los? Irgendwas beschäftigt dich doch?“
„Na der Artikel. Was du mir gestern vorgelesen hast…“
„Ich glaube, daß das nur die halbe Wahrheit ist. Die Menschen in Deutschland sind wahrscheinlich genauso normal wie wir.“
„Wir müßten uns mal mit einem Deutschen unterhalten. Jemand, der von da ist. Ich bin neugierig geworden.“
Cordula hielt inne, als sie gerade ihre Aluminiumtasse am Spülbecken abtrocknen wollte. „Du…warte mal….ich glaube hier wohnt sogar einer?!“
„Was?“
„Na ein Deutscher. Aus der Bundesrepublik. Der ist neu hierher gezogen, so wie ich das im Dorf so gehört habe. Als ich neulich beim Arzt war, hab ich den glaube ich sogar gesehen. Da saß der im Wartezimmer. Stell dir vor, der hatte Turnschuhe an! Und sein Hemd hing über die Hose. Als erwachsener Mann am hellichten Tag!“
„Oh Gott…?!“
„Ja…wenn ichs dir sage!“
Die Gräfin überlegte. „Hm… ungeachtet eines solch exzentrischen Erscheinungsbildes möchte ich diesen Mann trotzdem kennenlernen. Wir laden ihn ganz unverbindlich zum Kaffee ein. Sonntag Nachmittag.“
„Wenn du meinst…“ Cordula zog die Augenbrauen nach oben.
„Ja ich meine! Man verschafft sich am ehesten Klarheit und überwindet Vorurteile, wenn man sich traut auf unbekanntes zuzugehen!“
„Oh Gott..Frau Gräfin hat ihren philosophischen Tag!“ scherzte Cordula.
„Werd nicht frech, Mädchen!“ die Gräfin hob ebenso scherzend den Zeigefinger. „Sonst kannst du mal nen Tag mit dem Fickstück hier tauschen!“
Dabei tätschelte sie liebevoll den kahlrasierten Kopf ihrer Sklavin, die zu ihren Füßen auf dem Küchenboden ihr Frühstück aus dem Napf schlabberte.

So kam es denn, das unserem Einwanderer Jens, am nächsten Tag eine Einladung in den Biefkasten flatterte.

…to be continued…

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