die Operation „Prinzessin“.

Es war in der Zeit, als der @ChefleGrand so krank und still war. Er selbst hat an den folgenden beiden kurzen Episoden keinen aktiven Anteil.

die erste: die Operation „Prinzessin“.

Es war da mal eine twitter-userin, ein kleiner, scheuer Zweitaccount einer Frau (zwecks rrr und so, sie wissen schon). Mit der hatte der Chef mal vor ewigen Zeiten was hin und her geschrieben, aber das wars dann auch. Allerdings hatte der Chef auch einen Aktenvermerk hinterlassen „sehr liebenswürdige Person!“.

Als nun der Chef nun krank daniederlag, und sich zu nichts äußern konnte, hatten die Leute vom Geheimdienst (also die, die einmal in der Woche in den Account reingucken und nach dem rechten sehen) etwas bemerkt:
Ausgerechnet diese klein-Account Frau, mit der nie irgendwas groß gewesen war, war nun von einem arabischen Dom-Prinzen nach Marokko entführt worden – wo sie todunglücklich und fehlgespankt war.
Und dann war da dieser Aktenvermerk vom Chef.

Und da die provisorische Regierung unter Weitwinkels Führung nun irgendwas tun wollte, um weiter „Handlungsfähigkeit“ zu demonstrieren, wurde nun überlegt, was denn nun zu tun sei.
Wie gesagt, es war niemand „berühmtes“, eigentlich ein „random“-Teil der ntl-Timeline. Aber dennoch sollte hier was getan werden.
Weitwinkel wollte sie befreien lassen, nachdem er die Akten und die Tweets sorgsam studiert hatte. Johanna deClerk erklärte, das ZA hätte immerhin noch ein einsatzfähiges Sonderkommando, welches Geiseln befreien könne. Also bequatschten sie die Außen- und Kriegsministerin, ob man denn nicht ein Flugzeug von der Luftwaffe haben könne.
Angesichts der knappen Treibstoff und Ersatzteillage rollte die [die Ministerin] natürlich gewaltig mit den Augen, und überhaupt, die Kosten!
Aber schließlich und letztendlich gab sie dann doch ihr „OK“.
Keine 24 Stubnden später donnerdröhnte eine alte Transall über das Atlas-Gebirge.
Johanna sprang mit einem Spezialkommando von 6 Kampflesben über der Wüste ab – sie konnten das Tuareg-Lager des Dom-Prinzen finden, diesen und seine Getreuen im Schutze der Dunkelheit überwältigen und „eliminieren“ (…) – und natürlich die betreffende Dame befreien. Mit geklauten Jeeps traten sie dann den Rückweg durch die Wüste nach Tanger an. Dort wartete Weitwinkel im spanischen Konsulat – er brachte die Frau wohlbehalten aufs europäische Festland, nach Spanien und endlich wieder nach Hause nach Deutschland.
Heute ist sie wieder ein wertvoller Teil der ntl-bdsm-Timeline. (und hat einen neuen guten Dom gefunden).

Niemand, weder Mundorf selbst, noch die Leute auf twitter haben jemals etwas von dieser Aktion mitbekommen. Johanna und ihre 6 Kampflesben bekamen das „Twitterkreuz“ verliehen (bzw. sie selbst das Rettichlaub dazu) – und die Auflage, nie über diesen Einsatz zu sprechen. Nichtmal eine Gehaltserhöhung.
Und die Welt dreht sich weiter, als wäre nie etwas gewesen. Es wird weiter gerrrrt. Die Spuren der Aktion verwehen im Wüstensand.

das 104. Kamel – Bäder, Lesben und Delphine Teil 12 (Ende)

Ich habe die ganze Geschichte seit ungefähr einem halben Jahr im Kopf gehabt – und seit einem Vierteljahr dran geschrieben. Ich bin mit diesem Ende nicht sonderlich zufrieden, aber wenn ich es jetzt nicht raushaue, dann bleibt sie in meinem Kopf, und davon würde ich endgültig bekloppt. Daher muß der Unsinn raus. Damit die zukünftigen Textbeiträge wieder seriöser und unterhaltsamer werden.

Ich könnte es ja ganz kurz machen, und telegrammartig zusammenfassen, was passiert ist, als ich meiner Truppe durch das Tor folgte. Vielleicht wäre es dann nicht so langatmig, so (unnötig) detailverliebt.
Vielleicht sollte ich einfach „zum Schluß kommen“, und eine höchst merkwürdige Geschichte bald hinter mich bringen, damit ich schnell etwas neues, etwas unterhaltsames erzählen kann.
Aber das würde meinen Protagonisten nicht gerecht. Einige von ihnen haben mich seit Jahren begleitet – und die Geschehnisse, die in diesem vermaledeiten US-Stützpunkt noch passierten, sind in mehrfacher Hinsicht eine Zäsur. Sowohl in der Geschichte selbst, als auch für mich. Klingt komisch, und ich weiß auch nicht, ob ich jemals die Gelegenheit haben werde, die ganze Meta-Ebene mal aufzulösen.
Aber dieses Ende ist wichtig. Auch wenn es nicht so lustig ist, wie man vielleicht hoffen mag.

„Viele Jäger sind des Hasen Tod“ heißt es ja. Das aber auch „Viele Hasen des IS-Terroristen Tod“ sind, ist bis dato der Weltgeschichte verborgen geblieben.
Als ich mich hinter den ZA-Mädels durch das Eingangstor des US-Stützpunktes quetschte, schoß mir dieser Gedanke durch den Kopf, und allerlei Kugeln um den Kopf.
„Martin! Kopf runter!“ eine Frauenstimme, ich weiß icht mal mehr, ob es Kerstin, Sally oder Johanna war, rief mir das zu, und im nächsten Augenblick wurde ich zu Boden gerissen, noch ehe ich mich umsehen konnte.
Wir hockten hinter mehreren umgekippten Fässern, und ich traute mich nicht mal umzusehen, mit wem ich da hockte. Ich hörte Kalashnikows feuern, ich hörte unsere Waffen das Feuer erwidern. Und immer zwischendrin „Allah hu akbar!“. Das waren jedenfalls nicht Weitwinkel uns seine Marine-Infanterie-Hasen, und auch nicht die Mädels des ZA.
Es war Sally, die neben mir hockte: „Das ist der letzte Einsatz des ZA, vor dem Ablauf der Frist. Da muß ich unbedingt dabei sein!“
„Na spitze! Sag mir lieber mal, wer wo ist, und wo wir hinmüssen!“
„Links vor uns sind ein paar Garagen und Verladerampen – da ist Weitwinkel mit seinen Leuten hin. Rechts vor uns sind Baracken, da sind die Terroristen. Kerstin und Johanna sind mit der ersten Gruppe Mädels schon mal vor, um hinten rum ranzu kommen. Wir sind die zweite Gruppe und, und gehen vorne rum!“
„Moment – da wo man von allen Seiten gesehn wird? Auf dem Präsentierteller? Spinnst du?“
Ich nahm einen vorsichtigen Blick über die Fässer: überall auf dem ganzen Gelände lagen Tote, meist amerikanische Soldaten, auch einige offensichtliche IS-Kämpfer waren darunter.
Zu meinem Bedauern sah ich aber auch drei Marine-Infanterie-Hasen und zwei ZA-Mädchen bereits im Staub liegen. Ich bekam einen Kloß im Hals. Das hier war jetzt wirklich ernst.

Ich erspare uns allen längere Schilderungen des Kampfgeschehens, nur so viel: Es war ein anstrengender Häuserkampf von Baracke zu Baracke. Eine Gruppe stürmte vor, die andere gab Feuerschutz und umgekehrt.
Tür auf, Handgranate rein, hinterherspringen, ganzes Magazin in den Qualm reinfeuern, hoffen das da keiner mehr zurückfeuert.
Natürlich gab es bei uns Verluste –aber ich zählte nicht mit. Ich hatte einfach keine Zeit dafür – und war mit mir selbst beschäftigt. Und so, wie es sich mir darstellte, hatten wir die IS-Kämpfer überrascht. Teilweise – man verzeihe mir die Ausdrucksweise – schien es, als ließen sie sich abknallen „wie die Hasen“.
Unsere Hasen jedoch, schienen sich recht tapfer zu schlagen, denn jedesmal, wenn ich mal einen Blick riskieren konnte, sah ich Weitwinkel und seine Mannen wacker kämpfen.
Nach einer dreiviertel Stunde hatten wir tatsächlich sowas wie eine Feuerpause: Ich hockte mit Johanna und drei Mädels ziemlich außer Atem und verschwitzt in einer Baracke – dem zertrümmerten Mobiliar war es wohl ein Büro gewesen. Ironischerweise hing das Bild von Barack Obama noch unzerstört und fröhlich grinsend an der Wand.
Ich hatte mich auf einen Bürostuhl fallen gelassen, und Johanna schob ihr Gesicht zwischen Jalousie und Fenster, um zu erfahren, wie es wohl draußen stünde. Die drei Mädels hockten auf dem Boden, und teilten sich Wasser und Zigaretten.
Kerstin, Sally und die anderen waren damit beschäftigt, die übrigen Baracken zu durchsuchen. Von Weitwinkel und seinen Marine-Infanterie-Hasen war momentan weder etwas zu hören noch zu sehen. Deshalb wagte Johanna einen Blick nach draußen.
Dann ging alles ganz schnell: Die Tür flog auf, und zwei der IS-Terroristen standen im Raum, die sofort das Feuer eröffneten. Ich war starr vor Schreck – und es dauerte einen Moment, bis ich die Fassung wieder errungen hatte. Zu spät: die drei Mädels, die gerade noch gelebt hatten, waren tot. Sie lagen blutüberströmt und zusammengesunken auf dem Fußboden. Die eine hatte noch die glühende Zigarette in der Hand.
Offenbar hatten die beiden Angreifer – junge Typen Anfang Mitte zwanzig, der Kleidung nach Zivilisten – nicht genug Kugeln für uns alle übrig gehabt, denn nun gingen sie die Kalashnikow als Keule nutzend auf mich los.
„Allah hu akbar!“ schrie der eine Kerl. Er hätte genausogut ein freundlicher Kollege aus meinem Studentenwohnheim damals in Bonn Auerberg sein können, mit dem man ganze Abende bei Whisy-Cola an der Bar verbringt. Aber das Schicksal wollte es anders.
„Dat heesch Kölle Alaaf!“ schrie ich, und riß meine Luger hoch, und wummerte nacheinander sechs Schuß in ihn rein – das Magazin war leer, der Verschluß der Luger stand offen und der junge Araber sank stumm zu Boden.
Mir war in diesem Blick wirklich nichts vernünftigeres eingefallen als „Kölle Alaaf!“. Das betrübt mich heute noch.
Zeitgleich erklang von der Tür ein wildes Geschrei – und ich sah, wie Sally mit einem langen Schrei von hinten auf den zweiten Angreifer zu rannte – mit erhobener Doppelklingen-Streitaxt in der Hand, die sie dann auch mit aller Wucht auf – nein in – seinen Hinterkopf schlug.
Schwer verletzt ging auch dieser Mann zu Boden. Was nun folgte – nun, eigentlich konnte ich nicht hinsehen, war aber wie von schockiertem Ekel gefesselt und gebannt. Sie hämmerte immer wieder mit aller Wucht auf den am Boden liegenden ein. Blut spritzte durch den Raum – Schädelsplitter und Gehirnmasse flogen wild umher; Sally erging sich in den wildesten gälischen Flüchen, wenngleich das immer wieder auf den nun Toten einschlagen sie sichtlich erregte. Der Kopf des Arabers war nur noch zur Hälfte da – die andere Häflte lag als rot-gelber Blut und Hirnbrei überall herum (und klebte pikanterweise als Hitlerbärtchen auf dem Bild von Präsident Obama).
„Sally!“ schrie ich. „Hör auf! Er ist tot!“
Aber sie war nicht aufzuhalten – im Gegenteil, nun ging sie daran und schlug wie wild auf den Oberkörper ein. Nicht mehr lange und sie würde ihm die Eingeweide heraus reißen.
„Killing my girls, aye? Fucking seventytwo virgins in paradise, aye?!“ fluchte sie und hieb weiter auf den Leichnam ein.
Das wurd mir denn jetzt doch zuviel – ich veriegelte meine Pistole, und schritt zu ihr hin, und hielt sie Sally an den Kopf: „Sally Alexis oConnor – stop it! Stop it at once! Or I´ll trim the walls with your brains!“
Endlich ließ sie von ihrem tun ab.
Erschöpf keuchte sie… „scheiße… Martin… ich wäre beinahe gekommen!“
Das ZA war nicht an die Genfer Konvention gebunden – und Sally im Blutrausch.
„Ja. EBEN WEGEN GENAU SOWAS hab ich dich damals entlassen!“
„Is ja schon gut Martin…“ sagte sie mit leiser Stimme, immer noch etwas keuchend und erhob sich. Sie ließ die bluttriefende Axt, die jedem twitterer alle Ehre gemacht hätte, zu Boden fallen.
Erst jetzt fiel mir auf, das ich Johanna nicht sehen konnte. Ich war erschrocken: hoffentlich war sie nicht auch getroffen worden! Doch ein langgezogenes seufzen hinter dem Schreibtisch ließ mich aufatmen: Sie lebte! Sally und ich stürzten über den Schreibtisch zu ihr hin. Johanna lehnte mit dem Rücken an der Wand, und preßte sich mit der rechten Hand auf den blutenden linken Oberarm.
„Ein Streifschuß – nichts ernstes…aua!“ sie biß die Zähne zusammen.
„Hanny…!“ Sally beugte sich zu ihr runter und untersuchte die Wunde.
Ich ließ mich durch ein Geräusch an der Tür ablenken – hoffentlich nicht schon wieder ein Angreifer!
Aber es war unsere Sanitäterin Daniela und ein Marine-Infanterie-Hase, die hastig zur Tür reingeflogen kamen.
„Ach du scheiße…was ist denn hier los?“ Daniela sah sich um.
„Dani, du kommst uns wie gerufen, kümmer dich um Johanna – sie hat was abgekriegt!“ In Situationen wie solchen, verschwinden die höflichen Anreden mit „Sie“ und Dienstgrad ganz, ganz schnell.
Ich wandte mich zu dem Marine-Infanterie-Hasen: „Und was führt Sie zu mir?“
Der arme Kerl zitterte am ganzen Leib.
„Frau Maier und Herr Weitwinkel schicken mich, mein Chef!“ nuschelte er. „Ich soll ausrichten, das wir die Baracken nun unter unserer Kontrolle haben – alle Feinde sind tot. Allerdings haben auch wir Verluste!“. Der Hase seufzte tief betrübt und weinerlich.
„Wie viele?“ wollte ich wissen.
„Zu viele!“ antwortete stattdessen Daniela, die gerade Johanna eine Spritze setzte. „Ich komm grad von da oben. Es sind einfach zu viele, Chef. Aber wenigstens haben wir die Schweine alle gemacht!“
Wieder wandte ich mich zu dem Hasen: „Wo ist Frau Maier jetzt? Und wo ist Weitwinkel?“
„Frau Maier ist oben im ersten Stock, und kundschaftet die Lage aus! Herr Weitwinkel ist…“
Wumm!
Eine riesige Explosion schnitt ihm das Wort ab – eine Druckwelle fegte durch den Raum und die Scheiben flogen uns in Splittern um die Ohren – wir flogen allesamt zu Boden.
„Was zur verfickten Hölle war das?“ schrie Sally.
„Hörte sich an wie eine russische RPG (eine Art Panzerfaust)!“ antwortete Johanna, die, nun frisch verbunden, nach Dani umsah.
Daniela lag regungslos auf dem Boden – und blutete stark am Kopf. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, daß ihr eine Glasscherbe ins rechte Auge gedrungen war!
Johanna stürzte sich nun auf sie, die sie gerarde selbst noch verarztet hatte: „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“
Sally lugte nun vorsichtig am Fenster: „Ich seh nichts… diese Gottesficker trauen sich nicht mehr, oder was?“ es folgten wieder eine Menge gälischer Flüche, die ich weder dem Wortlaut geschweige denn dem Sinn nach wiedergeben kann.
Neben mir kauerte nun der Hase.
„Ich habe Angst.“ seufzte er, leise weinend.
Ich überlegte, was zu tun sei – einerseits mußte ich unbedingt mit Kerstin sprechen, aber erstmal wollte ich den armen Kerl beruhigen.
„Wie heißen Sie, mein Freund?“
„Ich heiße Kurt und bin ein Hase.“
Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Alles gut, Kurt…wir kommen hier auch wieder weg!“
„Hoffentlich…ich mag eigentlich keine lauten Geräusche…“ seufzte er hummelnd.
„Warum sind Sie hier, was machen Sie denn sonst?“
„Ich bin hier, weil mein Landesherr Weitwinkel auch hier ist. Darum habe ich mich frreiwillig gemeldet. Im Zivilberuf bin ich stellvertretender Bonsai-Beauftragter im botanischen Garten. Ich sitze vor den Bonsaibäumen, lutsche am Daumen und pflege die Bonsaibäume. Mein Bein tut weh. Ich will nach Hause.“
Erst jetzt sah ich, das auch er an seitem linken Bein (oder sagt man da Pfote?) stark blutete.
„Sally! Kümmer dich mal um den Kameraden hier!…Ich geh mal Kerstin suchen…das wird mir alles zu bluttriefend hier!“
Ein letzter Blick noch zu Johanna, die sich um Dani kümmerte – vorsichtig zog sie einen langen Glassplitter aus ihrem Auge, und Dani stöhnte horrorerregend. Höchste Zeit, das ich da raus kam!

Die „Verwaltungbaracke“ in dessen Erdgeschoß wir uns befanden, war zweigeschossig. Ich hastete die Treppe hoch – dabei immer wieder über Leichen steigend. In der Mehrzahl tote Terroristen, tote Amerikaner aber leider auch immer wieder mal ein vertrautes Gesicht eines ZA-Mädels.
Oben angekommen, traf ich Kerstn, die auch an einem Fenster hockte, und Ausschau hielt:
„Martin, Kopf runter!“
In dem Raum, ebenfalls ein Büro, befanden sich außer ihr noch so ca. 12-14 ZA-Mädels.
„Kerstin… wo sind die anderen?“
„Tot Martin, tot.“
Ich kroch zu ihr ans Fenster.
„Martin – ich habe eine schlechte und eine gute Nachricht…“
„Laß mich raten – die schlechte ist, das wir ziemlich hohe Ausfälle haben, oder?“
„Ja.“
„Und die gute?“
„Wir haben 121 von den Arschgeigen gekillt – die Mädels hier und ich haben gerade zusammengezählt.“
„Dann machts mit denen unten 123.“
„Wie geht’s den anderen?“
„Johanna hat einen Streifschuß abbekommen, Dani hat einen Glassplitter ins Auge bekommen – keine Ahnung wie schlimm das ist. Einer von Weitwinkels Hasen ist bei uns – aber auch verletzt.“
„Und Sally?“
„Sally geht’s gut. Kennst sie doch.“
„Etwa die Axt?“ fragte Kerstin distingiert.
„Ja…“
Sie seufzte. „Na schön – so wie es aussieht haben wir die Gebäude alle unter Kontrolle – bis da hinten den Flugzeughangar und den Tower. Da haben sich wohl welche von den Brüdern eingeigelt –mit schweren MGs und Granatwerfern.“
Ich riskierte einen Blick über die Fensterkante – und sah eine große Freifläche zwischen unserer Position und dem Hangar samt Tower.
„Freies Schußfeld, Kerstin. Wenn wir alle da drüber laufen, dann machen wir uns alle zu Zielscheiben.“
„Wir brauchen Ablenkung und Feuerschutz…“
„Ja – ich möchte bloß wissen, wo Weitwinkel mit seinen Leuten steckt.“
„Die sind dahinten, auf der anderen Seite der Straße, irgendwo bei den Garagen.“

Ich rekapitulierte wieder einmal kurz in Gedanken, warum wir hier waren, was hier eigentlich unser Ziel war, und auf was es jetzt an kam: Ok, bis jetzt hatten wir einen Stützpunkt zur Hälfte eingenommen, aber immer noch keine Atombombe gefunden. Dafür aber viele Terroristen.
Nach logischem Denken kam ich zu dem Schluß: Wenn es hier überhaupt eine Bombe gäbe, dann wäre sie in der Nähe der Flugzeuge. Und dort würde auch die „fähigen“, die Anführer der Terroristen sein. Und genau da mußten wir hin.
Aber eingedenk der Verluste unserer Truppe, hielt ich es für geraten, daß das eine Aufgabe derjenigen sein sollte, die den ganzen Unfug hierzu verantworten hatten.
Ich wandte mich zu den Mädels im Raum: „Alle mal herhören! Diejenigen, die noch fit sind, bleiben hier oben, und werden uns gleich Feuerschutz geben – die verwundeten gehen bitte nach unten. In den Raum genau unter uns!“
„Martin, was hast du vor?“ wollte Kerstin wissen.
„Das kann ich dir mit einem Wort sagen: Wir, d.h. du, Sally, Johanna und ich, wir bringen das hier jetzt zu Ende. Wir suchen erst Weitwinkel, und lassen uns von ihm und den paar Mädels hier Feuerschutz geben.“

Gesagt, getan: zur viert schlichen wir also aus den Baracken auf der Suche nach dem verlorenen Weitwinkel.

Um zu der Garagenhalle zu kommen, mußten wir den Platz überqueren. Dort lagen schon einige tote US-Soldaten und niemand hatte Lust, sich zu ihnen zu legen. Leider beherrschte der Tower das ganze Gelände.
Also wie rüber kommen? Es lief wohl darauf hinaus, das wir einzeln einen Spurt würden hinlegen müssen.
Ein vorsichtiger Blick auf den Tower verriet mir, das sich dort oben fünf Terroristen aufhielten – drei mit schweren Maschinengewehren und zwei mit Panzerfäusten (keine Ahnung ob das russische RPG oder amerikanische LAW waren.)
„Vielleicht sollten wir einen Bauchtanz aufführen um sie abzulenken?“ frotzelte Johanna, als ich meinen Begleiterinnen das Ergebnis meiner Beobachtung mitteilte.
„Ja genau. Martin zeigt seinen Bauch, und wir tanzen dazu.“ grinste Sally.
In anbetracht der Sitation schien mir das für einen Moment die bessere Alternative – aber nunja.
„Und, was meinst du dazu, Kers…“ ich kam nicht dazu, mir die dritte Meinung einzuholen, denn aus allen Ecken tönte auf einmal eine Lautsprecherbeschallung:
„Festgemauert in der Erden / Steht die Form, aus Lehm gebrannt. Heute muß die Glocke werden. Frisch, Gesellen seid zur Hand ! … Tandaradei – ich zoch mir einen Falken / Als Eselbruck reicht mir heut kein Balken…“
Weitwinkel! Offenbar hatte er die Lautsprecheranlange gefunden, in Gang gesetzt und erfreute uns nun mit Fragmenten klassischer Bildung. Das blieb auch nicht ohne Wirkung: Denn aufeinmal kam eine Horde von ca. dreißig Terroristen aus der Richtung des Hangars und Towers in unsere Richtung gelaufen. Außerdem pfiffen die ersten Granaten heran, die munter Staub- und Splitterwolken verursachten, als sie zwischen Tower und unserer Position einschlugen.
Aus der Garagenhalle stürmten Marine-Infanterie-Hasen auf die Terroristen zu – wozu also noch zu ihnen rüber laufen?
Warum überhaupt noch irgendwas organisieren?- dachte ich: und Kerstin, Johanna und Sally waren schon längst losgelaufen, um es den vorwärts stürmenden Hasen gleich zu tun.
Ich also hinterher – mit dem Erfolg, das offenbar irgendjemand beschlossen hatte, sich mit einem Maschinengewehr auf mich einzuschießen.
Ich sprang einfach in das nächste Sandloch, das ich finden konnte: direkt neben Kerstin, die sich gerade ihre Reserve-Munition aus den Taschen holte und ihr Gewehr nachlud. Kaum lag ich neben ihr, sprangen von rechts und von links auch Sally und Johanna zu uns in das Loch – eine MG Salve spritzte jeweils hinter ihnen im Sand auf.
„Mädels!“ ich versuchte, gegen den ohrenbetäubenden Lärm anzukommen „ihr wißt, daß ich in zehn Minuten aufm Jobcenter in Sinzig einen Termin habe!!!“
Wieder pfiff eine Granate heran – die keine 10 Meter vor uns auf dem Boden detonierte, und uns in eine Staubwolke einhüllte. Ein ent-setz-liches fiepen hatte ich in den Ohren. „Tja… ich schätze, die werden heute wohl auf dich verzichten müssen!“ schrie mir Kerstin ins Ohr – sprachs, und wummerte mit ihrem FG42 wieder ein paar Schuß in Richtung Feind, bevor sie sich wieder zu uns runter duckte.
Und dann stand auf einmal wieder die Zeit still.
Sally sah mich an. „Hey Martin…“ grinste sie. „guck mal: wir vier. Wieder vereint. Du, Kerstin, Johanna und ich. Wie früher. Wie in alten Zeiten!“
„Sally…Wir haben keine Cherry-Coke. Keine Lucky Strikes und wir haben keine Akne mehr!“
„Dafür haben wir ne Menge Rock´n´Roll, findest du nicht?“
„Aaalles bestens, Sally… ich häng hier mit drei bis unter die Zähne bewaffneten jungen Frauen und mit werweißnochwievielen bis unter die Zähnen bewaffneten humanoiden Hasen in Marineuniform in der arabischen Wüste unter feindlichem MG-Feuer fest, und das obwohl ich eigentlich beim Jobcenter sein müßte. Wenn ich das twittern würde, würde mir das doch kein Mensch glauben! Mehr Rock´n´Roll geht nicht!“
Johanna lachte: „Wir sind alle was älter geworden. Aber es macht immer noch Spaß!“ (Ich hatte so stark in verdacht, daß die Spritze, die sie eben noch von Daniela verabreicht bekommen hatte, alles, nur kein Morphium erhielt – so euphorisch wie sie klang…)
„Älter und reifer!“ ergänzte Kerstin.
Ich blickte zweifelnd Sally an. „Reifer? Naja…!“
„Ey!“ sie stupste mich in die Seite „welcher Langzeitarbeitslose darf schon mit so schönen, höchst sexy Kampflesben wie uns die Welt retten? Hä?!“
Ich seufzte… „ach Sally… ich hab dich auch vermißt!“ und dann gab ich ihr einen Kuß auf die Wange.
„Na also – geht doch!“
„Also – wenn ich es mir aussuchen könnte, mit wem ich zusammen unter feindlichem Feuer liegen muß – dann seid ihr es!“
Eine riesige Explosion ließ duns zusammenzucken – als ich aufsah, sah ich zwei brennende, tote Marine-Infanterie-Hasen rückwärts durch die Luft auf den Boden fliegen.
„Es wird Zeit, das wir hier vom Fleck kommen!“ rief ich – und suchte nach dem Reservemagazin meiner Pistole.
„Bei vier!“ rief Kerstin, um gegen den Lärm anzukommen – und vier..das war ein alter Joke, den nur wir vier in diesem Sandloch kannten.
„Warte!“ Unterbrach sie Sally „Wir gehen alle dabei drauf, aber wenn das hier der letzte Einsatz ist, dann will ich wenigstens gut dabei aussehen!“
„Was um Himmels Willen hast du vor?“ fragte ich sie, während ich meine Luger geladen und ensichert hatte.
Ich brauchte nicht lange auf die Antwort warten: Sally zog sich ihr T-Shirt aus. (sie und ich waren ja die einzig zivil gekleideten in der ganzen Truppe). Damit nicht genug: Sie begann sich am schwarzen BH rumzufummeln, der kurz danach aufsprang.
„Sally?! Bist du irre? Was soll das geben?“
„Diese Kamelficker sind doch alle sexuell frustrierte Irre“ (wie zur Bestätigung ertönte zwischen dem Gefechtslärm mal wieder ein „Allah hu akbar!“) „…die haben noch nie vernünftige Titten gesehen!“ –sprachs – und im selben Augenblick lagen die ihrigen frei.
„Sally – bitte! Wir sind keine spätpubetären 16-17jährigen mehr!“
„Hast du was gegen meine Titten?“
„Nein!…aber…das ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um blanz zu ziehen! Willst du die IS-Terroristen etwa blenden? Kerstin, sag du doch was…!“
„Sorry Martin…aber ich werde nicht mit meiner Frau über ihre Titten diskutieren. Alle fertig?“
Ich schüttelte nur den Kopf. Das war typisch Sally, und das war typisch Kerstin.
Wir hockten mit unseren Waffen mit dem Rücken zum Feind. Kerstin zählt runter „ein – zwei – vier!“ wir drehten uns um, sprangen auf, und stürmten vorwärts.

Hirnrissigerweise spielte die Lautsprecheranlage nun einen Walzer: „an der blauen Donau“ von Johann Strauss.
Die Terroristen, die Marine-Infanterie-Hasen und wir waren nun näher als Schußdistanz nherangekommen: es entwickelte sich eine wilde, üble Keilerei. Gewehrkolben wurden als Keulen verwendet, Sally ließ (man bedenke: oben ohne!) ihre Axt tanzen d.h. in Gehrine niedersausen, Kerstin probierte sich in Judo und Karate-Tritten und ansonsten in Pistolenschüssen, Johanna boxte, schoß und schlug – und alles in Strauss´ Dreivierteltakt…
Ich stand irgendwie „daneben“ – oder „neben mir“, je nach Sichtweise.
Endlich entdeckte ich Weitwinkel – er stand auf einer LKW-Verladerampe und hatte gerade wohl seine Maschinenpistole leer geschossen, als zwei IS-Terroristen auf ihn zustürmten.
„Weitwinkel! Achtung!“ rief ich noch, um ihn zu warnen.
Weitwinkel sprang in Zeitlupe!!! MATRIX-artig von der Laderampe in die Luft, die Arme weit von sich spreizend – (an seinen Händen bildeten sich diese Dimensionswellen), nahm seinen Säbel – Salamanassar den IV. – und vollführte eine Drehung um 360°, bei der er den beiden Terroristen die Köpfe vom Hals trennte, die bluttriefend zu Boden fielen.
Dies war alles in Zeitlupe geschehen, während um diese Szene herum das Geschehen in normaler Zeit weiterlief. Wie und warum das so war, kann ich nicht sagen.
Und dann explodierte Granate in seiner unmittelbarer Nähe. „Oh Nein!“ dachte ich – und rannte mitten durch das Kampfgetümmel auf ihn zu.
Doch aus der Staubwolke tauchte hustend Athanasius Weitwinkel wieder auf.
„Gottseidank – Weitwinkel, ihnen ist nichts passiert!“
„Sie wissen doch, mein Chef – mein Vorname beideutet „der unsterbliche“. Ich dachte mir, Sie könnten etwas Musik zur Ablenkung gebrauchen, da habe ich…“

Ich weiß nicht mehr, was er noch sagte – denn ich erinnere mich nicht mehr. Plötzlich wurde es dunkel. Das nächste, was ich sah, waren Sallys Brüste und Weitwinkel– beides sehr dicht an meinem Gesicht über mir.
„Martin – hörst du mich?“
„Ja, Sally ich höre dich.“ mein Schädel dröhnte dezent. „Was ist passiert?“
„Du hast einen Schlag abbekommen, und warst weg.“
„Wie lange?“
„Vielleicht zehn Minuten – wir haben sie fertig gemacht!“
Meinen armen Schädel reibend erhob ich mich – „ich hoffe, du hast mich nicht mit deiner Axt erwischt…“
Ich sah mich um.
„Bist du okay?“
„Glaub schon… ich bekomm nur dieses Milchreisrezept nicht mehr aus dem Kopf.“
„Dann bist du okay!“
„Wo sind denn alle? Wo ist der Tower?“
„Den Tower hat Johanna gesprengt, und die Terroristen gleich mit. Jetzt sind sie und Kerstin an dem Flugzeughangar und liefern sich jetzt ein Wortgefecht mit dem Anführer der Terroristen.“
„Wie? Gesprengt? Was fürn Anführer?“ ich war immer noch verwirrt.
„Der Anführer der IS-Terroristen hat im Flugzeug-Hangar verschanzt. Nachdem Johanna eine Panzerfaust in die Finger bekommen hat, um den Tower in die Luft zu jagen, wars hier plötzlich ruhig – und die Habbacks haben wohl offenbar begriffen, das sie verspielt haben.“
klärte mich Sally auf.
IS-Terroristen, die auf einmal verhandeln wollen? Das kam mir mehr als komisch vor…
„Sally…Weitwinkel… die wollen nicht verhandeln, die wollen Zeit gewinnen! Los, zum Hangar!“ ich rannte los – auch wenn mir bei jedem Schritt der Kopf noch schmerzhaft wummerte.
Als ich an dem Hangar ankam, stritten Kerstin und Johanna offensichtlich miteinander über die weitere Vorgehensweise. Beide standen links und rechts einer seitlichen Eingangstür, die offen stand. Für einen kurzen Moment konnte ich drinnen Teile eines Flugzeuges erkennen – aber ein näherer Blick hinein wäre zu gefährlich gewesen.

Johanna kam mir einen Schritt entgegen: „Martin – der Typ da drin nennt sich „Captain Mahmoud“. Er will das wir ihn fliegen lassen, oder er droht uns hier vor Ort in die Luft zu sprengen!“
„Soso…Captain Mahmoud – paßt ja zu nem Flugzeugentführer. Will er die Bombe zünden, oder hat er nen Sprengstoffgürtel, wie sich das für nen richtigen Terroristen gehört?“
„Keine Ahnung. Ich würd ihn ja am liebsten umbringen, aber Madame Diplomatie hier“ – sie deutete auf Kerstin „möchte ja unbedingt erst mit dem Typ reden!“
„Ich habe kein Problem damit hier alles in die Luft zu sprengen, Johanna. Aber bevor ich das mache, möchte ich gerne wissen, ob ich damit eine atomare Explosion gleich mitauslöse, oder nicht!“

„Wenn ihr zwei nichts dagegen habt, sprech ich mal mit ihm!“ entschied ich, und zwängte mich an den Rand der Tür.
„Captain Mahmoud?“
„Ah…finally a man in this sick army of girls and rabbits!“ tönte es in gebrochenem englisch.
„What do you want?“
„Let me flay away, or I will explode that nuke at this place now!“
Ich wagte einen vorsichtigen Blick in das innere des Hangars.
Da stand ein Flugzeug, eine F16, und keine F117, wie eigentlich erwartet. Aber unter dem Flügel hing etwas, das weder nach Rakete noch nach Zusatztank aussah. Und an dem Flugzeug stand ein Mann mit Kalashnikow – er hatte mich ebenfalls gesehen.
„No step forward – or I will blow up this place!“ schrie er „Let me go – the americans will bee here soon, and if Im still here I will blow up us also…“
Er hatte zwar keine Pilotenmontur an, aber ich konnte nicht erkennen, ob das unter seiner Splitterschutzweste Sprengstoff war, oder nicht. Ich zog mich wieder hinter die Tür zurück, um zu überlegen, wie man am besten mit ihm verhandeln solle.
Die Entscheidung wurde mir abgenommen: Mit den Worten
„Wir können ihn nicht gehen lassen!“ drängte sich Sally an mir vorbei und stürmte in den Hangar, und schoß ihn mit drei Schüssen nieder.

Das war so schnell gesehen – das weder Johanna noch ich, oder gar Weitwinkel und Kerstin, sie hätten aufhalten können. Wir konnten Sally nur hinterher rennen – und mußten dann mit ansehen, wie Captain Mahmoud noch im Niedesinken ebenfals Schüsse auf Sally abgab. Es waren vielleichgt sechs oder sieben, aber nur einer traf.

Sally sank zu Boden – ich wußte in diesem Moment – in this very moment – sie würde sterben. Ich wollte nicht, daß dies geschieht, irgendwo hoffte ich, sie würde nicht sterben. Aber ich habe leider manchmal die Angewohnheit, Dinge, schneller noch als andere zu begreifen. Zugegebenermaßen nicht immer – auch ich habe bisweilen eine lange Leitung. Aber hier wußte ich: Das wird Sally nicht überleben.
Johanna und Weitwinkel stürzten auf „Captain Mahmoud“ zu, und feuerten mit ihren Pistolen solange auf ihn, bis ihre Magazine leer waren. Bei jedem Schuß, der ihn traf, zuckte sein Körper grotesk hin und her – und als endlich Stille herrschte, breitete sich eine große Blutlache um ihn herum aus.
Kerstin und ich waren zu Sally geeilt, die auf dem Boden lag, und mit starrem Blick auf dem Rücken lag.
„Saaaallly!“ schrie Kerstin, sie rüttelte an Sallys Oberkörper, aber Sally konnte nur röcheln.
Kerstin und ich beugten uns zu ihr runter. Sally hustete – und spuckte dabei etwas schaumiges Blut. Ich wußte, was das bedeutete, und Kerstin wußte es ebenso: mindestens ihre Lunge war getroffen. Und angesichts unserer medizinischen Versorgung war jede Hoffnung vergebens.
„Kerstin…Martin…“ röchelte Sally. Ihr Gesicht war nicht blaß, ihr Gesicht war weiß. Ihre Lippen waren blutleer.
„Wir haben doch gewonnen, oder?“
Kerstin nahm ihren Kopf in beide Hände, strich ihr die Haare von der Stirn, und mühsam gegen Tränen ankämpfend sagte sie: „Ja…Darling…wir haben gewonnen. Die Bomben sind gesichert, die Terroristen sind alle tot.“
„Martin…?“ Sally versuchte den Kopf zu mir zu drehen, aber ich beugte mich ganz nah vor ihr Gesicht.
„Ich bin hier, Sally.“
„Martin… es tut mir Leid wegen damals…hörst Du?“
„Ja, Sally…ich höre dich.. „
Ich nahm ihre Hand. Und versuchte ihr zu vergeben. Ob es mir gelungen ist, weiß ich bis heute nicht.
„Versprichst Du mir, daß du das ZA nicht auflösen wirst?“ – ich hätte mir denken können, wem oder was ihre letzte Sorge galt.
Ich dachte kurz an die vielen jungen Frauen, die heute mehr oder weniger sinnlos ihr Leben hatten lassen müssen, aber ich dachte auch an die Stiftung, an Johanna, an unsere Freundschaft, an unsere „wilden Zeiten“ zusammen mit Kerstin – und natürlich auch an ihre Fehltritte.
„Hab keine Sorge Sally – das ZA bleibt weiterhin.“
Ein krampfhaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Kerstin?“
Ich sah, wie Sally ihre Lippen bewegte, und Kerstin mit ihrem Ohr ganz nahe kam.
Auch wenn ich nicht verstand, was sie sich sagten, es wahr doch wohl ein „ich liebe dich“
„ich liebe dich auch!“
Ganz zum Schluß, Kerstin weinte schon, ergriff Sally mit letzter Kraft noch einmal Kerstins Hand, und zog sie nah an sich heran, um ihr etwas zu zu flüstern. Ich wußte nicht, was es war, ich sah nur, wie Kerstin nun vollends in Tränen ausbrach, und mit „ja!“ antwortete.
Sally war tot. Es war förmlich zu spüren, wie ihre Seele ihren Körper verließ.
Wie versteinert starrte ich auf ihr Gesicht, das nun nicht mehr war, als eine tote Hülle aus Materie – ihr Geist, ihr Esprit, ihre Seele, ihr Witz aber auch ihr Leid war nun endgültig von ihr gewichen.
Johanna kniete sich neben Kerstin, und nahm sie in den Arm.
Ich fuhr mit meiner Hand über Sallys Gesicht, um ihr die Augen zu schließen. Und, ob man es glaubt oder nicht, in diesem Augenblick schien sie zu lächeln. Ihren Frieden gefunden zu haben.
Weitwinkel war an mich herangetreten –und klopfte mir auf die Schulter. In diesem Moment irritierte mich das, eine so „erwachsene“ und „seriöse“ Geste hatte ich nicht von ihm erwartet.
Ich stand auf.

„Wir müssen hier weg. Johanna, bring Kerstin rüber zu den anderen.“
„Wir können Sally doch nicht einfach hier liegen lassen!“ Kerstin war außer sich.
„Kerstin, wir können nicht jeden unserer Toten mitnehmen – wir müssen unsere Leute hier begraben, bevor die Amerikaner kommen. Die werden hffentlich so schlau sein, Freund von Feind zu unterscheiden.“
„Ich gehe nicht ohne Sally!“ sie riß sich von Johanna los, und bemühte sich, Sallys Leichnam aufzuheben.
„Martin – ich werde nicht ohne Sally hier weggehen! Und es ist mir grad scheißegal, was du davon hälst!“
Ich kannte Kerstin zu lange, um ernsthaft einen Versuch zu unternehmen, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.
„Johanna – helf ihr!“ seufzte ich.
„Kommen Sie, Weitwinkel, gehen wir unsere Überlebenden einsammeln, und unsere Toten begraben.“

Als wir diesen Stützpunkt, diese gottverlassene Airbase in der arabischen Wüste, verließen, waren wir noch 47: Kerstin, Johanna, Weitwinkel, die schwer verletzte Sanitäterin Daniela, der schwer verletzte Hase Kurt, 29 weitere Marine-Infanterie-Hasen, 12 Kampflesben des ZA und ich.
Als wir angekommen waren, waren wir einhundertundvier.
Wir hatten verhindert, daß IS-Terroristen eine Atombombe in ihre Gewalt bekommen hatten. Vielleicht hatten wir mit dazu beigetragen, daß ein durchgeknallter US-Offizier auf Donald Trumps Befehl hin diese Bombe auf Mekka hätte werfen können.
Aber alles in allem war es, wie in jedem Krieg: Wir ließen Leichen zurück. Tote, junge Menschen, die ein Leben vor sich gehabt hätten, wenn nicht Politiker, Geheimdienstleute und religiöse Fanatiker diesem Leben ein anonymes, sinnloses Ende bereitet hätten.
Als wir nach einem langen Ritt ohen Pause wieder an der Küste ankamen, staunte die verbliebene U-Boot Besatzung nicht schlecht, wie wenige wir nur noch waren. Die Kamele ließen wir am mit Teutel Kabelbaum vereinbarten Treffpunkt zurück.

Während der Überfahrt zurück durchs rote Meer sprach niemand von uns ein Wort. Sally Leiche hatten wir im Bugtorpedoraum aufgebahrt. Weitwinkel pflegte seinen Hasen-Kameraden Kurt und unsere Sani-Dani. Ihr Auge, mit dem sie mir noch keck zugezwinkert hatte, war wohl nicht mehr zu retten.
„Wir werden sehr viel zu bweinen haben, auf unserem Weinfest.“ Seufzte Weitwinkel einmal trübsinnig – aber viel mehr sprach auch er nicht.
In der Offiziersmesse saß Kerstin wie zu einer Säule erstarrt – aß nichts, sagte nichts, bewegte sich nicht. Und hatte doch immer die Augen dabei geöffnet.
Neben ihr saß Johanna am Tisch, mit einer Anzahl an Metallmarken, vor sich, die sie der Reihe nach ordnete – und in einer Namensliste wohl den entsprechenden Vermerk machte: „gefallen“.
„Martin!“ Johanna fing an zu weinen. „Ich habe achtunddreißig Mädchen verloren! achtundreißig! Von fünfzig!“
Ich nahm sie in den Arm.
Was sollte ich anders tun? Was sollte ich sagen?
„Martin… ich weiß….das alles ist hier ja nur virtuell… aber warum tut es dann so verdammt weh?“ sie sah mich fragend und weinend an, und dann stützte sie sich vornüber auf den Tisch und vergrub ihr Gesicht in ihren Armen.
Ich mußte rauf an Deck – hier unten hielt ich es nicht länger aus.

Fünf Tage später:
Nicht weit vom Bodendorfer Schwimmbad gibt es einen Solatenfriedhof – dort liegen Männer, die die Gefangenenlager in den Rheinwiesen nach dem Krieg nicht überlebt haben. Das Areal ist von einer kleinen Bruchsteinmauer eingefaßt. Wir wollten Sally nicht auf diesem Friedhof beerdigen, aber zumindest in unmittelbarer Nähe: Die Stelle leigt in einer grünen Flußaue der Ahr, man hört die Bäume rauschen, die Vögel zwitschern. Wenn sie denn zwitschern – denn es war mittlerweile Herbst geworden – der Himmel war grau und es war kalt. Wie „bestelltes Beerdigungswetter“.

Die Trauergemeinde war sehr klein: nur Kerstin und ich, Dr. Heimlich, Weitwinkel, der Pastor, zwei Meßdiener, vier Sargträger. Johanna und Daniela Kunstler waren natürlich auch da – aber sie gehörten zu der kleinen Ehrenformation, die am Grab Aufstellung genommen hatte. Dort standen die überlebenden ZA-Mädchen unseres Arabien-Abenteuers. Mit Gewehr – an erster Stelle Daniela. Den Abzeichen an der Uniform nach war sie befördert worden. Sie trug immer noch eine Augenklappe.
Vor der Formation stand Johanna, ebenfalls in Uniform. Ich sah ihr in die Augen – sie hatte einen leeren, traurigen Blick. Sogar eine Träne meinte ich in ihren Augen erkennen zu können. Aber ihre Wangen und Lippen wirkten blutleer.
Als der Pastor seine Predigt beendet hatte, stimmten der Dudelsackpfeifer und die Sängerin das Lied „Greensleeves“ – Kerstin und ich waren übereingekommen, daß es am besten zu Sallys Beerdigung paßte.
Der Sarg senkte sich langsam in die ausgehobene Grube nieder.
Kerstins Gesicht war tränenüberströmt, wie ich durch den schwarzen Flor erkennen konnte.
„Weißt Du, was Sally mir als letztes ins Ohr geflüstert hat, bevor sie starb, Martin?“
„Nein…was denn?“
„Paß auf Martin auf!“ – sie fing wieder an zu weinen und ich nahm sie noch fester in den Arm. Bein Blick ging zurück auf Sallys Sarg. Ich konnte in diesem Moment keinen klaren Gedanken fassen.
Johanna kommandierte: „Aaachtung!“ die Ehrenformation legte an,
und auf das Kommando „Feuer!“ folgten im Abstand von jeweils einer Sekunde drei Schüsse. Dadurch wurden wohl in der Umgebung ein paar Krähen aufgeschreckt, die sich lauthals krähend aus den Baumwipfeln in den grauen Herbsthimmel erhoben.

Nach der Beerdigung nahm mich Dr. Heimlich auf dem Parkplatz kurz beiseite.
„Ich entschuldige mich in aller Form, daß ich mich derartig habe täuschen lassen, mein Chef!“
„Schon gut, Heimlich. Sally wollte unbedingt ihre letzte Schlacht schlagen, und die hat sie auch bekommen. Wenn sie Sie nicht gelinkt hätte, dann jemand anderen von uns. Und irgendwie hat sie uns alle gelinkt… naja… Der Friede sei mit ihr.“
„Da gibt es noch was, was ich Ihnen sagen muß, Chef: Donald Tump wird die Wahl zum US-Präsidenten gewinnen!“
„So – ich denke, die Umfragen sehen Hillary Clinton vorn. Alle wollen sie.“
„Das kann vielleicht sein, mein Chef – aber Trump wird trotzdem der nächste Präsident. Glauben Sie mir. Ich habe mich vielleicht von Frau oConnor täuschen lassen, aber das hier wird so passieren. Das garantiere ich Ihnen als Ihr Geheimdienstchef!“
„Na wenn sie meinen. Verhindern können wir seine Wahl nicht, oder?“
„Nein. Wir werden in Zukunft aber gut auf ihn aufpassen, um eine solche… nunja…häßliche Situation wie in Arabien zu vermeiden.“
„Das will ich schwer hoffen, Heimlich!… Aber wenn Sie sich so sicher sind, das die Clinton nicht gewählt wird – was, wenn ich fragen darf, wäre eigentlich das „Gegenmittel“ gegen sie gewesen?“
„Ach…das hatte ich Ihnen nicht gesagt?“
„Nein.“
„Nun… im Falle einer Notwendigkeit, Hillary Clinton zu diskreditieren, hätten wir intime Nacktfotos von ihr veröffentlicht, aus denen eindeutig hervorgeht, das sie keine Frau ist.“
Ich facepalmte.

-ENDE-

Ende? – nein. Nicht ganz: das hier gehört noch zum Text dazu – bitte ansehen!

 

Und wer mag- die ganze Playlist zum Film gibt es hier:

1 – Martin the Bademeister walks around the pool (Seed – Ding)
2 – Heimlich´s Theme (Sherlock – the game is on)
3 – Fortbildung / Song for Ludmilla (Korobushka)
4 – Johanna, parade your girls! (Elisabether Marsch, Joh. Strauß Vater)
5 – Martin´s passed years (Sailor – girl girls girls)
6 – Kerstin´s memories (Rod Steward – I am sailing)
7 – On Sea – fight the dolphin (Das Boot – Konvoi)
8 – Thoughts to the women (Max Giesinger – wenn sie tanzt)
9 – Weitwinkel´s Theme (Bert Kämpfert – Similau)
10 – Kabelbaum & the Mossad´s Camels (If I were a rich man)
11 – Desert Pain & Rough Asses (Sting – desert rose)
12 – Whistling Johanna (Kannst du pfeifen, Johanna?)
13 – ZA battle-mode (Girls und Panzer -Sabaton – Coat Of Arms)
14 – The Snöffisch Grenadiers ( from Barry Lyndon British line infantry attack)
15 – rumbling with the terrorists ( Johann Strauss – an der blauen Donau)
16 – Sally´s Funeral (greensleeves)
17 – outro (the eagle has landed)

 

 

Das 104. Kamel – Bäder Lesben und Delphine Teil 10

So verging der Tag ohne weitere Vorkommnisse. Nur einmal, am Nachmittag, war mir mit einem mal so, als sähe ich in der vor Hitze flimmernden Luft in ganz, ganz weiter Ferne eine Gestalt am Horizont – einen einsamen Kamelreiter. Ich war mir aber nicht sicher. Ich stutze erst, und es dauerte einen Moment bis ich mein Fernglas (übrigens ein Erbstück von meinem Großvater) aus dem Etui geholt hatte. Aber ich konnte nichts mehr entdecken.
Unzufrieden grunzte ich. Hatte ich nun was gesehen, oder nicht?
„Gib dir keine Mühe Martin, ich hab auch gedacht, ich hätte was gesehen. Aber ich glaube, das ist ne Luftspiegelung. Wenn das unser unbekannter Reiter ist, dann ist der weit hinter dem Horizont.“ – so holte Kerstin mich aus meinen Gedanken.
„Na wenigstens hab ich mir dann das ganze nicht eingebildet.“ brummte ich.

Wir ritten bis die Dämmerung hereinbrach, und die Sonne in unserem Rücken sich in das große Sandmeer zu senken begann. Und unsere Ärsche langsam wundgescheuert waren, um ganz ehrlich zu sein. Meiner jedenfalls.
Irgendwann hielt die ganze Karawane an, und ich ritt mit Kerstin wieder weiter nach vorne. Johanna hatte angehalten, und sich noch im Kamelsattel sitzend, in eine große Karte vertieft. Derweil hatte Weitwinkel noch einen Spiegelsextanten und ein GPS-Gerät in der Hand.
„Na Frollein Rommel…haben wir uns verfranzt?“ frotzelte ich.
Ohne von ihrer Karte aufzublicken, hielt mir Johanna den Stinkefinger hin.
„Nein. Aber wir haben die große Biegung in dem Wadi erreicht. Das heißt, wir schlagen dahinten gleich unser Nachtlager auf.“ sie blickte auf und deutete auf eine leichte Senke im Gelände.
„Da sind wir vor Überraschungen und Sandstürmen geschützt.“
„Aber nicht vor Kamelspuren!“ warf Weitwinkel ein, der in Richtung der Senke deutete. Wenn man genau sah, konnte man dort wieder eine Kamelspur erkennen.
„Diese Fata Morgana fängt an, mich zu nerven!“ grollte Kerstin.
„Habt ihr also auch was am Horizont gesehen?“ – Johanna blickte uns fragend an.
„Martin und ich haben auch was gesehen, ja…“
„Ich hoffe bloß, es ist nicht Dr. Heimlich, der hat uns gerade noch gefehlt!“ setzte ich hinzu.
„Donald Trump ist es bestimmt nicht…“ brummte Johanna.
„Vielleicht ist es ja nur ein ganz normaler Beduine?“ fragte nun Weitwinkel ganz naiv in die Runde.
Er erntete von uns dreien nur einen „seriously?“-Blick, der ihn nur traurig seufzen ließ, wie es mir schien.
Ein Beduinie, der uns den ganzen Tag zu begleiten schien – das konnte egentlich nur Teutel Kabelbaum oder Dr. Heimlich sein. Letzterer schien mir wahrscheinlicher und ich begann mich zu fragen, was er hier wollte oder warum er sich abseits von uns hielt.
„Tja – wie dem auch sei, ich denke, wir schlagen hier mal unser Lager auf. Hilft ja nix!“ resignierte Kerstin. Johanna winkte schon ihre Mädels heran, Weitwinkel ebenso seine Langohren.
Die Kamele wurden im Kreis angeordnet, quasi wie eine große Wagenburg. Da hundert Kamele natürlich einen sehr großen Kreis gebildet hätten, reduzierten wir ihn auf 50 Tiere. Die anderen 50 blieben als Herde zusammengebunden außerhalb des Kreises.
Es dauerte nicht lange, bis die Dämmerung über uns hereingerochen war, und wir in kleinen Gruppen an Lagerfeuern zusammensaßen.
Wir hatten in jeder Himmelsrichtung einen Doppelposten als Wache aufgestellt, und begaben uns zur Nachtruhe.

In der Nacht, es muß so zwischen drei und vier Uhr gewesen sein, wurde ich durch das Geblöke eines Kamels geweckt –und nicht nur durch eines. Die Tiere waren aus irgendeinem Grund unruhig. Ich wickelte meinen Kopf aus meinem Umhang, und spürte einen warmen Lufthauch. Das war aber nicht alles. Ich meinte neben dem blöken und windsausen auch ein anderes rumoren zu hören. Aber das war vielleicht auch nur Einbildung. Dazu waren die Kamele zu laut. Ich drehte mich um: Weitwinkel schien zu schlafen, Kerstin konnte ich nicht erkennen. Aber Johanna hatte sich neben mir aufgestützt.
„Das ist ein Sandsturm Martin. Die die Wachen sind von ihren Hügeln runtergekommen. Hier sind wir am sichersten.“ flüsterte sie mir zu.
„Johanna… hörst du das auch?“
„Die Kamele oder der Sturm?“
„Nee… das andere… hör doch mal…“
Wir beide hielten inne. Es waren nur die Kamele und der Wind zu hören. Doch für einen kurzen Moment konnte man ein grummeln hören – also ich zumindest.
„Martin..ich weiß nicht was du meinst. Ich höre nichts.“
„Doch doch…!“ ich reckte meinen Kopf etwas mehr in die Höhe. Wieder war da ein komisches Geräusch, ganz weit weg und dumpf, das nicht zur übrigens Szenerie passen wollte. „Da!“ ich hob den Finger. Johanna hatte ebenfalls angestrengt gelauscht.
„Ja…jetzt hab ichs auch gehört. Aber ehrlich: egal was es das ist… es ist mir grad egal. Hoffentlich erledigt uns der Sturm nicht.“
Sie legte sich wieder hin.
Auch ich konnte jetzt nicht mehr tun, als mich wieder hinzulegen, und dem Wind zu lauschen – und den Kamelen natürlich. Aber ich schlief bald wieder ein.

Am nächsten Morgen war das erste, das ich beim wachwerden hörte, ein Kamel. Was sonst.
Zu meiner Verwunderung war ich nicht von einem Berg Sand verschüttet – so schlimm konnte der Sandsturm also nicht gewesen sein wie mir schien, und zum anderen hatte man mich schlafen lassen.
Das nächste, was ich gewahr wurde, waren fluchende junge Frauen und stumme Hasen, die allesamt mit ihren Klappspaten zugange waren. Desweiteren kam eine höchst ungehaltene Kerstin mit zwei Bechern Kaffee auf mich zu: „Unser Zeitplan ist im Arsch!“
„Guten Morgen Kerstin! Das sehe ich – es ist schon hell. Mit „im Morgengrauen einsickern lassen“ wird das heute nichts mehr…“
Sie reichte mir einen Becher – der Kaffee schmeckte äußerst bescheiden, war aber heiß. Das tat gut.
„Ja… Johanna ist auch schon ganz aus dem Häuschen vor lauter Freude. Wir schaufeln seit zwei Stunden die Kamele und unser Gepäck frei. Für dich haben wir eine halbe Stunde gebraucht.“
„Was? wieso habt ihr mich nicht geweckt? Mal von Weitwinkel und seinen Langohren abgesehen – ich bin hier der einzige Mann, und mich laßt ihr schlafen, anstatt das ich mit anpacke?“
Kerstin verdrehte die Augen: „Orrrr. Martin, wir sind alle erwachsene, kräftige Menschen. Und außerdem: Du bist der Chef!“
„Na toll.“ (wie ich so extra-Würste hasse. Und gleichzeitig war ich froh, nicht selbst schaufeln zu müssen)

Ich blickte zu Johanna und den Mädels hinüber: Die waren wohl gerade fertig mit ihrer Schaufelei geworden, und klappten die Spaten zusammen, und zündeten sich Pausen-Kippen an.
Aber Johanna verstand wohl keinen Spaß. Sie klatschte zweimal laut in die Hände, dann steckte sie zwei Finger in den Mund und pfiff laut gellend.
„Vorwärts ihr Fotzen! Keine Pause machen! Eure Titten könnt ihr euch auch zu Hause grillen! Wir sind hier nicht zum sonnenbaden!“. Es begann ein allgemeines, wenngleich gehorsames, kurzes rumgenöle.

Ich machs kurz: Wir brachen auf, und beeilten uns, die restlichen 10 Kilometer schnell hinter uns zu bringen.

Irgendwann hielt Johanna die Karawane an – und wir saßen alle ab.
„Hinter dieser Düne da“ Johanna deutete hinter sich „liegt der amerikanische Stützpunkt. Das heißt, jetzt wird’s spannend!“ das hatte sie zu Kerstin, Weitwinkel und mir gesagt.
Dann stellte sie sich auf, so daß alle anderen sie hören konnten: „Alle mal her hören! Marschgepäck ablegen, Kamele festbinden! Waffen laden und entsichern!“
Es folgte ein blöken der Kamele, rascheln und klackern – Kerstin und Weitwinkel überwachten das ganze, wenn auch nur widerwillig. Ich hatte mir nämlich auserbeten, das ich mit Johanna vorausgehen sollte, um die Lage zu erkunden – und auch keinen Widerspruch geduldet.

Johanna und ich liefen also die Sanddüne hoch – immer leicht geduckt, da wir ja nicht wußten, was uns auf der anderen Seite erwarten würde.Kurz vor dem Kamm der Düne warfen wir uns in den Sand, und robbten ganz langsam vorwärts. Gaaanz langsam hoben wir den Kopf über die den Rand der Düne – ich mein Fernglas in der Hand, Johanna ihr FG42 Sturmgwehr – und wir sahen nichts. Das heißt fast nichts. Vor uns war eine breite quer verlaufende Senke, an deren gegenüberliegendem Rand ein hüfthoher Stacheldrahtzaun entlang lief. Und dahinter dann – zeichneten sich ein paar Wellblechdächer ab. Und: aus der Gegend der Wellblechdächer schien mir leichter Rauch in den Himmel aufzusteigen. Ich setzte das Fernglas an: Tatsächlich… aus dem Bereich der Dächer stieg Rauch auf.
„Martin, das gefällt mir nicht… das ist mir zu ruhig. Keine Patroullien, keine Wachtürme…nichts. Dafür Rauch.“ Johanna hatte also die gleiche Beobachtung gemacht wie ich.
Wir zogen uns wieder hinter den Kamm der Düne zurück, um zu beraten, wie wir nun vorhehen wollten. Der ursprüngliche Plan, uns heimlich in die Anlage insickern zu lassen, war eh schon zunichte gemacht.
„Johanna, wir müssen näher ran – egal, was da nicht stimmt: Wir sind nicht drauf vorbereitet. Wir können jedenfalls über die Düne und dann runter in die Senke.“
„Das denk ich auch. Aber wir müssen alle schnell da runter.“

Wir machten Zeichen in Richtung unserer Truppe – und sie kamen alle langsam die Düne hoch.
Ich weiß nicht welcher Teufel mich geritten hat, aber ich sah Johanna kurz an, und meinte zu ihr: „Du bringst unsere Leute schnell runter – ich lauf schon mal vor.“
„Martin, das ist…“
Ich hörte schon nicht mehr hin. Aber ich wollte allein diese blöde Düne runter laufen. Die ganze Zeit über, eigentlich seit dem mich Dr. Heimlich aus dem Schwimmbecken geholt hatte, hatte ich immer nur reagiert. Jetzt wollte ich endlich auch mal initiativ werden. Schließlich war das hier ja irgendwie „meine“ Veranstaltung. Zumindest mehr oder weniger.
Als ich die die Sohle der Senke erreicht hatte, sah ich mich um: Die Truppe folgte mir. Allen voran Athanasius Weitwinkel, der es offenbar besonders eilig hatte, mir nachzufolgen.
„Chef…mein Chef… ich glaube ich muß ihnen etwas sagen…!“ hechelte er.
„Nicht jetzt, Weitwinkel!“ Ich hatte ungefähr zehn Meter vor mir etwas auf dem Boden entdeckt. Neben einem verdorrten Tamariskengestrüpp lag offenbar ein Körper. Eilig schritt ich auf ihn zu – und bemerkte wie sich ein Schwarm von Fliegen schwirrend von dem Körper erhob. Es wr auch kein Körper – es war ein zerfetzter Leichnam eines afroamerikanischen US-Soldaten! Die Reste seiner Uniform hing ihm in Fetzen über seinen Oberkörper – der Unterkörper samt Beinen fehlte ihm völlig, so daß seine Gedärme offen und blutverschmiert im Sand lagen.
„Weitwinkel – bleiben Sie wo Sie sind. Hier stimmt was nicht!“
„Aber…aber… ich glaube, das ist wichtig…!“ hummelte er.
„Holen Sie mir lieber Frau deClerk her. Na los! Gehen Sie schon!“
Er seufzhummelte schulterzuckend, und lief wieder zurück zum Fuß der Düne, an dem sich unsere Truppe nun versammelt hatte.
Ich wollte mich noch weiter umsehen, doch nach ein paar Schritten machte es plötzlich „klick“ unter meinem rechten Fuß.

Klick.

Mehr nicht. Ich blieb wie versteinert stehen. „Oh bitte, lieber Gott…laß es es nicht das sein, was ich denke was es ist.“ dachte ich bei mir. Natürlich versuchte ich mich nicht zu bewegen, aber ein Blick über die Schulter nach hinten verriet mir, das Johanna im Laufschritt zu mir heran kam.
„Johanna! Bleib stehen!“ schrie ich. „Ich bin auf eine Mine getreten!“
Sie blieb für einen kurzen Moment stehen – und kam dann trotz meiner Warnung ganz langsam auf mich zugeschritten.
„Gaaanz ruhig, Martin…gaaanz ruhig! Ich schau mir das mal an, ja?“
„Ja..ok…“ meine Stimme zitterte. Erst jetzt, in diesem Augenblick realisierte ich meine Situation, und bekam es mit der Angst zu tun.
Johanna war nun ganz nah an mich herangekommen. Ein kurzer Blick auf meine Füße – und sie drehte sich um, reckte die rechte Faust in die Luft und schrie: „Minen!“
Mit einem Blick über die Schulter, konnte ich erkennen, wie Weitwinkel und Kerstin sowie die ganze Truppe innehielten, und auf der Stelle verharrten.
Johanna kniete sich ganz langsam neben mich auf den Boden.
„Martin – du bewegst dich bitte nicht. Ich werd versuchen, das Ding zu entschärfen!“
„Och… ich wollt mich heute eh nicht viel bewegen…Aber denk dran, um halb zwölf hab ich heute nen Termin beim Jobcenter in Sinzig…“ ich sprach wohl mehr, um mich selbst zu beruhigen. Johanna hatte mir offenbar gar nicht erst zugehört, sonden begutachtete meinen rechten Fuß und den Sand um ihn herum.
Vorsichtig wedelte sie mit der Hand den Sand beiseite – immer mehr kam ein grün-silbrig runder Gegenstand unter meinem Fuß zum Vorschein.
„Hmmm… könnte ein Chinese sein…“ murmelte sie.
„Johanna… ich bitte dich… hoffentlich weißt du, was du da tust?!“
Sie schaute vorwurfsvoll zu mir auf.
„Martin! Ich hab an der RWTH Aachen meinen Dipl. Ing. in Maschinenbau gemacht – und den Bachelor in Feinmechanik. Ich weiß, was ich hier mache!“
„Dein Wocht in Jottes Ohr!“ seufzte ich.
„Hör auf mit dem Bein zu zittern!“
„Du machst mir Spaß – meinst du, ich hätte vor, hier in die Luft zu fliegen?“
„Martin – halt die Klappe. Ich habs gleich.“
Sie hatte die Mine nun in vollem Umfang freigelegt.
„Es ist kein Chinese…“ sie beugte sich so tief und nah an das Ding heran, das ich schon fast dachte, sie wolle das Teufelsei küssen. Dann fing sie an zu giggeln.
„Was ist denn auf einmal zu lustig?“
„Das ist kein Chinese… das ist von Mercedes-Benz…“
„Was? Ich denke, die bauen Autos?!“
„Ja… und Tellerminen. Ziemlich gute sogar.“
„Und das heißt?“
„Das heißt, das wir hier ein technisches Problem haben.“
„Na Spitze!“
„Aber das können wir lösen…“ sie rieb sich das Kinn. „Entweder schieben wir ein dünnes Stahlblech zwischen Auslöser und deine Schuhsohle und beschweren das mit Gewichten, damit du von der Mine runter kannst, oder…“
„Oder was?“
„Oder ich schraub den Zünder so raus…“
„Also das erste klingt erfolgversprechender, wenn du mich fragst..:“
„Dich fragt aber keiner, Martin…“ sie kratzte sich am Hinterkopf. „Ich komm an den Zünder nicht dran. Ich hab auch kein dünnes Stahlblech. Ich kann höchstens versuchen, an der Seite den Chip aus zubauen…“
„Was für ein Chip um Himmels Willen…?“ (ich war vielleicht etwas latent angespannt…)
„Die Dinger haben alle einen Chip, der die Zündung auslöst – zumindest die modernen. Und das hier scheint mir ein modernes Ding zu sein.“
„Was immer du sagst…“ seufzte ich.
Johanna stand auf, und wandte sich zum gehen.
„Hey – wo willst du hin?“ Im Geiste sah ich mich schon mutterseelenallein auf einer Mine in der arabischen Wüste stehen.
„Ich bin mein Werkzeug holen!“ schnauzte sie gereizt. „Und du bleibst hier! Schön stehen bleiben!“
Sie ging zu den anderen hinüber – dort lag wohl auch ihr Marschgepäck.
Es klingt vielleicht idiotisch, aber in diesem Moment sah ich nicht mein Leben wie ein Film an mir vorüber ziehen, ich dachte auch nicht an meine Familie, auch nicht an meine schwangere Cousine. Ich dachte an: Snooker, Radsport und die Frauen in meiner twitter-Timeline. Und zwar gleichzeitig. Durcheinander. Es dauerte eine Ewigkeit, bis Johanna endlich wieder kam.
Sie kniete sich wieder zu meinen Füßen, und begann mit einem kleinen Imbuschlüssel an der scharfen Tellermine, auf der ich gerade stand, herumzuwerkeln.
Während sie da so schraubte, wollte ich unbedingt reden – um mich von de Situation abzulenken.
„Was ist eigentlich aus dir und Yvonne geworden?“ fragte ich.
Sie schaute nur kurz auf, und hatte einen Gesichtsausdruck, als hätte ich ihr einen unsittlichen Antrag gemacht.
„Martin…ich kann dich auch hier auf dem Ding stehen lassen, wenn du das willst…“
(ups.. da hatte ich wohl das falsche Thema erwischt)
Sie vertiefte sich wieder in ihr Geschraube da unten, und meinte leise: „Wir haben uns getrennt. Es hat einfach nicht gepaßt…“
Vorsichtshalber sagte ich nichts mehr.
Ich guckte auch nicht nach unten um ihr zu zusehen.
Bis – irgendwann sie sagte: „Sooo… Martin.Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht.“
„Die Schlechte bitte zuerst!“
„Die Mine wird gleich in die Luft fliegen.“
„Ah…da bin ich ja mal gespannt, was das noch rausreißen kann.“
„Die gute Nachricht ist: ich kann den Schaltkreis für drei Sekunden überbrücken. Das heißt – auf mein zeichen läufst du los – und zwar so schnell du kannst!“
„Ok.“
„Hast du das verstanden?“
„ja!“
„Na schön… bei drei!“
sie zählte langsam „ eins… zwei…drei!“
Ich drehte mich um die eigene Achse, da ich ja zurück laufen wollte und wäre beinahe dabei gestolpert – und jagte dann wie der geölte Blitz neben Johanna her. Dann – ein Knall, eine Druckwelle, Johanna und ich flogen beide der Länge nach auf den Boden. Panisch fühlte ich nach meinen Beinen, befühlte meinen Körper – ich war noch da. Ich war noch ganz und an einem Stück!
Als sich der Dreck etwas gelegt hatte, kamen auch schon Kerstin, Weitwinkel und Sani-Dani angelaufen.
„Martin!“ Kerstin hätte bin beinahe wieder zu Boden gerannt, als ich mich gerade wieder berappelt hatte. „Geht’s dir gut?“
„Jaaa, mir geht’s gut.. danke“ ich drehte mich zu Johanna um, die ebenso wie ich wieder auf den Beinen stand. Ich mußte sie einfach umarmen.
„Tut mir Leid Martin, wenn ich eben etwas flapsig zu dir war. Ich hatte Angst!“ gestand sie mir.
„Macht nichts… – danke, Johanna. Du hast mir das Leben gerettet!“
Sie zog eine Augenbraue nach oben, und meinte mit ernster Miene: „Nicht dafür Martin. Du hast mir das Leben ja erst ermöglicht – ich bin eine fiktionale Figur in deinem Blog, schon vergessen?“
Orrrr! Jetzt mußten wir beide lachen.
Schnell hatte uns die die Realität aber wieder eingeholt:
„Weitwinkel hat mir gesagt, das da einen toten US-Soldaten neben der Mine liegt – oder besser lag?“ fragte Kerstin.
„Positiv.“ Bestätigte Johanna „da lag ein toter amerikanischer Neger – offenbar hatte er schon das Vergnügen, das ich Martin gerade verdorben habe. Und aus den Gebäuden dahinten kommt Rauch…“
„Ok Leute – hier stimmt was nicht…“ Kerstin wollte noch was sagen.
Weitwinkel holte auch gerade Luft, auch er wollte wohl endlich etwas loswerden, was er mr schon die ganze Zeit über sagen wollte.
Ich hatte aber auf der Düne, die wir eben überquert hattem, mit meinem Arm gerichtet: „Vielleicht erfahren wir jetzt, was hier vor sich geht!“
Sie drehten sich alle um: Hoch oben auf der Düne stand ein Reitkamel, auf ihm eine schwarz vermummte Gestalt, die offensichtlich auch bewaffnet war. Langsam trieb die Gestalt ihr Kamel an, und kam genau auf uns zu geritten. Die Kampflesben und die Marine-Infanterie-Hasen griffen zu ihren Waffen, warteten aber ab, was Kerstin, Johanna und Weitwinkel tun würden. Weitwinkel tat nichts. Er hielt sich mit seinen Händen seine langen Löffelohren vor die Augen. Johanna und Kerstin nahmen beide ihre Gewehre in den Anschlag, und zielten auf die Gestalt, die auf uns zu geritten kam.
„Stop! Waffen runter!“ rief ich. „ Sofort alle Waffen runter!“
Verwundert, aber gehorsam senkten alle ihre Waffen.
Ich wußte nun, wer das war. Mit einem mal war mir klar, wer auf dem 104. Kamel saß, und wer uns vorausgeritten war. Ich ging der reitenden Gestalt ein paar Schritte entgegen. Das Kamel kniete nieder, die Gestalt sprang aus dem Sattel. Auch sie trat mir entgegen.
Dann nahm sie den schwarzen Schleier vom Gesicht herunter.

(…)

…to be continued…

 

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Das 104. Kamel – Bäder Lesben und Delphine Teil7

Ich mußte doch tatsächlich auf meiner Pritsche eingeschlafen sein. Denn als ich die Augen öffnete, kam mir alles so unwirklich und verändert vor. Für einen Moment nahm ich meine Umgebung wie durch Watte wahr.
Ich rieb mir die Augen, und traute meinen Ohren nicht recht: Ziemlichen Mist hatte ich wohl so eben geträumt, und nun spielte offenbar das Radio über die Bordsprechanlage Max Giesingers´ „Wenn sie tanzt“.
Mit einem Mal wurde ich sehr melancholisch. „Wofür bin ich hier eigentlich? Worum geht’s hier?“ dachte ich so bei mir.
Es gibt ja diese Momente, wo einen scheinbar grundlos Tränen übermannen. Ich war verwirrt.
In diesem Augenblick wurde der Vorhang vor meinem Kabuff ein Stück zur Seite gezogen, und Kerstin steckte ihren Kopf hinein.
„Martin…du bist wach. Gut, hatte ich also richtig gehört.“
Sie sah mich an, und wurde offenbar meines Zustandes gewahr. „Was´n mit dir los?“ sie setzte sich zu mir.
„Ach ich weiß nicht… ich frage mich gerade, was wir hier eigentlich machen. Das Lied… meine Gedanken. Ich mußte gerade an die Frauen in meiner twitter-Timeline denken. Verrückt was?“
Kerstin sah mich kurz an, stand wieder auf, beugte sich durch den Vorhang nach draußen und schrie nur: „Musik aus!“

Durch den Spalt im Vorhang konnte ich erkennen, wie der Funkgast aus Castrop-Rauxel zusammenzuckte, und sich beeilte und die Bordsprechanlage samt Radio auszuschalten.
Sie setzte sich wieder zu mir. „So, und nun nochmal von vorn: Was ist los?“
„Kerstin, was machen wir hier eigentlich? Warum sind wir hier?“
„Wir retten hier gerade die Welt, Martin.“
„Sollten wir nicht lieber versuchen, unglückliche Menschen glücklich zu machen?“
„Du meinst, so wie wir früher unglückliche Mädchen eingefangen oder besser aufgesammelt haben, willst du unglückliche Frauen aufsammeln und aufheben?“
„Keine Ahnung. Aber weißt du… gerade das Lied da eben“ (und ich wunderte mich erst jetzt in diesem Moment, das wir überhaupt ein Radio an Bord hatten) „das hat mich dran erinnert, das ich eigentlich was anderes will, als, das was ich im Moment tue…“
„Uboot-fahren?“
„Ach Kerstin, du weißt was ich meine…!“
„Martin…! Du möchtest traurigen Menschen helfen. Allenzuvörderst: Frauen. Frauen, die sich auf irgendeine Art und Weise alleine gelassen fühlen. So hab ich das jedenfalls verstanden. Und wenn dann noch gegenseitiges Interesse beiderseitiger Natur aus der Rubrik hau&fessel besteht, umso besser für dich. Aber damit das auch weiterhin funktioniert, muß die Welt einigermaßen im Takt bleiben. Und dazu gehört, das niemand mit einer Atombombe einen dritten Weltkrieg auslöst, und um das zu verhindern, sind wir hier!“
„…Ich kann sie aber nicht alle retten, Kerstin. Und dabei gibt es sie da draußen. Ich lese ihre tweets Tag für Tag…“ ich machte eine Pause. In Gedanken sah ich zig Avatarbilder vor meinem geistigen Auge hoch und runter scrollen. „Genausowenig, wie ein paar junge Frauen in antiqierten Uniformen mit antiquierten Waffen zusammen mit ein ein paar humanoiden Kaninchen den Lauf der Weltgeschichte verändern können…“
„Orrrr Martin!“
„Is´ doch wahr. Die Welt kann man nur durch besseres Verständnis retten. Darum bin ich Historiker geworden. Man muß die Zusammenhänge verstehen, um angemessen reagieren zu können. Und als guter Historiker fängt man vorne in der Zivilisationsgeschichte an. Die Steinzeit, Stonehenge, Ägypten, die Griechen, die Römer: alles das ist eine logische Abfolge von Entwicklungen. Genau so, wie alles was danach kommt bis in die Gegenwart hinein. Und dann kann man auch mit Trump, dem Islam und weiß der Kuckuck was noch richtig einordnen. Und man kann en passant auch noch Menschen helfen. In dem man ihnen die Welt erklärt. Mein Problem ist… mir hört niemand zu…“ ich begann wieder zu grübeln, versuchte meine Gedanken in eine logische Reihe zu bringen.
Kerstin unterbrach mich aber wieder in eben jenen meinen Gedanken, in dem sie mich unsanft in die Seite stieß.
„Martin… du hängst in einem Gedanken-Loch. Du redest wirr! Komm hoch mit dir!“
„Was?“
„Ja! Steh auf jetzt! Du brauchst jetzt nen Kaffee! In der O-Messe haben wir genug davon!“ sie zerrte an mir, bis ich mich genötigt sah, aufzustehen und ihr, immer noch etwas gedankenversunken, in die Offiziersmesse hinterhertappte.

„Wir sind übrigens schon fast am Ziel. Du hast 12 Stunden geschlafen. Ich wollte dich nicht wecken lassen.“
„Was?“
„Ja. Wir sind zwei Stunden nachdem du dich hingelegt hast, wieder aufgetaucht, und erst vor 20 Minuten wieder runter um zu horchen. Nix zu hören – und jetzt tigern wir uns langsam an den vereinbarten Landungspunkt ran. Morgen früh tauchen wir bei Sonnenaufgang auf, und gehen an Land.“
„Aha.“ brummte ich nur. Wirklich wach war ich immer noch nicht.

In der Offiziersmesse – eigentlich nicht mehr als eine Sitzbank mit ausgeklapptem Tisch, der den zentralen Gang des U-Boots blockierte – saßen Johanna und Weitwinkel einträchtig nebeneinander. Johanna löste Kreuzworträtsel, und Weitwinkel las in einem Magazin. Als ich mich auf die Bank neben Johanna setzte, und mir Kerstin eine Tasse Kaffee (mit Milch ohne Zucker) hinstellte, besah ich mir das Magazin etwas genauer, in dem Weitwinkel gerade blätterte. Das Titelbild zierte ihn selbst!
„Was lesen Sie denn da, Weitwinkel? Das sind doch Sie auf dem Titelbild?!“
Verhuscht blicke er auf „Was? Ich? Äh…ja, das ist das ist das Lime-Magazine. Ich hab es auf die Titelseite geschafft.“ Jetzt strahlte er mich förmlich an.
„Das Lime-Magazine?“ ich runzelte unweigerlich die Stirn, denn ich glaubte mich verhört zu haben.
„Ja. Die englischsprache Fachzeitschrift für alles Zitrusfrucht-Interessierten. Ich dachte, ich steige selbst ins Zitrusfruchtgeschäft mit ein, nachdem ich als ihr Reichskassenwart und Hüter ihres Portemonnaies viel mit Zitronen gehandelt habe.“
Ich blickte ihn nur fassungslos an, und wußte nicht was ich sagen sollte.
„Also habe ich mir vor einiger Zeit mehrere Plantagen in Übersee gekauft, und versuche mich nebenbei als Zitronenzüchter. Ich habe einen Züchterpreis für eine neue Zitronensorte gewonnen, deswegen das Titelbild. Citronella weitwincula heißt sie. Allerdings habe ich auch einige Bergamotten im Angebot.“
„Bergamotten?“
„Bergamotten! Ihr Aroma verfeinert den EarlGrey-Tee!“
„Ich weiß, Weitwinkel, ich weiß…“ ich seufzte.

Mit Zitronen gehandelt. Tzä…

Ich trank einen Schluck Kaffee – in der Hoffnung meine Wahrnehmung würde nun endlich etwas klarer.
„Und Johanna… was gibt’s bei dir neues?“
Johanna starrte weiter auf ihr Kreuzworträtsel. „Innige Zuneigung mit vier Buchstaben.“ brummte sie nur halblaut.
„Hass!“ konterte promt Kerstin, die sich nun auch zu uns gesetzt hatte.
„Paßt hin.“ Johanna kritzelte die Buchstaben in die leeren Kästchen, und bemerkte anschließend noch: „Dann ist der gesuchte Sportreporter „Rolf Kalb“.“ Sie hob nun den Blick in die Runde.
(Bei dem Stichwort hätte ich ja eher Marcel Reiff als Lösungswort vermutet, aber egal…)

„So Chef… gut das du wach bist…ich hab euch was zu erläutern!“ hob Johanna nun an. „Martin gibst du mir mal die Karte, die da über dir in dem Fach liegt?“
Ich griff über mich in ein kleines Schubfach, und holte eine zusammengerollte Karte hervor, die ich an Johanna weiter reichte. Sie entrollte sie auf dem Tisch – auch Weitwinkels Lime-Magazine mußte dafür weichen.
Wir hatten nun eine topografische Karte der saudi-arabischen Westküste vor uns.
„Also: hier ist ungefähr unsere aktuelle Position“ Johanna deutete mit dem Kugelschreiber auf einen Punkt ins rote Meer, der auf einer dünnen Bleistiftlinie lag. Offenbar unser Kurs. „Morgen früh gehen wir an Land.“
„Das hat mir Kerstin grad schon gesagt.“
„Gut. Aber dann wird’s spannend – und jetzt bitte alle aufpassen: Hier“ sie deutete nun auf die Küste, wo offenbar ein trockenes Flußtal ins Meer mündete „ist das Wadi al-Bakr. Da treffen wir hoffentlich unseren Freund vom Mossad mit den Kamelen. Dann reiten wir das Wadi immer weiter rauf – bis an diese Stelle hier“ wieder deutete sie auf einen Punkt auf der Karte, die ich mir versuchte so gut als möglich einzurpägen, „wo wir das Nachtlager aufschlagen. Von dort aus sind es noch gut 10 Kilometer bis zu dem amerikanischen Stützpunkt.“
Nun deutete sie auf einen leeren, weißen Fleck auf der Karte.

Ich runzelte etwas die Stirn, und rieb mir nachdenklich das Kinn.
„Natürlich sind die Amerikaner nicht so doof und drucken ihre geheimen Standorte auf die Landkarten.“ erklärte Johanna, die meinen skeptischen Blick wohl gesehen hatte. „Aber er ist da, ganz sicher. Dr. Heimlich hat uns von den Russen gute Satellitenbilder besorgt, die etwas anders sind, als google-maps.“
„Soso…“ ich blickte in die Runde.
Auf einmal war allen, auch Weitwinkel, anzumerken, das es nun langsam ernst werden würde.
„Dann sei der liebe Jott mit uns… und wie sollen wir vor Ort dann vorgehen? Ich mein… wir können ja schlecht nen amerikanischen Stützpunkt stürmen. Wir haben keine schweren Waffen, keine Luftunterstützung, rein gar nichts.“
„Wir werden uns im frühen Morgengrauen bis an den Zaun ranschleichen – und dann still und leise einsickern, und die Amis noch vor den Frühstück einfach überrumpeln. Wir nehmen den Kommandanten und seinen Stellvertreter gefangen – auf die beiden kommt es an, die haben die Zugriffcodes. Dann zestören wir die Codes samt ihrer Speicher, und sabotieren die Landebahn. Ich hab genug Equipment mit…“

„Das hört sich ja alles wunderbar an, liebe Johanna, aber was, wenn der Herr Stützkommandant nicht mitspielt, und die Codes nicht rausrücken will, oder wir diese nicht vernichten können?“
„Dann töten wir einfach alle und zünden alles an.“ antwortete Johanna lakonisch.
Ich schluckte entsetzt. „Johanna! Du machst mir Angst!“
„Das ist das beste Mittel um zu verhindern, das man selbst Angst bekommt, glaub mir.“
Sie sah rüber zu Weitwinkel, der ebenfalls aufmerksam zugehört hatte.
„Ich werde mit meinen Marine-Infanteristen derweil die Umgebung sichern und gegebenfalls Feuerschutz geben. Dadurch haben wir alle höhere Erfolgsaussichten.“ nuschelte er.

Ich seufzte.
„Martin, was ist los? Immer noch Welt-Sinn-Zweifel?“ fragte mich Kerstin.
„Liiieebe Kerstin“ ich holte tief Luft, denn ich wollte etwas grundsätzliches der Runde verkünden „ laß es mich mal so sagen: abgesehen von der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens möchte ich hier eines mal ganz klar festgestellt haben:
Ich bin langzeitarbeitsloser Althistoriker. Wenn ich nicht gerade in nem historischen Schwimmbad den Bademeister spiele, sitze ich in meiner kleinen verqualmten Küche und lebe fast auf twitter – und meine wenige Lebensfreude besteht darin, ab und zu anderleuts Frauen zu bumsen und zu hauen, und ansonsten den Traum nach nem vernünftigen Job nicht aufzugeben, und mich jeden Tag darin zu versuchen, weniger zu trinken, weniger zu rauchen, Snooker zu gucken, Modellbau oder irgendnen Programmierscheiß zu machen – ABER STATT DESSEN sitze ich hier mit euch in einem U-Boot im Roten Meer, mit Kampflesben und Marine-Infanterie-Hasen und plane den Angriff auf einen geheimen amerikanischen Stützpunkt in der Wüste. Ich möchte einfach nochmal die Absurdität der Gesamtsituation herausstellen!“

Jetzt war es an Kerstin zu seufzen. „Ach… geht das schon wieder los…Martin, du bist der Chef hier! Wir machen das hier auch ein Stück weit für dich, also stell dich nicht so an!“
„Na Prima. Im übrigen möchte ich feststellen, das ich übermorgen nen Termin aufm Jobcenter habe…ich wäre also froh, wenn wir diese ganze Aktion schnell hinter uns bringen…“
„Wir werden unser möglichstes tun!“ antwortete nun wieder Johanna.
Resignierend wandte ich meinen Blick an die Decke, also die gewölbte Innenseite des U-Bootdruckkörpers, an dem sich das Kondenswasser sammelte. In Abwandlung eines Liedes der Bläck Fööss stimmte ich an: „Oh leever Jott / jib mir Nerve / denn ich han kein mie / …“
„Möchten Sie vielleicht etwas Zitronenlimonade, mein Chef?“ fragte nun Weitwinkel (wahrscheinlich nur mit den besten Absichten).
Kerstin und Johanna facepalmten gleichzeitig und fingen lauthals an zu lachen. Ich schüttelte nur ohnmächtig den Kopf, und ließ mir von meinem langohrigen Reichskassenwart eine Flasche Zitronenlimonade reichen.
Auf dem Etikett stand „Weitwinkels Kujambelwasser. Zitronenlimonade – von führenden Ubootfahrern empfohlen.“. Ich setzte an, und trank.

…to be continued…

 

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Das 104. Kamel – Bäder Lesben und Delphine Teil 6

So stand ich denn mit Kerstin auf dem Turm des U-Boots und wir tuckerten mit 12 Knoten durch das Rote Meer. Die Sonne schien gnadenlos auf uns hinab, aber eine leichte Brise wehte. Das Boot machte sanft die Bewegung der Dünung mit, und der Diesel brummte gleichmäßig.
Da wir möglichst schnell „Strecke“ machen wollten, blieb die Besatzung unter Deck – nur zwei Marine-Infanterie-Hasen standen stumm bei uns, und beobachteten abwechselnd mit Ferngläsern den Horizont und den Himmel.
Kerstin lehnte über die Brüstung und rauchte. Ich beobachtete die Schiffe am Horizont – nur schwerlich würden sie uns auf dem Radar haben, ein U-Boot-Turm ragt nicht weiter aus der Wasseroberfläche.
Nach einer gewissen Zeit gesellten sich Delphine zu uns, die in der Bugwelle mit uns um die Wette schwammen. Es war ein sehr friedliches Schauspiel, wie ihre silbergrauen Körper auf und ab sprangen.
Dann kam Johanna aus dem Turmluk gekrochen.
„Na Madam… wat jibbet?“ begrüßte ich sie.
„Ich wollte eine rauchen. Da unten bekom ich noch nen Koller.“
„Was los, hast du Platzangst?“
„Nein…aber die Mädels unten veranstallten ein Wettkotzen im Bugtorpedoraum… sind nicht alle so seefest…“
Ich „freute“ mich jetzt schon auf den Gestank im Inneren der Stahlröhre, für den Fall das wir mal tauchen sollten.
Kerstin machte auch ein etwas pikiertes Gesicht: „Ich hätte gern mein U-Boot in sauberem Zustand gehalten, Frau deClerk!“
„Ich hab meinen Mädels schon ein paar Eimer mit Wasser zum saubermachen hingestellt, keine Sorge!“ antwortete Johanna, die Fluppe ins Gesicht steckend und im Anzündevorgang begriffen.

Leise, damit uns die beiden Marine-Infanterie-Hasen nicht hören konnten, raunte sie Kerstin und mir zu: „Und außerdem schlafen die Karnickel. Tun nix – liegen da alle mit ihren Dienstschnullern und schlafen.“
„Dienst- was?“
„Schnuller. Zur Grundausstattung jedes snöffischen Marinehasen gehört neben Helm, Gewehr und Uniform auch ein Dienstschnuller für den angenehmen Nachtschlaf!“
Kerstin und ich sahen uns an, und konnten nicht glauben, was wir da hörten.
„Aber das tollste kommt noch,“ fuhr Johanna fort „wir haben zwar fünzig Dienstschnuller, aber nur siebzehn Notfallpacks an Damenbinden und Tampons an Bord. Ich hab fünfzig Mädels unten im Boot. Hoffentlich bekommen die nicht alle auf einmal ihre Tage…schnöne Scheiße, das!“
„Da bekommt das „Rote Meer“ ja ne völlig neue Bedeutung“ flachste Kerstin herum.
Ich seufzte.
„Mädels…wir können ja nicht wie die Kinder Israels zu Fuß rüber, wir müssen es jetzt ein paar Stunden in diesem U-Boot aushalten.“
„Donald Trump würd aber nen guten Pharao machen“ scherzte nun Johanna – sie lehnte sich ebenfalls gemütlich an die Brüstung, hielt die Nase in den Wind und blinzelte in Richtung der ägyptischen Küste, die sich noch wie ein schmaler Streifen am Horizont abzeichnete.
„Das ist mein Kontinent, Martin…“ obwohl sie mich angesprochen hatte, klang es, als hätte sie es mehr zu sich selbst gesagt.
Sie sah mich von der Seite an.
„Hast du Heimweh nach Südafrika?“
Sie schüttelte resignierend den Kopf.
„Nein…nicht mehr. Das Afrika, das ich kenne gibt es nicht mehr. Seit mein Großonkel unser Land verraten hat, will ich nicht mehr zurück.“
Deutlich war ihre Verbitterung heraus zu hören. „Die Kaffers haben Südafrika wirklich im Griff – Wirtschaft, Kriminalität, Gesundheitswesen. My Land is nu het Paradys van de here Wêreld…ek laaig terug.“
Das war wohl afrikaans gewesen und bedeutete soviel wie: „Ich mag nicht zurück.“
Ich seufzte – Johanna auf dieses Thema anzusprechen, bedeutete stets, sich in politisch unkorrektes Fahrwasser zu begeben… So blieben wir stumm- und sahen wieder den Delphinen zu, die friedlich in unserer Bugwelle auf und ab sprangen.

Das ging auch eine ganze Weile so- bis wir von einem Schmerzschrei aufgeschreckt wurden. Kerstin, Johanna und ich drehten uns um: die zwei Marine-Infanterie-Hasen rangelten mit einem Delphin, der sich in den Arm des einen Hasen verbissen hatte!
Der eine Hase hieb mit seinem Fernglas unentwegt auf den Kopf des armen Delphins, auf das dieser sein Maul öffnete – vergebens.
Johanna sprang zu den beiden hin, riß ihren Dolch aus der Scheide, und massakrierte den Meeressäuger, der darauf blutend und tot vom achterlichen Turm herunterfiel, nochmal auf das metallene Deck aufprallte und dann im Meer versank.
„What the fuck…?“ schrie Johanna mit fragendem Blick – erst jetzt realisierte sie die Lage, ihre Aktion mit dem Dolch war automatisch gewesen.
„Sieht so aus, als hätten sich Dr. Heimlichs Killerdelphine beschlossen, sich unserer Mission anzuschließen!“ antwortete ich.
Kerstin half den beiden Marine-Infanterie-Hasen beim Einstieg in die Luke: „Passen Sie auf ihren Kameraden auf – er soll sich unten verarzten lassen!“ Schmerzwimmernd kletterte der Langohrige mit seinem Kameraden die Leiter hinab.

„Beide Maschinen Äußerste Kraft voraus! Dreimal Wahnsinnige! Und schicken sie und Langwaffen rauf!“ schrie ich die Luke hinunter, denn in dem gleichen Moment kamen wieder zwei Delphine mit gewalten Sprüngen zu uns auf den Turm. Kerstin wehrte sich mit Tritten gegen den einen Delphin, und Johanna sprang mit einem Riesensatz wieder mit gezücktem Dolch auf den anderen.
„Das werden immer mehr!“ rief Kerstin, mit einem gekonnten Karate-Tritt ihren Delphin bearbeitend. Drei dumpfe Aufprallgeräusche auf den Turm ließen vermuten, das noch weitere Delphine versuchten, zu uns auf den Turm zu springen.
Die Dieselmotoren heulten auf, schwarzer Qualm kam aus den Abgasöffnungen – das Boot beschleunigte langsam von 12 auf maximal 18 Knoten.

Aus dem Turmluk wurden wieder zwei große Ohren sichtbar, gefolgt von ein paar Armen, die eine Pistole und zwei Gewehre hochreichten – Kerstin sprang über ihren Delphin hinweg, schnappte sich die Lugerpistole und feuerte vier Schuß dem Delphin direkt in den Kopf. Johanna erwischte das FG42 – und hatte damit den Vorzug ein halb bzw. vollautomatisches Gewehr zu haben, mit dem sie auf die Wasseroberfläche schoß. Ihren zweiten Delphin hatte sie ebenfalls noch mit dem Dolch erledigt.
Mir blieb dann nur der 98er Karabiner – dh. Ich mußte nach jedem Schuß erstmal repetieren. Aber ich hatte nichtmal die Zeit, resignierend zu seufzen, denn Kerstin riß mich runter: „Martin! Achtung, da kommt der nächste!“ ich ging zu Boden. Nun kam aus dem Turmluk Athanasius Weitwinkles naives Gesicht.
„Was geht denn hier vor sich?“
„Weitwinkel –passen Sie auf ihre Ohren auf! Die Killerdelphine greifen uns an!“
„Ohgottohgottohgott…herrje…“ mit dem Gesicht eines wahren Angsthasen verschwand er wieder im Turmluk.

Ich erhob mich über die Brüstung. Da sah ich auch schon den nächsten Killerdelphin direkt auf mich zu springen – ich riß den Karabiner in den Anschlag, zielte, und feuerte. Getroffen. Noch während ich repetierte kam ein neuer angeflogen, er hatte es auf Kerstin abgesehen. Sie ließ sich rücklings auf den Boden fallen, und als der Delphin genau über ihr war, schoß sie ihm mit der Luger08 von unten in den Bauch. Wie ein nasser Stein fiel das Tier zu Boden – Kerstin konnte sich gerade noch rechtzeitig unter ihm wegrollen. Unterdessen nahm Johanna wohl mit gezielten Salven diejenigen Killerdelphine ins Visier, die noch im Wasser Anlauf zum Sprung nahmen.

Davon ermutigt versuchte ich ebenfalls mein Glück, aber mit einem Karabiner auf schnelle, sich bewegende Ziele zu schießen, ist immer so ne Sache.
Erst mein vierter Schuß traf einen Delphin, der schon fast auf der Höhe der Turmbrüstung war.
Durch die nun erreichte Höchstgeschwindigkeit unseres Ubootes fing es an, mit der Dünung zu schwanken, der Bug senkte sich nun in jedem Wellental tiefer nach unten, und das Heck hob sich dementsprechend hoch – und auf jedem Wellenkamm dann umgekehrt.
Das erleichterte es nicht gerade, beim Schuß zu treffen. Idealerweise bilden Kimme, Korn und Ziel eine Linie, aber wenn zum sich bewegenden Ziel auch noch eine schwankende Eigenbewegung hinzukommt, ist zielgenaues schießen äußerst schwierig…
So langsam ließen die Attacken nach – ich sah mich zu Kerstin um: „Wie viele hast du?“
„Vier, und du?“
„Zwei“ antwortete ich.
„Martin…ich mein, ich hab ja den Jagdschein, aber davon stand nichts in der Jägerprüfung!“
„Ich bin nur froh, das ich auf dich gehört habe, und nicht auf Dr. Heimlich… diese Delphine allein bloß einfangen zu wollen, ist lebensgefährlich. Mal abgesehen, sie mit Donald Trump in einer Badewanne auszusetzen…“
„Wo ist eigentlich Johanna?“ fragte Kerstin
Ich blickte mich um. Von Johanna war nichts zu sehen. Auf dem Achterdeck, bei der 37mm Flak keine Spur von ihr. Also rannten wir nach vorne. Gerade jetzt senkte sich der Bug unseres U-Boots wieder in ein Wellental, so daß Kerstin und ich beinahe über die Brüstung geflogen und auf dem Vordeck gelandet wären. Als wir dort hinunter blickten, sahen wir Johanna:
Sie kniete an der 88mm Deckkanone, und zwei blutende tote Delphine lagen vor ihr. Dem letzten hieb sie mit ihrem Dolch derartig in den Leib, daß das Blut nur so herausspritzte, und auch sie reichlich davon abbekam.
„Paß auf Johanna – da kommt noch einer!“ schrie Kerstin und deutete nach steuerbord voraus.
Ohne sich zu erheben, blieb Johanna in ihrer knieenden Haltung –da sie noch in der linken den bluttriefenden Dolch hielt, feuerte sie das FG42 frei nur mit der rechten Hand ab (alle Achtung!) begleitet von einem laaangem Haß und Kampfschrei. Der angeflogene Delphin fiel ca. 6 Meter vor dem Boot tot ins Wasser. Die Szenerie erinnerte mich in diesem Moment unfreiwillig an Sharknaido Teil 1-3.
Jetzt erst erhob sie sich, und wankte, die Schiffsbewegungen ausgleichend, wieder zum Turm, und kletterte die Leiter zu uns hoch. Blutüberströmt und naß vom Seewasser stand sie dann vor uns und salutierte etwas absichtlich zu lässig: „Melde gehorsamst! Alle Delphine erledigt!“
Reflexartig salutierten Kerstin und ich zurück – aber ehe einer von uns das Wort ergreifen konnte, kam Athanasius Weitwinkel wie der geölte Blitz aus dem Turmluk gesprungen – mit zwei Stielhandgranaten in der Hand.

Es ging so schnell – es konnte ihn weder jemand ansprechen, geschweigedenn aufhalten: Mit einem langen Ruf „Jabba-Jabba-Duuuuuu!“ wirbelte er die beiden Handgranaten rechts und links von sich, und warf sie dann steuer und backbord ins Wasser. Er blieb freudestrahlend mit erhobenen Händen stehen, als ich mich schon „Volle Deckung!“ rufend mit Kerstin und Johanna zu Boden warf. Aus dem Augenwinkel sah ich noch backbord achteraus eine Wassfontäne aufsteigen – begleitet von zwei lauten Explosionen. Die andere war wohl steuerbord gewesen, aber die konnte ich nicht sehen.
Die Gischt – und seltsamerweise keine Granatsplitter regnete auf den ganzen Turm herab, so daß wir alle nochmal reichlich naß wurden.
„Weitwinkel! Haben sie noch alle Tassen im Schrank?“ fuhr ich ihn wohl mehr mit Schreck als mit Wut an.
„Mein U-Boot!“ entsetzte sich Kerstin. „Wenn die Dinger die Hülle getroffen hätten, dann können wir auch gleich zu den Viechern ins Wasser springen!“
Beleidigt sah Weitwinkel uns an: „Aber… ich wollte doch nur helfen… Ich liebe doch alle…ich setze mich doch auch dafür ein…!“ er blickte uns beleidigt und verständnislos an – sein Gesicht begann weinerlich zu werden.
Wir drei erhoben uns wieder – ich atmete einmal tief durch.
„Einsteigen Leute! Mir reichts jetzt erstmal. Los- nach unten. Wir tauchen!“

Weitwinkel stieg beleidigt hummelnd als erster nach unten, Johanna und Kerstin folgten ihm, dann ich.
Als ich die Luke von innen verschloß, verstummten auch schon die Dieselmotoren, und ich hörte die Kommandos von unten: „Diesel ist ausgekuppelt – umkuppeln auf E-Maschine!“
Gurgelnd schoß das Wasser in die Tauchtanks, Kerstin kommandierte wohl noch halb auf der Leiter: „Fluuuuten!“
Als ich unten in der Zentrale ankam, dauerte es keine 30 Sekunden bis der LI meldete: „Melde gehorsamst: Boot eingependelt auf 12Meter Seerohrtiefe!
„Gehen Sie runter auf 40 Meter… aber sanft!“
„Jawohl!“ er wandte sich zu den beiden Rudergängern zu: „Vorne oben 10, hinten oben 10“
Ganz leicht hatte man das Gefühl, in einem Fahrstuhl zu stecken, der langsam nach unten fährt.
„Obersteuermann, wir bleiben auf altem Kurs, wenn wir wieder auf Fahrt gehen.“
Der Obersteuermann nickte nur kurz, und wandte sich wieder seiner Seekarte um. Kerstin lehnte am eingezogenen Periskop und hielt den Papenberg (den Tiefenmesser) im Blick.
„20Meter gehen durch…. 25 Meter gehen durch…30 Meter gehen durch….35… 40 Meter über Kiel.“
Der LI befahl seinen Rudergängern nun das Boot durchzupendeln. „Achtung – beide kommen auf… Trimmen! 200Liter nach achtern lenzen!“
Und dann hingen wir in 40 Meter Tiefe in der dunklen Schwebe.

Das UBoot, die Kampflesben, die Marine-Infanterie Hasen, und ich.

Ich wollte jetzt etwas Ruhe, und Schlaf nachholen – vorher wollte ich aber noch sicher gehen, das niemand von unserer munteren Ballerei Wind bekommen hatte. Also schwang ich mich durch das Luk zum Funkerspind. „Und…wie siehts aus? Was haben wir?“
Der Funker drehte an seinem Aparat herum…
„Is sich verschieden, Fischerboote in dreihundertvierzig bis dreihundertfünfzig Jrad…unjefähr sechs bis sieben Seemeilen. Und da is sich Delphinschule von eben… Viecher sind sich halbe Seemeile achteraus…180 Jrad… und ein Eeltanker schwimmt sich in vierzich Jrad.. kommt langsam neher… is sich aber noch über 20 Seemeilen wech…“
Eigentlich ein zufriedenstellendes Bild… aber der Dialekt!
„Wo kommen Sie eigentlich her, Mann?“
„Jeboren is sich meine Wenichkeit in Castrop-Rauxel. Aber Vatter war sich Schlesier, der wo sich jeangelt hat meine Mutter in Astpreißen!“
„Aaahjaaa…“ ich zog es vor, nicht weiter nachzufragen…
Durch das Luk rief ich in die Zentrale: „wir gehen auf sieben Knoten, weiter auf altem Kurs. Ich bin in meinem Kabuff- Kerstin, du übernimmst!“
Die Elektromotoren sprangen an, und ihr helles singendes Geräusch war im ganzen Boot zu hören.
Ich ließ mich in mein recht enges und unbequemes Bett fallen, und versuchte etwas zu dösen.

…to be continued…

 

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Das 104. Kamel – Bäder, Lesben und Delphine Teil 4 und Teil 5

TEIL 4

 

Ich hätte mir eigentlich denken können, das es keine kleine Cessna war, sondern ein etwas größeres, mit dem Kerstin mich nach Ägypten zu bringen gedachte – auf der Bengener Heide stand eine FockeWulf 200 „Condor“ startbereit. Wie ich den Kennzeichen entnehmen konnte., ihre ehemalige Dienstflugzeug. Eigentlich für 26 Passagiere ausreichend, aber wir waren allein. Dafür nur 360 km/h Spitzengeschwindigkeit – ein langer Nachtflug nach Ägypten stand uns bevor.
Ich zog es vor, erst eine Stund ein Nickerchen zu machen – die Sonne war schon am Horizont verschwunden, als ich wieder erwachte.

„Wo sind wir?“ wollte ich wissen.
Kerstin sah aus dem Fenster: „Irgendwo über der Schwäbischen Alb…“
„Hm… hätte jetzt Appetit auf ein oder zwei Brötchen.“
Leicht irritiert zog sie ein ein paar Sandwiches aus einer Aktentasche und reichte sie mir. Noch während ich kaute, fing sie an:

„Jetzt erzähl mal… was hast du die letzten Jahre gemacht?“
„Was willst du hören? Ich hab mein Studium beendet. Mehr schlecht als recht. Meine Weißrussin, die ich damals als Freundin hatte, hat mich in der entscheidenden Phase meiner Magisterarbeit vom vernünftigen Arbeiten abgehalten, so daß ich die Arbeit in den Sand gesetzt hab. Beziehungsweise: meine Kommilitonen meinten, sie sei sogar sehr, sehr gut, wenn man bedenkt, das ich anstatt 6 Monate nur 2 Wochen für die hundert Seiten Text gebraucht hab.“
„Du hast deine Magisterarbeit in nur zwei Wochen geschrieben? Krass!“ lachte sie.
„Und was ist aus der Weißrussin geworden?“
„Als mein Opa gestorben ist, wollte sie nicht mit zur Beerdigung. Und dann war sie einfach weg. Hat sich dann so nem reichen Araber und Jura-Studenten an den Hals geworfen….Keine Ahnung… hab sie vor nem Jahr wieder getroffen und da meinte sie, wir wären ja nie zusammen gewesen und das ich das ja nur rumerzählen würde, und das ihren Ruf schädigen würde etc. etc. Dabei waren wir ein Dreivierteljahr zusammen. Und ich Idiot hab mich genau zu einem Zeitpunkt von ihr ablenken lassen, als ich meine ganze Energie in meine Magisterarbeit hätte stecken sollen.“
„War sie denn wenigstens im Bett gut?“
„Naja…geht so. Jedenfalls wollte sie dauernd Geschenke von mir und hat erwartet ich wär ein Millionär. Und nach außen hin sollte alles perfekt sein bla bla bla…“
„also typische verwöhnte Russenbitch…“
„Kann man so sagen. Naja..und danach hab ich mich voll und ganz unserer Bar in meinem Studentenwohnheim gewidmet. Einkaufen, saubermachen, Gäste bedienen, Kasse machen…“
„Du? In einer Studentenkneipe?“
„Naja…wenn ich der Chef bin, geht’s eigentlich.“ grinste ich. „Das war vorher eine versiffte runtergekommene Klitsche. Wir haben die mehrheitlich zu zweit renoviert, auf Vordermann gebracht und dann gingen die Umsätze durch die Decke.“
„Wir? Eine Frau nehme ich an?“
„Ja… eine ruhige, kluge, BWL Studentin aus Zülpich. Definitiv rheinische Sozialisation. Das war wirklich ne spannende Zeit – wir haben den Job von vier Leuten zu zweit geschafft. Von Abends zehn bis morgens um fünf. Nur Bier verkauft – 1,20€ die Flasche. Wodka, Jägermeister und Tequila für 50ct pro 2cl… da kannste dir vorstellen, was da los war. In der kleinen Bude 120 Studenten, die Hälfte davon spanische und irische Erasmusstudenten, die einfach gepflegt tanzen saufen und vögeln wollen. Aber da waren auch Araber, Russen, und hin und wieder auch ein paar deutsche Studenten…“ ich hing in meiner Erinnerung fest.
„Klingt nach ner Menge Spaß…“
„Ja… vorallem wenn man das einzige Klo bzw Waschbecken in dem Laden dreimal am Abend von einer Lache Kotze freispülen muß, die über Schnapsleichen und total bekiffte drübersteigt und auch noch ein nettes Wort fürs Ordnungsamt und die Polizei übrig haben muß, die regelmäßig wegen Lärmbeschwerden vorbeigeschaut haben:“
„Und was ist aus der Frau geworden?“
„Naja… ich hab mich in sie verliebt“
„DAS war mir klar“ lachte Kerstin.
„Aber sie hat mir sehr höflich einen Korb gegeben – das tat nichtmal weh. Und als sie dann ein Semester später immer wieder mit ihrer besten Freundin auftauchte, haben meine subalternen Barkollegen schon getuschelt..“
„Sag bloß, die ist…“
„Ja… irgendwann kams dann raus: Sie ist lesbisch. Und dann haben die Jungs und ich auf sie angestoßen und herzhaft gelacht“
„Ach Martin… du alter Schwerenöter…habt ihr noch Kontakt?“
„Ja.. haben wir tatsächlich noch. Sie ist eine der wenigen Menschen, die ich wirklich schätze.“
„Weil du ihre Grenzen akzeptieren kannst.“
„Ja, vielleicht eben deswegen.“
„Und dann?“
„Tjaaa… und dann. Das ist eine gute Frage. Dann habe ich zwei Frauen kennengelernt. Die eine hat mich in die Welt des bdsm eingeführt, und die andere hat mich aus meinem normalen Leben ent-führt.“
„Hä?“
„naja..die eine Frau war interessant, hatte Stil, war erotisch, und wollte mit mit einfach Zeit genießen, die andere stand unangemeldet plötzlich in meinem Leben und hat, ohen das ich es wollte das Kommando über mich übernommen. Hat mir alles mögliche gemacht, organisiert, gekauft etc. – ich war nur noch ein passives Anhängsel. Bei ihr eingezogen bin ich auch noch – aber nur für ein halbes Jahr. Das war wohl mit Abstand die verschwendetetste Zeit in meinem Leben. Fern der Heimat und ohne eigenes Leben…“
Ich mußte mich unweigerlich schütteln…
„Das klingt aber nicht besonders toll…“
„War es auch nicht. Ich kam mir vor, als sei mein Leben, mein ganzes ich für fast ein Jahr in einem Schuhkarton zusammengeschnürt gewesen, das froh war, als es wieder raus konnte.“
„…und dann hattest du doch noch eine Freundin – die mit dem Kind, oder?“
„Das stimmt. Aber ich möchte nicht über sie sprechen. Noch nicht. Irgendwann mal. Das ist noch viel zu frisch und war komplett anders. Die hätte mir gefallen. Die war klug, treu und…ach…lassen wir das.“

Ich sah sinnierend aus dem Fenster. Unter und zog das Alpenvorland durch, wie ich im letzten Lichtschein erkennen konnte.
„Wie hast du denn die letzten Jahre mit Sally zugebracht?“
Kerstin hatte sich die Schuhe ausgezogen und ihre strumpfbehosten Beine (sagt man das so?) lang ausgestreckt, sich die Bluse geöffnet, einen Whisky eingegossen und eine ihrer Davidoff-Nuttenstengel angezündet.
Bevor sie antwortete, sog sie erst den Rauch tief ein, und blies ihn ganz langsam an die Decke.
„Tjaaaa…“ sagte sie mehr zu sich selbst, so daß ich es kaum hören konnte. „Wie verbringt man fast fünf Jahre mit einer psychisch auffälligen nymphomanischen Kriminellen, die an Macht gewohnt ist, und dann Krebs dieagnostiziert bekommt?“
Sie sah mich mit traurigen, müden Augen an.
Die vier Propellertriebwerke dröhnten monoton vor sich hier. Ab und an könnte man erkennen, wenn eine kleine Flamme aus den Abgashutzen züngelte.

„Wir waren erst in Irland – sie wollte unbedingt Verwandtschaftsbesuche machen. Was aber nicht mehr war, sich um die Gräber ihrer Eltern und ihrer Granny zu kümmern. Sally hat sich in den Kopf gesetzt, das sie eine Schwester hatte, von der sie aber nichts wußte. Wir haben sechs Wochen in sämtlichen Archiven in Dublin gesucht und gemacht –nichts. Sie hat steif und fest behauptet, es gibt dieses Schwester. Ich hab in der Zeit echt manchmal an ihrem Verstand gezweifelt.
Und dann kam die Diagnose. Sie war zwei monatelang nur apathisch- wollte nichts mehr essen. Mich hat das bald mehr verrückt gemacht als sie.
Und als dann absehbar war, das der Verlauf schleichend aber langsam ist, haben wir uns die Yacht gekauft, und sind um die halbe Welt gesegelt. Es ging uns gut. Natürlich hatte sie manchmal ihre Tobsuchtsanfälle. Hat mich, dich und die ganze Welt verflucht. Auf den Meldiven hat sie mal ne ganze Hotelbar in Trümmer gelegt, den Portier und zwei Wachmänner krankenhausreif geschlagen, weil nach 22 Uhr kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden durfte. Da hat sie dann gottseidank auf gälisch über die „verfickten Moslems“ geschimpft und alles kurz und klein geschlagen – ich konnte sie grade noch so beruhigen, und mit vorgehaltener Knarre die Polizei in Schach halten, bis wirs zurück aufs Boot geschafft hatten.“
„Ach du Scheiße!“

„Das kann ich dir sagen…! Und dann in Thailand, in Phuket, da ist sie nachts mit besoffenen Australiern aneinander geraten, die sich auf ein paar junge Prostituierte einlassen wollte. Da war sie dann gaaanz groß und wollte Mutter Theresa spielen. Natürlich im besoffenen Kopp und hat zwei Australier und einen Holländer mit nem Küchenmesser abgestochen. Zum Guten Schluß mußten wir auf nem Moped durch Phuket flüchten, weil die Polizei und die minderjährigen Nutten und deren Zuhälter hinter uns her waren.“
„Was?“
„Naja die Polizisten wegen den Australiern und dem Holländer, die Nutten, weil Sally sie um den Verdienst gebracht hat, und die Zuhälter, weil sie denen als Krönung noch anderthalb Kilogramm reinstes Opium und Heroin geklaut hat!“
„Nicht dein Ernst?!“
„Doch!“ Kersten mußte lachen.
„Martin – stell dir das vor, Ich brettere auf nem Moped mit Madam morgens früh um 4 Uhr durchs Kinderfickerviertel von Phuket, und sie sitzt hinten aufm Sozius, nur mit nem Top, ohne Hose, ohne Slip – den Rucksack mit dem Stoff aufm Rücken und ballert mit zwei Luger08 wahllos in die Menschenmenge und schreit dabei laut „God save Ireland!““
Ich facepalmte. Das war Sally.
„Aber ihr seid da rausgekommen, ja?“
„Na klar!…Wir haben den Stoff für 10.000 Dollar irgendwo verhökert – nicht ohne uns selbst vorher noch was abzuzweigen…“ sie zwinkerte „und dann sind wir weiter.
Aber dann gabs auch die Wochen und Monate, in der es ihr soo saudreckig ging, das wir uns nur in Krankenhäusern oder Wellnesshotels rumgetrieben haben. Letztes Jahr an Weihnachten haben wir in Spa in den Ardennen zugebracht – nur zwischen Hotelsuite, Hallenbad und Massagebank. Dann hat sie dann angefangen zu malen, zu töpfern und was weiß ich nicht alles…“
„Sally?“
„Ja… von einem Tag auf den anderen war sie dann fast auf so nem feministischen Ökotripp…und dieses Jahr sind wir dann wieder auf unser Boot –wollten durch die Ägäis bis in die Karibik. Aber sie kann nicht mehr. Den Rest kennst du.“

Ich sagte nichts. Auch Kerstin blieb stumm. Ich mußte daran denken, wie ich Sally mit Kerstins Hilfe im Sommer 2001 morgens um fünf Uhr sturzbetrunken in Hannover in eine Straßenbahn verfrachtet hatte – als sie aus vollem Halse „American Pie“ grölte. Man man man… das war Ewigkeiten her, und schon gar nicht mehr wahr.
Den weiteren Flug sprachen wir noch über alles mögliche, Gott, die Welt, die Flüchtlinge, die AfD, über Frau Merkel – bis wir uns irgendwo zwischen Sizilen und Kreta noch für ein paar Stunden in unsere Kojen legten um zu schlafen.

Am Morgen wurden wir durch den Copiloten geweckt: Wir befanden uns im Landeanflug auf die Schotterpiste im Gebiet „Mons Porphyrites“, wo Johanna mit ihrer Spezialeinheit und das U-Boot auf uns warteten.

 

TEIL 5

 

Wir waren gelandet.
Kerstin öffnete die Ausstiegsluke – und eine Wolke aus Hitze, Staub und Wüstensand schlug uns entgegen.
Es dauerte noch eine Weile bis die Propeller zum stehen gekommen waren.
Wir kletterten sie Aluleiter hinunter und sahen uns um.
Ich mußte unweigerlich die Augen zusammen kneifen, um in der gleißenden Sonne überhaupt etwas erkennen zu können. Es war eine trostlose Wüstenei, die uns umgab.
Das Flugzeug war am Ende der Schotterpiste zum stehen gekommen: gleich daneben stand eine weitere FockeWulf „Condor“.
„Johanna muß hier mit ihren Mädels die Zelte aufgeschlagen haben.“ meinte ich zu Kerstin.

Ehe sie antworten konnte, sah ich eine weiß vermummte Gestalt hinter einem Felsen hervorklettern, die eilig auf uns zu gestapft kam. Im ersten Moment befürchtete ich, es könne sich um Dr. Heimlich handeln, aber diese beduineske Erscheinung wollte von der Gestalt nicht dazu passen. Erst recht nicht die großen, löffelförmigen Ohren, die dem Beduinenhaupte zur rechten wie zur linken entsprangen.
Ich traute meinen Augen nicht: Das war Athanasius Weitwinkel, mein stets deprimierter und in letzter Zeit recht schläfriger Reichskassenwart!
„Assalam Aleikum, Chef el kebir! Herzlich willkommen in el Maßr!“
„We aleikum salam – Weitwinkel! Was zum Kuckuck machen Sie hier? Wo sind Johanna und die Spezialeinheit?“ Ich sah ihn mir von oben bis unten an. Normalerweise trug er ja stets einen grauen Talar mit weißer Halskrause, den er nun aber gegen ein Beduinengewand eingetauscht hatte. Dazu hatte er sich – anstelle eines Gürtels – ein Sisalseil um den Leib gewunden, an dem eine Patronentasche und eine Stilhandgranate bauemelten.
„Mein Chef – unsere Spezialeinheiten liegen gemächlich in ihren Zelten und warten nur noch auf ihre Ankunft!“
„Unsere Spezialeinheit-en?“
„Ja. Ich habe mir erlaubt, zur Unterstützung eine Kompanie snöffischen Marine-Landsturms mitzubringen!“
Ich rollte mit den Augen. „Kerstin, weißt du davon?“
Sie hob nur abwehrend die Hände. „Martin – sorry, davon hab ich nichts gewußt! Ehrlich!“
„Weitwinkel – bringen Sie uns bitte zum Lager! Und dann möchte ich eine Erklärung haben! Sie haben bei der Besprechung doch die ganze Zeit geschlafen!“
„Ich habe nicht geschlafen, sondern gedöst. Aber – wenn Sie mir bitte folgen wollen, Hasretin!“

Er kehrte um und wir beide trotteten hintendrein.
Nach einem Feld aus Felsen schlug er den Weg in ein ausgetrocknetes Wadi ein. Nach einer Biegung sahen wir das Lager: Zwanzig Zelte waren fein säuberlich im Karré angeordnet und vor jedem brannte ein Lagerfeuer. Um dieses Karré herum war ein symbolischer „Wall“ aus Felsbrocken von ca. 50cm Höhe aufgehäuft worden – offenbar hatten sich Weitwinkel und Johanna an die „Felddienstordnung für Legionen und Auxiliareinheiten in fremden Gebiet, Marschlager betreffend“ in der 147sten Fassung vom 31. Mai 1945 gehalten.
In der Mitte des Zeltkarrés stand ein etwas größeres Zelt, vor dem zwei Fahnen in den Boden gerammt waren. Das Praetorium. (ok, sie hatten sich dran gehalten…)
Die eine Fahne zeigte auf schwarzem Grund zwei ineinander verschlungene Venuszeichen vor einem Totenkopf mit zwei gekreuzten Stilhandgranaten, die andere einen Hasenkopf mit Anker im linken Obereck.
Als wir in das Lager traten, meinte ich mit großem Kopfschütteln zu meiner Kriegsministerin a.D.:
„Ich faß´ es nicht, Kerstin! Der hat echt den snöffsichen Landsturm hierhin gebracht!“

Der snöffische Landsturm war der Teil meiner Armee, der sich, ähnlich wie Weitwinkel, aus humanoiden Kaninchen, Igeln oder sonstigen kuscheltierähnlichen Gestalten zusammensetzte. Normalerweise mit Sensen, Dreschflegel, Piken und ggf. Schrotflinten bewaffnet, war diese „Truppe“ nur als allerletztes Aufgebot für den totalen Ernstfall gedacht.

Allerdings hatte ich vor vielen, vielen Jahren, dem Drängen des House of Lords (der snöffischen Ständevertretung) nachgegeben, und aus Gründen der Gleichberechtigung und Partizipation wenigstens eine reguläre Einheit genehmigt. Die Waffengattung durften sie sich selbst aussuchen, und hatten sich damals sehr zu meinem Erstaunen für die Marineinfanterie entschieden.
So kam es denn, das dieses Feldlager in der ägyptischen Wüste in der Nähe des roten Meeres nicht nur von Sallys resp. Johannas Kampflesben, sondern auch von Marineinfanterie-Hasen bevölkert wurde.

Im Gegensatz zu Weitwinkel, der im Burnus vor uns herstapfte, trugen die Hasen allesamt vorschriftsmäßig Marineuniform, Marschgepäck, ein FG42, eine Luger08 samt Handgranaten.(bei den ZA-Mädchen war die Bewaffnung übrigens die gleiche, nur die Uniform hat man sich afrikakorpsähnlich vorzustellen.)
Sollte Donald Trump wirklich allen Ernstes eine weltkriegsauslösende Schweinerei planen, diese furchteinflößende Truppe würde es ihm schon austreiben.

Im Praetorium angekommen, setzte ich mich mit Kerstin auf ein Feldbett, während Weitwinkel sich an einem Samowar zu schaffen machte.
„Möchten Sie auch einen Kakao?“
„Nein, Weitwinkel. Ich möchte wissen, was Sie und ihre Marine-Infanterie-Hasen hier machen! Sie sind doch eigentlich mein Reichskassenwart! Was verschlägt Sie in die Wüste?“
„Wissen Sie…Als ihr Reichskassenwart bin ich stets sehr schnell deprimiert – unser Staatshaushalt ist nunmal sehr bescheiden. Unsere Devisen und Einnahmen zu zählen ist an einem Montag Vormittag erledigt. Und da Sie, mein Chef, viel Geld für ihre Privatreisen, Frauen, Hotels und Haken und Ösen ausgeben, bleibt für mich nicht viel zu tun.“
„Sie wissen davon…?“
„Ja natürlich weiß ich das.“ Er drehte sich zu uns um, eine große Tasse Kakao in der Hand haltend.
„Ich bin vielleicht ein Kaninchen, aber nicht doof. Ich habe schon begonnen, in meiner Freizeit Kindern im Krankenhaus Märchen vorzulesen, damit ich was zu tun habe.“
„Aaahja…“ ich runzelte die Stirn.
„Na, was denken Sie wohl…ich bin ein humanoides Kaninchen. Was soll ich sonst machen? Und um im Zirkus aufzutreten bin ich mir etwas zu schade.“
„Das ist ja alles ganz schön und gut und lobenswert, aber warum sind sie hier?“
„Nun. Mir war langweilig. Und da mein Schwager normalerweise Kommandant der Marine-Infanterie ist, er aber im Urlaub ist, und da die snöffischen Behörden ohnehin ein Joint-Venture mit dem ZA haben, dacht ich mir, gehen wir mit auf Expedition.“
„Und da haben Sie sich einfach gedacht, unterstützen wir mal eine Geheimaktion dadurch, daß wir die Teilnehmerzahl gleich verdoppeln und wir haben gleich fuffzig Marine-Hasen mehr an der Backe?“
„So ungefähr, ja. Wissen Sie, mein Chef…ich war schon ihr Kammerherr, als Sie noch ein kleines Kind waren. Und wenn Sie nun schon mit die Welt retten gehen, ist es nur recht und billig, wenn ich das ebenso tue.“
„Na schön.“ Seufzte ich.
„Dann wird es aber gleich auf dem U-Boot etwas eng werden. Mit so vielen Fahrgästen hatte ich nicht gerechnet.“ setzte Kerstin hinzu.
„Da habe ich auch schon vorgesorgt: Die U-Boot Besatzung wird nur noch aus dem LI, dem Funk und Horchgast und den Rudergängern bestehen. Den Rest der Mannschaft übernimmt die Marine-Infanterie. Wir sind ja eh nicht lange unterwegs. Die U-Boot-Besatzung bleibt hier im Lager, bis wir wieder zurückkehren. Und auch genügend Kamele werden wir haben…“ Weitwinkel zögerte kurz
„Ich habe mit unserem Mann vom Mossad gesprochen.“
„Mit diesem Wunderknaben Teutel Kabelbaum?
„Ja. Wir werden genug Kamele für alle haben, wenn wir erst in Saudi-Arabien sind.“ Erst später sollte uns allen aufgehen, was es mit dieser süffisanten Bemerkung auf sich hatte.

Nun kam denn auch Johanna ins Praetorium – in voller Wüstenuniform. Sie salutierte.
„Mein Chef, Frau Minister!“
„Johanna, laß den Mumpitz… wie siehts aus?“
„50 Kampflesben und 50 Kanickel und wir vier Schönheiten. In einer halben Stunde haben wir die Zelte soweit abgebrochen, und übergeben das Lager an die U-Bootfahrer und schiffen uns selbst auf U 309 ein.“
„Na schön… dann wolln wir mal. Also – Abmarsch. Ist weit zum Strand?“
„Nein – nur 5 Minuten Fußweg.“
„Klingt ja wie der schönste Urlaub…“ brummte ich.

Gesagt getan – eine halbe Stunde später marschierten wir schön in Zweierreihe mehr oder weniger schwer bepackt durch das Wadi in Richtung Rotes Meer.
In einer weiten offenen, aber recht einsam wirkenden Bucht lag das U-Boot. Am Strand erwarteten uns schon zwei große Schlauchboote. Dadurch daß wir nun die doppelte Zahl an „Expeditionskorps“ hatten, dauerte die Einschiffung auch dementsprechend länger. Es war gegen halb zwei Uhr Mittags, die Sonne brannte unbarmherzig von einem wolkenlosen Wüstenhimmel auf Küste, Meer und uns herab.

Kerstin und ich wurden schon langsam ungeduldig. Wir standen auf dem Turm des U-Boots und beobachteten die Umgebung – weit und breit niemand außer uns, kein Flugzeug am Himmel und kein Schiff am Horizont. Trotzdem war eine gewisse Vorsicht geboten. Glücklich, als die letzten Hasenohren durch die Ladeluke unter Deck verschwunden waren, atmeten wir auf. Es konnte los gehen.

Kerstin wollte unbedingt kommandieren – ich ließ ihr ihren Willen.
„Vordere und achtere Leinen los! Ruder zwanzig Grad backbord. Steuerbordmaschine Umdrehungen für kleine Fahrt!“ Erst langsam, dann schneller schob sich der Rumpf des U-Boots von der Küste weg, bis der Bug auf die offene See wies.
Wieder bückte sie sich ans Sprachrohr, und gab die Kommandos in die Zentrale nach unten durch: „Ruder mittschiffs – beide Maschinen Umdrehungen für große Fahrt!“

U 309 nahm Kurs auf die saudi-arabische Küste…

…to be continued…

 

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Das 104. Kamel – Bäder, Lesben und Delphine Teil 3b

Auf einem Seitentischchen war ein kleines Büffet aufgebaut – ich hatte keinen Hunger und blieb sitzen. Athanasius Weitwinkel schlief weiter. Die vier anderen machten sich an den aufgebauten Fressalien und Getränken zu schaffen.
Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, das dort auch zwei, drei runde Dosen präsentiert lagen: Sofort wußte ich, um was es sich da handelte. Und bevor Kerstin mit einem beherzten Messerstich sich eine Portion des Doseninhalts aufs Brötchen schmieren konnte, fragte ich:
„Kerstin?“
„Jaaaa, Martin?“
„Hattest du als Kind nicht ein eigenes Reitpferd?“
„Ja, das stimmt. Mein eigenes Pferd. July hieß sie…“
„Und du hast doch bestimmt auch die „Wendy“ gelesen, oder?“
„Jaaa… hab ich sogar abonniert gehabt.“ – so langsam fing sie sich an zu wundern.
„Und du betreibst doch heute immer noch Reitsport, oder?“
„Ich hab einen Trakener-Hengst namens Sigismund IV. , für den ich leider viel zu wenig Zeit habe, ja.“
„Liebe Kerstin – du möchtest gaaaanz bestimmt nicht von diesem Brotausftrich essen! Glaubs mir!“
Sie sah erst zu mir, dann zu Dr. Heimlich, und dann wieder zu mir hinüber, und ich schüttelte nur mit halb geschlossenen Augen grinsend den Kopf.
Jetzt erst nahm sie die Dose in die Hand, und las das Etikett. Es war ein Bild für die Götter, wie sie erst die Augenbrauen hochriß, die Stirn runzelte um dann höchst pikiert das Messer mit dem „Einhorn-Mett“ ganz langsam zur Seite legte, sich räusperte, um sich dann doch nur mit dem unbelegten Brötchen zu begnügen.
Kapitänleutnant Mellerbeck hingegen lange beim Mett ordentlich zu – als „Twitterkreuzträger“ war ihm das ja auch gegönnt…

Während sich die anderen noch am Büffet stärkten, schüttete Johanna nur ein Glas Wodka-O hinunter – was in ihrem Fall bedeutete: Ein Glas Wodka mit einem Schuß Orangensaft.
„Ihr entschuldigt mich – ich hab noch was für euch vorbereitet!“ eh ich fragen konnte, was denn nun käme war sie auch schon dem Raum entschwunden.
Ich drehte mich zu Dr. Heimlich um und sah ihn fragend an.
„Mein Chef! Selbstverständlich möchten wir, daß Sie sich vom ordungsgemäßen Zustand unserer Spezialeinheit überzeugen können!“
„Aaahja. Und das heißt?“

Aber ehe er antworten konnte hörte man draußen vom Hof den gleichförmigen Schritt einer Marschkolonne – Trommel und Flöten pfiffen die preußische Marschlocke. Zum Fenster geeilt, sah ich, das eine Militärkapelle sich an einer Hofseite aufgestellt hatte.
Johanna stand, nun mit Stahlhelm und gezogenem Säbel allein in der Hofmitte. Als sie den Säbel senkte, intonierte die Kapelle den Elisabether Marsch (von Johan Strauss Vater).
„Aaaabteilung…Marsch!“ kommandierte Johanna – und daraufhin kam eine Formation von 50 jungen Frauen in der doitschesten aller Fortbewegungsformen auf den Hof marschiert: Im Stechschritt.
In der Mitte des Hofes angekommen, hieß Johanna die Abteilung zu halten und „rechts um.“
Ich blickte hinunter. Junge Mädels waren das – alle so Anfang Zwanzig. Uniform picobello, mit Stahlhelm, Gewehr (FG 42), und Marschgepäck.

„Kerstin…ich weiß nicht… es heißt doch „make love not war“… ich möchte keine jungen Menschen in gefährliche Missionen schicken. Junge Frauen erst recht nicht.“
„Martin, bei aller Liebe – erstens: sind wir hier virtuell. Wir können alles. Zweitens: Ist das da unten unsere beste Spezialeinheit. Die wissen, was auf sie zukommen kann. Und Johanna ist eine gute Truppenführerin. Und drittens: Es geht hier darum, einen unkontrollierten Atombombenangriff auf Mekka zu vereiteln. Stell dir vor, was passiert, wenn wir nichts unternehmen!“

Ich seufzte. Aus Kerstin würde nie eine Pazifistin.
„Dein Wocht in Jottes Ohr!“
„In fünf Tagen geht’s los: Die Mädels fliegen nach Ägypten, steigen am Roten Meer auf U 309 um, das sie unentdeckt an die Saudi-Arabische Küste bringt, und von da aus sind es anderthalb Tage durch die Wüste bis zu dem amerikanischen Stützpunkt. Wir überfallen den im Morgengrauen, sprengen die zwei F117, entschärfen die Bomben und zum Schluß jagen wir die Startbahn in die Luft. Und dann schieben wir das ganze dem IS in die Schuhe und der Weltfrieden inklusive twitter #ntl ist gerettet.“

„In fünf Tagen hab ich nen Termin in Sinzig beim Jobcenter.“ Brummte ich. „Wie will denn Johanna so schnell durch die Wüste kommen?“
„Kamele, mein Chef!“ warf Dr. Heimlich ein. „Unser Mann beim Mossad wird Reitkamele und Ausrüstung an den Landungspunkt bringen.“
„Teutel Kabelbaum…klingt mehr nach Kamelle als nach Kamelen..“ murmelte ich in mich hinein.
„Wie bitte?“
„Ach nichts…Komm, laß uns runter gehen und die Inspektion hinter uns bringen.“
Mellerbeck, Heimlich Kerstin und ich gingen hinunter in den Hof. Athanasius Weitwinkel war – wie zu erwarten – schlafend sitzengeblieben.

Um es kurz zu machen: ich sah mit einigem Schauer in die jungen Gesichter, als wir die Formation abgingen. „Was für ein Wahnsinn!“ dachte ich bei mir.
Johanna kam zu mir gestiefelt, zog den Säbel vors Gesicht, und meldete „Abteilung angetreten!“
Ich grüßte stumm zurück, wandte mich zu den Mädels: „Viel Glück Mädels! Kommt heil wieder!“

Da ich der Szenerie überdrüssig war, sprach ich zu meiner Entourage: „So Leute – mir reichts für heute. Ich fahr jetzt heim, freue mich auf mein Bier und etwas twitter am Abend. Und morgen früh will ich wieder ins Schwimmbad. Halten Sie mich auf dem laufenden, aber gehen Sie mir nicht auf die Nerven!“ Dr. Heimlich verstand diese Warnung hoffentlich. Andernfalls würde Kerstin schon dafür sorgen.

Zwei Tage später

Wieder ein Tag im Schwimmbad fast vorbei. Die blaue Stunde, also ermäßigter Eintritt kurz vor Toresschluß war auch gleich rum. Die letzten Kinder nervten noch plärrend und tobend im Wasser, die holde MILFigkeit schob sich noch mit ein paar letzten Schwimmzügen durch den Schwimmerbereich des Beckens – ein lauer Spätsommerabend.
Ich dachte nur daran, daß ich gleich noch die ganzen Mülltonnen einsammeln und zum Betriebstor im rückwärtigen Bereich der Anlage würde ziehen müssen, und das ich am übernächsten Tag einen Termin bei meinem Jobcenter hatte. Dort, so war zumindest mein Plan, bhätte ich dann meiner lieben Sachbearbeiterin verkünden könne, daß ich für die nächste Saison eine Festanstellung hätte.

Über was man halt so sinniert, wenn man bald Feierabend hat.
Doch der Bademeister riß ich mich mit einem Hinweis auf einen hübschen Körper in einem stromlinien-Badeanzug aus meinen Gedanken: Ich sah mir den Badeanzug an, und auch die junge Frau, die drin steckte. Kerstin.
Immerhin war ich nicht so erschreckt, wie ein paar Tage zuvor, als Dr. Heimlich mich aus dem Wasser gescheucht hatte.
„Entschuldige mich mal kurz, die kenn ich…“ sagte ich und war auch schon aus dem Aufsichtskabuff heraus zu ihr hin.
„Meine virtuelle Regierungsmannschaft scheint wohl ein gewisses Interesse für diese Badeanstalt zu entwickeln….hallo Kerstin!“
„Hi Martin. Ja…ich dachte mal, ich geh ne Runde schwimmen.“
Ich sah sie von oben bis unten an – in ihrem nassen Badeanzug deuteten sich sämtliche Details von Interesse deutlich ab.
„Das du Sport triebst, glaub ich dir. Aber deswegen bist du bestimmt nicht hier, oder? Hat Heimlich wieder was angestellt?“
„Ne… aber ich dachte, ich sags dir lieber selbst: Kapitänleutnant Mellerbeck ist krank. Liegt seit gestern mit einer Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus.“
„Ach du Scheiße…“ ich dachte nur so bei mir: wenn er mal nicht so beim Pferdemett an Dr. Heimlichs Büffet so zugeschlagen hätte!
„Jetzt fällt uns ein U-Boot Kommandant aus.“
„Sag bloß wir haben keinen Ersatz?“
„Doch, schon… klar hätten wir Ersatz für ihn. Aber wegen der Geheimhaltung und so… da dachte ich, ich komm mit. Ich steig als Kommandantin auf U309 ein. U-Boot fahren macht Spaß. Selbstverständlich wollte ich dich vorher fragen – Heimlich ist einverstanden.“
„Spinnst du? Kerstin, die Aktion wird kein Spaziergang. Ich möchte nicht das dir was passiert. Und außerdem bist du Ministerin a.D. Ich kann nicht einfach einer Privatperson ein Kriegschiff anvertrauen!“
„Und ich kann mich an jemanden erinnern, der mal einer ganzen privaten Stiftung samt angeschlossenen Internaten hoheitliche Gewalt samt Waffen und Munition übertragen hat…!“
„Jaaa, ich weiß… aber das ist Ewigkeiten her.“
„Martin, ich werde auf jeden Fall mit darunter gehen! Ich muß mal raus. Ich war jetzt jahrelang nur mit Sally unterwegs, immer nur auf derYacht von Hafen zu Hafen… ums platt auszudrücken – ich brauch was Action!“

Sie hatte ein großes Handtuch aus ihrer Badetasche gezogen, und es sich um die Schultern gehangen.
„Kerstin, wenn du mitfährst, dann fahr ich auch mit. Ich möchte nicht, daß dir was passiert!“
Sie sah mich mit einem frechen Lächeln an: „Genau das wollte ich von dir hören!… und als ob du auf mich aufpassen müßtest… eher umgekehrt!“ sie zwinkerte, und ich seufzte.
Meinem Dienstherren und Bademeister sagte ich: „Du… ich bin die nächsten Tage nicht da… mir ist da was dazwischen gekommen…“
„Joa…is ok… ist die nächsten Tage eh nicht mehr soviel Betrieb. Bist du wieder in Sachen Frauen unterwegs?“
„So ungefähr, so ungefähr…“ murmelte ich mehr zu mir selbst.
Als Kerstin sich abgetrocknet und umgezogen hatte, war es kurz vor 19.00 Uhr – das Schwimmbad machte zu.
„Komm, wir fahren mit meinem Wagen.“ meinte sie. „Unsere Maschine steht in Bad Neuenahr auf der Bengener Heide.“
„Ein Flugzeug?“
„Ja was meinst du denn? Die Mädels vom ZA müßten eigentlich jetzt schon in Ägypten angekommen sein…“

Keine dreißig Minuten später stieg ich mit Kerstin in ein Flugzeug mit dem Flugziel: Mons Porphyrites, Ägypten.

…to be continued…

 

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Das 104. Kamel – Bäder, Lesben und Delphine Teil 3

„Heimlich… bitte… was haben Sie uns mitzuteilen?“ seufzte ich entnervt.
„Also, ich war auf Fortbildung… bei unseren Freunden vom FSB und dem weißrussischen KGB“ (* der weißruss. Geheimdienst heißt wirklich noch so!) „…und unsere Kollegen haben herausgefunden, daß Donald Trump, sollte er die Wahl zum Präsidenten der USA gewinnen, plant eine Atombombe zum Einsatz zu bringen.“
Wieder machte Heimlich eine seiner theatralischen Pausen.
„Und zwar in Mekka, zum Zeitpunkt der Hadsch, der großen muslimischen Wallfahrt!“

Es herrschte gespannte Stille.
Das war allerdings eine Information von einiger Brisanz.
„Ich nehme an, das sind mehr als nur russische Latrinengerüchte?“ fragte ich, um ganz sicher zu gehen.
„Allerdings!“ Heimlich stand endlich von seiner Kiste auf. Mit einer kleinen Fernbedienung aktivierte er eine aus der Decke herabfahrende Landkarte, die die arabische Halbinsel zeigte.
„Circa 150km südöstlich von Mekka befindet sich ein US-amerikanischer Truppenstützpunkt mitten in der saudi-arabischen Wüste. Wie unsere Freunde in Erfahrung gebracht haben, sind große Teile des amerikanischen Generalstabes überzeugte Trump-Anhänger. Selbst ohne offiziellen Befehl wird es ihm möglich sein, auf einen Schlag mindestens eine Million Pilger von jetzt auf gleich umzubringen –wenn nicht gar noch mehr.
Was aber noch viel verheerender sein wird: Die sozialen Netzwerke wie facebook oder twitter werden erst zusammenbrechen, und dann zu Hetzwerken, und schließlich ganz abgeschaltet. Da sind sich die Russen und unsere Leute ganz sicher. Das würde das Ende Ihrer Twitter-Timeline bedeuten, mein Chef! Es gäbe nur noch Netflix und ähnliche Netzangebote – die westliche Welt würde in Angst vor Terror und Krieg leben, eingelullt in Opium fürs Volk ala Games of Thrones und Hunger Games etc.“
„Kein individuelles schreiben mehr, keine eigenen Gedanken?“
„Nein mein Chef! Kein #147sf und auch keine#ntl mehr!“

Ich malte mir im Geiste die Folgen aus: Abgesehen von den unvorstellbaren Massen an Toten und Verletzten, den zerstörten Bauwerken und religiösen Kulturgütern: eine solche Aktion würde die anderthalb Milliarden Muslime auf der Welt aufs tiefste verletzen, erzürnen und radikalisieren. Dann hätten wir wirklich einen „clash of cultures“ – ein dritter Weltkrieg wäre die Folge. Die gesamte westliche Welt würde zur Zielscheibe islamistischen Terrors werden – nichtmal Remagen, Waldorf oder das Thermalfreibad in Bad Bodendorf wären noch sichere Orte. Leute wie Trump oder die AfD sähen sich würden die Stimmung für sich nutzen. Und nirgendwo mehr twitter. Nur noch „Netzangebote“ die gewinnbringend und „genehm“ sind. Keine #ntl mehr! Nicht auszudenken. /o\

„Aber…Dr. Heimlich… selbst einem Mann wie Trump muß doch klar sein, daß ein solcher Angriff reiner Wahnsinn ist?!“
Kerstin meldete sich stattdessen zu Wort: „Martin… Trump ist ein Ami. Ein dummer, blöder Ami. Die Amerikaner sind, von ein paar schwulen Ostküstenintellektuellen mal abgesehen, wie ein dreijähriger Muskelprotz. Welt und Glaubensvorstellungen aus dem 17. Jahrhundert kombiniert mit den technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts.“
„Ich weiß, Kerstin, trotzdem… der Typ ist doch eigentlich nur auf Macht und vor allem Geld aus: wenn er den Habbacks das größte Heiligtum ihrer Weltreligion unterm Arsch wegbombt, kann er danach mit den Scheichs am Golf keine Geschäfte mehr machen…“
„Das Risiko geht er ein. Und er selbst ist weniger das Problem – vielmehr die Massen die hinter ihm stehen. Für ihn zählt der Erfolg im eigenen Land, und die Millionen von Evolutionsleugnern, bibeltreuen Redneckarschgeigen werden es ihm danken!“
„Das kann ja alles sein. Aber was ist nun der Plan, Dr. Heimlich? Und warum machen die Russen das nicht selbst? Oder der Mossad?“
„Der bisherige Plan, mein Chef, sieht so aus: Wir entsenden U309 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Mellerbeck ins Rote Meer, um die ägyptischen Killerdelphine anzulocken und einzufangen. Dann sorgen wir dafür, daß Herr Trump in einem Küstenabschnitt am Roten Meer – bei einem Truppenbesuch oder ähnlichem – baden geht, und hetzen dann die Delphine auf ihn. Es wird wie ein bedauerlicher Zwischenfall aussehen!“

Ich mußte mich unweigerlich setzen – und knallte mit dem Kopf auf die Tischplatte.
„Das ist also ihr Plan? DAS IST IHR PLAN??? …deswegen holen Sie mich ausm Schwimmbad?!“
Durch meinen Kopfknall auf den Tisch wurde Athanasius Weitwinkel in seinem ruhigen Schlaf kurz aufgeschreckt, in den er aber nach ein paar kurzen Grunzern wieder versank.
Den Tränen nahe und fassungslos wollte ich wissen: „Warum planen sie nicht gleich, den Trump ins Bodendorfer Schwimmbad einzuladen, und dort die Delphine auf ihn zu hetzen?!?“
„Weil das gechlorte Wasser die Tiere verletzen würde, mein Chef!“ gab Heimlich im Brustton der Überzeugung zurück.
„Ach jaaaa?…Sind Sie etwa neuerdings unter die Tierschützer gegangen? Darf ich sie an was erinnern?“
Er kniff nur die Lippen schmal zusammen, und hüstelte dann verlegen.
„Die Russen können es nicht selbst machen. Die können Ihnen jeden schmächtigen Hanswurst zum Superathlethen hochdopen, aber die sind in Syrien zu sehr mit Assad und in der Türkei zu sehr mit Erdogan beschäftigt. An nen US-Präsidentschaftskandidaten trauen die sich nicht dran. Im Gegensatz zu den Amerikanern sind die Russen keine Dummöpfe.“
„Hmm“ brummte ich „das stimmt wohl. Und was ist mit dem Mossad? Das letzte was die Israelis gebrauchen können, ist ein Orient in Flammen! …und was dieses US-Basen in Saudi-Arabien angeht: Warum ist diese eine so wichtig? Die Amerikaner können doch von überall Raketen zünden, oder?“
„Ein Raketenstart aus Minnesota oder sonst wo wäre zu auffällig – es gäbe eine zu große Vorwarnzeit. Unsere Quelle beim Mossad hat herausgefunden, das der Angriff eben von jener Basis mit einem Tarnkappenflugzeug Typ F117 durchgeführt werden soll. Während alle anderen US-Basen mit ihren B-2 Tarnkappenbombern mit dem IS in Syrien beschäftigt sind, trainieren zwei Flugzeuge auf dieses kleinen Basis bereits regelmäßig Angriffe. Die Russen haben uns dementsprechende Satellitenbilder überlassen…“
„Moment, moment.. Dr. Heimlich! Verstehe ich das richtig: Ich, Martin Mundorf, langzeitarbeitsloser Althistoriker, Schwimmbadhazardeur und Twitterknecht, habe einen virtuellen Geheimdienst, der eine Quelle beim Mossad hat??? Wollen Sie mich verarschen?“
„Ja und und selbstverständlich nein, mein Chef!“
„Und was ist das für eine Quelle, wenn ich fragen darf?“
„Teutel Kabelbaum. Er ist Elektriker und Hausmeister im Mossad-Hauptquartier in Tel-Aviv.“
„Teutel Kabelbaum? Und hat dieser Wunderknabe auch ne Antwort warum es der Mossad nicht selber mach?“
„Nun ja… die Agenten des Mossad können nicht eingreifen, weil…“
„Jaaaa?“
„Nun…der Mossad macht einen Betriebsausflug im Westerwald. Die sind einfach alle nicht da. Die machen nen Ausflug ins Kannenbäckerländchen mit Kümmelschnaps und allem drum und dran!“
„WAS??? Och kommt Leute – jetzt reichts aber! Ihr verarscht mich hier. Trump, Delphine, Mossad im Westerwald. Es reicht! Ich will zurück in mein Schwimmbad!“

Es herrschte wieder Ruhe im Raum. Ich war nicht gewillt, wegen eines so offensichtlichen Schwachsinns meine Zeit zu vergeuden.

Kerstin stand auf.
„Martin – ich hab einen besseren Plan. Und weil ich einen besseren Plan habe, hat Heimlich mich hergeholt.“ Sie sah zu Heimlich hinüber.
„Der Herr Staatssekretär wollte nämlich meine Meinung bezüglich seines genialen Planes hören, und ich hab mir meinen Teil dazu gedacht. Und da ich mit Sally eh nicht mehr weiter durchs Mittelmeer segeln kann, habe ich mich der Sache angenommen.“
„Mittelmeer? Ich dachte Karibik?“
Da wollten wir auch hin. Auf Lesbos wurds langsam ungemütlich…nur leere Schwimmwesten am Strand…“
„…tote syrische Kinder im Wasser…“ ergänzte Heimlich unpassenderweise
„Auch das… jedenfalls sind wir dann mit Kurs Malta weitergesegelt. Und haben Nachts mitangesehen, wie die Spaghettis hunderte Neger agbeknallt und über den Haufen gefahren haben.“
„Was?“
„Die italienische Küstenwache… für jeden Afrikaner den die tagsüber retten, bringen sie nachts zehn um. Die ballern mit MGs in die Flüchtlingsboote rein und fahren volle Kanne mit ihren Schiffen drüber…Wir sind in so ne Aktion reingeraten. Sally und ich haben überlegt ob wir anhalten sollen und nach Überlebenden suchen, aber dann hatten wir doch Schiß und sind weitergefahren, aus Angst nicht selbst gerammt und versenkt zu werden…und dann kam Heimlichs Anruf.“

Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück, und träumte mich für einen Moment auf eine große, grüne Blumenwiese. Mit einer Kuscheldecke drauf. Und auf der lag ich, eine kleine Modelleisenbahndampflok in den Armen haltend… einfach mal gaaanz weit weg sein.
Weitwinkels schnarchen riß mich wieder in die Gegenwart zurück:
„Und wie sieht dein Plan aus, Kerstin? Hoffentlich keine Delphine?!“

„Nein, keine Killerdelphine. Das wäre nur etwas, um Donald Trump loszuwerden – die Bedrohnung selbst bliebe bestehen. Diese US-Basis in Saudi-Arabien ist nicht mehr als ein abgesperrter Feldflugplatz mit einem Hangar und zwei Baracken. So klein und geheim, das es ihn offiziell nicht gibt.
Die Idee mit dem U-Boot ist nicht schlecht, aber anstatt damit auf Tauchsafari zu gehen und ein Schleppnetz hinterherzu ziehen, würde ich lieber eine Spezialeinheit in Saudi-Arabien an Land gehen lassen, und den Stützpunkt mit samt der Atombombe ausschalten. Damit schalten wir Trump nicht aus, aber retten Mekka vor der Vernichtung. Und damit letzten Endes auch twitter und die hashtags #147sf und #ntl.“
„Allah hu akhbar!“ seufzte ich.
„Wir sollen also eine Spezialeinheit nach Arabien schicken, um eine amerikanische Atombombe auszuschalten, mit der Donald Trump den Weltfrieden gefähren könnte, um Delphine zu schützen und weil der Mossad nen Betriebsausflug im Westerwald macht…“ sinnierte ich.
Ich kam da immer noch nicht „drauf klar“. Es war alles etwas too much.

„Und was soll das für eine Spezialeinheit sein?“ fragte ich in die Runde.
„Was meinst du wohl, warum ich hier sitze?“ antwortete Johanna.
Ich sah sie etwas ungläubig an. „Du?“
Sie nickte nur.
Ich drehte mich zu Dr. Heimlich und zu Kerstin hin: „Ihr wollt ernsthaft Mädels vom ZA nach Saudi-Arabien schicken?“
„Die 3. Kampflesbenkompanie, ja! Sie sind die besten die wir haben!“ bestätigte mir Dr. Heimlich.
„Der Vertrag mit dem ZA läuft Ende des Jahres aus – und wenn die Mädels bis dahin keinen Einsatz hinter sich haben, wird die ganze ZA-Division aufgelöst.“ ergänzte Kerstin. „Auch wenn Sally selbst nicht mehr kann, sie möchte doch, das es mit dem ZA weitergeht.“

(An dieser Stelle muß ich einen kleinen Einschub machen, um zu erklären, was es mit dem ZA auf sich hat:
Als ich Kerstin und Sally kennenlernte, waren sie beide in einer etwas aussichtslosen Lebenssituation. Ich bot Kerstin den Job in meinem virtuellen Land als Kriegsministerin an. Ihre erste Amtshandlung war, Diddl-Mäuse in Tarnanzügen als Werbe-giveaways für unsere Armee produzieren zu lassen. Womit sie bei meinen alten Generälen doch für reichlich Verwunderung sorgte. Sally eröffnete zur selben Zeit ein Internat für Mädchen mit eigenuferlicher oder bisexueller Orientierung. Mädchen die von zu Hause ausgerissen waren, ob ihrer Orientierung von Freunden/Familie verstoßen worden waren etc.
Das war bis zu einem gewissen Zeitpunkt ihre private „Stiftung“. Aber als die Zeiten 2001-2004 etwas rauher für mein Land wurden, wurde diese private Stiftung wegen Steuervorteile und einfacherer Besoldung in eine halbstaatliche Behörde umgewandelt „ZentralAmt für Missionierung und Bekehrung zur Lesbischen Liebe“, kurz „ZA“ genannt. Neben dem Internats und Bildungsaspekt stand auch eine gewisse „Propaganda-Arbeit“ im Focus dieser Behörde, um die gängigen Klischees von „Damenbarttragendem Mannweib oder sexy Pornolesbenbitch“ zu bekämpfen –und um die Gleichberechtigung der gleichgeschlechtlichen Liebe zu fördern.
Wie der Teufel es wollte – irgendeiner meiner Ministerialdirigenten hatte irgendwo das Wort „Kampflesbe“ aufgeschnappt und es wörtlich genommen: Unter Sallys Leitung wurden aus den Selbstverteidigungskursen für junge Frauen (Judo, Karate etc.) im ZA mit Hilfe meiner Armee erste bewaffnete Verbände aufgestellt. Zunächst nur als milizähnliche Hilfspolizei gedacht. Aber als dann Kerstin mehrere Studien der NATO und des Warschauer Paktes aus den 70er Jahren in die Finger bekam, nahm das Unglück seinen Lauf: Aus diesen Studien beiderseits des Eisernen Vorhangs ging hervor, daß militärische Kampfeinheiten, die nur und ausschließlich aus Frauen bestehen, zu besonderer Rücksichtslosigkeit und Brutalität im Einsatz neigten. Meine Generalität, allen voran Kerstin und Sally waren begeistert – und die „bewaffneten Verbände“ wurden innerhalb eines Jahres zu einer Kampf-Lesben Einheit im wörtlichen Sinne auf Divisionsstärke aufgestockt. Waffen, Ausrüstung und Uniformen kamen von meiner Armee – aber da es sich nach wie vor um eine nicht ganz staatliche Einrichtung handelte, finanzierte sich das ZA aus Spenden, und Einkünften aus dubiosen Geschäften: Waffen-, Drogen-, Menschenhandel und allerlei mehr. Diese Umtriebe sorgten letztendlich auch dafür, daß ich Sally irgendwann ihres Postens entheben mußte, und Johanna zumindest den Oberbefehl über dieses nun „Waffen-ZA“ genannte Gebilde bekam.
(Jaaaaaa- ich weiß. Ich weiß! Diese Bezeichnung hat ein Geschmäckle. Ich war da auch nie sonderlich glücklich mit, aber nach Sallys Absetzung trat das ZA eh nicht mehr groß in Erscheinung – und ich glaubte die Dämonen dich ich – oder besser meine subalterne Administration – rief, losgeworden zu sein.)
Und da nun diese Einheit kein hoheitlicher Gewaltenträger im engeren Sinne war, sondern als halbstaatlicher Sicherheitsdienstleister fungierte, gab es dementsprechende Verträge, die Ende 2016 ausliefen und erneuert werden wollten.)

Und diese Einheit wollten Dr. Heimlich und Kerstin nach Saudi-Arabien schicken.
„Leute… ihr wißt schon, daß die streng gläubigen Wahabiten dort haben schon eh genug Haß auf den Westen haben? Das überhaupt „Ungläubige“ d.h. US-Soldaten im Lande sind, bringt die Saudi-Muftis eh schon auf die Palme.“

„Davon haben die ja reichlich da unten!“ brummte Kerstin.
„Sie sehen dies als Affront gegen ihre Religion!“
„Ja – und um genau diese Religion zu bewahren, müssen wir mit unseren Mädels da rein. Religion hin oder her!“ setzte Johanna hinterher.
„Religion ist ein heikles Thema, Leute…“
Wir wurden unterbrochen, ein Meldegänger stand in der Tür und klopfte.
„Was gibt’s denn?“ fragte Heimlich.
„Ein Telegramm für den Chef, Herr Staatssekretär!“
Ich winkte den Mann an meinen Platz heran, und nahm das Telegramm entgegen.
Um den vorigen Themenkreis abzurunden, bemerkte ich noch, während ich den Briefumschlag öffnete:
„Und aus diesem Grunde, möchte ich mich gern mit unserer Außenpolitik aus religiösen Dingen bitte heraushalten. Wir legen uns weder mit dem Islam, amerikanischen Evangelikalen, noch dem lieben Gott oder einem seiner Stellvertreter an!“
Hätte ich doch bloß nichts gesagt… als ich die wenigen Zeilen des Telegramms gelesen hatte, wurde mir schlagartig flau im Magen. Offenbar sah man mir das auch an. Dort stand auf spanisch:

Ludmilla hat euch beide angelogen. Sie ist erst 16!

lg Franziskus – Pontifex Maximus

Ich holte tief Luft.
„Schlechte Nachrichten?“ fragte Dr. Heimlich sichtlich irritiert.
„Wie mans nimmt…Sagen Sie dem lieben Wladimir Wladimirowitsch, er soll die Kiste Bier nicht zu mir, sondern nach Rom schicken!“
„Nach Rom?“
„Nach Rom!“
Ich reichte das Telegramm an Johanna und Kerstin weiter, die kurz darauf in lautes Gelächter ausbrachen.
„Gei-lo-mat, Martin!“ lachte Kerstin. „Soviel zum Thema sich nicht Gottes Stellvertretern anlegen!“
Mir war die Sache mehr als unangenehm. „Ich brauch nen Schnaps! Rhagava – sofort!“
„…und ich was zu essen!“ setzte Kerstin hinterher.

to be continued…

 

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