Zeitreise in die Vergangenheit des eigenen Ichs.

Als Historiker ist man ja bemüht, an gute Quellen aus der Vergangenheit zu gelangen, die einem
möglichst guten Aufschluß über den zu betrachtenden Zeitraum ermöglichen.
Was aber nun, wenn man mal "bloß" in die eigene Kindheit eintaucht, und sich selbst,
ganz naiv, erzählen läßt, was man so weiß und was man wahrnimmt...?


Der kleine Martin hat eine Zeitreise gemacht, und teilt uns seine Weltsicht mit.
Unser Bundeskanzler heißt Kohl, und sieht aus wie eine Birne.
Der Bundeskanzler von der DDR heißt Honecker, aber Opa mag ihn nicht.
Der Bundeskanzler von Amerika heißt Regen. Der war früher mal Cowboy.
Der Bundeskanzler von Rußland hat einen roten Fleck am Kopf. Papa und Mama
sagen, das in Rußland die Leute sehr nett aber immer betrunken sind. Außerdem
ist es da sehr kalt, und als meine Opas da waren, war Krieg.
Der Bundeskanzler von Frankreich heißt Mitterong und sieht aus wie eine
vertrocknete Erdnuß. In England ist das anders: Die haben eine Königin, die
genauso heißt wie Mama. und als Bundeskanzler haben die Leute in England auch
eine Frau, die Fätscher heißt.
Unser Bundeskanzler wohnt in Bonn. Er fährt einen schwarzen Mercedes.
Oma hat gesagt, das jeder schwarzer Mercedes, der aus Bonn kommt, von der
Regierung ist. Und ich soll nicht zu nahe an die Autos drangehen. Und dann gibt es
noch die Autos, wo oben eine Antenne drauf ist. Die haben ein Telefon im Auto.
Oma sagt, das die vom Geheimdienst sind. Auch da soll ich nicht zu nah
drangehen.
In Bonn, hat Papa mir erzählt, war mein Onkel Bernd in den siebziger Jahren
in der Universität. Das ist wie eine Schule, nur sehr viel größer. Und in der
Universität steht ein Compjuter. Das ist ein großer Schrank, der rechnen kann.
Hat Papa gesagt. Opa hat gesagt, das in diesem Schrank viele Röhren drin sind,
die warm werden. Also wie viele Glühlampen. Und das der Schrank so groß ist,
das er ein eigenes Zimmer hat. Ich glaube, der Schrank ist dunkelbraun.
Papa und Mama haben gesagt, das normaler Menschen keinen Compjuter
brauchen. Onkel Bernd hat den gebraucht, weil der Mathematik und Physik
studiert hat. Ich glaube, das heißt soviel wie etwas genau in einem Buch nachlesen.
Und hat was mit Rechnen und Magneten zutun.
Opa hat in den fünfziger Jahren mal mit an einem Compjuter gebaut.
In Königswinter. Das ist die Stadt unter dem Drachenfels. Das ist eine Burgruine
wo man mit einem Zug hochfahren kann, der zwischen den Schienen Zacken hat.
Weil das so steil ist.
Papa arbeitet in Bonn. Im Gefängnis und paßt auf böse Leute auf. Aber er macht
das Nachts. Dann hat er immer ein hellgrünes Hemd an, auf dem ein Wappen ist.
Das ist anders als das auf meinen Schulbüchern.
Hinter Bonn liegt noch Köln. Da steht der Dom. Da ist eine große Kirche mit zwei
Türmen. Da liegen die drei heiligen Könige drin begraben.
Außerdem kommt aus Köln das Hänneschentheater an Karneval. Auf dem
WDR - da ist das Fernsehen aus Köln. Wir können das aber nur sehen, wenn das
Wetter gut ist. Die anderen Kinder haben ganz viele Fernsehprogramme zu Hause,
wir nur drei. Oder vier wenn das Wetter gut ist. Weil wir eine Antenne auf dem
Dach haben, wie Opa und Oma und Opa und Oma. Die anderen Kinder haben eine
Schüssel auf dem Dach.
Opa und Mama haben gesagt, das Mittwochs in Köln von dem Bischof vor dem
Dom die Woche geteilt wird, darum heißt das Mittwoch.
Der Bischof ist wie ein Pastor, nur für ganz viele. In der Schule gibt es einen
Lehrer und den Schuldirektor, und dadrüber einen Minister (hat Opa gesagt -
und dann kommt irgendwann der Bundeskanzler.)
Und so gibt es den Pastor
und den Bischof. Dem sein Chef ist ein Kardinal, und die Kardinale die wählen
den Papst. Aber der stirbt nicht. der kommt aus Polen. Opa sagt Pollakei.
Das ist das Land zwischen der DDR und Rußland. Papa sagt da sind die Leute
auch nett, aber noch betrunkender als in Rußland.
Und der Papst ist der Chef von
uns wenn wir beten. Die anderen Kinder sagen, es gibt gar kleinen lieben Gott
und lachen mich aus. Ich bekomme dann immer Angst und werde traurig.
Die sind doof. Wenn es keinen lieben Gott geben würde, gäb es ja auch keine
Schutzengel. Und wenn man keinen Schutzengel hat, tut man sich weh.
Außerdem spielen die mit kleinen Compjutern und sitzen vor dem Fernsehen.
Mama hat doch gesagt, das man Compjuter nicht braucht. Außerdem macht
draußen spielen doch viel mehr Spaß. Ich gucke nur die Sendung mit der Maus
(die kommt auch aus Köln, aber auf dem ersten Programm) und die Sesamstraße.
Meine Lieblingssendung ist aber "es war einmal der Körper" und "es war einmal
der Mensch". Da Lied dazu wird von Udo Jürgens gesungen, der hat am gleichen
Tag Geburtstag wie ich. Da wird gezeigt wie das bei den Römern war. Und bei
den Griechen und im Mittelalter.
Opa erzählt auch immer von früher, als die Fotos noch alle in schwarz-weiß waren.
Da war er im Krieg in Rußland, wo es immer kalt ist.
Meine Opas waren da, und meine Omas haben Bucheckern im Wald gesammelt,
um damit Kaffee zu machen. Die anderen Kinder lachen mich immer aus.
Die haben drei Opas und drei Omas. Ich verstehe das nicht. Und die sagen, daß
ihre Opas und Omas lange Haare gehabt hätten und laute Musik gehört hätten.
Ich bekomme von lauter Musik Angst.
Opa hat gesagt, ich soll mit solchen Leuten nicht sprechen, die lange Haare
haben (also Jungen. Mädchen haben lange Haare weil das so ist). Das sind Rocker.
Die haben Spritzen (wie Oma die Insulin nehmen muß, weil sie zuviel Zucker
im Körper hat) aber in den Spritzen von den Rockern ist Rauschgift drin, und das
ist gefährlich.
Außerdem haben die kaputte Hosen an. Die anderen Kinder
sagen das sie kaputte Hosen toll finden. Ich werde von Mama ausgeschimpft wenn
ich eine Hose kaputt gemacht habe. Außerdem mag ich das nicht, wenn ein Loch
in der Hose ist, weil dann immer kalte Luft ans Bein kommt.
Die anderen Kinder sind doof. Wie kann man denn drei Opas und Omas haben?
Und die Opas von denen waren auch nicht in Rußland, wo es kalt ist.
Die haben meinen Opa Julius und meinen Opa Hanns alleine im Schnee stehen
lassen. Sowas tut man nicht. Deswegen hat Deutschland auch den Krieg verloren.
Opa sagt daß das "scheiße" war (ich mag so böse Wörter nicht und halte mir
immer die Ohren zu), aber Opa sagt auch, das der Hitler, der Bundeskanzler von
früher, als alles noch schwarz-weiß war, ein Arschloch war. Weil der die Juden
totgemacht hat.
Die Juden wohnen in Israel, und früher auch in Deutschland. Alle meine Opas
und Omas und mein Uropa, der Papa von Opa, haben mit den Juden Geschäfte
gemacht und Vieh verkauft.
Unsere Lehrerin in der Schule liest uns in Religion und in Kunst aus der Bibel vor
- das ist die Geschichte von den Juden. Die glauben wie wir auch an Gott, und
haben das auch schon gemacht bevor es einen Papst gegeben hat. Und dann ist
Jesus gestorben, und seit dem sind die Juden sowas wie unsere Cousins und
Cousinen.
Papa, Mama und Opa und Oma sagen, die Juden haben eine krumme Nase.
Das ist aber nicht schlimm. Weil die immer verprügelt worden sind, von den
Römern, von den Rittern im Mittelalter und von Hitler. Deswegen sind die Leute
immer am weglaufen gewesen, und waren immer nur Händler oder haben Geld
verliehen. Deswegen waren sie reich, aber viele konnten sie nicht leiden, dabei
sind das doch auch nur Leute wie wir, und wir glauben sogar an den selben Gott.
Wenn es also noch mehr Leute gibt die an Gott glauben und nicht hier wohnen,
versteh ich nicht warum die anderen Kinder mich auslachen.
Das macht mich traurig.
Es gibt auch hier in Deutschland andere Leute die an Gott glauben, die gehen
aber in eine andere Kirche. Das sind die Evangelischen. Die haben nur häßliche
moderne Kirchen und keinen Weihrauch. Und keinen Papst.
Papa sagt, das bei denen der Pastor eine Frau ist. Wenn wir in der Schule
Religion haben, dann gehen die drei von uns die evangelisch sind in Ethik.
Das ist wie Religion nur für die, die nicht so sind wie wir. Und da sind zwei Kinder
dabei die kommen aus der Türkei. Mama sagt das sind Muslime. Die glauben
auch an Gott, sogar an den gleichen wie wir, aber die essen genau wie die
Juden kein Schweinefleisch. Weil der Jesus von denen das so gesagt hat.
Mama hat aber auch gesagt, das der Mohammed und der Moses das sagen
mußten, weil Schweinefleisch in der Wüste schnell schlecht wird. Ich find das
schade, weil Schinken lecker schmeckt.
Weil meine Opas den Krieg verloren haben, gibt es jetzt nicht nur Deutschland
sondern auch die DDR. Das war früher mal ein Land. Papa und Mama sagen,
das da alles ist wie hier, nur in grau. Das rot nicht ganz so rot ist wie hier, und
blau nicht ganz so blau wie hier. Außerdem fahren sie Leute da kleinere Autos
als hier. Und weil die da keine Bananen haben (ich mag keine Banane, wenn ich
eine hätte würde ich sie gerne abgeben), deswegen laufen die Leute da weg. Und
klettern über Mauern und Zäune in unserer Botschaft.
Eine Botschaft ist ein Haus, das gehört zu einem anderen Land, steht aber in
Bonn. Als ganz genau stehen die Botschaften in Jodesberch. Da hat jedes Land
ein eigenes Haus. Und die Botschaft von Israel erkennt man, weil das aussieht
wie eine Ritterburg und große Mauern drumrum hat.
Die Leute aus der DDR laufen weg, weil sie keine Bananen haben.
Opa schimpft dann immer mit bösen Wörtern, wenn der Bundeskanzler von der
DDR im Fernsehen ist. Er sagt "dat Aaschloch".
Ich mag aber meinen Opa, weil er an Weihnachten mit mir die Märklineisenbahn
aufbaut. Ich darf dann immer unter die Platte kriechen und die Kabel für die
Lampen in den Häuschen anstecken. Manchmal gehen wir auch zum Bahnhof und
gucken uns echte Züge an. Dann kocht Oma das essen. Und wenn wir dann nach
Hause kommen, hat Oma das Essen fertig gekocht.
Im Kindergarten habe ich früher aus Legosteinen Dampfloks gebaut, die durfte ich
dann auch in den anderen Gruppen zeigen gehen.
Die anderen Kinder wissen aber nicht was eine Dampflok ist und lachen mich dann
aus. Die haben nur so blöde Figuren die aus Robotern sich in Autos umstecken
lassen, die heißen Transformers. Da kann man gar nix mit machen. Außerdem
haben die so Figuren die nennen sie Gostbasters. Ich weiß nicht was das ist. Ich
glaube das kommt daher, weil die anderen Kinder mehr Fernsehprogramme haben.
Aber die haben auch mehr Gänge am Fahrrad. Ich hab drei und die anderen 12
oder 7. Dabei kann man doch nur ein Fernsehprogramm gucken und in einem
Gang fahren.Außerdem hören die das, was Opa immer „Jäjäjä“-Musik nennt.
Wir hören sowas nicht, weil die lange Haare haben und englisch singen.
Das versteht man doch nicht.
Opa und Papa nennen das manchmal Affenmusik“
oder „Negermusik“.
Die Neger wohnen in Afrika. Sie sind schwarz, weil die seit dem sie
Steinzeitmenschen waren immer im warmen Afrika mit viel Sonne wohnen.
Mama hat gesagt, das dann die Haut dunkel wird, um sich zu schützen.
Wir sind nicht schwarz, aber als wir Steinzeitmenschen waren, haben wir uns
Felle von Tieren angezogen weil es hier mal sehr kalt war.
Papa hat gesagt, daß es böse Menschen gibt, die sagen die Neger wären dumm.
Das stimmt aber nicht. Der Unterschied zwischen den Negern und uns ist
einfach das die schwarz sind und wir nicht.
Wenn ich bei Opa und Oma übernachte, und es nicht Weihnachten ist, dann
spiele ich nicht mit der Eisenbahn sondern mit dem Metallbaukasten, da kann
man so Eisenstäbe mit Löchern drin mit Schrauben und Rädern und so verbinden
und immer was neues bauen. Die anderen Kinder wissen nicht was ein Baukasten
ist, und auch nicht was eine Schraube ist. Die haben nur so blöde Playmobilsachen,
das ist langweilig.
Genauso wie es böse Menschen und Wörter gibt, gibt es auch böse Zeichen.
Das Hakenkreuz zum Beispiel. Ich darf das nicht malen, weil das von dem Hitler
ist, und der war böse. Als Opa im Krieg war, hatte er das auf der Uniform und das
kann man auch auf dem Bild sehen, das bei Opa und Oma im Wohnzimmer hängt.
Opa sagt aber, daß er die Uniform anziehen mußte weil ihm das so gesagt worden
ist.
Manchmal malen die anderen Kinder das Hakenkreuz heimlich irgendwo hin
und lachen dann dabei. Ich finde das doof
Wenn mir langweilig ist, dann gucke ich im Atlas. Das ist ein Buch mit ganz vielen Landkarten.
Papa sagt, das der Berg gegenübver von Remagen die Erpeler Ley der erste Berg
von Asien ist. In Asien liegt alles was auf der rechten Rheinseite ist. Hinter der
Erpeler Ley liegt der Westerwald, dahinter die DDR, dahinter Polen, da wo der
Papst herkommt, dahinter Rußland, und ganz zum Schluß kommt Schina.
Da haben alle Leute Schlitzaugen. Meine Tante und mein Onkel waren in den
siebziger Jahren mal da, und haben gesagt, daß in Schina alle Leute blaue
Kleider anhaben. Papa sagt, daß in Schina alle Leute mit dem Fahrrad fahren,
so wie wir hier mit dem Auto.

Manchmal sagen Papa und Mama und Opa und Oma, wenn ich erwachsen bin,
sieht alles ganz anders aus. Das macht mich etwas traurig.

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