Schnuffelduft gegen Rechts – ein Experiment

Ein Gruppe propellergetriebener Flugzeuge nähert sich dem südöstlichen Deutschland. Unweit Dresden. Es sind Bomber. Stur halten sie ihre Flughöhe von 6000 Metern und ihren Kurs. In einer vollverglasten Kanzel an der Unterseite des Rumpfes liegt der Bombenschütze. Dick eingepackt in seine lammfellgefütterte Fliegerkombi. Die Sauerstoffmaske mit dem Schlauch fest auf das Gesicht gezurrt. Angestrengt beobachtet er die tief unter sich liegende Landschaft durch das Bombenzielgerät.
„Noch 20 Sekunden bis zum Ziel!“ krächzt er durch die Bordsprechanlage.
„Noch 15 Sekunden…Zielgebiet erreicht!“
Der Pilot im Cockpit sieht sich um: Am strahlend blauen Himmel nichts anderes zu sehen als die anderen Bomber seiner Staffel, stur die Formation halten.
„Also dann: Bombenschacht ist offen!“ er betätigt den kleinen Schalter, die Klappen des Bombenschacht öffnen sich. Im Flugzeug ist neben dem unentwegten Dröhnen der Motoren beinahe das singende Geräusch der Hydraulik zu hören. Der Bombenschütze in seiner Kanzel unter dem Rumpf blickte angestrengt durch die Zieloptik. Drückte den Knopf. Nacheinander sausten graue Stahlbüchsen mit einem „pfüüüüüüü….“ in die Tiefe.
Aber da wir nicht das Jahr 1945, sondern 2018 schreiben, und es sich bei den grauen Stahlbüchsen nicht um Bomben im klassischen Sinne handelt, drehen wir die Geschichte mal etwas zurück.

[*KassettezurückspulGeräusch*]

Müde und ermattet saß ich hinter meinem Schreibtisch. Kerstin, Ophelia und Chamaelita hatten sich es sich auf dem Sofa leidlich bequem gemacht.
Ich facepalmte.
Vor meinem Schreibtisch stand ein humanoides Kaninchen.
„Weitwinkel… bitte was? Was wollen Sie haben?! Sagen Sie es mir noch einmal, ich glaube, ich habe mich verhört.“
„Ich möchte gern zwei bis vier propellergetriebene Flugzeuge von unserer Luftwaffe ausborgen, um die bösen rechten Menschen in Ostdeutschland in friedliche gute Menschen zu verwandeln, mümpf!“
„Und was steckt für ein genialer Plan dahinter?“ fragte ich fassungslos.
„Nun…also… ich war doch mit der lieben Frau Chamäleon im Sommer auf dem Drachenfels,“ er sah lächelnd zu Chamaelita herüber, und diese antwortete „Oh ja, da war es sehr schön, lieber Herr Weitwinkel!“
„Nämlich!“ fuhr Weitwinkel fort, und sah wieder zu mir. „Und als wir dort waren, haben wir festgestellt, daß es dort einen speziellen Geruch gibt, der sehr lieblich, schnuffelig und friedlich stimmt.“
„Ja, das stimmt!“ pflichtete Chamaelita ihm bei.
„Alle Menschen auf dem Drachenfels waren friedlich, es gab keinen Streit, keinen Rassismus. Ohne jeden Zweifel liegt dies an diesem Geruch, davon bin ich fest überzeugt, mümpfennämlich!“
Ich sah Athanasius Weitwinkel tief in die Augen. Der veräppelte mich nicht, der glaubte wirklich was er sagte.
„Und was bitte soll das für ein besonderer Duft gewesen sein?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort ahnte.
„Schienenfett!“
„Schienenfett???“
„Schienenfett, nämlich!“
Unweigerlich mußte ich mir wieder mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel massieren, in der Hoffnung, aus einem absurden Traum zu erwachen.
„Auf den Drachenfels führt ja bekanntermaßen eine Zahnradbahn. Und behufs der Schmierung der Zahnstangen und Zahnräder sind die Schienen dieser Bahn mit einem dicken Fett eingestrichen.“ Er machte eine kurze Pause. „Und unter Erwärmung der Sonneneinstrahlung gibt dieses Fett seine ätherischen Bestandteile in Form dieses Geruches frei. Der Plan ist nun, böse Leute diesen Duft einatmen zu lassen, damit sie gute Leute werden. Mümpf!“
„DAS ist ihr Plan?“
„Ja. alles was wir brauchen, ist dieses Schienenfett, das wir in speziellen Vorrichtungen zu einem gasartigen Aerosol verdampfen, und es über die bösen Nazis sprühen.“
„Sie wollen Nazis vergasen? Ernsthaft? das ist auf so vielen Metaebenen bescheuert…das…also…“
„Nicht ver-gasen, mein Chef, nur be-gasen, damit sie bessere Menschen werden.“
Jetzt mischte sich Kerstin in die Einlassungen Weitwinkels ein: „Aber würde dann nicht jedes x-beliebige Maschinenfett ausreichen, wennd as wirklich funktioniert?“
„Da können wir ja gleich das Kettenfett von meinem Fahrrad nehmen?!“ warf ich hinterher.
„Leider wird das nicht funktionieren, seufzenmümpf.“ bedauerte Weitwinkel.
„Warum das nicht?“
„Nun…ein Spezialkommando unserer Fallschirmjäger war so freundlich, mich eine Woche, nachdem ich mit Frau Chamäleon auf dem Drachenfels war, wieder dorthin zu bringen. Es hat geregnet…mein Pelz ist ganz naß geworden, mümpf. Jedenfalls gelang es mir, eine Probe zur Analyse des Schienenfetts von den Schienen zu kratzen, mümpfennämlich!“
Mit diesen Worten wurschtelte er in seinen Gewändern herum, und schob mir dann eine kleine LocknLock-Dose auf den Schreibtisch. Als ich sie öffenete befand sich eine schmiereige grau-schwarze Masse darin. Das Schienenfett der Drachenfelsbahn.
„Meine Analysen haben ergeben, das nur das Schienenfett von der Zahnradbahn am Drachenfels die wunderbare Eigenschaft hat, die Gemüter der Menschen zu beeinflussen. Es ist, als wohne diesem Berg ein besonderer Zauber inne. Alle anderen Maschinenfette riechen zwar ebenso, sind aber unwirksam. Es muß Schienenfett vom Drachenfels sein, mümpf!“
Ich betrachtete die fettige Masse in der kleinen Plastikdose.
„Mein lieber Weitwinkel – mal angenommen, wir kratzen sämtliches Fett von den Schienen der Drachenfelsbahn. Wie bekommen wir dann die Anhänger der AfD und Pegida in Ostdeutschland dann dazu, an diesem Fett zu schnuppern?“
„Nun, mein Chef, erinnern Sie sich noch daran, wie sie in der Universität für ihre Altgriechisch-Prüfung gelernt haben, um das Graecum zu erlangen?“
„Jaaaa?“ fragte ich gedehnt, gespannt, was nun kommen würde.
„Seit dieser Zeit haben wir doch in unserem Zeughaus immer noch den Optativ-Verdichter und die halbautomatische Aorist-Pumpe herumstehen. Ich habe aus diesen beiden Geräten einen mobilen Fettverdampfer gebastelt. Alles was wir tun müssen, ist genug Schienenfett von den Schienen der Drachenfelsbahn zu sammeln, und noch weitere Fettverdampfer zu bauen. Die packen wir dann in die Flugzeuge, und versprühen dann das Aerosol über großen Städten. Dresden oder Chemnitz zum Beispiel.“
Im ersten Moment wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Doch dann fiel ich unfreiwillig einem gigantischem Lachflash anheim:
„Chemtrails! Weitwinkel, Chemtrails! Sie wollen die Pegida-Aluhüte tatsächlich mit Chemtrails in-real heimsuchen! muahahaha!…das ist…das ist so bescheuert, das könnte sogar funktionieren!“ Ich beömmelte mich. Die Idee war wirklich soooo bescheuert, das sie einen gewissen Reiz hatte.
„Kerstin, was meinst du? Sollen wir es versuchen?“
Kerstin zuckte mit den Schultern. „Nen Versuch ists wert – ich werd die Luftwaffe anweisen, ein paar Bomber abzustellen.“
Ich wandte mich wieder an Weitwinkel:“Aber es sind ja nicht alle Sachsen böse Menschen! Was passiert denn mit denen?“
„Die werden dann noch freundlicher und friedlicher als ohnehinschon. Diesen Menschen wird es vorkommen, als seien sie einfach in diesem Moment besonders glücklich, nämlich!“
„Also ne extra Ladung gute Laune, oder wie?“
„Ja, so in etwa, mümpf!“
„Und was ist, wenn das ganze Experiment fehlschlägt?“
„Dann haben wir immerhin etwas Schmierfett für unsere Modelleisenbahn, mein Chef! Stellen Sie sich vor, wir können die kleine Lokomotive ihres Vaters, die ihr lieber Opa in der 60er Jahren gekauft hat mit dem originalen Schmierfett der Drachenfelsbahn in Schuß halten!“
Ich mußte zugeben, das war eine sowohl politisch als modellbahntechnische win-win-Situation.
Ophelia rollte mit den Augen. „Ihr habt doch echt einen an der Klatsche?! Alle zusammen!“
„Wenn es Sie beruhugt, liebe Frau Ophelia, ich könnte mir vorstellen, daß neben einer eintretenden Friedlichkeit nicht nur die Toleranz gegenüber andershäutigen oder andersgläubigen Menschen eintritt, sondern auch eine gesellschaftliche Verklemmtheit gegenüber ihrem Hobby überwunden wird, mümpfennämlich! Auch wenn sich mir als kleinem Kaninchenhasen der Reiz dieser Dinge weiterhin nicht erschließt…“ setzte Weitwinkel in einem fast lehrmeisterlichen Ton hinterher. Chamaelita und Kerstin gackerten vor lachen, und Ophelia zog ungläubig die Augenbrauen nach oben.
„Na dann kann ja nichts mehr schief gehen. Für eine bessere Welt ohne Rassismus und mit mehr Offenheit gegenüber bdsm…Weitwinkel, Sie bekommen ihre Flugzeuge!“ setzte ich hinterher.
„Ich hab nunmal eine sentimentale Schwäche für unser Kaninchen, Modelleisebahn, Schmierfett, Demokratie und bdsm…“
„Martin, das „senti-“ kannst du getrost streichen…!“

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