die Advents/Weihnachtsfolge Teil 3

 

Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn ich jetzt mich endlich meinem „Lieblingsprojekt“ hätte widmen können – im Geiste sah ich mich schon auf den Weg in den Baumarkt fahren.
Aber Dr. Heimlich riß mich aus meinen Gedanken:
„Wenn ich das eben richtig verstanden habe, mein Chef, dann braucht Dr. Zomberg eine Burgruine?“
„Ja…?!“
„Nun, Dr. Zomberg kommt aus Bonn – und wir müssen noch nach Euskirchen!“
„Äh…bitte was, Heimlich? Was sollen wir denn in Euskirchen?“
„Nun…Den jährlichen Tankwaggon mit Melasse in der Zuckerfabrik abholen – die diesjährige Adventsladung Marzipan für ausgewählte Followerantinnen muß doch noch…“
„Ach jaaa…stimmt…das auch noch.“ ich seufzte. „Aber wenn ich unsere Devisen so überblicke, reicht es auch dieses Jahr mal wieder nicht für alle.“
„Und dennoch müssen wir dahin, mein Chef!“
Es war zum mäusemelken. Jedes Jahr fabrizierte ich eine kleine Menge Marzipan, als kleine vorweihnachtliche Aufmerksamkeit. In diesem Jahr hätte ich mit Fug und Recht meine halbe twitter-Timeline mit Marzipan beschenken wollen – aber soviele Ressourcen hatte ich nicht. Aber die Rohstoffe einzukaufen, für diejenigen, die ohnehin schon auf der Liste standen, war unumgänglich.
„Sehen Sie, mein Chef – wäre es nicht angebracht, den Golem auf der Tomburg zu entschärfen?“
„Ähh… wie kommen Sie den ausgerechnet auf die Tomburg?“
„Nunja…die geographische Lage. Sie liegt ziemlich genau in der Mitte…“
„Meinetwegen. Dann lassen Sie Herrn Dr. Zomberg sowie die notwendige Gerätschaften morgen zur Tomburg bringen. Und den Golem selbstverständlich auch.“
Und so jückelte ich denn mit Dr. Heimlich nach Ööskirchen zur Zuckerfabrik, um einen Tankwagen Melasse zu kaufen – was man halt im rheinischen Advent so macht -.-

Am Tag darauf war es der lieben Johanna deClerk vorbehalten, sich zu dem immer noch tanzenden Golem in den Keller des Geheimdienstes zu wagen.
Eigentlich war sie noch nicht wieder „dienstfähig“ geschrieben, aber Dr. Heimlich hatte sie offenbar überredet – und niemand anderen gefunden, der mutig und verrückt genug war, auf einen tanzden Golem aufzuspringen, ihn in Ketten zu legen, und dann auf einen LKW zu verfrachten.
Ich war selbst nicht zugegen, aber es muß wohl gewirkt haben, wie ein Raubtierdompteur, der einen gefährlichen Löwen oder Tiger von einen Käfig in einen anderen zwingt.
Dr. Heimlich hatte am Abend zuvor den Tankwaggon noch von Euskirchen in unsere Hauptstadt überführen lassen, und ich war nach Hause gefahren – mich um mein Projekt zu kümmern blieb mal wieder keine Zeit.

Nun denn: Burgruine Tomburg, bei Rheinbach-Wormersdorf, so zwischen 13.00 und 14.00 Uhr: Als ich mit meinem roten Opel Astra dort ankam, standen auf dem Wanderparkplatz, von dem ein Trampelpfad zur Burgruine hochführt, schon mehrere Fahrzeuge. Ein schwarzer Mercedes (wahrscheinlich der Wagen, mit dem Dr. Heimlich meinen Studienfreund Zimbo hatte aus Bonn herankarren lassen), und zwei dreieinhalbtonner-LKW, mit ZA-Nummernschild. Vor den LKW standen vier schwerbewaffnete junge Damen in Tarnanzug.
Sogleich erkannte ich auch ein bekanntes Gesicht: Daniela Kunstler, die Sanitäterin unseres Wüstenabenteuers, blieb salutierend vor mir stehen. Selbst mit Augenklappe sah sie immer noch recht… nunja…scharf aus.
„Mein Chef! Dr. Heimlich, Frau deClerk und die Spezialisten und das Objekt sind schon auf dem Weg nach oben!“
Ich erwiderte nur kurz den Gruß, und beeilte mich, auf dem recht matschigen Weg nach oben zur Burgruine zu kommen. Der Weg war so matschig, das ich mehrmals beinahe der Länge lang hingeflogen wäre und mir die Klamotten versaut hätte – es ging aber gut. Als ich etwas außer Atem oben ankam, sah ich schon den tanzenden Golem „AfD“ in eiserne Ketten gefesselt, in der Mitte des ehemaligen Burgturmes stehen.
Um ihn herum standen mehrere von Johannas Kampflesebn, diesmal mit Flecktarn-Erbsen-Muster Uniformjacken, und hielten aber gebührenden Abstand zu dem „AntiFaschistischenDennis“. Nur Johanna stand dicht bei ihm, hielt in der einen Hand eine Pistole, und mit der anderen hielt sie das Ende der Kette, mit der „AfD“ gefesselt war. Jedesmal, wenn er sich dumpf grunzend bewegte, zog er damit an der Kette – Johanna sah aus, als hätte sie ein wildes Tier an der Leine.
Dr. Heimlich kam auf mich zu: „Guten Tag, mein Chef! Wir wollten gerade anfangen! Dr. Zomberg berät sich gerade mit einer Spezialistin, die ich extra engagieren konnte…“
Ich reichte ihm die Hand, und ging dann einen Schritt weiter um ein paar alte Mauertrümmer herum; da stand Zimbo und beugte sich zusammen mit einer Frau über einen Laptop.
„Das ist Frau Rapax, mein Chef! Die beste IT-Spezialistin in ihrer Timeline, die ich finden konnte!“ führte Dr. Heimlich mich ein.
Ich staunte nicht schlecht. Zimbo wandte sich zu mir um: „Na gottseidank, Mundorf, da bist du ja! Ich dachte schon, ich bin im falschen Film, als mich dein Dr. Heimlich eben ins Auto gesteckt hat…“
Ich gab auch ihm die Hand: „dachtest du etwa, ich hätte dich angelogen, oder was?“
„Naja komm…die Aufgabe einen Golem abzuschalten ist ja wohl nicht alltäglich, oder?“
„Och… wenn du wie ich länger mit Dr. Heimlich zu tun hast, passiert so ein Scheiß öfters, glaubs mir…!“
Dann trat ich zu Frau Rapax, die eifrig auf dem Laptop herumtippte.
„Was um alles in der Welt machst DU hier?“
Frau Rapax blickte nur kurz auf, und meinte: „Dein Dr. Heimlich hat mich gefragt, ob ich für eine kurze Nebenrolle als Informatikern zur Verfügung stehe – und: da bin ich. Und seit einer Viertelstunde wühle ich mich hier durch diesen Kraut-Code…das ist einfach nur furchtbar. Wer auch immer das hier programmiert hat…arrrgh!“ – sie vertiefte sich wieder in ihren Laptop.
„Das war Dr. Heimlich und sein Rabbi!“ brummte ich nur.
„Sagen Sie mal Heimlich, gibt’s heute nen Fahndungserfolg der Rabbi Löw betreffend?“
„Leider nein, mein Chef! Der Rabbiner Löw bleibt wie vom Erdboden verschluckt!“
Nun wurde es Zimbo doch etwas zu viel:
„Alter! Ich faß es nicht! Mundorf – die reden dich tatsächlich alle mit „Chef“ an. Wie krank ist das denn?“ er schmiß seine ausgerauchte Zigarettenkippe auf den Boden und trat sie aus.
„Ich nicht!“ warf Frau Rapax ein, ohne von ihrem Monitor aufzublicken.
„Ja ok, du bist ja auch anscheinend normal!“ lachte Zimbo verlegen.
„Ich weiß ja auch, mit was für Frauen Martin sich auf twitter abgibt.“ bemerkte Frau Rapax spitz.
„Oh Gott…das will ich gar nicht alles wissen! Laßt uns den Golem abschalten, und gut is!“ seufzte Zimbo.
„Da wär ich auch dafür…das Viech wird langsam wieder munter!“ rief Johanna aus der Mitte der Turmruine. Der Golem zappelte heftig hin und her, und Johanna hatte sichtlich Mühe, ihn an der Kette zu halten.
„Ähm…Heimlich… wie haben sie den Knaben eigentlich fesseln können? Und Musik läuft hier auch keine?“ wollte ich wissen.
„Nun ja… Frau deClerk ist heute morgen todesmutig in die Werkhalle gesprungen, und hat es geschafft an dem CD-Player den Stecker zu ziehen. Das hat „AfD“ zwar nicht lahmgelegt, aber soweit beruhigt, das er sich fesseln ließ…“
„Soso…also können wir anfangen?“
„Die Pylone sind online!“ rief Frau Rapax aus dem Hintergrund.
„Unsere Leute haben letzte Nacht extra eine Hochspannungsleitung angezapft und hierhin verlegt, so daß wir genug Energie haben.“ erläuterte Dr. Heimlich.
„Also Zimbo, walte deines Amtes!“ sprach ich zu Dr. Zomberg.
Er trat vorsichtig an den Rand der Turmruine, die wie ein runder, nach oben offener Raum war. Johanna ließ derweil die Kette fallen, und brachte sich und ihre Kampflesebn aus dem Raum- und ging mit ihnen hinter den Mauern in Deckung.
Die drei metallischen Pylone, die sich Zimbo auserbeten hatte, (Ich hab ehrlich gesagt NULL AHNUNG, was das für Dinger waren), standen um „AfD“ herum. Sie waren mit dicken Kabeln untereinander verbunden. Ein dickes Kabel führte nach draußen, in den Wald hinein. Dabei handelte es sich offenbar um die Stromzuleitung, die Dr. Heimlich erwähnt hatte. Ein anderes Kabel führte zu dem Laptop, auf dem Frau Rapax herumhackte.
„Ich probier es erstmal ohne Gehilfen – müßte eigentlich auch so gehen.“ Sagte Zimbo – ich sah ihm an, das ihm nicht ganz wohl bei der Sache war.
Die Pylone begannen bläulich zu leuchten, bis auf einmal ein Lichtbogen von Pylon zu Pylon sprang, und in der Form eines Dreiecks einen Ring um den hin und her wankenden Golem bildete.
„Wir sind bei 80% Leistung!“ rief Frau Rapax aus dem Hintergrund – denn es hatte sich aufeinmal ein mächtiger Wind erhoben, der laut durch Bäume und die alten Gemäuer pfiff. Der Himmel über demWormersdorfer Wald hatte sich schlagartig tiefschwarz verdunkelt. Der Wind wurde immer heftiger.
Dr. Heimlich hielt sich an einem Baum fest, um nicht fortzufliegen, und auch ich klammerte mich an einen alten Mauerrest.
„Hundert Prozent Leistung – Jetzt!“ hörte ich die Stimme von Frau Rapax.
Zimbo stand mit dem Rücken zu mir, aber ich konnte sehen, wie er langsam auf das Lichtbogen-Dreieck um unserem Golem zuging, und die Arme hob. Er schien irgendwas zu rufen, aber was das war, konnte ich nicht verstehen.
Dann – auf einmal – zuckte Wetterleuchten in den schwarzen Wolken über uns, und aus den Pylonen stiegen drei Kraft-Strom-Energiestrahlen gleichmäßig empor nach oben, und bildeten über dem Kopf des Golems eine Art Pyramide. Aus diesem Spitzenpunkt der Pyramide schoß, mit einem lauten Donnerschlag, ein blauer Blitzstrahl in den schwarz bewölkten Himmel, mitten in das Auge eines schwarzen Wolkenstrudels.
Zur gleichen Zeit fiel der AntiFaschistischeDennis regungslos zu Boden. Dann explodierten die Pylone – oder zumindest schmolzen ihnen die Sicherungen durch, denn es flogen die Funken.
Und dann war auf einmal Ruhe – der Wind hatte sich wieder gelegt, und die Wolken verzogen sich genauso schnell, wie sie gekommen waren.
Ich sah mich um – Dr. Heimlich berappelte sich wieder, Frau Rapax zupfte sich ein paar Blätter aus den Haaren. „Wars das jetzt?“ rief ich. Niemand antwortete. Ich lief zu Zimbo.
„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte ich.
„Aaal-ter!“ keuchte der nur… „ja, ich glaub schon. Mir fehlt nichts.“
Wir sahen uns den Golem an, der wie tot auf der Erde lag.
„Was zur Hölle hast du fürn Zaubespruch aufgesagt?“ wollte ich wissen.
„Ich hab keinen Zauberspruch aufgesagt, Mundorf!“
„Aber irgendwas hast du doch gerufen, als du die Arme erhoben hattest?“
„Ich hab nur ganz laut „Scheiße!“ gerufen…wie Schimanski unterm Lenkdrachen!“ lachte Zimbo.
„Ach du meine Fresse…!“ seufzte ich.
Nun kamen auch die anderen zu uns, um sich das Resultat der Prozedur anzusehen.
„Laut meinen Daten hat das gerade einen Stromausfall in der ganzen Gegend verursacht.“ merkte Frau Rapax an.
„Was?“
„Rheinbach, Meckenheim, Euskirchen, die Grafschaft – überall ist der Strom weg!“
„Ach du scheiße!… Na, Dr. Heimlich – sehen sie sich ihren Golem an: er schläft!“ sprach ich zu meinem Geheimdienstchef, der vorsichtig näher kam.
„Na Gottseidank!“ seufzte er erleichtert.
„Lieber Dr. Zomberg, liebe Frau Rapax…. danke für eure Hilfe, ihr habt was gut bei mir!“ bdankte ich mich bei den beiden.
„Wie wärs mit etwas weniger #ntl?“ kam es aus einem Munde zurück.
„Orrrr! Ich dachte eher an sowas wie einen ausgeben…“

Ich wollte noch etwas sagen, aber meine Hosentasche vibrierte. Oder besser, das Handy darin.
Also kramte ich das Dingen hervor. Whatsapp von Athanasius Weitwinkel. Nur ein Wort. Es lautete „Heydegeist“.
Oha!
Ich ging zu Johanna, die gerade vorsichtig mit der Fußspitze gegen den regungslosen Körper des gefallenen Golems trat, und hielt ihr nur das Hand hin.
„Heydegeist?“ fragte sie irriteirt zurück. „Was hat Meister Lampe denn angestellt?“
„Keine Ahnung, Johanna, aber wenn die Nachricht „Heydegeist“ lautet, dann ists was ernstes!“
Der Begriff „Heydegeist“ war ein Codewort auf allen höheren Führungsebenen meines Staates, der nur im äußersten Notfall verwendet wurde. Weitwinkel mußte also ein gewichtiges Problem haben, wenn er mir diese Nachricht schickte.
Darum hatte ich es denn auch eilig, die Ruine Tomburg wieder zu verlassen.

„Doktor Heimlich! Sorgen Sie bitte dafür, das unsere Gäste hier“ ich deutete auf Zimbo und Frau Rapax, „wieder nach Hause kommen. Bauen Sie mit den Kampflesben hier den Krempel ab- und nehmen Sie den Golem mit- wer weiß, vielleicht brauchen wir den doch noch!…Und die Fahndung nach dem Rabbi bleibt weiter bestehen! Wir sind noch nicht miteinander fertig!“
„Ja aber…“
„Nix aber! Weitwinkel hat nen Notfall, Frau deClerk und ich fahren da jetzt sofort hin!“

So verließ ich denn eilig mit Johanna die Burgruine. Als wir grade im Auto saßen, und ich den Motor gestartet hatte, fragte sie mich: Was hälst du eigentlich von unserer neuen Winterkollektion?“ und deutete auf ihre Tarnuniform.
„Äh…was?…joa…kommt mir irgendwoher bekannt vor…“
„Affen-FF. Ich hab nur den ganzen Nazi-Scheiß abgefriemelt und unsere eigenen Hoheitsabzeichen drauf gestickt.“
„Fängst du jetzt auch etwa mit sticken an?“ stöhnte ich. (in meiner twitter-Timeline hatten neuerdings mehrere Damen ein neues Hbyy entdeckt, das offenbar immer weitere Kreise zog, so wie es aussah.)
Ich seufzte tief – „Ich möchte lieber mal wissen, was Wieitwinkel schon wieder hat. Aber egal was es ist, dann kann ich mir bei ihm in einem gleich mein Geld abholen.“
„Was für Geld?“
„Ach.. ich möchte mir ein Andreaskreuz bauen.“
Johanna zog skeptisch die Augenbrauen nach oben.
„Für deine Modelleisenbahn, oder…?“
„Nee, nicht für die Modelleisenbahn – sondern ein echtes in Lebensgröße. Für Subs dran zu fesseln. Und das will ich dann verkaufen, um an Geld zu kommen. Und mir irgendwann genug Geld zusammenverdienen, das ich immer bessere bdsm-Möbel bauen kann.“
Johanna mußte unweigerlich laut loslachen
„Was? Das ist dein Plan? Ahahahahha…DAS ist dein Plan um reich zu werden? Oh Mann…Martin!“
„Was denn? Der aller Anfang ist schwer. Und ich brauch erstmal nur 20 Euro um in den Baumarkt zu fahren, um endlich loszulegen. Den Plan schieb ich jetzt schon Woch-en vor mir her!…Und wenn wir gleich bei Weitwinkel sind, nehm ich das Geld mit, und fang noch heut Abend an!“
Johanna lachte immer noch… und giggelte die ganze Fahrt über – bis wir dann endlich in unserer Hauptstadt vor dem „Reichskassengebäude“(dem Finanzministerium) – Weitwinkels Dienstsitz – ankamen.

Meine Staatskasse wird aber nicht „Reichskassengebäude“ (allenfalls im Volksmund), sondern wie in der römischen Republik, Aerarium, genannt. Und dementsprechend mein Finanzministerium auch nichts weiter, als ein großer, dunkler Tempel ohne Fenster. Im Innenraum befindet sich nichts – außer Geld. Und natürlich einem Schreibtisch, an dem Athanasius Weitwinkel sitzt, und das Geld zählt.
Im alten Rom gab es neben vielen anderen Tempeln weiterhi noch den Janustempel – er hatte Türen, die im Friedensfall geschlossen waren, und im Kriegszustand geöffnet waren – was im alten Rom aber eher die Tagesordnung war. Schließungen der Türen, also Frieden, sind aus der gesamten Antike nur 3-4mal belegt.
Und in Anlehnung an den Janustempel des alten Roms, sind die Türen meines Aerariums immer geschlossen, sofern ich denn (und damit mein Staat) genug Geld hat.
Wir, Johanna und ich, betraten mein Aerarium durch seine sperrangelweit geöffneten und festgerosteten Türen.

Das Aerarium war ein groooßer dunkler Raum, der nahezu leer war. Nur in der Mitte stand ein groooßer Tisch, und vor dem Tisch saß eine, in eine Decke komplett eingehüllte, Gestalt. Athanasius Weitwinkel.
Auf dem Tisch stand eine brennende Kerze und daneben lagen ein paar Kupfermünzen: Ein, Zwei und Fünf-Cent Stücke. Meine Staatskasse.
Gesamtwert: schätzungsweise 147 Cent.
Unter der Decke hörte man ein bitterliches Weinen und schluchzen. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, stupste ich Weitwinkel an. Er wuselte seinen Kopf mühsam aus der Decke.
Weitwinkel weinte. Er weinte wirklich bitterlichse Tränen und heulte wie ein Schloßhund. Es mußte offenbar etwas sehr gravierendes vorgefallen sein.
„Was ist denn los?“
„K…k…k…keine…keine…keine Kaninchen!“ brachte er nur mühsam hervor, um darauf wieder in Tränen auszubrechen.
„Was? wo?“
„In Remagen…auf dem Weihnachtsmarkt! Es gab keine Eisenbahn für Kinder, es gab auch keinen Bücherbasar wo er sonst immer war…“ brachte er schluchzend hervor.
Das war allerdings ungewöhnlich. Normalerweise veranstaltete die evangelische Gemeinde zu Remagen in ihrem Gemeindehaus während des Weihnachtsmarktes einen Bücherbasar, auf dem man stets ein paar alte Schätzchen finden konnte. Allerdings meinte ich mich zu erinnern, daß die evangelische Gemeinde ihr Gemeindehaus verkauft hatte, und der Bücherbasar deshalb woanders stattgefunden hatte – so genau hatte ich aber die Vorgänge in Remagen in letzter Zeit nicht auf dem Schirm gehabt. Weitwinkel jedenfalls auch nicht- er hatte den Bücherbasar nicht gefuden.
„Und was ist mit der Kleintierschau?“
„Das ist es ja!“ heulte er. „Ich habe überall gesucht und gesucht, ich bin den ganzen Weihnachtsmarkt mehrfach abgelaufen, anderthalb Stunden lang: sie waren nicht da!“ wieder begann Weitwinkel bitterlich zu flennen.
Johanna sah mich verständnislos fragend an: „Was ist so wichig an ein paar Karnickeln?“
„Nun… Johanna…stell dir vor, du willst nach London den Buckingham-Palast angucken, kommst an, und dann ist da, wo der Palast sein sollte: nichts. Gar nichts. Höchstens ein Parkplatz.“
Früher gab es jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt in Remagen eine Kleintierschau. Dort konnte man dann allerlei Sorten von Kaninchen bewundern: von mini-Kaninchen mit Hochgeschwindigkeits-Nasenschnüffeln bishin zu erstarrt wirkenden Riesen-Karnickeln. Das waren allesamt Weitwinkels Verwandte.
Und da ich in meiner Kindheit eben jene Kaninchen gesehen hatte, und in der Vorweihnachtszeit bei meinen Großeltern mit der Modelleisenbahn gespielt hatte, war dies eine der wichtigsten Keimzellen der snöffischen Kultur gewesen – der Ursprung, das ganze Selbstverständnis sämtlicher Snöffländer hing an dieser alljährlichen Kleintierausstellung.
Weitwinkel war wirklich am Boden zerstört.
„Das hat alles angefangen, als man aus zwei Deutschlands eins gemacht hat.“ jammerte er nun.
„Bitte was? Was meinen Sie damit, Weitwinkel?“
„Damals ist wegen dieser blöden Wiedervereinigung das Kinderprogramm im Fernsehen ausgefallen. Dann hat man fünfstellige Postleitzahlen eingeführt, dann die Hauptstadt nach Asien verlegt, dann sind ihre lieben Großeltern gestorben, dann gibt es Leute die nicht mehr an den lieben Gott glauben und heute gibt es keine Kaninchen mehr auf dem Weihnachtsmarkt in Remagen!….buhuhuhu!…Das Ende naht…buhuhuhu!…alles geht den bach runter!….uns wird noch eines Tages der Himmel auf den Kopf fallen!“
er begann abermals zu heulen, und versuchte sich mit seinen pfotigen Händen und den langen, schlapp nach unten hängenden Ohren, die Tränen aus den Augen zu wischen.
„Jaaaa…Weitwinkel…und irgendwann bin ich in das Alter gekommen, in dem ich angefangen hab, mich für Mädchen zu interessieren…“
„Das kam zu allem Überfluß noch hinzu…“ seufzte er.
„Apropos Mädchen: Ich hatte hier doch extra 200.000 Silbermark (Umrechnungskurs = 20€) für meine Privatzwecke hinterlegt…wo ist das eigentlich?“
Weitwinkel sah mich mit seinen großen traurigen Augen an.
„Das habe ich ausgegeben! Ich mußte doch uns alle retten!“
„WIE BITTE?“ das durfte doch nicht wahr sein! Woch-en-lang schob ich dieses Unterfangen „Andreaskreuz bauen“ nun vor mir her, und jetzt war das notwendige Geld dafür weg?
„Was um Himmels willen haben Sie von meinem Geld gekauft, wenn ich fragen darf?“
„Naja…“ hummelte er… „Als ich keine Kaninchen auf dem Weihnachtsmarkt gefunden habe, und auch keine Eisenbahn für die Kinder da war, und auch kein Bücherbasar – da mußte ich doch irgendwie die vorweihnachtsliche adventliche Eudaimonia [altgr. = „Gutgeistigkeit“, Glück, Glückseeligkeit, der Verf.] retten…Wir sind doch sonst alle verloren, wenn die Welt aus den Fugen gerät.“
„Was.Haben.Sie.Gekauft???“
„Ich habe in einem Trödelladen zwei „4040er“ gesehen…“
„Moment, Weitwinkel…Märklin 4040er?“
„Ja“ gab er kleinlaut zu „zwei Eisenbahnwaggons von Märklin…für unserer Reichsbahn. Sehr gut erhalten. Ich konnte die Verkäuferin von 28 auf 20 Euro herunter handeln.“
Ich war fassungslos.
„Weitwinkel…Sie haben zwei Eisenbahnwaggons gekauft?!“
„Ja – Irgendwie mußte ich doch die vorweihnachtliche Eudaimonie erhalten! Sonst geraten wir alle aus dem Gleichgewicht! Ich habe nur vom snöffischen Vorkaufsrecht gebraucht gemacht!“ er zog sich wieder die Decke über den Kopf und weinte weiter.
„Keine Kaaaaaniiiiinchen!“ schluchzte er noch so weinerlich, das es mir fast kalt den Rücken runter lief.
„Wieso kann er dein Geld ausgeben, Martin?“ fragte mich nun Johanna leise.
„Snöffisches Vorkaufsrecht. Einmal im Jahr darf das snöffische House of Lords mein Geld zur Erhaltung der Eudaimonia ausgeben, ohne meine vorherige Erlaubnis einzuholen. Steht so im Gesetz.“ Seufzte ich flüsternd.
„Letztes Jahr wollte ich ich mir ein paar Handschellen und ne neue Reitgerte kaufen…“ fuhr ich ebenso flüsternd fort.
„Und?“
„Statt dessen haben die snöffischen Lords den Kauf einer Papageien-DVD durchgesetzt.“
„Eine was?“ Johanna schien mir nicht zu glauben.
„Eine Papageien-DVD. Es gibt doch sehr einsame Menschen auf der Welt, und es gibt sehr geschäftstüchtige Menschen auf der Welt, die daraus Kapital schlagen: Es gibt eine DVD zu kaufen, auf der die ganze Zeit nur ein Papagei in seinem Käfig zu sehen ist.“
„Wie das Kaminfeuer in Dauerschleife nachts im Privatfernsehen nach den sexy-Clips?“
„So in der Art, ja. Naja jedenfalls stand auf der DVD Irgendwas wie „Mein Papagei –nie mehr allein!“
„Martin…das klingt sehr, sehr verstörend…und sehr, sehr traurig…“ sprach Johanna mit zweifelndem Blick – ich hatte Sorge, das Weitwinkel sie hörte, und senkte nochmals meine Stimme:
„Isses auch – und eben drum hat das snöffsiche House of Lords letztes Jahr bei ihrem Weinfest beschlossen“, (Johanna rollte angesichts des Stichwortes „Weinfest“ mit den Augen), „das diese DVD angeschafft wird.“
„Und das haben die durchgesetzt?“ fragte sie leiste kopfschüttelnd.
„Ja“ mußte ich eingestehen. „Anstatt einem neuen paar Handschellen und einer neuen Reitgerte bin ich nun stolzer Besitzer eine Papageien-DVD in Originalverpackung – für den Ernstfall!“
Johanna blieb stumm, und sah mich an, als ob sie an meinem Verstand zweifelte. Ich konnte nur mit den Schultern zucken, und deutete auf Weitwinkel.

Und zu eben diesem ging ich wieder einen Schritt zu, und rupfte ihm die Decke vom Kopf.
„So –lieber Weitwinkel! Jetzt hören Sie mir mal bitte gut zu!“
Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, und schaute mich gebannt an. Offenbar erwartete er eine Strafpredigt.
„Also. Das Sie mein Geld ausgegeben haben, kommt mir zwar sehr ungelegen, aber aufgrund der Umstände habe ich Verständnis dafür! Weiterhin verspreche ich Ihnen, ich werde den verschwundenen Kaninchen nachgehen lassen.“
Er seufzte.
„Und außerdem – hören Sie bitte gut zu! ..Ich bin Ihnen nicht böse! Haben Sie das verstanden?“
„Ja“ hummelte er.
„Nun gut – mir ist auch am Weihnachtsfrieden gelegen, lieber Weitwinkel. Aber bitte weinen Sie jetzt nicht weiter – das führt zu nichts! Haben Sie nicht noch was zu tun, um sich abzulenken?“
„hmm…doch… Ich möchte die Vorstandssitzung der Islandmoosfreunde vorbereiten, und auf die Baustelle muß ich auch noch…“
(ich hatte in diesem Augenblick nicht darauf geachtet, was er gesagt hatte, sondern war nur froh, daß er irgendetwas vorhatte, mit dem er sich ablenken konnte.)

Johanna und ich verabschiedeten uns von Weitwinkel, und traten vor dem Aerarium wieder ins freie.
„Willst du wirklich wegen dieser Kaninchen-Sache nachforschen lassen?“ fragte Johanna mich.
„Und wenn ich Kerstin mit einer ganzen Panzerdivision nach Remagen schicken muß – ja!“
„Du glaubst doch nicht auch etwa, das uns der Himmel auf den Kopf fällt, wenn da auf dem Weihnachtsmarkt keinen Kaninchen sind, oder?“
„Oh Johanna – da fragst du mich was. Das ist genauso, als ob du mich fragst, ob es Gott gibt….die Kaninchen waren bis jetzt immer da, nun sind sie nicht mehr da. Das ist der Punkt.“
„Ich fasse also zusammen, nur damit ich das richtig verstehe.“ hob Johanna an,
„Wenn es in Remagen auf dem Weihnachtsmarkt keine Kaninchen gibt, dann hat Weitwinkel Angst, das uns allen der Himmel auf den Kopf fällt?“
„Ja.“
„Und weil keine Kaninchen auf dem Weihnachtsmarkt waren, hat er zum Trost zwei alte Modelleisenbahnwaggons aus Blech gekauft?“
„Jaaa…“
„Von dem Geld, mit dem Du eigentlich Material für ein bdsm-Andreaskreuz kaufen wolltest?“
„Jaaa…“
„Und mit dem Verkauf von diesem bdsm-Andreaskreuz wolltest du eigentlich Startkapital für eine bdsm-Möbelmanufaktur generieren?“
„Jaaa…“
„Damit du damit Geld verdienst und nicht mehr arbeitslos bist?“
„Jaaa…“
„Und was hast du jetzt?“
„Zwei alte Märklinwaggons „4040“ und kein Geld mehr…und einen leblosen Golem!“
Johanna sah mich lange wortlos an. Da klopfte sie mir auf die Schulter:
„Herzlichen Glückwunsch, Martin! Meinen allerherzlichsten Glückwunsch!“

…to be continued…

2 Gedanken zu “die Advents/Weihnachtsfolge Teil 3

  1. Hat dies auf Buntwesenwelt rebloggt und kommentierte:
    Wie man einen außer Kontrolle geratenen Golem lahm legt, wie Finanz- und Manufakturpläne durcheinander geraten, da der Weihnachtsfriede wegen verschwundener Kaninchen nur durch Eisenbahnersatzanschaffungshandlung erhalten bleiben konnte und weitere höchst amüsante Kuriositäten in Chefs Welt. Teil 1 und 2 sind selbstverständlich auch sehr empfehlenswert. Ein Lesevergnügen der besonderen Art.

  2. Pingback: Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 6 | senior525's Blog

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