die Marquesa Ortiz

Es war in der Zeit, als der @ChefleGrand so krank und still war. Er selbst hat an den folgenden beiden kurzen Episoden keinen aktiven Anteil.
die zweite: „die Marquesa Ortiz“

Sex! Gewalt! Action! BDSM! Maschinengewehre! Kampflesben!
Penis!

Hab ich eure geschätzte Aufmerksamkeit? Nun denn – bevor es spannend wird, der kleine Hinweis, das es in jedem „Thriller“ ansatzweise erstmal ruhige gediegene Szenen gibt, in denen sich die Situationen aufbauen.

[orrr Mundorf…schon wieder Hasen? – ja. Aber nicht nur. Brutal wirds dann im nächsten Teil. Aber das hier war mir auch ein Anliegen]

In einer kleinen niedlichen Schrebergartenkolonie lag, versteckt hinter großen Hecken, ein kleines altes Schloß. Die kalte Märzsonne senkte sich müde zum westlichen Horizont, der kalte Wind pfiff um das kleine Schloß hinter den großen Hecken.
Doch in dem Schloß war es muggelich warm. Die snöffischen Lords feierten hier ihr „Spätwinterfest“.
Der Ballsaal war festlich erleuchtet, und unter den großen Kronleuchtern tanzten Hasen, Igel, Kaninchen, Murmeltiere in sehr vornehmer Abendgarderobe zu der Musik eines Streicherquartetts Menuette und Quadrillen. Alles was in Snöfland an schnuffeliger und flauschiger Prominenz zu finden war, gab sich hier die Ehre.
Neben der Tanzfläche stand eine Gruppe vornehmer Capybaras, allesamt in Frack und Zylinder, und diskutierten über die Weltmarktpreise von Rosenöl, Bergamotten und Baumwolle.
Daneben saß Lord Hetschhogk von und zu Bembel-Woi, der vornehme hessische Igel, der seine prächtigste Perücke für diesen Anlaß ausgesucht hatte, an einem Tisch mit Lord Baal, einem Storch. Lord Baal trug ein Monokel, und ebenso wie Lord Hetschhogk, eine alte rote englische Uniform mit goldenen Tressen. Der dritte in dieser Runde war Udo von Bödefeld – Sie kennen ihn vielleicht noch aus der Sesamstraße. Die drei spielten „Whist“ – ein englisches Kartenspiel, das die beiden ersteren im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg oft gespielt hatten, als sie leider erfolglos versuchten, die Rebellion von Mel Gibson zu unterdrücken. „Uffbasse…Karo Acht!“ hummelte Lord Hetschhogk.
Im Hintergrund spielten die Streicher Motive aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“.
Athanasius Weitwinkel schritt in dem großen erleuchteten Ballsaal mit einem Zeremonienmeisterstab umher. Der Schein der Kerzen brach such tausendfach in den geschliffenen venezianischen Glasperlen der Kronleuchter. Die blattgoldverzierten Bilderrahmen der großen Ölgemälde schienen fast wie von selbst zu leuchten. Wohlig zufrieden streichelte er über seinen dicken Kaninchenbauch. Mit dem Generaldirektor der Reichsbahn hatte er soeben über die Anschaffung umweltfreundlicher Dampflokomotiven diskutiert – und auch sonst war zumindest hier die Welt in Ordnung.
Das der Chef so lange krank war, betrübte ihn zwar, aber hier und jetzt mochte er nicht daran denken.

Die Dunkelheit hatte sich über das Schloß gesenkt, und die Luft war nun klirrend kalt.
Da näherte sich eine kleine geschlossene schwarze Kutsche dem Schloß. Zwei schwarze Rappen zogen sie eilig über den weißen Kiesweg. Auf dem Kutschbock saß eine vermummte Gestalt, dick eingehüllt in einen schweren Mantel, das Gesicht aus Schutz vor der Kälte bis zu den Augen hinter einem Schal versteckt und mit Dreispitz-Hut auf dem Kopf. Als die Kutsche vor dem Eingang des Schlosses hielt, trat sofort ein Murmeltier im Livree, in der linken einen Kerzenleuchter haltend, an die Kutsche heran, um dem Fahrgast die Tür zu öffnen.
Als das Murmeltier ebenso die kleine Klapptreppe unter der Kutschentür ausgeklappt hatte, zeigte sich erst ein Damenlacklederstiefel der aber alsbald unter einem Rock verschwand.
Es war eine Frau, die da ausstieg, und sich von dem Murmeltierdiener die Hand halten ließ.
„Sagen Sie Weitwinkel, das ich hier bin!“ sagte sie nur in einem leicht genervten Ton.
Das Murmeltier verbeugte sich höflich. „Folgen Sie mir bitte in die Bibliothek, euer Gnaden! Ich hole seine Exellenz!“
Die Frau folgte ihm. Sie mochte so um die 30 sein, war ausgesprochen schlank – allerdings trug sie ein schwarz-silbernes Rüschen-Rokkoko-Kleid, dazu eine eine schwarz-silberne venezianische Maske, die ihre Figur und Gesicht unkenntlich machen. Im übrigen wedelte sie mit einem schwarzen Fächer, so daß es nahezu unmöglich war, sie zu identifizieren.
Während der Diener verschwand, um Weitinkel zu holen, hörte sie die gedämpft die Streicher aus dem Ballsaal. Sie sah sich in der schwach erleuchteten Bibliothek um: Grüne Samttapeten, Ölgemälde und natürlich uralte Bücherregale aus Sumpfeichenholz. Im Kamin brannte kein Feuer. Dafür stand auf seinem Sims ein vergoldeter Samowar, der offensichtlich ruhig vor sich hin brodelte.
Im Ballsaal stand Herr Weitwinkel gerade zusammen mit Dr. Hummelmann (ja genau, der Nachbar von Jens) zusammen, und sprach über die therapeutischen Einsatzmöglichkeiten von kleinen Duftkugeln. Der Murmeltierdiener im Livree näherte sich Weitwinkel, und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Weitwinkel seufzte. „Ach seufz…. Sie entschuldigen mich, Herr Doktor? Meine Pflichten verlangen nach mir…. mümpf!“
Er folgte dem Diener in die Bibliothek. „Ich möchte nicht gestört werden!“ hummelte er dem Diener zu.
„Sehr wohl, Exzellenz!“ der Diener verbeugte sich, dann trat Weitwinkel ein. Die Türe schloß sich hinter ihm.

Weitwinkel sah erst nur die Silhouette der Besucherin, es dauerte, bis sich seine Augen an das Dunkel der Bibliothek gewöhnt hatten. Aber er wußte, wen er da vor sich hatte.
„Marquesa Ortiz!…Ich hatte nicht mit ihrem Besuch gerechnet!“
„Sie haben mir doch eine Nachricht zukommen lassen, Weitwinkel, das Sie um ein Treffen bitten. Aber machen Sie schnell, ich habe heute Abend noch eine Verabredung mit mehreren Herren…“
Etwas angesäuert verzog Weitwinkel das Gesicht. „Ich bin über die Natur Ihrer abendlichen Verabredungen mit Herren durchaus im Bilde, verehrte Marquesa…. mümpfenseufz.“
Weitwinkel schritt an ihr vorüber zu dem Samowar auf dem Kaminsims.
„Möchten Sie einen Kakao?“ fragte er, als er eine zierliche vergoldete Porzellantasse aus dem Samowar mit Kakao füllte.
„Nein.“ antwortete die Marquesa genervt.
„Nun gut… kommen wir zum Geschäft…mümpfenseufz…“ hob Weitwinkel an. „Wie Sie wissen, sind wir ein sehr kleines und sehr armes Land. Und dennoch finanzieren wir Ihren Kampf gegen das Böse mit.“
„Ich weiß. Und ich bin Martin da, wie jedem anderen auch, sehr dankbar für.“
Weitwinkel schlürfte etwas von dem heißen Kakao aus seiner Tasse. Als er sie wieder absetzte, fuhr er fort: „Und ich habe Ihnen, genau wie der Chef, versprochen, Ihnen im Kampf gegen das Böse beizustehen, mümpfennämlich! Als ich Ihnen damals im Kellergewölbe sagte, „we will raise regiments of horse and foot to charge the evil“, war das durchaus ernst gemeint, verehrte Marquesa!“ doch er setzte in Gedanken, ohne es auszusprechen, hinzu: „Sie hätten wenigstens mal fragen können, wie es dem Chef geht, mümpf!“
„Das weiß ich, und ist auch sehr aufmerksam von Ihnen, Weitwinkel.“
Weitwinkel machte eine kleine Pause – es war ihm etwas peinlich, dies ansprechen zu müssen: „nun… wissen Sie, verehrte Marquesa… Sie wissen ja, das hier diese kleine Provinz Snöfland nur ein vergleichsweise kleiner Teil des Landes unseres Chefs ist.“
„Das weiß ich.“
„Und ich freue mich, das Sie die Reisebeschreibung damals gelesen haben. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Ehrlich. Aber der Punkt ist: Obwohl wir Ihren kampf mitfinazieren und nach Kräften unterstützen wollen, hören wir sehr wenig von Ihnen. Wir erfahren gewissermaßen aus der Presse, was vor sich geht… und…nunja… als Kassenwart des Chefs bin ich zu Kassendisziplin gezwungen, und muß Rechenschaft ablegen, wofür wir unseren ohnehin schon kleinen Etat ausgeben…“
„Sie wollen nicht mehr spenden?“
„Äh nein…also doch, schon… nur… etwas mehr an…hmmm…wie soll ich es sagen…“ Weitwinkel druckste herum „…etwas mehr an Kontaktpflege wäre vielleicht nicht schlecht. Wenn ich unseren Gläubigern exklusive Ergebnisse vorzeigen kann, werden sich die Zweifel unserer Unterstützung für Sie rasch wieder zerstreuen.“
Und dann setzte er hinzu: „Und wenn es dem Chef irgendwann wieder besser gehen sollte, dann bin ich fest überzeugt, wird auch er sich nach allen Kräften für die gute Sache einsetzen.“
Mit einer gewissen Noblesse bemerkte die Marquesa spitz: „Wo ist denn Ihr Chef? Alles was man von ihmm mitbekommt, sind bloß Sie und ihre schnuffeligen Kaninchen!“
Weitwinkel versuchte sich nichts anmerken zu lassen und möglichst sachlich zu antworten: „Es geht ihm derzeit nicht besonders gut. Darum hat er sich zurückgezogen. Um ehrlich zu sein geht es ihm sehr schlecht…mümpf.“ er holte Luft. „Aber darf ich Sie daran erinnern, wer Ihnen Mut zu gesprochen hat, hinter den twitteraccounts die echten Menschen zu sehen? Und wer ebenfalls die Idee hatte, das gewisse Frauen sich in separaten Gesprächszirkeln austauschen sollen?“
„Reklamiert Martin die Idee ewta für sich? pfff..“
„Nein, natürlich nicht. Ich würde eher sagen, „zwei Doofe ein Gedanke“. Und sie setzen den Gedanken um, was wir sehr wohlwollend mitverfolgen. Aber bei Ihnen beiden von Doofen Menschen zu sprechen ist eine weite Untertreibung. Sie sind sich ja schließlich nicht primär wegen unterleiblicher Interessen über den Weg gelaufen, sondern aufgrund Ihrer beider ähnlichen akademischen Natur.“
„Ich habe sechseinhalbtausend follower, bald sind es siebentausend – ich kann mich nicht bei jedem einzelnen bedanken, Weitwinkel!“
„Denken Sie daran, das wir schon da waren, als kaum noch jemand anders ihnen gefolgt ist, Marquesa. Und in echter Loyalität stehen wir auch weiter zu Ihnen. Sowohl der Chef als auch ich haben mit ihnen per DM korresponidert – soweit möchte ich ja gar nicht gehen, aber eine öffentliche Mention ab und an oder eine reply…das ist wirklich nicht zu viel verlangt.“ Weitwinkel schwitzte. Die Situation war ihm sehr unangenehm. „Ansonsten sähe es nämlich so aus, als ob Sie uns vergessen hätten…und dann..nunja… unsere Gläubiger…“
„So groß ist Martins Beitrag nicht, als das ich nicht drauf verzichten könnte.“ antwortete die Marquesa gelassen. „Wars das?“

Weitwinkel seufzte. „Eine Sache wäre da allerdings noch, verehrte Marquesa. Haben Sie in letzter Zeit merkwürdige Zusammentreffen gehabt? Unheimliche Begegnungen, oder sonst etwas merkwürdiges?“
„Nein, warum fragen Sie?“
„Weil unser Geheimdienst nämlich Hinweise auf das Wirken des Bösen hat. In Ihrer Nähe. Wir machen uns Sorgen um Sie…“
„Wir? Martin und Sie? Oder Ihre Kaninchen?“ Die Marquesa klang fast schon herablassend.
„Ich, verehrte Marquesa. Und unser Geheimdienst. Der Chef bekommt leider momentan nicht viel von der Welt mit. Aber wenn, dann würde er sich bestimmt auch Sorgen machen.“
„Ich kann gut auf mich selbst aufpassen, Danke!“
Die Marquesa wandte sich zum gehen.
„Bevor Sie gehen, Marquesa,“ Weitwinkel hielt sie kurz zurück, „Sie kennen dieses Buch hier noch?“. Er hielt ein kleines blaues Buch vor die Nase. „Ja natürlich. Jeder, der Geschichte studiert hat, kennt dieses Buch.“
„Dann darf ich Sie daran erinnern, das, für den Fall, wenn Sie jemals nicht mehr so öffentlich in den sozialen Netzwerken auftreten können, alles dicht machen müssen und so weiter – sie sich mit dem Namen des Autors dieses Buch von jedem Inkognito-Account aus dem Chef oder mir gegenüber identifizieren können. Dann wissen Wir, das Sie es sind, und wir geloben allerhöchste Geheimhaltung, mümpfennämlich!“
Die Marquesa mußte süffisant lächeln bei so viel, in ihren Augen, unnötiger Sorge und Geheimniskrämerei.
„Ich hoffe, daß das nicht nötig sein wird. Und nun entschuldigen Sie mich, Weitwinkel. Meine Kutsche wartet, und ich will die Herren nicht warten lassen.“
mit einem „Schrrrub“ klappte sie den Fächer wieder auf, und wedelte vor ihrem Gesicht.
„Ich geleite Sie noch zur Kutsche, Marquesa!“

Als Weitwinkel der Marquesa in den Fond der Kutsche geholfen hatte, steckte sie noch einmal das Gesicht aus dem Fenster: „Wenn Martin wieder ein Dom geworden ist, werde ich vielleicht mal wieder mit einer reply bedenken…vielleicht…. Kutscher! Losfahren!“
Die schwarze Kutsche mit den angespannten schwarzen Rappen verschwand im Schwarz der Nacht.
Weitwinkel sah ihr hinterher.
„Vielleicht braucht er replies von Frauen wie Ihnen, um wieder das zu werden, was Sie „Dom“ nennen… “ murmelte er leise in sich hinein. „Vaya con Dios, Marquesa, vaya con Dios…mümpfenseufz.“
Als er wieder in den Ballsaal zurückkehrte, trat wieder Doktor Hummelmann, der humanoide Hamstern und Hausarzt, an ihn heran.
„Mein lieber Herr Weitwinkel, Sie sehen so blaß und traurig aus? Was war denn?“
„Ach nichts, Herr Doktor. Politik… wissen Sie, Politik. Seufz.“
Traurig senkte er die Augen.
„Ich bin die Rolle als Reichsverweser langsam leid. Mümpf.“

Der dunkle Tempel – Teil 2

Der dunkle Tempel – der Verbleib der beiden Bücher (Teil 2)

„der dunkle Tempel“ (der Verbleib des güldenen Buches des BDSM – Fortsetzung)

Kapitel 4

Ungefähr auf der Mitte des Weges zum „Dunklen Tempel“ mußte ich notgedrungen anhalten: ein Baum lag quer über der Straße.
Ich stieg aus, um mir die Sache näher anzusehen. Chamaelita, Kerstin und Weitwinkel stiegen ebenfalls aus.
Der Baum war nicht sonderlich groß, aber wohl doch zu schwer – selbst für uns vier.
Weitwinkel setzte sich mit einem tiefen, seufzenden „Mümpf!“ auf den Baumstamm und begann nachzudenken. „Vielleicht will der liebe Gott gar nicht, daß ich mitkomme. Oder das wir uns überhaupt zu diesem „dunklen Tempel“ mit diesen ganzen Perversen Mneschen begeben, seufzenmümpf?!“
Chamaelita setzte sich neben ihn, und nahm ihn in den Arm. „Ach, ach, ach… Herr Weitwinkel… es ist doch nur ein Baum…“
„Können wir nicht einfach drüber springen?“ fragte Kerstin genervt.
Ich sah sie an: „Und was machen wir mit dem Auto?…Wenn wir Johanna mit hätten, die würde unter lauten afrikaansen Flüchen das gemüse hier wegschieben…!“
„Aber die steckt ja noch in Vietnam.“ Kerstin rollte mit den Augen.
„Eben. Und darum brauchen wir hier eine andere Lösung!“ ich hatte mir die Wiese neben dem Weg angesehen – etwas sumpfig, aber das konnte gehen.
Wartet ihr hier mal… oder besser: ihr klettert mal über den Baum. ich probier was.“
„Martin, was hast du vor?“
„Rheinische Lösung…wart mal ab!“
Ich sprang in Weitwinkels antiquierten blauen Mercedes, und fuhr im ersten Gang, Halbgas gebend mehr schlitternd als rollend den Wagen um das Hindernis herum.
Die „Lösung“ war so einfach. Kerstin stieg wortlos wieder neben mir ein, und Chamaelita half Weitwinkel über den Baum zu hoppeln. Er konnte nicht umhin, sich mit einem „Tschöö lieber Baum!“ von dem umgefallenen Gehölz zu verabschieden – wohl weil dieser für ihn ein Grund zum innehalten gewesen war.
Die Fahrt konnte also weitergehen.
Das „güldene Buch des BDSM“ – das eigentlich nicht existiert – lag immer noch bei uns im Wagen. Ich wollte es endlich loswerden – und dafür sorgen, daß es nicht inn falsche Hände geriet.

 

Kapitel 5

Jeder hat seinen eigenen Zufahrtsweg. Jeder nähert sich dem Tempel anders. Imaginäre Orte sind aus vielen Richtungen zu erreichen.
Aber nicht für alle.
Das hier, das sollte ein Tempel für die guten, die echten und wahrhaftigen sein. Nicht für die Dummdoms und Möchtegerns. Und nicht für die bösen. Sondern die verantwortungsvollen.
Und es war ja nicht nur eine teilüberdachte große Spielwiese mit Spezialräumen für jeglich denkbare Spielart, nicht nur vollständig gekachelt, oder vollständig mit Gummi ausgekleidet. Oder die offenen Gruben in und um die „Ruine“, die mit Gittern verschlossen werden konnten, und bei Bedarf mit Wasser fast gefüllt werden konnten.
Nein, der dunkle Tempel sollte auch ein „Zentrum“ sein, um sich auszutauschen. Um miteinander zu reden. Außerhalb des Spiels einfach mal nett zusammen zu sitzen und zu grillen.
Warum der dunkle Tempel und sein Außengelände in einem Wald vornehmlich aus Blautannen stand, steht #ausGruenden auf einem anderen Blatt.

Ich hielt auf dem Parkplatz an. Es waren offenbar schon einige da – die Autos oder zumindest ein paar der Autonummern kannte ich.
Wir stiegen aus, und ich wies meine BegleiterInnen ein: „Also: Chamaelita, Kerstin. Ihr kommt mit mir. Ich brauch euch als Ablenkung.“
„Martin, was hast du vor?“ fragte Chamaelita.
„Die Baufirma, die diesen dunklen Tempel als BDSM-Vereinsheim gebaut hat, hat sich an Kirchenarchitektur orientiert. Und in jeder Kirche gibt es im Altar eine Stelle, in der Reliquien des jeweiligen Patrons eingemauert sind….“
ich sah Chamaelitas skeptischen Blick. „…also bei den rechtgläubigen“ seufzte ich „…wie das bei den Herätikern aussieht, weiß ich nicht.“
„Eyyy… immer dieses Protestantenbashing!“ Chamaelita gab mir einen kräftigen Stups in die Seite.
„Und in dieses Reliquintabernakel unter dem BDSM-Altar willst du dieses Buch verstecken…“ Kerstin rollte mit den Augen…Alter!“
„Was denn? Das war deine Idee, wenn ich dich erinnern darf?!“
„Ja, aber so wortwörtlich… Ach was solls…gehen wir. Ich nehme an, wir sollen aufpassen, daß dich niemand dabei entdeckt?“
„So ist es!“
Ich wandtem mich an meinen Kassenwart: „Und Sie, Weitwinkel“ ich deutete extra mit dem Finger auf ihn, „Sie bleiben hier und bewachen das Auto! Ich werde mein möglichstes machen, um Ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen. Versprechen kann ich aber nichts. Bleiben Sie aber bitte hier. Da sind nur perverse Menschen in dem Gebäude, das ist kein Tummelplatz für kleine weiße Kaninchen – auch nicht, wenn sie im höheren Staatsdienst sind, verstanden?“
„Mümpf!“ antwortete Weitwinkel trocken.
„Gut. Wir sind bald wieder zurück, dann können Sie mit Chamaelita weiter nach Wien reisen.“
Innerlich mußte ich seufzen. Da war die Eröffnungs-Orgien-Session des dunklen Tempels, und ich würde mich nach kurzer Zeit empfehlen müssen. Einmal, ein einziges mal, ein großes Event. Das wärs. So dicht vor der Nase, so dicht vor der Teilnahme. Stattdessen mußte ich mich mit dem „güldenen Buch“ unhd Karnickeln auseinandersetzen. Gnaaarffff!!!

 

Kapitel 6

Ich betrat mit Chamaelita und Kerstin den „dunklen Tempel“. Ich lenkte meine Schritte direkt in Richtung der Apsis (in einer Kirche würde man vom Altarraum sprechen), wo der „Altar“ stand.
„Ihr beide, als Blüte der niedersächsischen Jurisprudenz, haltet mir bitte den Rücken frei. Lenkt alles und jeden ab, verstanden?“
Um diese Zeit, so hoffte ich, würde noch niemand hier umhergeistern. Ich kniete mich vor den Altar hin, und begann, die Steine genau zu untersuchen: als jemand, der mal christliche Archäologie studiert hat, hoffte ich, das „Geheimfach“ schnell zu finden, in das ich das „güldene Buch des BDSM“ (trotz seiner eigentlichen Nicht-Existenz) für alle Zeiten verstecken.

 

#Szenenwechsel: Kamera-Umschnitt auf das Kellergeschoß des „dunklen Tempel“ zur gleichen Zeit:

Um seinen Ungehorsam in schillernden Worten zu beschreiben: Zu Ophelia dem goethezitierenden Fickstück schlich Athanasius, die Rüge im Gewande.
Aber wo keine Häscher oder Jäger, da sind sie auch nicht des Hasen Tod: Es kam, wie es kommen mußte: Durch die nur mit Pechfackeln erleuchteten Katakomben schlich der arme kleine verängstigte Herr Weitwinkel, und suchte die richtige „VIP“-Garderobe. Immer wieder kam er in diesem Keller-Labyrinth an halb offenen Türen vorbei, hinter denen sich die geladenen Gäste der Eröffnungs-BDSM-Orgien-Session vorbereiteten. An der ersten Tür blieb er vorsichtig stehen, und lugte vorsichtig hinein. Da stand eine Frau mit rötlichen Haaren, lediglich mit Strapsen und Korsett bekleidet, die gerade eine volle Whisky-Flasche an den Mund setzte, und mehrere kräftige Schlucke trank.
Verwundert rieb sich Weitwinkel die Augen, und schüttelte irritiert den Kopf.
„brrrr…mümpf!…hier bin ich falsch…“ seufzte er still und leise und schlich weiter hoppelnd den Gang entlang.

Die dunklen Mauern, die Pechfackeln – das alles wirkte auf den auf ihn sehr bedrohlich. Er fühlte sich fremd und unwohl.
Bei der nächsten Tür lugte er wieder vorsichtig, seine Hasennase schnuppernd vorschiebend, hinein. Dort stand eine anscheinend recht kleine aber dafür sehr korpulente Frau, die völlig nackt war. Weitwinkel hatte ja schon viel gesehen, was ihn aber hier schaudernd-schockiert zurückweichen ließ: Die kleine, dicke nackte Frau trug lediglich ein stählernes Halsband und eine Gasmaske.
„ohGottohGottohGott“ – sich die weit aufgerissenen Augen schnell mit Ohren und Pfoten zu haltend wich er zurück.
„Da war ich wohl auch falsch…mümpf… was es nicht so alles gibt… mümpfenseufz…“
Wieder hoppelte er ängstlich den Gang entlang.

 

#Szenenwechsel: Kamera-Umschnitt in die Apsis des „dunklen Tempel“ zur gleichen Zeit:

Kaum hatte ich mich hinter den „Altar“(den basaltenen Bock zum drüberspannen der Sub) gekniet – hörte ich Schritte hinter mir.
Erschrocken drehte ich mich um. Ein mir bekannter Dom.
„Dunkelaua? Du hier?!“
Ich war froh, das er es war, und niemand anderes. Ihm konnte ich vertrauen, und wußte um seine Abneigung gegen das „güldene Buch“. Er hob eien Augenbraue, als er sah, was ich gerade versuchte zu verstecken. Denn die kleine Reliquinkammer hatte ich gerade gefunden – das „güldene Buch“ würde gerade so hineinpassen.
Bist du wahnsinnig? Tu das Ding weg! Ich bekomm Juckreiz!“ angewidert sah er das „güldene Buch“ an.
„Ja meinst du denn, ich nicht? Deswegen will ichs ja verstecken. Das darf nicht in die falschen Hände geraten!“

Ihm konnte ich vertrauen. Aber wo waren meine beiden Ablenkungsmanöver abgeblieben? Was, wenn mich hier noch jemand entdecken würde? Geheim sieht anders aus – kaum hatte ich das gedacht, hörte ich abermals Schritte.
Noch ein Dom. Und wieder einer, den ich jottseidank kannte. Ich mußte mein Unterfangen wohl oder übel abbrechen, und stand auf, denn ich hatte bis jetzt noch hinter dem „Altar“ gekniet.

„Sei mir gegrüßt, werter Namensvetter“ – der zweite Dom kam lachend auf mich zu und gab mir die Hand.
„Ich bin sehr beeindruckt von der Anlage, mein lieber. Der Herr weiß, einen würdigen Rahmen zu schaffen!“
Ich mußte notgedrungen schmunzeln. „Ach, laß mal stecken… ich hab sogar extra für dich einen offenen Kamin einbauen lassen. Dann kannst du deine Abende hier veranstalten.“
„Sehr aufmerksam von dir.“ Sein Blick fiel auf das Buch. „oh…das güldene Buch des BDSM!“
„Äh…ja…“ eilig nahm ich es wieder an mich. „Ich wollte es hier in diesem pseudoklerikalen Rahmen verschwinden lassen…“ mir wurde ganz heiß – es fühlte sich an, als bekäme ich einen roten Kopf.
„Auch dafür ist dies hier ein würdiger Ort! Nahezu kirchengleich…!“ grinste der Dom.
Ich sah mich verlegen um: „Drei rheinische Katholiken stehen hier beisammen, wenn ich das richtig sehe?“ ich überlegte, ob das Versteck auch noch mit zwei Mitwissern sicher genug sei.
„So siehts wohl aus, der Herr!“
„Dann isset ja nur „würdig und recht“, wenn wir drei auch dafür sorjen, dat der „heilige Gral“ auf nimmer wiedersehen verschwindet.“ (mir fiel nichts besseres als Antwort ein.)
„Dem schließe ich mich vollumfänglich an.“ grinste mein Namensvetter.
„Ich mein… irjendjemand muß dat ja erfunden haben …von wejen Erlösung und Befreiung durch Erleiden und Erdulden von Schmerz. Und dat knieen in Demut. Von nix kütt nix. BDSM is‘ sozusagen praktisch anjewandter Katholizismus.“
Nun mußte er lachen.
„Geißelung nicht zu verjessen!“ ergränzte ich – und versuchte ihn durch das Thema etwas abzulenken.
„Der Herr ist mit der Gnade einer reichhaltigen Perversion gesegnet…Du solltest dir das patentieren lassen!“
„Von wejen… wat dat betriff, verzichten mir bitte jern auf einen Papst… und diese „Bibel“ hier, die lassen wir verschwinden. Faß mal mit an.“
Der Herr Dunkelaua, etwas müde um die Augen, hob skeptisch süffisant eine Augenbraue, und grinste nun auch: „Ihr seid doch allebeits jeck!“
„Ja natürlich sind wir das. Sonst wären wir ja nicht hier.“
Der müde Herr schüttelte resigniert-amüsiert den Kopf. „Ich laß euch mal hier alleine…!“ er wandte sich grinsend und kopfschüttelnd zum gehen.
Ich war mit meinem Namensvetter allein.
„Du willst das „güldene Buch“ in die Reliquienkammer stecken?“ fragte er mich.
„Das war der ursprüngliche Plan.“ mußte ich gestehen. „Wieso, willst du vorher noch einen Choral anstimmen?“
„Nein, ich singe nicht mehr. Aber du könntest ja ein bdsm-Gebet sprechen.“
Ich war mir für einen Moment unsicher, ob er das ernst meinte – ich seufzte kurz, und fing dann an: „Jejrüßet zeiste Maria, voll der Jnade, du bis jebenedeit unger…. ach wat sollet: Kölle Alaaf!“ mit dieser etwas unwirschen Abkürzung eines Gebetes wollte ich das güldene Buch gerade packen, und in die Rerliquienkammer stecken.
Als…

 

Kapitel 7

#Szenenwechsel: Kamera-Umschnitt auf das Kellergeschoß des „dunklen Tempel“ zur gleichen Zeit:

Wieder war Weitwinkel an einer Tür angekommen, die halb offen stand. Im Innenraum kniete eine nackte Frau auf dem Boden und schien zu medietieren. Daher schien sie Weitwinkel nicht zu bemerken, denn dieser erschrak doch sehr, als die Frau ihn ansprach ohne den Kopf zu bewegen oder gar die Augen zu öffnen.
„Kaninchen…Was willst du hier?“
„Äh…ich…äh…mümpf…“
„Kaninchen, bei mir bist du falsch!“
„Oh… woher…wissen Sie, wen ich… äh…“
„Dit is Berlin, Kaninchen!“ sprach die knieende Frau – sie hatte immer noch die Augen geschlossen.
„Verzeihung…mümpf!“ reichlich verwirrt zog sich Weiteinkel aus der Tür wieder zurück.
Als er verschwunden war, legte sich ein leichtes Lächeln um den Mund der Frau, sie öffnete langsam die Augen und blickte zur leeren Tür.
„krass…!“ schmunzelte sie.

Weitwinkel war unterdessen so ähngstlich, fast schon panisch, daß er sich verlaufen würde, und nicht die Person finden würde, die er hoffte zu finden. Doch dann kam endlich er an eine Kammer, in der eine Frau, in Korsett und HighHeels gekleidet vor einem Spiegel saß, und sich offensichtlich schminkte.
Sie saß mit dem Rücken zur Tür, bemerkte ihn aber dennoch nicht, als er seinem Bauchgefühl folgend sich durch die Tür zwängte. Es war ein recht kleines Kellergemach – aber wenigstens durch elektrisches Licht erleuchtet, und nicht wie der Gang durch die albernen Pechfackeln.
Rechts neben der Tür war eine Art Sitzbank aus Stein gehauen in die Wand eingelassen. Mit einem kleinen Hopser hatte er darauf Platz genommen, und beobachtete stumm, wie die Frau sich schminkte.
Als sie fertig zu sein schien, wagte er es, sich kurz zu räuspern und zu sprechen:
„Huhu… Sie… Sind Sie die Frau Ophelia?“
Erschrocken drehte sich die Frau um. Als sie Weitwinkel da so friedlich auf der steinernen Sitzbank sitzen sah, schrie sie laut auf.
Und weil Ophelia aufschrie, schrie auch Weitwinkel kurz erschrocken auf. Slapstick-Komik.*
(*Mir fällt jetzt erst das Wort Slap-Stick auf…gnihihi Anm. d. R.)

Nach dem ersten Schrecken funkelte es in Ophelias Augen:
„Du bist ein Abgesandter von Luzifer! Weiche von mir, weißes Kaninchen! Ich bin dir schon lange genug gefolgt, du Satan!“
„Luzifer? Satan? Was wie wo?“ Weitwinkel geriet in Panik, und sah sich hektisch um, um sich dann panisch um Ophelias linkes Bein zu klammern.
„Mümpf!“
„Geh von mir runter, du…“ sie schüttelte ihr Bein, so daß Weitwinkel los ließ.
Schützend hielt er seine Pfoten über den Kopf und seine langen Ohren hingen schlapp herunter.
„Ich bin einer von den guten! Mümpfennämlich! Bitte nicht weh tun! Mümpf!“

„Was und wer zur Hölle bist du?“ fragte Ophelia mit einer gehörigen Portion Vorsicht.
„Mein Name ist Athanasius Weitwinkel, ehemals 2nd Lieutenant der „King´s Hare Dragoons“, Royal Rabbit Fuseliers, Vorweiner und Zeremonienmeister des snöffischen House of Lords, und zur Zeit Reichskassenwart von ChefleGrand.“
„Weitwinkel?…Sie sind Weitwinkel, Martins Kaninchen?“ Ophelia war mehr als skeptisch.
„Ganz Recht. Weitwinkel. Athanasius Weitwinkel. Ich bin sein Kassenwart und Hüter seines Portemonnaies.“
„Was wollen Sie hier?“
„Ich bin hier, weil sie etwas mit Kaninchen zu tun haben. Nämlich!“
Ophelia legte den Kopf etwas schräg, und hörte, zuerst noch mit skeptischer Miene, zu, was das humanoide Kaninchen ihr gegenüber zu sagen hatte.
„Geh zurück auf die Sitzbank!“ sie deutete ihm mit dem Arm sich zu setzen, denn sie traute dem Hasenbraten nicht.
„In meine Garderobe darf eigentlich niemand eintreten. Nichteinmal der Chef!“

„Also…ich höre!?“ sprach Ophelia.
„Also erstens habe ich Sie gesucht, weil sie in Ihrem Blog und auf twitter was von weißen Kaninchen schreiben. Und ich nicht möchte, das meine Gattung durch eine Verbindung mit Perversionen der Menschen in Verruf gebracht wird. Mümpfennämlich! Ich hatte zwar den Chef gebeten, sich für diese Sache zu verwenden, aber manchmal muß man Dinge eben selbst erledigen, nämlich!

Zum Zweiten möchte ich mich aber auch bei Ihnen im Namen aller rechtschaffenden Kaninchen entschuldigen. Wir sind an und für sich eine sehr freundliche, friedliche schnuffelige und parapfnumselige Gesellschaft. Wenn Sie also durch ein Kaninchen schlechte Erfahrungen gemacht haben sollten, tut mir das sehr leid, nämlich!“

„Sie haben also meinen Blog gelesen? Ich denke, sowas ist nicht für …äh…Ihresgleichen?“
„Ist es auch nicht..mümpf…aber ich bin ja nicht nur einen Kaninchen, sondern auch Staatsdiener, und als solcher gehört es zu meinen Pflichten, mich umfassend zu informieren. Auch wenn mir das inhaltlich nicht immer gefallen mag. Und es tut mir aufrichtig leid, was Sie und die „kleine Dame“, die Sie erwähnten, haben erdulden müssen, nämlich!“
„Also…für die Sache mit dem Kaninchen… was mich betrifft..so ist das eine Allegorie aus „Alice im Wunderland“..es eignet sich wunderbar als Metapher, wenn man jemandem oder etwas folgt, um in eine verschlossene Welt aufzubrechen… das bot sich halt so an…Und danke. Ich komm schon klar.“
Weitwinkel mußte seufzen… „Ach mümpf. Ich habe das Buch nie gelesen, kenne aber den Herrn Kollegen Hase. Er wartet in unserem Land die Bahnhofsuhren…“
„Na sehen Sie…und das es da vielleicht User auf twitter gibt, die sich an diesem Hasen orientieren… weniger an der Zeitmessung, mehr an der lockenden Gestalt an sich… dafür kann ich nichts! Da müssen Sie sich an die betreffenden wenden, nicht an mich.“

„Hm..hm..hm…“ brummte Weitwinkel „Mümpf. Ja. Da können Sie natürlich nichts für.“
„Und darum sind Sie hier zu mir gekommen, Weitwinkel?“ fragte Ophelia neugierig.
Naja…nicht nur… Der Chef und Frau Chamäleon und….“
„Martin? und Chamaelita? Sie sind hier?“ fragte sie unsicher.
„Ja. Weil der Chef nämlich ein Buch verstecken muß, das es nicht gibt.“ Weitwinkel kratzte sich hinter seinen langen Ohren. „Und weil das Buch Unheil anrichten würde – noch viel mehr Unheil und Böses, als das was ohnehin schon passiert ist, so wie ich das verstanden habe…
Und das ist eigentlich der dritte Punkt, über den ich mit Ihnen sprechen wollte, mümpfennämlich“
Weitwinkel hopste ächzend von der Steinbank wieder hinunter und trat einen Schritt freundlich lächelnd näher an Ophelia heran.

„Sie setzen sich für Frauen ein, denen schlimmes widerfahren ist, richtig? Sie kämpfen gegen das Böse – also ich meine in Bezug auf ihre komischen Praktiken, die Sie ausüben?“ Weitwinkel sah sich um.
„Ja, das tue ich allerdings…“
„Hm..hm..hm… das ist sehr löblich und ehrenwert. Ich möchte Ihnen unsere Hilfe anbieten, mümpfennämnlich!“
„Unsere? Wen meinen Sie?“
„Na den Chef, meine Wenigkeit, Frau Chamäleon und Frau Maier.“
Ophelia verzog äußerst skeptisch ihr Gesicht. „Ich traue Martin nicht so recht….“
„Das macht nichts. Er traut Ihnen. Und ich glaube auch, das man Ihnen trauen kann. Und das helfen hat bei uns lange Tradition.
Der Chef hat schon als Schuljunge lieber den Mädchen geholfen, als mit dern anderen Jungen Fußball zu spielen, nämlich!“

„Mein lieber Weitwinkel. Erstens: Ich weiß nicht, ob ich Ihre Hilfe überhaupt will. Martin will mich ficken. Aber das wollen hunderte andere Männer und Frauen auch. Und auch da weiß ich nicht, ob ich das überhaupt noch will. Und zweitens: Ich bin alt und groß genug, um auf mich selbst aufzupassen. Ich habe eine mächtige Feder. Und mit der schreibe ich gegen das Böse.“
Weitwinkel hatte kurz schlucken müssen – so derbe Worte fielen nicht oft in seiner Gegenwart.

„Mümpf!…Auch wenn die Feder bisweilen mächtiger als das Schwert ist – ein paar Schwerter schaden bisweilen nicht. Der Chef und Sie sprechen die gleiche Sprache der Gelehrten. Das Sie darüber hinaus ähnliche bzw. kompatible Unterleibsinteressen haben, kommt noch hinzu. Und weil dem so ist, möchten wir gerne Ihnen im Kampf gegen das Böse bei-stehen. Ob Sie beide dann darüber hinaus auch noch bei-schlafen, das will ich gar nicht wissen. Aber im Kampf gegen das Böse, diese bösen Männer, die Frauen unter Vorspielung erotischer Inhalte Schlimmes antun, haben Sie Verbündete!“
Ophelia seufzte. „Das ist lieb von Ihnen, Weitwinkel…“
„We will raise regiments of horse and foot to charge the evil, mümpfennämlich!“
„Regiments of horse and foot? Wie alt sind Sie?“ fragte Ophelia skeptisch.

„Ach seufz. Nach menschlichen Maßstäben schon sehr alt. Ich habe als junger Hase erlebt, wie der Preußenkönig in Schlesien eingefallen ist, ich war dabei, als Mel Gibson Tee in den Hafen von Boston geworfen hat, und dann die Siedler gegen den König aufgewiegelt hat. Es war mir leider nicht vergönnt, an der Seite von Cornwallis die Rebellion zu unterdrücken, mümpf! Ich war in Paris, als man einander aus Gründen der Vernunft die Köpfe abgehackt hat, und später dann war ich als Seehase dritter Klasse auf seiner Majestät Schiff „Helgoland“ im Skagerrak. Einer der Urgroßväter des Chefs diente ebenfalls auf diesem Schiff.“ Er machte eine kurze nachdenkliche Pause.
„Ich bin eigentlich auf dem Weg, um mit Frau Chamäleon nach Wien fahren, zu einem Kongreß. Herr Seyffenstein gibt einen Kurs, „wie regiere ich mein Staatsoberhaupt als Kammerherr, ohne das er es merkt?“
Das letzte Mal, das ich in Wien war, war, als mir Fürst Metternich „ein Stück von einem großen Kuchen“ versprochen hatte. Leider bekam ich kein Stück Kuchen, sondern die halbe Grafschaft Hohenlohe, die Hansestadt Hattingen und drei Dörfer in der Pfalz zugesprochen. Ich habe diesen „Gewinn“ dann aber gegen eine Tüte Hustenbonbons eingetauscht. Mümpf! Was soll ich mit Territorien in Deutschland?“
Er war in seine Erinnerungen abgebogen, und wurde traurig im Gesicht – seine langen Ohren fielen ihm schlapp links und rechts am Kopf herunter.

Er berappelte sich jedoch schnell wieder: „Sie kennen das Codewort? Den Namen des blauen Buches?“ fuhr er fort.
„Ja…Martin hat es mir mal verraten.“
„Gut. Wenn immer sie dieses Wort senden, wird Hilfe kommen. Wenn Sie es irgendwo lesen oder anderweitig empfangen, werden Sie wissen, das Hilfe unterwegs ist. Selbst wenn Sie dem Chef immer noch nicht vertrauen. Ob sie es verwenden, überlasse ich Ihnen.“
Weitwinkel sah sich ängstlich um, „ich glaube, jetzt muß ich wieder gehen… Der Chef wollte, das ich im Auto bleibe… nämlich!“
„Was für ein Buch ist das denn, das er hier verstecken wollte?“
„Ich weiß es nicht… es ist gülden, und hat sieben Siegel. Der Chef meinte, dieses Buch gibt es gar nicht, obwohl er es in der Hand hielt.“
Ophelia hob die Augenbraue. „etwa das „güldene Buch des BDSM?““
„Ich glaube ja- so hieß es. Ich habe es von einem alten Mann in den Bergen Vietnams als Geschenk für den Chef überreicht bekommen.“

TO BE CONTINUED…

Der dunkle Tempel – Teil 1

Der dunkle Tempel – der Verbleib der beiden Bücher (Teil 2)

Kapitel 1

Ich stand also vor einem riesigen Berg von Zucchini – und Weitwinkel reichte mir die zwei Bücher, die er als Geschenk für mich von dem „alten Mann in den Bergen“ mitbekommen hatte.
Das eine Buch war lediglich als „Lösungsbuch“ betitelt. Ich schlug es auf, und mußte schon nach den ersten Zeilen feststellen, das ich hier etwas sehr gefährliches in den Händen hielt. Zur Lösung der Probleme der Welt standen da Dinge wie: „Atomschlag auf Peking, Shanghai, Singapur, Bombai und Jakarta“. Zweck: Reduktion der dortigen Bevölkerung und Destabilisierung der staatlichen Ordnung.“
Oder an anderer Stelle: bewußte wirtschaftliche Abkanzelung islamischer Staaten. Flüchtlingsströme mit Waffengewalt eindämmen. Der Islam ist ökonomisch wertlos. Die Menschen in arabischen Ländern sind charakterlich zu impulsiv und daher nicht zu Intellektualität fähig…“
Ich klappte diese „Analyse“ umgehend zu, und reichte es Kerstin. „Guck du mal rein. Und sag mir, was du davon hälst.“
Das war menschenverachtender rassistischer Mist. Mochte ja sein, daß das von rationalen volkswirtschaftlichen Parametern her gesehen… aber nein, nein nein! Weg damit!
(Wo dieses Buch dann schließlich gelandet ist, steht ja im zweiten Teil der Pentalogie)

Dann wandte ich mich wieder an Weitwinkel. „Und das andere Buch? Was hats damit auf sich?“
„Ähm..das..mümpf…konte ich nicht öffnen…es hat sieben Siegel…aber es ist goldfarben. Mümpfennämlich!“
Oha! Er reichte mir einen goldfarbenen Wälzer. Unweigerlich riß ich meine Augen auf: Da stand in schwarzen Lettern auf güldenem Grund: „Die verbindlichen Regeln des BDSM. So und nicht anders wirds gemacht!“
Ich ersparte mir, in dieses Buch einen Blick zu werfen. „Weitwinkel!“ brauste ich auf. „Wissen Sie, was Sie mir da geben?“
Erschrocken für mein Reichskassenwart zusammen, und legte ängstlich seine langen Löffelohren an.
„Äh…nein…mümpf…“
„Dieses Buch hier..“ ich hielt es ihm eindringlich unter seine Stupsnase „…dieses Buch existiert nicht! Verstehen Sie? Es gibt dieses Buch nicht!“
Verwirrt folgte sein Blick meiner Hand und dem güldenen Buch, das ich mit ihr festhielt.
„Aber…aber… mümpf…sie halten es doch in der Hand, Chef… mümpfenhää?“
Ich seufzte.
„Das Buch hier, muß verschwinden. Dafür werde ich sorgen. Es darf nicht in die falschen Hände gelangen!“
„Hab ich etwas falsch gemacht? Mümpf?“ Weitwinkel legte seinen Kopf in die Schräge.
„Nein, mein lieber Weitwinkel. Eigentlich haben Sie alles richtig gemacht. Gut, das dieses Buch hier ist, und nicht woanders!“ versuchte ich ihn zu beruhigen.
Untersdessen hatte Kerstin das „Lösungsbuch“ überflogen.
„Du…Martin… das Teil hier sollte auf jeden Fall ebenso verschwinden und nicht in falsche Hände geraten. Das ist menschenverachtend!“
„Das war mir nach den ersten Zeilen klar. Wer denk sich bloß son Schwachsinn aus?“
„Das ists ja eben. Das ist nicht ausgedacht. Laut der Inhaltsangabe haben das Großcomputer errechnet. Zielparameter Weltfrieden und eine gesunde Natur.“
„Zu erreichen, in dem man Atombomben wirft, und Millionen von Menschen tötet?“
„Und den Papst.“
„Was ?“
„Hier steht, das nicht nur der Islam sondern generell sämtliche Religionen unlogisch sind. Daher seien sie abzuschaffen.“ sie sah mich betroffen an.
„Das Ding muß weg, Kerstin. Wenn das einer in die Finger bekommt, der die nötigen Mittel und Wege hat…“
„Dann herrscht nicht Frieden sondern Grabesruhe und eine brave-new-world aus digital gläsernen westlichen Konsumenten bevölkert die Welt.“
Ich sah sie ratlos an. „Was nu?“
„Ich werds in den Sumpf verfrachten lassen. Da kommt keiner mehr dran.“
„Gut. Dann werd ich mich um dieses Buch hier kümmern!“ ich wippte das güldene Buch mit der rechten Hand in Weitwinkels Richtung.
„Was für ein Buch? Mümpf?!“
„Ich sehe, Sie verstehen mich, Weitwinkel. Was gedenken Sie jetzt zu tun – neben all diesen Zucchini wieder in die Remise zu räumen?“

„Ich wollte eigentlich mit Frau Chamäleon nach Wien fahren. Herr Seyffenstein hält demnächst ein Fortbildungsseminar ab: „Wie regiere ich als rechte Hand meines Souverän denselben, ohne das er es merkt?“. Da wollten wir hin. Fortbildung ist sehr wichtig, nämlich!“
Kerstin bekam im Hintergrund einen Lachflash.
„Rrrrrichtig! Wäätwinkl… Wir ham erst dies güldene Bichl zum verstecken!“
„Äh…mümpf…ja.. hm.“
„N oisdann, Wäätwinkl… gebns uns an Rratschlog!“
Der Gefragte kam nicht zum antworten.
„Martin..warum näselst du so wienerisch?“ Kerstin wischte sich die Lachtränen aus den Augen.
Ich war irritiert. „Was? ist mir gar nicht aufgefallen. War wohl ein Reflex.“
„Was ist mit Reflexen?“ wir drehte uns um – da kam Chamaelita um die Ecke der Remise gegangen.
„Hi Chamaelita“ begrüßte Kerstin sie. „Martin war grad größenwahnsinnig vernäselt.“
„Das ist ja nichts neues…!“
Und zu Weitwinkel gewandt sagte sie: „Hier, Ihre Karotten, lieber Herr Weitwinkel!“
Mit einem „Ohh dankepfön!“ nahm er ein Bündel Möhren aus Chamaelitas Händen in Empfang.

„Arbeitest du jetzt hierbei Weitwinkel als Gärtnerin?“ fragte ich.
„Öh nee…ich helf dem lieben Herrn Weitwinkel nur etwas aus. Wir wollen nach Wien fahren, zu einer staatsrechtlichen Fortbildung.“
„Ich habs gehört.“ brummte ich.

Kapitel 2

Ich hatte vor einiger Zeit eine Spam-Nachricht auf Instagram erhalten „Join the Illuminati and become rich & famous“ etc. – und den entsprechenden Screenshot auf twitter gepostet.
Darunter entbrannte dann eine, durch mich auch mit befeuerte, Diskussion, die Subkultur des BDSM doch in eine Art freimaurerischen Loge zu übertragen. Es wurden verschiedene Namen im Scherz hin und her überlegt – mein Vorschlag „der dunkle Tempel“ konnte sich nicht recht durchsetzen, wohl aber das Motto, der Wahlspruch. Inspiriert durch die großartige KAOZtaco und ihre „we trust“-tweets, kam ich auf den simplen Satz „in kink we trust“. Na wenn das kein Motto ist?!
Und die Idee wurde weiter gesponnen: Warum denn nicht ein (genossenschaftlich) finanziertes Open-Air-Spielgelände für uns? Kein Club, für den man Eintritt bezahlt. Sondern eine Art Grundstück, auf das alle BDSM-interessierten twitterer können, wenn sie nur hinkommen. Zum Selbstkostenbeitrag. Ein Vereinsheim für den „Freundeskreis alternativer Kellernutzungskonzepte e.V.“

Meine Planungsstellen hatten offenbar zu viel Zeit und Phantasie, denn sie nahmen sich der Idee an.
In besagtem Twitter-Thread war auch die Standortfrage überlegt worden: Ich konnte immerhin mein Dorf, nahe der A61, anpreisen. relativ gut zu erreichen. Nur halt für Besucher aus dem anderen Ende der Republik sehr weit weg – aber das hat man ja bei twitter öfters.
Und da ich ja mal was studiert habe, erschien mir der Grundriß einer konstantinischen Umgangsbasilika als der passendste. Allerdings miit großen, dunklen Sandsteinquadern in der äußerlichen Optik der Porta Nigra.
Soviel Zeit muß sein. Wenn schon ein Mundorf ist am gestalten, dann tut er auch aus dem vollen walten. Gedacht, gesagt, getan. Es dauerte keine zwei Monate, da hatte unsere Baugesellschaft „Bausteine & Geerden“ ein entsprechendes Bauwerk hochgezogen. Eine künstlich angelegte Ruine einer Umgangsbasilika.

Natürlich mit allem pi-pa-po und Schnickschnack. Eine Art „Vereinsheim“ für die BDSM-twitterer. „Inklusive Schlechtwetterraum“ samt Bühne, sanitäre Anlagen (Dusche und WC), Grillplatz und Wasser und Stromanschluß. Das betreffende Nebengebäude versprühte den architektonischen Charme eines katholischen Pfarrgemeinschaftshaus in der Eifel – funktional, aber mit einer gewissen brutalen Liebe zur Behaglichkeit gesegnet.
Im wahrsten Sinne: Denn im „Hauptgebäude“, der Basilika-Ruine, gab es vorne auch eine Art von „Altar“. Ein aus schwarzem Basalt gemauerten Block. Genau genommen ein Bock: denn er sollte zukünftig dazu dienen, eine Sub drüber zu binden. Und so war er auch geformt, d.h. oben abgerundet und an den Seiten mit Befestigungsschlaufen versehen. Der Altar des BDSM.
Ich bekam ehrlicherweise etwas Muffensausen, vor so viel Mysthizismus. Aber andererseits: Man kann ja nicht aus seiner Haut. Ich auch nicht.
(nun könnte man klugscheißenderweise einwenden, das Umgangsbasiliken als überbaute Nekropolen eigentlich keinen Altar hatten, aber ich will die Architekturgeschichte des frühchristlichen Kirchenbaus nicht überstrapazieren).
Jedenfalls: vorne in der Apsis stand der schwarze Bock. Aus Basalt. Und wartete darauf, das die erste Sub drüber gebunden wurde.
Die große Einweihungsfeiersession stand an.

Während der große „Innenraum“ eigentlich nur ein nach oben offener Hof war, so waren in den Mauerfundamenten aus Basaltquadern halbrunde vergitterte Nischen gebaut worden, ca. 3x 4 m groß. Wie Gefängniszellen in amerikanischen Filmen – nach vorne, d.h. zum Innenhof nur durch das Gitter getrennt. Als mehr oder weniger private Separees oder Verliese zum halböffentlichen Spiel.

Überhaupt war das angedachte Grundkonzept: Hier sollte man sich frei fühlen können. Doms und Subs. Auf dem ganzen Gelände sollte Ungezwungenheit, Narrenfreiheit – und in letzter Konsequenz auch Geilheit herrschen.
Von mir bekam der Komplex dann doch noch den Namen „Der dunkle Tempel“ verpaßt.

Im eigentlichen Keller des Gebäudes gab es natürlich auch ein paar dieser „Verliese“ – aber die hatte ich mir als „Privatkammern“ auserbeten. Quasi als private Garderobe für die jeweiligen Gäste.
Was aber nichts daran änderte, das es sich hier um Katakomben aus dunklem Mauerwerk handelte, die des Spaßes halber mit Pechfackeln beleuchtet wurden.
(ich bin ja ansonsten ein Freund ausgeklügelter LED-Beleuchtungstechnik, aber um des Klischees willen…*seufz*)

Es war wohl ein dummer Zufall der Geschichte, daß ausgerechnet am Tag der Eröffnungs-Orgien-Session mir Weitwinkel das „güldene Buch des BDSM“ in die Hand drückte.
Selbstredent wollte ich das Ding loswerden – und gleichzeitig dafür sorgen, das es nicht in die falschen oder irgend welche anderen Hände geraten würde. Ich habe in meinem Blogartikel „die Dominanzfalle“ lang und breit darüber geschrieben, was ich von diesem güldenen Buch halte, und das es nicht existiert.
Das ich nun dieses Ding in den Händen hielt – vielleicht eine Prüfung des Schicksals.
Bloß weg damit.
Nur: Wo versteckt man sowas?

Kapitel 3

Ich hatte mit Kerstin das „böse Lösungsbuch“ in ihr Auto verfrachtet. Dafür hatten wir einen Ort. Es wäre zu gefährlich gewesen, beide Bücher am gleichen Ort vor derWelt zu verstecken. Wohin mit dem „güldenen Buch“?

Ich fragte Kerstin: „Wo verteckt man etwas, wenn man nicht will, das der suchende oder nur der neugierige drauf stößt?“
Irritiert sah sie mich an. „Ich weiß zwar nicht genau, was du meinst… aber wenn ich eine Bombe oder so platzieren müßte… dann wäre der sicherste Ort der Welt: Direkt unter dem Arsch des jenigen welchen. Da sucht man zuletzt. Warum?“
Mir gingen buchstäblich die Augen auf. „Kerstin…du bist genial!“
„Ich weiß. Aber warum diesmal?“
„Weil du mich drauf gebracht hast, wo wir dieses güldene Buch verstecken können.“
„Im dunklen Tempel?“
„Jain. dort allein wäre es zu einfach. Es einfach dort zu deponieren hieße es wie eine Monstranz im Hochaltar zu exponieren. Mir fällt noch was viel besseres ein. Dazu brauche ich aber deine Hilfe. Und am besten auch die von Chamaelita. Komm mal mit…“

Wir gingen wieder zurück zur Remise. Weitwinkel und Chamaelita hatten in der zwischenzeit die Zucchini wieder eingeräumt und gestapelt.
„Mein lieber Herr Weitwinkel, ich muß Ihnen die Frau Chamaelita heute Abend leider entführen…“
„Aha… warum das?“ wunderte sich Chamaelita.
„Das güldene Buch… es muß weg. Und Kerstin und du – ihr werdet mir helfen, es verschwinden zu lassen. Ich brauch euch beide als Ablenkungsmanöver.“
„Ähm…Martin.“ unterbrach mich Kerstin. „In meinem Auto sind aber nur zwei Plätze. Wir sind drei.“
Mist. Sie hatte recht. „Scheiße..dann müssen wir nochmal in die Stadt zurück meinen Astra holen… den muß ich aber erstmal frei räumen. Hab da immer noch Steine und Plakate von der Ausstellung drin.“ ich seufzte.
„Ich habe ein Auto für vier Personen! mümpf!“
Wir drehten uns alle zu Weitwinkel um.
„Sie haben ein Auto?“ fragte ich verwundert.

„Jawohl! Nämlich! Es steht gleich hier in der Remise. Aber ich benutze es nicht so oft. Um hier in den Gärten umherzufahren, nutze ich lieber die Gartenbahn. Mümpfennämlich! Folgen Sie mir unauffällig!“
Vorsichtig stiegen die beiden Damen und ich an dem riesigen Berg von Zucchini vorbei, um ihn nicht durch eine Erschütterung wieder aus dem Tor poltern zu lassen. Weitwinkel stand vor einem großen grauen etwas, das sich als Sammelsurium alter Decken entpuppte. Infernalische Staubwolken lösend, hob er die Decken beiseite. Sein Auto kam zum Vorschein. Ein dunkelblauer Mercedes. Ein V170. Vorkriegsproduktion.
„Ach du Heimatland…!“ kicherte Kerstin und Chamaelita entwich ähnliches giggeln.
„Warum zum Kuckuck fahren hier eigentlich alle Mercedes, nur ich nicht?“ grunzte ich.
„Na wenigstens ist der Wagen standesgemäß!“ bemerkte Kerstin.
„Herr Weitwinkel, Sie haben wirklich ein sehr schönes Auto!“ schmunzelte Chamaelita.
„Fährt der auch?“ wollte ich wissen.
„Oh ja. Der Schlüssel liegt auf dem Armaturenbrett und aufgetankt ist er auch. Nämlich!“
„Jut…“
„Aber ich komme mit! Nämlich! Ich möchte nicht, daß meinem Auto was passiert. Mümpf!“
„Äh… Herr Weitwinkel… da wo wir hinfahren..da ist kein Platz für humanoide Kaninchen. Da sind alles nur so erwachsene Menschen. Sie wissen schon…so Perverse. Und dunkel ist es da auch!“
„Oh…mümpf.“ Sein Gesicht wurde zusehends weinerlich und ängstlich, seine Ohren fielen schlapp zur Seite.
„Aber…aber… das sind doch diese komischen Menschen…die da wo mit den Schwarzweißbildern auf twitter, oder?“
„Ja, das stimmt, Weitwinkel.“
„Hm hm hm… ich fahre dennoch mit. Und bleibe aber im Auto. So! Ich möchte Sie allein durch meine Anwesenheit daran erinnern, das ich im Namen des snöffischen House of Lords eine Protestnote als Beschwerde vorzubringen habe! Nämlich! Sie erinnern sich doch, mein Chef?“
„Ja, ich erinnere mich…“ ich rollte mit den Augen.

Weitwinkel hatte im Namen aller Hasen und Kaninchen mir eine offizielle Beschwerde vorgetragen, mit dem Inhalt, daß ich doch dafür sorgen möge, die bildliche Darstellung von Hasen und Kaninchen im BDSM-Kontext zu verbannen.
(Als ob ich das könnte?!).
Das snöffische House of Lords „fühle sich emotional beleidigt und bemümpft in Zusammenhang mit menschlicher Perversion gebracht zu werden. Es widerspräche der allgemeinen Verschnuffelung und laufe der gottgewollten Flauschhaftigkeit zuwider.“
Tja. Was sollte ich machen? Ich hab ja mal getwittert, das es nicht einfach ist, einen Vielvölkerstaat zu regieren. Und wenn es eine Volksgruppe aus Hasen, Igeln Bärchen und sonstigem pussierlichem humanoiden Getier emotional sooo zart besaitet ist und eine Petition einreicht – dann muß ich mich halt darum kümmern. Ich wußte nur nicht wie. Das Weitwinkel Chmaelita auf seiner Seite hatte war klar. Kerstin hatte mit der ganzen Sache nicht viel am Hut, würde aber auch nicht nein sagen. Ich sowieso nicht.
Aber genauso wenig, wie es ein güldenes Buch gibt, genausowenig kann ich von anderen verlangen, etwas zu tun oder nicht zu tun.
Es ist vielleicht die Erkenntnis, das was dem einen einen Kick gibt, für den anderen einen negativen Trigger darstellt.
Ich konnte also Weitwinkel und seinem Anliegen nicht viel Hoffnung machen, lediglich versuchen, für gegenseitige Toleranz zu werben.

„Und außerdem…“ fuhr Weitwinkel fort, „möchte ich mich vergewissern, wie unsere Lazitröl-Pflegeprodukte bei der Zielgruppe ankommen. Mümpfennämlich!“
Da war er dann plötzlich nicht mehr ganz so emotional mümpfig sondern ganz Reichskassenwart(Finanzminister), dem es darum ging, Gewinne einzufahren.
(Ich erinnere an dieser Stelle nur dezent an seine Okkupation einer unschuldigen Insel im Mittelmeer, nur weil er etwas von meinem leichten Fußfetisch, Hautpflege für rrrr-Zwecke am Rande aufgeschnappt hatte. Sein Latschenkiefer-Zitrusöl hatte er ja schließlich auch Johanna zu ihren Magic-Wands angedreht.)

Wir holten also den historischen Mercedes aus der Garage, und stiegen ein. In Gedanken schon bei der Eröffnungs-Orgie, dachte ich nicht nur nach, wie ich denn das güldene Buch am besten verstecken könnte, sondern auch über ein paar themenbezogene Fragen und die Menschen/innen die ich am Abend dort treffen würde.
Eigentlich hatte ich noch einen kurzen Aufsatz über ein gewissen Thema schreiben wollen, war aber nicht mehr dazu gekommen.
Wir fuhren los.

„Was ist eine Schlampe?“ – so sinnierte ich vor ich hin. Die liebe Ophelia hatte da mal einen tweet losgelassen, mit der Frage, wie denn diese Frage zu beantworten sei.
Offenbar hatte ich nicht nur gedacht – sondern auch laut gedacht. Denn Kerstin sah mich mit gerunzelter Stirn von der Seite an: „Brauchst du da wirklich noch ne Definition für?“
„Äh…was ? Ich nicht, nein…aber die Frage kam neulich auf twitter auf… Es gibt, soweit ich weiß, keine klare Antwort darauf…“
„Ach…Ophelias Tweet..“ kicherte Chamaelita vom Rücksitz.
„Ich versteh nur Bahnhof!“ brummte Kerstin. „Aber guck doch mal in dem güldenen Buch nach, vielleicht stehts da ja drin..!“
„`n Teufel werd ich tun..!“ grunzte ich.

Nach etwa fünf Minuten(!) schweigender Fahrt (!) meldete sich Weitwinkel vom anderen Sitz der Rückbank:
„Vielleicht ist es eine Frau, die im Schlamm steckt. Mümpfennämlich?!“

Ich mußte sofort eine Vollbremsung hinlegen. Quietschend kam Weitwinkels alter Mercedes zu stehen.
Chamaelita brach in laut schallendes Gelächter aus. Kerstin drehte sich nur fassungslos erst zu Weitwinkel um, sah dann zu Chamaelita, dann zu mir, rollte sodann nur mit den Augen und schüttelte entgeistert den Kopf. Ich war derweil mit meiner Stirn auf das Lenkrad gesunken.
Mit möglichst gefaßter Stimme versuchte ich zu bemerken: „Das schlimme ist: er könnte damit Recht haben?!“
Nur Kerstin hörte mich, denn Chamaelita lachte immer noch laut.
„Warum lachen Sie denn, liebe Frau Chamäleon? Habe ich etwas falsches gesagt? mümpf?“
„Nein…lieber Herr Weitwinkel…“ Chamaelita rang nach Luft: „..Sie haben einfach so eine pragmatische Art!“ ..sie mußte wieder kichern. Da Weitwinkel sichtlich verunsichert war, flauschte sie ihm seine langen Ohren, was er mit einem tiefen, langen „Mümpf“ quittierte.
„Können wir dann weiterfahren?“ fragte Kerstin, die nun auch grinsen mußte.
Ich legte tief Luft holend den ersten Gang ein, löste die Handbremse und fuhr an.
„Er hat trotzdem nicht ganz unrecht…!“ sprach ich zu mir selbst.

TO BE CONTINUED…

Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 7 (Ende)

Fortsetzung von Teil 6

Ich muß diese Geschichte endlich zu Ende bringen.
Die Luft, der Erzähl-Flow, ist zwar weg. Aber ich ich will es doch wenigstens der Form halber abschließen, damit die Geschichte nicht so eine „Ruine“ bleibt.

Mit meinem letzten Blogeintrag „die Dominanzfalle“ habe ich mir thematisch auch vollends den Wind aus den Segeln genommen. Ich habe dort in Teilen das verbraten, was im letzten Teil von „Rubber, Rabbits and the MagicWand“ hätte kommen sollen.
Daher werde ich versuchen, die Handlung stichpunktartig zuEnde zu führen, da ich ohnehin im vorletzten Teil der Handlung schon etwas vorgegriffen habe. Daher schließt dieser Teil inhaltlich an Teil 5 an.

Johanna und Weitwinkel waren ja auf ihrer Suche nach dem „alten weisen Mann“ und ihrer abenteuerlichen Reise durch Vietnam endlich im Dorf Dôm-Phắc-Sừb-Gãg-Bôl angekommen, und hatten Pierre Carrelet-Turm gefunden.
Dieser alte Mann, ein Europäer der früher mal beim Fernsehen gearbeitet hat, nun Besitzer einer Kautschuk-Plantage, hätte in den Dialogen eingentlich nur unverständlich gegrummelt. Man hätte nur ein „grummel…grummel…Indochina…nichwa…grummel..grummel…Vietcong….Franzosen…grummel…Kalashnikov…nichwa..grummel“ von ihm gehört.
Der alte Mann hätte ferner Weitwinkel und Johanna zum Essen eingeladen. Während des Abendessens hätte er den beiden einen Vortrag über „Herrschaft“ und Kolonialismus gehalten.
Der Geschäftsabschluß wäre vollzogen worden: Johanna hätte ihr Kautschuk bekommen, um die MagicWands zu bauen. Weitwinkel hätte immer noch gegrübelt, wo er so ein Ding schonmal gesehen hätte – und sich ein Teil des Kautschuks für Snookertischbanden und Schnuller für Säuglinge abgezwackt.

Und während des weiteren Gesprächs im abendlichen Kerzenschein im Hochland Vietnams, als Pierre Carrelet-Turm eben jenen Vortrag über Herrschaft und Unterwerfung gehalten hat, begann Weitwinkel sich zu langweilen.
Er wäre unterdessen durch die Bibliothek des alten Mannes gestreift, und hätte dort drei Schriften entdeckt: eine Zeitung „der Sklavenhalter“, die ihn nur verwirrt hätte, und zwei Bücher. Das eine Buch: „Das ultimative Lösungsbuch“. Es beinhaltet alle Maßnahmen, um alle Probleme der Welt zu lösen: Überbevölkerung, Hunger, Armut, Konflikte.
Leider basiert es auf den nüchternen Analysen eines Großrechners, so das die dort enthaltenen „Lösungen“ mitunter menschenverachtend sind. Weitwinkel erkennt die Brisanz des Inhalts, und bekommt das Buch von Pierre Carrelt-Turm als Geschenk für mich („ihren Chef“) geschenkt.
Außerdem schenkt er ihm ein zweites Buch: Es ist goldfarben. Aber da es sieben Siegel hat, kann Weitwinkel es nicht öffnen. Auch dieses soll er mir als Geschenk überbringen.
Im Verlauf des Abends lernen Weitwinkel und Johanna auch die Haushaltshilfe des alten Mannes kennen: eine junge Vietnamesin namens Phắc-Tôi. Und entegegen ihrer latenten Ressentiments gegen nicht-Europäer verliebt sich Johanna sofort in Phắc-Tôi.
Sie beschließt, noch eine Weile in dem Dorf Dôm-Phắc-Sừb-Gãg-Bôl bei Pierre Carrelet-Turm und Phắc-Tôi zu bleiben, um sich in fernöstlicher Kampfkunst zu bilden, die Kautschuk Produktion für die MagicWands zu überwachen und ihr Wissen über Kolonialsmus/Macht/Herrschaft zu vertiefen.
Weitwinkel kehrt mit einer kleinen Motordraisine auf den Schienen der stillgelegten Bahnline zurück nach Saigon – mit den beiden Büchern und der Zeitung „der Sklavenhalter“ im Gepäck.
Als er dann wieder mit dem „Khediven“ in die Heimat gefahren ist, setzt dann die nachfolgende Handlung aus Teil 6 ein.

Ende der Geschichte „Rubber Rabbits and the MagicWand“. Es tut mir leid, das ich die Gedanken nicht weiter ausformulieren konnte, aber besser so telegrammartig, als gar nicht.

Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 6

Dieser Teil der Erzählung handelt eigentlich nach dem Abenteuer Weitwinkels und Johannas in Vietnam, ist aber ein kleiner Vorgriff, um die anderen Handlungsstränge der Gesamtgeschichte wieder aufzugreifen.

Fortsetzung von Teil 5

„Martin Hermannowitsch…wir müssen reden!“
wie die Anrede es vermuten läßt:
Ich hatte Besuch von Nikita Sergejewitsch Pavlov, dem russischen Botschafter in meinem kleinen Land.
Sein Alter war unschätzbar – aber er war alt.
Auf seinem kantigen, leicht breschnewskischem Kopf thronte eine Haartolle, die sich ob der Einbetonierung in Pomade seit den frühen 50er Jahren nicht mehr bewegt hatte.
Diese grau-strähnige Pomadenfrisur war die leninsche Einbalsamierung im friseuristischen Kleinformat.
Und wie sich das für undefinierbar alte Russen gehört, trug er eine etwas abgewetzte Uniform, die über und über mit Orden behangen war.
„Held der Sowjetunion“, „Held der Arbeit“, „Rotbanner-Orden“, „Lenin-Orden“, „Held der russichen Föderation“, allerdings auch ein „ZA-Freundschaftsabzeichen“ und den snöffischen „Blumenorden 2. Klasse“ , um nur die wichtigsten zu nennen.
Im Mund hatte er eine Reihe schöner Goldzähne – ein alter Russe halt. Wann immer ich ihn traf, und das Gespräch auf russische, respektive sowjetische Geschichte kam,
sprach er mit verklärendem Blick vom „großen Genossen Stalin“, und wurde dann trotz seines durch das Alter gebeugten Körperhaltung um ein paar Zentimeter größer.
Aber alles in allem war er eigentlich ein netter Mensch – denn er brachte mir stets russische Zigaretten mit. „Belamorkanal“ – eine Marke, wirklich nur was für Kenner.
Mit zu knickendem Pappröhrechen als Filter. (wers nicht glaubt, der frage bitte meinen Russischlehrer von der Universität, Herrn Dr. Rammelmeier (nicht lachen, der hieß wirklich so!) – der hat in einer ersten Unterrichtsstunden Zigaretten an uns Studenten verteilt.)

„Mein lieber Nikita Sergejewitsch… was verschafft mir denn die Ehre, ihres Besuchs?“
„Nun…ihr Geheimdienstchef…“
„Dr. Heimlich?“
„Ja…Dr. Heimlich. Er hat sich letztes Jahr und auch in diesem Jahr längere Zeit in der Volksrepublik Korea aufgehalten…“
„Das stimmt allerdings. Er war auf Fortbildung.“
„Nun…“ …er sprach zögerlich, so wie man das von Diplomaten sowjetischer Prägung ja gewohnt ist „…in Moskau ist man besorgt, wenn sich ihr Geheimdienstchef dort aufhält!“
„Nikita Sergejewitsch… ich bin ein langzeitarbeitsloser Althistoriker. Ich glaube, die russische Föderation hat andere Probleme, als sich mit dem
Aufenthaltsort eines fiktiven Geheimdienstchefs zu befassen.“
„Das mag sein, Martin Hermannowitsch, das mag sein…aber die Sache ändert sich, wenn ihr Geheimdienstchef einen Golem erschafft, und danach weltweit nach einem verschwundenen Rabbiner sucht, der ihm dabei geholfen hat.
Advents/Weihnachtsfolge 2016 Teil 1
Und wenn dieser Golem außer Kontrolle gerät, könnte das eine Art neuer Bedrohung sein. Und das, mein lieber, interessiert Moskau sehr wohl.“
Ich rollte mit den Augen.
„Wir haben den Golem letztes Jahr mit Hilfe eines Spezialisten wieder einfangen und „abschalten“ können. Er stellt keine Bedrohung für sie dar, glauben sie mir das!“
Advents/Weihnachtsfolge 2016 Teil 3
(ich hoffte inständig, das ich meinen eigenen Worten würde glauben können, denn ich hatte nun längere Zeit nichts mehr von Dr. Heimlich oder der Suche nach dem Rabbiner gehört.
Es wunderte mich auch nicht wirklich, daß ich auf diese ganze, eigentlich geheime Angelegenheit vom russischen Botschafter angesprochen wurde. Der FSB schien tatsächlich doch
recht genau über die Umtriebe meines Dr. Heimlich bescheid zu wissen.)
„Sie brauchen aber den Rabbiner, um den Golem endgültig deaktivieren zu können. Ich kann ihnen versichern, daß die russische Regierung alles tun wird, um Ihnen bei der Suche nach Rabbi Löw zu helfen.“
„Das freut mich zu hören…“ antwortete ich. Ich blickte Pavlov an. Irgendwas hatte er noch.
„Der Präsident hat mich nicht nur zu Ihnen geschickt, weil sie ihren eigenen Geheimdienstchef oder den Rabbiner nicht finden können…“
Ich zog die Augenbrauen hoch – ich wußte ja nichtmal, das ich meinen Dr. Heimlich „verloren“ hatte.
„Vor einiger Zeit ist ein Stealth-Schiff ihrer Marine im südchinesischen Meer aufgetaucht.“
Damit konnte er nur den „Khedive“ meinen, das Schiff, das sich Weitwinkel ausgeborgt hatte, um Johanna zu retten – und was auch immer die beiden dann noch in Asien zun tun hatten.
Rubber, Rabbits and the MagicWand Teil 1
„Ich hab keine Ahnung wovon sie reden, Nikita Sergejewitsch.“
Er lächelte mich an :“Uns ist es im Prinzip egal, wenn sie die Chinesen ärgern, Martin Hermannowitsch, aber wenn eins ihrer Schiffe in Ostasien Unruhe stiftet, ihr Geheimdienstchef in Nordkorea unterwegs ist – während gleichzeitig sich der amerikanische Präsident mit Kim Jong-Un einen Atompoker liefert, dann berührt diese Angelegenheit unsere pazifische Interessenssphäre.“
„So…tut sie das?“
Pavlov machte eine übertrieben freundliche Geste:
„Der Präsident möchte Ihnen einen freundschaftlich gemeinten Rat geben, Martin Hermannowitsch. Wirbeln sie nicht so viel im fernen Osten herum. Das würde sich gegebenenfalls negativ auf unsere Freundschaft auswirken. Und das wollen wir ja beide nicht, oder?“
Das war eine unverhohlene Drohung.
Ich atmete tief ein und aus, bevor ich antwortete: „Bestellen Sie dem Wladimir Wladimirowitsch einen schönen Gruß von mir, Herr Botschafter. Rußland braucht sich keine Sorgen zumachen!“
„Das ist schön!“ lächelte Pavlov mich diplomatisch an.
Als er mein Büro verlassen hatte, riß ich die Tür zum Nebenzimmer auf, in dem sich Kerstin aufhielt. Sie pflegt meine Gespräche mit dem russischen Botschafter immer höchst persönlich abzuhören.
„Kerstin! Wo steckt Heimlich? Und was hats mit dem „Khedive“ auf sich?“
„Martin – ich bin genauso schlau wie du. Was Weitwinkel und Johanna da in Asien angestellt haben, sollten sie uns am besten selber sagen.“
„Johanna ist aber nicht wieder mit zurück gekommen, wenn ich das richtig mitbekommen habe…“
„Also fragen wir Weitwinkel!“ schlug sie vor.
„Der steckt auf seiner Gurkenplantage.“
„Also los, fahren wir!“ rief sie entschieden, und warf mir ihren Autoschlüssel zu.

Eigentlich – gaaaanz eigentlich – hatte ich auf all das keine Lust. Ich war mit meinen Gedanken gaaaanz woanders.

(Umschnitt Kamera: Kerstin und ich im Auto)

„Martin… komm schon… wer ist die Frau?“
„Wie kommst du drauf, das es eine Frau ist?“
„Orrr….ich kenn dich jetzt lang genug. Du twitterst kaum noch, du bist stiller…abwesender…“
„Soso“
„Und einsilbiger!“
„Wenn du meinst!“
„Du machst kaum noch #NTL und so…“
„…“
Kerstin hat die Gabe, in meinen Kopf zu gucken. Auch wenn ich das nicht mag. Meine einzige Chance ist, nichts zu sagen, mir nichts anmerken zu lassen.
Aber sie ließ auch diesmal nicht locker.
„Es ist nicht wegen Pavlov. AUch nicht wegen dem Golem oder Weitwinkel. Es ist bestimmt ne Frau. Ich bekomm das schon noch raus!“
Seufz – den Satz hatte ich schon ein paar mal gehört – nicht nur von ihr.

Kerstin läßt mich zu gaaanz seltenen Anlässen mal ihr Auto fahren. Wann komm ich sonst zu der Gelegenheit, ein schwarzes Mercedes-Cabrio zu fahren?
Da sie mir offenbar Details entlocken wollte, und nicht locker ließ, schaute ich sie an.
„Martin, guck auf die Straße!…und sag mir endlich, wer die Frau ist. Wenn sich dein Verhalten so radikal ändert, dann tangiert das Dinge, über die ich als deine
Außenministerin und beste Freundin vielleicht bescheid wissen sollte!“
„Vielleicht…vielleicht auch nicht!“
„Orrr!“
„Kerstin… laß es gut sein. Das geht nur mich und mein Herz was an!“
„Ha! Also doch eine Frau! Wußt ichs doch!“
Mist – ich hatte mich dezent verraten. Trotzdem: mauern, mauern, mauern!
„Kerstin…wußtest du, das es in Itzehoe eine überstark geschminkte unfreundliche Eisvertkäuferin gibt?“
„Was???“
Meine Gedanken glitten etwas ab. Ich achtete nicht mehr auf das Auto, nicht mehr auf Kerstin. Erst als sie mich anschrie: „Martin! Paß auf!“
holte sie mich wieder ins hier und jetzt zurück. ich war in meinen Gedanken wohl soweit weg gewesen, daß ich beinahe uns mit 100 Sachen in den Straßengraben befördert hätte.
„Man! Chef! mein Auto! Wenn du da auch nur einen Kratzer reinmachst!…“ sie hielt sich am Amaturenbrett und der Tür fest… „Warum laß ich dich eigentlich meinen Benz fahren?“
„Weil du mich lieb hast, Kerstin!“ antwortete ich spitz.
„Apropos: Weiß Chama…“
„Kerstin – jetzt reichts! Das ist alles meine Sache! Im übrigen sind wir gleich da.“

Ich war mit Kerstin auf dem Weg zu Weitwinkel, der wohl Johanna in Hongkong aus dem Gefängnis befreit hatte, aber ohne diese aus Asien zurückgekehrt war. Wir wollten von ihm wissen, wo Johanna nun abgeblieben war, und was es mit der ganzen Sache auf sich hatte.
Weitwinkel, oder besser gesagt, das snöffische House of Lords, hatten große Ländereien. Gemüseplantagen, Baumschulen, botanische Gärten. Wenn man diese Volksgruppe aus humanoiden Kaninchen, Bären, Murmeltieren, Igeln usw. in meinem Land mit zwei Dingen charakterisieren sollte, so wäre es die Vernarrtheit in Eisenbahnen und Gartenbau.
Und da Weitwinkel sich offensichtlich nicht im Aerarium (unserer chronisch leeren Staatskasse(siehe Weihnachtsfolge 2016 teil3, link oben) befand, lag es nahe, ihn auf der Plantage „Gurki Park“ zu suchen. Offiziell trug sie den Namen „königlich bodelschwingsche Gartenbauanlage“ –
god knows wer sich den Namen ausgedacht hatte. Jedenfalls hatte Weitwinkel (wie könnte es anders sein) hier sogar eine Parkeisenbahn bauen lassen, die zum Abtransport der angebauten Gemüsesorten diente.

Das „Hauptgebäude“ des riesigen Areals war lediglich eine kleine Remise, auf die ich nun zusteuerte.
Mir war danach, Kerstin noch etwas zu erschrecken, daher stieg ich voll in die Eisen, um den Wagen anzuhalten. Der weiße Kies und Schotter staubte auf, und der Wagen drehte sich um 180 grad, bevor er zum stehen kam.
Kerstin sahn mich wütend fauchend an. „Ein Kratzer, Martin! Nur ein Kratzer in dem Benz…ich sags dir!“
Ich blickte sie nur an. „Komm…laß uns unser Karnickel suchen!“

Wir stiegen aus. Das Tor der Remise stand einen Spalt weit offen. Ich klopfte vorsichtig. „Weitwinkel? Sind sie hier?“
Auch Kerstin rief nach unserem lieben Reichskassenwart Athanasius Weitwinkel. „Weeeitwinkel?!“
Da hörte ich es auf einmal im Inneren der Remise rumpeln. Ich öffnete die Tür vorsichtig – oder vielmehr, ich versuchte, sie vorsichtig zu öffnen.
Aber die Tür wurde offenbar von innen aufgedrückt, denn im nächsten Moment sprang sie auf, und ich wurde von einer großen grünen Welle überrollt und zu Boden geworfen.
Die Welle bestand aus: Zucchini.
Die ganze Remise war offenbar angefüllt mit Zucchini.
Und auf einmal tauchten in diesem Berg von Gemüse „plöp-plöp“ zwei lange Ohren auf. Und ein ächzen war zu hören.
„Äähh.. ähh.. mümpf?…mümpf!“ Dann tauchte Weitwinkels Hasenkopf zwischen den Zucchini auf.
Kerstin hatte mir mitlerweile geholfen wieder aufzustehen.
„Huuhuuu!…hallo Chef! Hallo Frau Maier!“ nuschel-wuschelte Weitwinkel, als er sich ebenfalls aus dem grünen Berg befreite.
„Huhu!“ antwortete ich recht kurz und irritiert.
„Weitwinkel…was zum Kuckuck ist das?“
„Ähh…das sind Zucchini, mein Chef!“
„Das sehe ich! Aber in solchen Mengen?“
„Ja…äh…die Ernte ist dieses Jahr überraschend gut ausgefallen…mümpfennämlich!“
(*mein geneigter twitter-Follower wird sich vielleicht erinnern, das meine Ernte im letzten Sommer tatsächlich recht gut war.)

„Das ist ja alles sehr erfreulich, Weitwinkel“, sprach nun Kerstin
„…aber wir sind hier, um von ihnen zu erfahren, wo Johanna abgeblieben ist, warum sie in Hongkong festgenommen wurde, und was sie mit diesem Gerät hier zu tun haben.“
Mit diesen Worten hielt sie ihm einen MagicWand, bzw. einen Nachbau davon unter die Hasennase.
„Ja äh…hm..diese Massagestäbe…darum gehts ja…“ Weitwinkel war sichtlich verwirrt. „Seitdem ich Frau deClerk in Hongkong befreit habe, und mit ihr in Vietnam war, überlege ich die ganze Zeit, wo ich sowas schonmal gesehen habe. Mümpf!“

„Wieso Vietnam? Und wieso haben sie so ein Ding schion mal gesehen?“ fragte Kerstin.
Ich konnte mir allerdings auch nicht vorstellen, das Weitwinkel sich heimlich mit Sexspielzeugen beschäftigte.
„hmmmm…“ Weitwinkel kratzte sich am Hinterkopf. Dann nahm er den MagicWand in die eine Pfote, und hob mit der anderen eine der auf dem Boden herum liegenden Zucchinis auf. Nun betrachtete er abwechselnd den MagicWand in der einen Pfote, dann die Zucchini in der anderen.
Dabei machte er nachdenklich brummende Geräusche.
Das dauerte ein paar Augenblicke, und Kerstin verlor die Geduld.
„Weitwinkel… wir haben nicht den ganzen Tag…“
„Laß ihn, Kerstin“ unterbrach ich sie. „Er macht eine Denkpause… das dauert bei ihm immer etwas.“
Kerstin rollte nur seufzend mit den Augen.

Nach einer Weile sah ich, wie sich Weitwinkels herabhängende Langohren mit einem mal aufrichteten, und er mit einem „ha!“ kurz in die Luft sprang.
„Jetzt hab ichs!“ reif er freudig aus. „jetzt weiß ich, wo und vor allem wann ich so ein Ding schonmal gesehen habe!“
„Na da sind wir ja mal gespannt!“ brummte Kerstin.
„Und? sagen Sie uns das auch, lieber Herr Weitwinkel?“ fragte ich.

Er lächelte über die ganze Breite seines Kaninchengesichtes.
„Ich habe solche Geräte schon mal gesehen. In Berlin. Im dritten Reich! Mümpfennämlich!“
„Was??? What the fuck???“ entfuhr es Kerstin.
Auch ich war einigermaßen konsterniert.
„Weitwinkel, ich weiß ja, das sie sehr alt sind…aber was bitteschön haben sie im dritten Reich gemacht? Mümpf Heil gerufen???“
„…oder Sieg Mümpf?…ahahahahaha“ ergänzte Kerstin – um danach sofort einen Lachflash zu bekommen.
„Was…äh…nein..mümpf! Nazis sind doof. Sehr sogar!“ er war sichtlich verwirrt, da er das Gefühl hatte, wir würden uns über ihn lustig machen (was ja auch etwas zutreffend war).
Daher legte ich meine Hand beruhigend auf seine Schulter.
„nu´ erzählen sie mal..!“
„Also…mümpf… Sie wissen ja, das ich so alt bin, und das das nur so ist, weil ich manchmal mehrere Jahrzehnte am Stück schlafe. Mümpf.“
„Ja, das ist mir bekannt.“
„So…und dann wache ich hin und wieder auf, und weiß nicht, wo ich gerade bin und in welcher Zeit ich gerade wach geworden bin. So war es auch damals. Ich bin durch einen lauten Knall wachgeworden. Sie wissen ja, das ich Angst vor lauten Geräuschen habe…“
„Auch das weiß ich..“
„Nun…ich höre also diesen Knall, und finde mich im Berlin im Jahre 1945 wieder. Um mich herum nur Ruinen, und überall wurde geschossen. Mümpf. Das war sehr schlimm.
Jedenfalls wollte ich diesen garstigen Ort verlassen. Also schnappte ich mir den nächstbesten Militärmantel, und einen Helm dazu, und bin auf der Suche nach einem Weg raus aus Berlinmitten durch die Straßenkämpfe zwischen Roter Armee und Wehrmacht und SS gehoppelt. Ich hatte richtige Todesangst. Mümpfennämlich!“
Seine Miene wurde weinerlich. Daher suchte ich ihn zu trösten.
„Aber sie haben es ja geschafft, lieber Weitwinkel.“
„ja… nämlich… weil ich dann per Zufall in einen Bunker gestolpert bin…“
„Doch nicht etwa in den Führerbunker unter der Reichskanzlei?“ fragte Kerstin sehr skeptisch.
„Nein…der war es nicht. Ich war in einem geheimen Waffenlaboratorium gelandet. Dort standen verschiedene Aparate herum. Unter anderem auch solche Geräte.
Ich erinnere mich jetzt genau: Die Aufschrift lautete „Reichsvibrator / Freudenführer für die deutsche Frau“.
Dabei hatte ich eigentlich nach etwas Eßbarem gesucht. Aber die Möhren und Bananen dort waren alle elektrisch und vibrierten. Mümpf.“

Kerstin hatte sich mitlerweile wieder eingekriegt, und fragte:
„Warum um alles in der Welt sollen die Nazis im Krieg Vibratoren entwickelt haben? Gibts irgendwas, was die nicht entwickelt haben?“
„Naja… vielleicht.. als Trost – wenn alle Männer an der Front sind..damit die Frauen daheim nicht so einsam sind…was weiß ich?!“ mutmaßte ich.
„Und wie sind sie dann aus Berlin herausgekommen?“ fragte ich ihn dann weiter.
„Nun… ich habe in der Nähe des Laboratoriums in einem Unterstand eine Luftwaffenpilotin gefunden, die eines der letzten Flugzeuge raus aus der umkämpften Stadt fliegen wollte. Da ich kein Geld hatte, habe ich so ein vibrierendes Gerät gegen einen Sitzplatz und etwas zu Essen eingetauscht. Dann sind wir im Tiefflug über Berlin und die norddeutsche Tiefebene nach Schleswig-Holstein geflogen.
Beim Abschied meinte die Pilotin, diese vibrierenden Geräte würden sie auf eine Geschäftsidee für nach dem Krieg bringen. Und dann bin ich wieder eingeschlafen, bis kurz vor ihrer Geburt, mein Chef! Mümpfennämlich!“
Ich seufzte.
Kerstin stand unbeweglich da. „Eine.deutsche.Luftwaffenpilotin?“ fragte sie nur konsterniert.
„Jawohl. Mümpf!“ betonte Weitwinkel.
Ich mußte mir unweigerlich die Hände vors Gesicht halten. Das war einfach zu abenteuerlich.
„Weitwinkel…sie erzählen mir gerade ernsthaft, das sie Beate Uhse getroffen haben, und ihr mit Hilfe geheimer deutscher Vibratorentwicklung die Idee vom ersten Erotikversand gesteckt haben??“
„So wird es wohl gewesen sein. Den Namen der Pilotin hab ich nie erfahren…“
Kerstin sah zu mir herüber und schüttelte nur den Kopf…:“ Ich stell mir grad vor, wie Wernher von Braun in Peenemünde anstatt Raketen riesige Dildos in den Himmel gejagt hat!“ – dann bekam sie wieder einen Lachflash.

Abermals seufzte ich.
„Weitwinkel…das ist eine sehr schöne Geschichte.das erklärtaber immer noch nicht, wo Johanna ist, und was da in Asien passiert ist….das ist der Grund warum wir hier sind!“
„Achso…ja..mümpf! Aaaalso…dann erzähle ich Ihnen das mal:…“

Und dann begann er, uns von seinem und Johannas Abenteuer in Hongkong und Vietnam in aller Ausführlichkeit zu berichten.

to be continued…
Letzter Teil -HIER

Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 5

Fortsetzung von Teil 4

Vorsichtig überquerten sie die Brücke. Johanna fuhr im Schrittempo über die knarrenden Holzbohlen, und Weitwinkel hielt sich seine langen Ohren mit den Pfoten vor die Augen, um nicht in die Tiefe schauen zu müssen.
Auf der anderen Seite der Brücke stand ein reichlich verrostetes Schild, auf dem mit Mühe noch die Aufschrift zu entziffern war:
„Welcome to the Jungle“.

„Weitwinkel…ich glaube hier sind wir am Arsch der Welt!“ brummte Johanna.
„Sagen Sie doch nicht immer so häßliche Worte…mümpf!“
„Oh holy crap…
This is the end, beautiful friend
This is the end, my only friend, the end
Of our elaborate plans, the end
Of everything that stands, the end
No safety or surprise, the end
I’ll never look into your eyes, again“
Erschrocken richtete sich Weitwinkel auf dem Sozius auf. „wwa..wwa..was? mümpf? Frau deClerk…Sie machen mir Angst… warum sagen sie sowas?“

Johanna war gedanklich ganz woanders gewesen, und kehrte wieder in die Gegenwart zurück.
„Keine Ahnung…mir war einfach danach… liegt vielleicht an der Gegend hier…ich will endlich ankommen.“
Seit sie die Brücke überquert hatten, hatte sich die Landschaft stark gewandelt: Sie fuhren nun am Seitenhang eines Dschungeltales – die „Bahntrasse“, dersie immer noch folgten, war nurmehr als grasbewachsener Trampelpfad zu erkennen.

Nach einiger Zeit begegneten sie einem Mann, der auf einem Baumstumpf saß.
„Weitwinkel…den Typ da fragen wir, wie weit es noch bis Dôm-Phắc-Sừb-Gãg-Bôl ist.“
Sie hielten an. Offenbar handelte es sich um einen US-amerikanischen Marineinfanteristen. Er saß auf seinem Baumstumpf und hustete unentwegt.
Weitwinkel, ganz Menschenfreund, trat an ihn heran, und hielt ihm eine Bonbondose hin: „Try an Eucalyptus.Now!“
Doch der US-Soldat sah Weitwinkel nur mit glasigen Augen an. „Ich muß ihn finden… Ich muß ihn finden!“
Weitwinkel war sichtlich irritiert: „Äh…wie meinen?…eigentlich suchen wir jemanden, der…“
„Ich muß ihn finden!“ – Der US-Soldat stand langsam von seinem Baumstumpf auf, und wandte sich zum gehen. Verwundert sah ihm Weitwinkel hinterher und wollte ihm nach.
Doch Johanna hielt ihn auf: „Lassen Sie ihn, Weitwinkel…das war Martin Sheen…der hat bestimmt vor seinem geistigen Auge die traurigen Sitcoms seines Sohnes gesehen, so breit wie der war…“
„Sucht der auch den alten Mann?“
„Nee…der sucht wen anders. Der sucht Kurtz…“
„Nie gehört…Körtz…hümpfenmümpf… jetzt haben wir uns gar nicht nach dem Weg erkundigt?!“
„Macht nichts, Weitwinkel…ich glaube diese Begegnung war ein Zeichen. Wir sind auf dem richtigen Weg!“
„Jetzt hat der arme Mann gar kein Eucalyptus.Now-Bonbon genommen…mümpf!“
Johanna seufzte nur, und sie fuhren weiter.

Die Sonne senkte sich schon langsam in Richtung Horizont, als sie nach einiger Zeit wieder anhielten, ob einer weiteren Begegnung:
Am Wegesrand war ein Wasserloch, offenbar eine Viehtränke. Und in diesem Wasserloch stand ein Mann, offenbar auch ein US-Soldat, der Karate-Übungen, genauer gesagt Roundhousekicks, gegen einen imaginären Gegner vollführte. Nur um dann für einige Sekunden ganz unter Wasser zu tauchen, und dann triefend naß wieder aus dem Wasser aufzutauchen, so das seine langen Haare, sein Stirnband und sein Bart genauso naß waren, wie der Rest von ihm auch.
„Frau deClerk… ich glaube hier sind alle Menschen etwas verrückt….mümpf“ hummelte Weitwinkel ängstlich.
„Das glaube ich allerdings auch… und das wir bald da sind.“
Sie hielten wieder an. Weitwinkel nahm seinen Mut zusammen, wartete, bis der Mann wieder aus dem Wasser aufgetaucht war, und fragte: „Huhu…hallo…darf ich fragen, was Sie da machen, werter Herr?“
Der angesprochene hielt kurz inne, und starrte Weitwinkel an. Er starrte ihn so lange an, bis Athanasius Weitwinkel, ganz ein hypnotisiert-paralysiertes Kaninchen, auf seine eigene Frage von selbst antwortete: „…Sie können Feuer machen. Mit einem Brennglas. Nachts. Und unter Wasser!“
Nun war es an Johanna, die erschrak. Sie rüttelte Weitwinkel am Kragen, auf das er wieder zu sich kam.
„Kommen Sie! Das letzte was ich jetzt brauchen kann, ist ein hypnotisiertes Kaninchen!“
Mit diesen Worten hiefte sie ihn wieder auf das Mototrrad, und startete wieder.
Weitwinkel war wirklich wieder zu sich gekommen, und fragte sichtlich verwirrt: „Wer war denn das nun schon wieder?“
„Das war Braddock, Weitwinkel, das war Braddock…“
„Hmpf…ich kannte mal einen General Edward Braddock…leider ist der anno 1755 am Monongahela-River für König und Vaterland gefallen…seufzenmümpf!“
„Verschonen Sie mich mit ihrer Lebensgeschichte…ich glaube, wir sind da. Sehen Sie: da ist das Dorf Dôm-Phắc-Sừb-Gãg-Bôl“
Sie hatte ein Hochplateau erreicht. Hier war kein Dschungel mehr, hier waren überall Plantagenfelder. Und in der Mitte dieser Felder bildeten ein paar Hütten das Dorf Dôm-Phắc-Sừb-Gãg-Bôl.
Und in der Mitte des Dorfes erhob sich ein Gebäude deutlich über die landestypischen Hütten: ein steinernes Haus europäischen Zuschnitts. Ein französisches Maison. Mit farbblätternden Fensterläden und schmiede-eisernen Gittern und Geländern.
In der untergehenden Abendsonne fuhren sie durch die Hütten auf dieses Haus zu.
Und als im Hintergrund (oh welch Ironie!) Jefferson Airplane „White Rabbit“ performte, der aufgewirbelte Staub sich dramatisch in die Strahlen der untergehenden Sonne mischte, fing Weitwinkel ein letztes mal an: „Oh sehen Sie, Frau deClerk…überall Plantagen! Kautschuk und Kaffee! Wußten Sie, daß die DDR als sozialistische Bruderhilfe den Kaffeeanbau in Vietnam erst…“
„Weitwinkel! Sie nerven mich!“

Sie waren bei dem französischen Maison angekommen. Auf der Veranda stand, in Breecheshosen, Lederstiefeln eindeutig ein Europäer.
Endlich hatten Sie ihn gefunden: den alten weisen Mann, mitten im ostasiatischen Dschungel. Pierre Carrelet-Turm.

…to be continued…

Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 4

Fortsetzung von Teil 3b

Sie folgten mit dem Motorrad der alten französischen Bahnlinie. Den Dunstkreis Saigons hinter sich gelassen, wurde die Gegend schnell ländlicher. Das Land des Mekong-Delta, früher Cochin-China genannt, ist relativ flach. In den Siedlungen nahe der Strecke standen kleine Bahnhofsgebäude, die ihren französischen Ursprung nicht verleugnen konnten.
Es waren kleine Nester wie Pleị-Sụb-Plũg oder Lễt-Sdự-Găng-Bậng, die Johanna und Weitwinkel eilig durchrasten, und mit dem Motorrad dürre Hühner und spielende Kinder von der Strecke scheuchten.

Gegen Mittag hatten sie, wie schon eingangs erwähnt, den Ort Phãc-Pệt-Pleị erreicht. In dem Ort hatte sich wohl ein Eisenbahndepot befunden – hier waren mehrere Rosthaufen abgestellt, die zu frührerer Zeit wohl Lokomotiven und Waggons gewesen sein mochten.
„Oh schauen Sie mal… ein Bahnbetriebswerk!“ rief Weitwinkel, in der leisen Hoffnung, Johanna für das ostasiatische Eisenbahnwesen vergangener Tage begeistern zu können.
Johanna ließ sich aber nicht zum anhalten bewegen.
Trocken konterte sie nur: „Sehen Sie mal da, Weitwinkel… da liegt ein amerikanischer Hubschrauber!“
„Ui…“
„Und noch einer…!“
Johanna gab nochmals kräftig Gas, und das Motorrad knatterte weiter die alte Bahnlinie entlang…immer weiter hinauf ins Hochland. Mööööm-möm-möm-möm-möööm-möööööm.
Der Ritt führte die beiden weiter über die verrosteten Schienen und zugewucherten Schwellen der Bahnlinie.
Vorbei an unzähligen Reisfelder, Wasserbüffeln die im Wasser den Eingeborenen als Zugtiere dienten.

Gegen Nachmittag wurde das Gelände gebirgiger. Sie hatten das Dorf Dữm-Dởm-Shlậò-Sứb erreicht. Johanna hielt es nun doch einmal geraten, anzuhalten, und die Karte zu konsultieren. Weitwinkel hatte wieder nur Augen für die Bahnanlagen: „Sehen sie mal dahinten! Da ist wieder ein französischer Bahnhof. Und eine amerikanische Baldwin-Lokomotive steht davor.“
„Das mag sein, Weitwinkel, das mag sein…“ murmelte Johanna. „laut Karte ist hier Endstation. Die französische Bahnlinie endet hier…“
Völlig aneinander vorbei sprach Weitwinkel unentwegt weiter: Ich interessiere mich für die Bahnhöfe weil ich seit diesem Jahr hochoffizieller Bahnhofsbeauftragter bin…“
„Jetzt reichts aber!“ fuhr Johanna ihn an: „Ihre Begeisterung für Dampflokomotiven in allen Ehren, aber mich interssieren im Moment nur meine MagicWands, der Kautschuk dafür, und wie wir zu dem alten Mann kommen!“
„Is ja schon gut…mümpf“ hummelte Athanasius Weitwinkel.
„Sehen Sie dahinten, am Ende des Dorfes? Da geht die Eisenbahnlinie weiter mit einer Brücke über dieses Tal hier – obwohl auf der Karte nichts verzeichnet ist.“
„Vielleicht haben die Japaner die Bahnstrecke im zweiten Weltkrieg verlängert…mümpf?“
„Sieht ganz danach aus. Die kleinen Bunker links und rechts sind eindeutig von den Japanern…. und anscheinend haben die Amerikaner hier im Vietnamkrieg auch kräftig zugeschlagen….“
Sie waren in langsamen Tempo durch das Dorf bis an die Eisenbahnbrücke gerollt. Ein verrostetes Panzerwrack von den Franzosen, zwei Hubschrauberwracks der Amerikaner und die Heckflosse einer abgeschossenen nordvietnamesischen MiG drappierten sich harmonisch links und rechts der Brücke in die Landschaft.

„Und noch ein japanischer Bunker…“ Johanna hielt das Motorrad an. „Auf der anderen Seite muß irgendwo der alte weise Mann leben…!“
Mit einem gewissen Zweifel besah sie sich die Konstruktion der Brücke: eine Hängebrücke, deren verrostete Stahltrossen noch furchteinflößender waren, als die Lücken des Bodenbelags. Stellenweise konnte man durch die Bahnschwellen in die Tiefe schauen – hinab in einen reißenden Fluß.
Weitwinkel war abgestiegen, und besah sich die Brücke näher.
„Ich glaube auch, daß das eine japanische Brücke ist…mümpf…“ – er war an den ersten Stahlträger getreten, der die Stahlseile hielt, an dem die eigentliche Brücke hing.
Mit seiner rechten Pfote strich er ein verrostetes Herstellerschild am Stahlträger frei:
Auf dem Etikett versuchte er etwas zu entziffern. „Moment…hier steht…: „Shibari Ltd., Nagasaki 1942″“
Johanna hob skeptisch ihre gepiercte Augenbraue. „Na Dann hoffen wir mal, daß die Seile gut verknotet sind…“

…to be continued…
https://senior525.wordpress.com/2017/10/15/rubber-rabbits-and-the-magicwand-teil-5/

Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 3b

Fortsetzung von Teil 3a

Bac-Son-Valley-Vietnam-980x653

Südostasiatische Landschaft. Ein breites Tal zwischen hoch aufragenden Felsen. In der Talsohle ein Reisfeld neben dem anderen. Wasserbüffel. Kleine asiatische Menschen mit großen runden Spitzhüten bei landwirtschaftlicher Tätigkeit. Im Hintergrund dudelt eine Asia-Imbiß-Dauerbeschallungsmusik.
Inmitten des Tales in den Reisfeldern liegt ein kleines Dorf aus Bambushütten, es trägt den schönen vietnamesischen Namen Phãc-Pệt-Pleị.

Das Bild kennen wir alle. Und wir alle erwarten jeden Moment, das mindestens drei amerikanische Hubschrauber durchs Bild donnern.
Is.aba.nich!

Über den schmalen Weg zwischen den Reisfeldern, einer stillgelegten französischen Bahntrasse, rast eine kaukasische lesbische Frau mit kurzen pinken Haaren auf einem Motorrad. Auf dem Sozius klammert sich ein humanoides Kaninchen fest, und fürchtet um sein Leben.
Der Motor knattert. Mööööööm-möm-möm-möm-mööööm-möm-möm-möööööööm….

Rückblende: Johanna hatte mit Weitwinkels Hilfe nun 3000 Elektromotoren für die anlaufende Produktion von MagicWands retten können, aber das nötige Gummi fehlte ihr noch.
Auf der Flucht vor den chinesischen Behörden hatte Weitwinkel in seinem „schlauen Buch“ nachgeschlagen, um herauszufinden, wer ihnen denn nun helfen könne.
Die Lösung bestand in einem „alten weisen Mann irgendwo in den Bergen Süd-Ost-Asiens, der auf alles eine Antwort wüßte“.
Nun mußten die beiden diesen Mann aber erst einmal finden.
Der „Khedive“ hatte nach anderthalb Tagen Fahrt unbeschadet und unentdeckt das Mekong-Delta erreicht, und Weitwinkel und Johanna hatten sich mit der Barkasse bis kurz vor Saigon bringen lassen.
Zuvor hatte Weitwinkel noch einen Funkspruch an die in der fernen Heimat weilende Außenministerin Kerstin Maier abgesetzt: „Oberlesbe ZA aus Haft befreit. Stop. Haben Elektromotoren für Damenmassagestäbe und Modelleisenbahnen. Stop. Suchen jetzt den alten weisen Mann in den Bergen. Stop. gez Weitwinkel, Reichskassenwart mümpfenstop.“

(Da Kerstin mir das Telegramm an dem gleichen Tag noch unter die Nase hielt, weiß ich aus eigener Anschauung, daß sie diese Nachricht einerseits mit einem „gottseidank“ und ansonsten mit einem „What.-The.-Fuck.!!“ quittierte. Ich war in jenen Tagen aber mit weißgott anderen Sachen beschäftigt, um mich näher damit auseinander zu setzen.)

Johanna und Weitwinkel tappten also durch Saigon, auf der Suche nach einem geeigneten Fortbewegungsmittel.
„Sagen Sie mal, Frau deClerk, wenn Sie doch Damenhygiene-Massagegeräte herstellen wollen…hätten Sie da auch Verwendung für duftende Öle?“ fragt Weitwinkel, während sie sich durch den Wust an Rikschas, Motorrollern, Garküchen und Kleintransportern quälten.
„Natürlich…. es muß ja auch flutschen…!“
„Flutsch…was?“
„Orrr….Weitwinkel, Sie haben wirklich keine Ahnung, was?“
„Ähh…wahrscheinlich nicht, nein. Ich dachte an pflegende Öle… wohlriechend…ich denke Frauen mögen so etwas? Mümpf!“
„Ja, das stimmt. Können Sie sowas organisieren?“
„Aber sicher. ich habe vor einiger Zeit eine Insel im Mittelmeer… nunja…sagen wir, „befreit“, und dort eine Produktion für Lazitröl ins Leben gerufen.“
[„wir berichteten“ Anm.d. Red.]
„Lazi-was?“
„Lazitröl. Latschenkiefer-Zitrus-Öl. Ich habe auf der Insel sogar einen Gouverneur eingesetzt, der dort übert alles wacht.“
„Einen Gouverneur?“
„Ja… den ehr und flauschwürdigen Aljoscha von Wietzethal…der Berner Sennenhund von Frau Chamäleon!“
Johanna blieb konsterniert stehen. „Sie haben WAS zu WEM gemacht? Einen Hund? Als Gouverneur einer Insel? Ich dachte, als sie mir letztes Jahr in der Wüste von ihrem komischen Weinfest erzählt haben, da hätte ich schon alles gehört…aber einen Hund? Ernsthaft?“
„Was denn? mümpf…“ hummelte Weitwinkel etwas deprimiert „Darf ich Sie dran erinnern, daß ich ein humanoides Kaninchen bin und die Besatzung des „Khedive“ aus Hasen, Igeln, Bibern und einem Capybara besteht?!“
Johanna schüttelte nur resignierend den Kopf. „Schon gut Weitwinkel, schon gut… Sie sagen, sie haben Öl. Gut. Ich nehm ihr komisches Öl. Dann können die Mädels in Martins #NTL gleich das ganze komplette Set kaufen. Den MagicWand samt Pflegeöl.“
„Hmpf… gut..ich hätte aber noch eine kleine Bedingung! Mümpfennämlich!“
„Und die wäre?“ fragte Johanna skeptisch – gesppannt was nun noch kommen würde.
„Nun, wenn wir tatsächlich Kautschuk auftreiben, dann hätte ich bitte einen Anteil davon!“
„Wofür das denn? Sie haben doch schon 10% von meinen Elektromotoren? Wofür brauchen Sie bitte denn Kautschuk?“
„Nun… Unser lieber Chef beschäftigt sich ja nicht nur mit irgendwelchen Erotica zur nachtschlafenen Zeit… Die Tischbanden eines Snookertisches sind doch auch aus Kautschuk. Dann haben die Snookerfreunde auf twitter auch etwas davon. Und außerdem: Man kann damit Schnuller für kleine Kinder herstellen. Das ist doch ein ehrwür….“
Johanna unterbrach Weitwinkel mit einer ruckhaften Handbewegung.
„Äh???“ zuckte Weitwinkel erschrocken, als ihn Johanna dicht an eine Hauswand preßte.
„Nicht bewegen, Weitwinkel.“
„Aber…“
„Pssst! Seit fünf Minuten verfolgen uns zwei komische Schlitzaugen auf Schritt und Tritt!“
„Aber…aber…wir sind mitten in Saigon, hier sind alle Menschen Asiaten. Mümpf!“
„Mag sein… aber die beiden sind entweder Polizisten in Zivil oder vom chinesischen Geheimdienst.“
„Wir sind doch in Vietnam…woher wollen Sie denn…äh wissen…“
„Die haben alle den gleichen bescheuerten Haarschnitt!“ zischte Johanna. „kommen Sie!“ mit diesen Worten packte sie Weitwinkel am Kragen, und zog ihn um die nächste Hausecke.

Und dann ging sie los, die wilde Jagd: Johanna blickte sich suchend um. Mitten im Gewühl der südostasiatischen Metropole. Überall laut knarrende Motorroller, Motorrikschas und kleine überladene Daihatsu-Transporter. Da kam ein friedfertiger Vietnamese auf einem etwas größeren Motorrad daher. Johanna zögerte nicht lange, und mit einem Chuck-Norris-würdigen Karate-Kick trat sie den armen Mann während der Fahrt vom Sitz seines Kraftrades. (übrigens eine Raubkopie eines Lizenznachbaus eines Plagiats einer ostdeutschen MZ).
Das Motorrad und Fahrer flogen auf die Straße, aber noch ehe der abgeworfene Fahrer sich mit seinen Blessuren vom Boden erhoben hatte, saß sie schon auf dem Vehikel.
Weitwinkel stand verwirrt daneben. „Aber…aber..sie können doch nicht…“
„Kommen sie, man!“ schrie sie. „Wir müssen hier weg!“
„Aber der arme Mann…!“
In der Zwischenzeit hatte sich der Vietnamese mit blutiger Nase erhoben, und bedrängte Johanna, ihm sein Motorrad wieder zu geben. Kurzerhand packte sie ihn sich, verpaßte ihm erst eine Kopfnuß und noch einen Schlag – zwei oder drei Zähne flogen durch die Gegend – und dann drehte sie sich wieder um:“ Weitwinkel! Nun machen sie schon!“
Mitlerweile waren die vermeintlichen chinesischen Agenten und uniformierte Polizisten trillerpfeifend herbeigetrabt, und eine Menschentraube hatte sich um die Szenerie gebildet.
Weitwinkel hielt es nun doch für geraten, aufzusitzen, und sprang mit einem ängstlich-aufgeregten „Mümpf!“ auf den Sozius. Darauf hatte Johanna nur gewartet, und gab Gas – so stark, daß sich das Vorderrad vom Boden hob, und sie nur auf dem Hinterrad durch die Menschenmenge bretterten.

Johanna ist eine begeisterte und begnadete Motorradfahrerin. Sie raste durch das durch das chaotische Verkehrsgewirr Saigons, und der arme Weitwinkel hielt sich fest so gut er konnte.
Nach einer Stunde hatten sie wohl sämtliche Verfolger abgeschüttelt, und hielten an einer großen Ausfallstraße an. Daihatsu und Toyota-Transporter rasten an ihnen vorbei, aber auch rumpelnde Ochsenkarren zogen gemächlich die stadtein -und auswärts.

„Wo müssen wir hin?“ fragte Weitwinkel sich umblickend, in steter Sorge, chinesische Geheimdienstagenten könntem jeden Moment hinter ihm stehen.
Johanna hatte sich in die Karte vergraben.
„Hier…ich habs…Das Kaff heißt Dôm-Phắc-Sừb-Gãg-Bôl…da müssen wir hin…!“
Weitwinkel steckte nun auch seine Stupsnase in die Karte: „…oh..da führt ja eine Eisenbahnlinie hin! Wir können den Zug nehmen!“
Genervt ließ Johanna die Karte sinken.
„Weitwinkel..“ seufzte sie, „…diese Karte ist 70 Jahre alt! Sehen Sie hier: Alles, was nicht auf vietnamesisch ist, ist auf französisch… Es würde mich nicht wundern, wenn diese Eisenbahnlinie seit dem Indochinakrieg nicht mehr benutzt wird. Ich glaub, die letzten, die hier mit nem Zug gefahren sind, waren die Japsen im 2. Weltkrieg!“
„Oh…wie traurig…. mümpf..“
„Was denn?“
„Stillgelegte Eisenbahnstrecken machen mich traurig…mümpfenseufz!“
Johanna verdrehte die Augen „Orrr…Weitwinkel! Wenn es sie tröstet: Wenn wir der Bahnlinie folgen, dann sind es nur 147 km bis zu unserem Ziel. Vorausgesetzt, wir finden die Bahnlinie, und dann dort auch den alten Mann.“
„Und der kann uns vielleicht mit Kautschuk aushelfen…mümpf!“ Weitwinkels Miene hellte sich wieder etwas auf. „Dann können wir auch Schnuller für Kleinkinder und Snookertischbanden herstellen…juhumümpf!“
Sichtlich entnervt faltete Johanna die Karte wieder zusammen: „Whatever, Weitwinkel..whatever…!“

…to be continued…

TEIL 4

Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 3a

Fortsetzung von Teil 2

Irgendwo im südchinesischen Meer: Der „Khedive“, ein wahrer Leviathan der Meere, rauscht mit Höchstgeschwindigkeit Richtung Süden, um möglichst schnell großen Abstand zum chinesischen Festland zu bekommen.
Was ehemals ein Sternenkreuzer des Imperiums war, pflügt nun angetrieben durch 2 MAN Schiffsdiesel durch die Wogen.

Auf der Brücke standen Weitwinkel und Johanna bei einer Tasse Kaffe zusammen.
Weiterhin stand ein Capybara (Wasserschwein) in Marineuniform. Der erste Wachoffizier namens José-Antonio. Am Ruder: Günther der Hase. Ebenfalls in Marineuniform.
José-Antonio betrachtete durch sein Fernglas den weiten Ozean.
Johanna nahm Weitwinkel etwas beiseite:
„Ich glaube, ich sollte mich nun endlich mal bei Ihnen bedanken, daß sie mich da heraus geholt haben, Weitwinkel.“
„Keine Ursache. Gern geschehen.“
„Ich habe da allerdings noch ein kleines Problem…“
„Und das wäre?“
„Nun…wissen Sie…diese MagicWands.“
„…Die Damenmassagestäbe?“
„Genau… Wir haben keinen Lieferanten für Kautschuk. Sie haben doch die Abbildung gesehen. Oben der Knubbel. Der ist ist aus Gummi. Der Hautverträglichkeit halber aus Naturkautschuk. Den Lieferant, den Sally damals an Land gezogen hatte, ist abgesprungen. Wir haben jetzt zwar die Elektromotoren…aber uns fehlt das Gummi.“
Johanna hatte nochmal den Flyer aus der Tasche gezogen, auf dem der MagicWand abgebildet war.
Weitwinkel besah sich das Bild nochmals… „hümpfenmümpf…ich werde den Verdacht nicht los, das ich so etwas schon mal gesehen habe… ich frage mich nur wo…und wann…“ er kratzte sich am Hinterkopf.
„Sie brauchen Kautschuk, sagen Sie?“
„Ja… am besten einen exklusiven Hersteller.“ antwortete Johanna.
„Hmmm…da bin ich auch überfragt…mümpf…aber ich werde mal in mein schlaues Buch schauen, da steht…“
Weitwinkel wurde von José-Antonio, dem Capybara und Wachoffizier unterbrochen: „Ayayay…Senor Weitwinkel…los Chinos…nos están atacando!“ er deutete zum Horizont, wo sich zwei chinesische Düsenjäger mit großer Geschwindigkeit tief über dem Wasser schnell näherten.

„What the fuck..?!“ entfuhr es Johanna „Ist der Polizeipräfekt von Hongkong etwa sauer auf Sie, weil sie mich aus dem Knast geholt haben?“
„Nunja… mümpf…ich glaube eher, er ist sauer, weil ich ihn als rotchinesischen Agenten enttarnt habe… und außerdem ein Tarnkappenschiff direkt inn der Bucht von Hongkong..das kann die Volkrepublik ja schlecht auf sich sitzen lassen!“
„Weitwinkel – schalten sie die Tarnvorrichtung ein! Ich werd mir meine 3000 MagicWand Motoren nicht unterm Arsch wegbomben lassen!“
„Aber dann verlieren wir Motorenleistung! Mümpf!“
„Denken Sie an den Chef und seine #NTL! Und meinetwegen an ihre Modelleisenbahnen! Wir brauchen diese Motoren von Hitachi!“
„Gesundheit!“
Johanna überhörte das geflissentlich, und meinte nur: „Ich meld mich ab zu den Dieseln, mal sehen, ob ich ihren Maschinisten helfen kann!“

Weitwinkel schaltete also mit José-Antonio die Tarnvorrichtung ein, und die beiden chinesischen Düsenjäger verloren mit einem Schlag ihr Ziel vom Radar.
Um es kurz zu machen: Nach einer halben Stunde erfolglosen suchens kehrten die beiden Flieger wieder um in Richtung Festland.
Während Johanna im Maschinenraum aus den Dieseln noch mehr Leistung zu saugen suchte, hatte Weitwinkel Muße gefunden, in seinem „schlauen Buch“ nachzuschlagen.
So stand er dann etwas später im Maschinenraum, und versuchte gegen den Lärm der MAN-Schiffsdiesel anfuchtelnd, Johanna auf das Ergebnis seiner Recherche aufmerksam zu machen.
Als sie ihm gewahr wurde, streifte sie die Ohrschützer ab, und sie gingen vor die Tür.
„Haben sie Kautschuk gefunden?“
„Ähm…das nicht, nein. Aber vielleicht jemanden, der uns helfen kann!“
Johanna guckte skeptisch. „So…und wer soll das sein?“
„Das weiß ich auch nicht genau, aber in meinem schlauen Buch steht, das es in Süd-Ost-Asien einen alten, weisen Mann gibt, der auf alles eine Antwort hat.
Hier sehen, sie…es war sogar eine Karte dabei…“
Johanna, noch immer zweifelnd, blickte auf die Karte. „Das ist Vietnam… wir fahren also nach Ho-Chi-Minh-Stadt?!“
„Saigon, so ist es…mümpf!“
Wieder auf der Brücke, gab er dem Steuermann, dem Hasen namens Günther, den Befehl: „Neuer Kurs Süd-Süd-West, Zielhafen: Saigon!“
Und Günther bestätigte lispelnd und sehr leise: „Neuer Kurf, Füd-Füd-Weft, Pfielhafen Faigon, wie ef euf gefällt, euer Gnaden! Mümpf!“ – und drehte das Steuerrad auf den neuen Kurs ein.

…to be continued..

Teil 3b