Das 104. Kamel – Bäder Lesben und Delphine Teil 9

Es folgte ein stundenlanges, monotones reiten durch die Wüste. Immer dem Wadi al-Bakr folgend. Nur Sand, Sonne, Himmel und Kamele. Ich erinnerte mich an eine Dokumenation über die „Karawane der Matrosen“ – ein Leutnant von Mücke hatte unfreiwillig mit einer Gruppe von Matrosen der SMS „Emden“ im ersten Weltkrieg eine abenteuerliche Reise durch die arabische Wüste gemacht. Die vor mir reitenden Langohren der snöffischen Marine-Infanterie trugen ja immerhin die gleichen Mützen – aber dennoch war das hier etwas ganz, ganz anderes.
Es war wirklich Monotonie, Monotonie, Monotonie… ab und zu etwas Wasser aus Feldflasche und stets das gleichmäßige schwanken des Kamels. (Natürlich handelte es sich um einhöckrige Dromedare und nicht um zweihöckrige Trampeltiere – aber das setze ich mal als bekannt voraus.)
Und das allerschlimmste: Stings „Desert Rose“ als Ohrwurm. Furchtbar. Ich versuchte, um mich abzulenken, andere Melodien zu summen. „Hoch auf dem gelben Wagen“- nichts. „Die Wacht am Rhein“ – nichts. „Preis dem Todesüberwinder –nichts. „Dat Hätz vun dr Welt dat is Kölle / dat Hätz vun dr Welt schleit am Rhing / is och dr Himmel öfters jrau / und et Sönnche schingk jet mau / doch die Kölsche hann im Hätze Sonnesching“ –nichts.

Ich kam immer wieder auf Sting zurück. Grauenhaft. Kerstin, die die ganze Zeit schweigend neben mir geritten war, meinte nur auf einmal:
„Was machst du denn dauernd für komische Geräusche?“
„Ich versuche auf ein anderes Lied zu kommen –hab nen Ohrwurm.“
„Auch Sting Deserts Rose?“ fragte sie mit einem Ton der heiteren Resignation.
„Ja. Aber es bringt nichts. Ich reite mal nach vorne- mal gucken was Johanna und Weitwinkel so summen.“

Ich trieb mein Kamel zum Galopp an, und ritt die lange Reihe der Marine-Infanterie-Hasen entlang, sodann der Kampflesben. Jedes dritte Kamel in der Karawane fing an zu blöken, als ich mit meinem Reittier vorüber eilte.
Irgendwo in der Mitte der Karawane nahm ich etwas Tempo raus – hier ritten zwei junge Damen auf einem Kamel. Davor ritt unsere Sani-Dani aber alleine.
„Nanu… sollten sie nicht zu zweit reiten?“
Unsere Sanitäterin salutierte kurz, nahm so gut es eben ging im schwankenden Kamelsattel Haltung an und meldete „Sanitätsgefreite Daniela Kunstler meldet sich zu Stelle!… und äh ja… wir haben gewechselt. Mein Sanitätskoffer und das Funkgerät von meiner Kameradin waren dann doch was zu viel.“
„Na jut…mir solls recht sein… Sind Sie Medizinerin, oder nur Sanitäterin, wenn ich fragen darf?“
Die junge Frau war mir von Anfang an sympathisch. Sie hatte so etwas freches in den Augen. Offenbar hatte sie das auch bemerkt, denn sie zwinkerte leicht mit den Augen, als sie mir antwortete:
„Ich habe über die ZA-Stiftung angefangen, Medizin zu studieren. Bin im dritten Semester. Aber jetzt sind Semesterferien, und dann hat Johanna..äh…ich meine Frau deClerk…mich für diese Mission ausgewählt.“
„Soso… Frau deClerk hat sie ausgewählt.“
„Also nicht so, wie Sie vielleicht denken, mein Chef.“ setzte sie etwas hektisch hinterher „ich bin nicht wirklich lesbisch..nur etwas bi.“ Und wieder hatte sie ein Zwinkern in den Augen.
„Aaahjaa…interessant.“ …ich ließ meinen Blick über ihre Beine streifen – sie hatte die Steifel an den Sattel angebunden, und die Beine nackt vor sich auf dem Kamelsattel verkreuzt. Das waren wirklich sehr, sehr hübsche Beine. Und sehr, sehr hübsche Füße mit schickem dunkelblau glitzerndem Nagellack. Wäre das ein Bild auf twitter gewesen, hätte ich ein „rrrr“ (from hell) drunter gesetzt.
Ein blökendes Kamel irgendwo hinte uns riß mich aus meinen Gedanken.
„Passen Sie auf, daß sie sich keinen Sonnenbrand holen, Fräulein!“ sprach ich noch, und trieb mein Kamel wieder an.
„Keine Sorge mein Chef, ich hab genug Sonnencreme mit!“ lachte sie als Antwort.
So hatte ich denn unsere Sanitäterin auch etwas näher kennengelernt – man kann ja nie wissen.

Ich ritt weiter die Karawane entlang nach vorne zu Athanasius Weitwinkel und Johanna.
Wie ich schon hören könnte, unterhielten sie sich angeregt. Gerade schien mein Reichskassenwart wohl über seine Zeitplanung nach unserer Expedition zu sprechen:
„…wenn wir wieder zu Hause sind, möchte ich beim diesjährigen snöffischen Weinfest als Zeremonienmeister bewerben.“
(Da ich mit den rituellen Handlungen des snöffischen House of Lords vertraut bin (bin schließlich de jure auch der offzielle Schirmherr), hielt ich mich etwas hinter den beiden, um aus aus den Augenwinkeln Johannas Reaktion mitverfolgen zu können xD )
„Klingt nach einer Menge Spaß!“ antwortete Johanna unbefangen.
„Naja… es ist eher eine ehrenvolle Aufgabe, für die jedes Jahr im House of Lords der Zeremonienmeister neu gewählt wird. Letztes Jahr konnte ich leider nicht kandidieren, ich war nicht traurig genug.
Stattdessen wurde Lord Hetschhogk gewählt, ihm gehört die Grafschaft neben meinem Heimatlandkreis. Er stammt aus einer sehr alten Igelfamilie.“
„Soso… aber wenn sie zu traurig waren, dann müssen Sie nur genug dabei trinken, dann werden sie schon lustig, oder nicht?“
„Wir Conzelebranten haben tatsächlich jeder ein rituelles Glas Wasser und eine rituelle Tasse Kakao, die wir aber erste am Ende des Zeremonie trinken dürfen.“
„Kakao? Trinken Sie keinen Wein?“
„Wein? Wie um Himmels Willen kommen Sie denn da drauf? In Wein ist doch Alkohol…äh… sowas trinken wir in Snöfland eigentlich garnicht – und im House of Lords während des Weinfestes ganz bestimmt nicht!“
„Aber…aber…es ist doch ein Weinfest?!“ – Johanna hatte einen sichtlich verwirrten Gesichtsausdruck.
„Ja. Wir weinen. Als Symbol für unsere Trauer und unsere vergossenen Tränen stoßen wir das Glas Wasser um, und weinen dann, weil es leer ist.“
„What the f…olklore?!“ Johannes Gesicht hatte einen Ausdruck von Fassungslosigkeit.
„Nun, wir beweinen Dinge, die sonst keiner beweint. Dinge die traurig sind, sie aber nie jemand mitbekommt. Dazu werden pars pro toto einzelne traurige Begebenheiten vorgelesen oder erzählt. Zuvor wird aber eine wichtige Handlung vom Zeremonienmeister vollführt: Es wird ein Süßigkeitsautomat aufgestellt, dessen Fächer nicht alle befüllt sind. Sodann wirft der Zeremonienmeister eine Münze in den Automat, und wählt ein leeres Fach, dessen Spirale sich einmal dreht, aber logischerweise nichts auswirft.“
„Aber warum denn bloß?“
„Zum einen hat dann der Zeremonienmeister einen Grund, um traurig zu sein – als ob er nicht so schon welche hätte, aber dieser Grund ist rituell vorgeschrieben – und zum anderen: Es beseitigt die Traurigkeit des Süßigkeitenfaches, nichts der Welt geben zu können. Es soll sich nicht nicht allein und ungenutzt fühlen, nur weil es zufälligerweise leer ist. Und in Vertretung aller leeren Süßigkeitenfächer, ja sogar aller ungenutzten Dinge auf der Welt, die gar nichts für ihren Zustand können, wird diesem dann die Freude zuteil, beachtet und genutzt zu werden. Wir weinen aber auch über ein Kind, dessen Sankt-Martins-Laterne kaputt gegangen ist.“
„Was denn für ein Kind?“
„Kein spezielles – wir nehmen einfach den Fall an, das es irgendwo ein Kind gibt, auf das dieser Zustand zutrifft. Und dann weinen wir, weil ja das Kind auch weinen wird. Die Gründe können aber ganz unterschiedlich sein. Vom Tode eines geliebten Menschen bishin zu Hinweisschildern, die niemand liest, weil sie an versteckten Stellen angebracht sind, betrauern und beweinen wir alles.“
„Und wie lange weinen sie dann?
„Solange bis die Musik das Signal der Besinnung anstimmt.“
„Das Signal der Bestimmung?“
„Ja. Ein großes Heulsusaphon spielt eine traurige Melodie – dann versinken wir alle mit einem „Hmmmmm“-Geräusch in Nachdenklichkeit. Bis dann der erste – das kann dann jeder aus der Runde sein – das Wort ergreift, und dazu aufruft, das wir keine Traurigkeit auf der Welt zulassen wollen. Der Zeremonienmeister wiederholt dann den Aufruf, und leitet dann das Gebet zum lieben Gott, das er alle Snöffländer beschützt, behütet und ihnen die Kraft verleit, Traurigkeit auf der Welt zu verhindern oder zu bekämpfen. Dann leisten wir alle noch unseren Treueschwur auf unseren lieben Chef, und dann trinken wir unseren Kakao.
Und was machen Sie, wenn wir wieder zu Hause sind, liebe Frau deClerk?“
Johanna hatte ihr Kamel angehalten, und starrte konsterniert auf Weiwinkel, der weiter ritt.
„Ich möchte mit meiner Ducati ein paar Runden über die Nordschleife brettern…“ sprach sie immer leiser werdend; kaum anzunehmen, das Weitwinkel sie gehört hatte.
Dann warf sie den Kopf ruckartig zu mir hinüber und sagte: „Martin, wir müssen reden!“

Ich mußte unweigerlich lachen.
„Was gibt’s denn, Frau deClerk?“
„Der Weitwinkel mach mich noch wahnsinnig. Seit der in Ägypten mit seinen Karnickeln aufgetaucht ist, hält der mir Vorträge über snöffische Kultur. Das er an einem neuen Eisenbahngesetz und einer Neuordnung der Kirchensteuer arbeitet, hat er mir schon dreimal erzählt – und nun dieses Weinfest. Ich meine: what the fuck?!?“
Ich seufzte erheitert „Ach Johanna… Du kennst ihn doch mitlerweile. Jeder von uns hat seine Schrulligkeiten. Wo ihr grad beim Thema seid: Wenn das hier vorbei ist, möchte ich gern wieder mal nach Bonn in die Uni. Mir fehlt die dröge Monotonie einer Geschichtsvorlesung…“
Ich wollte noch weiter sprechen, aber Weitwinkel, der uns nun voraus geritten war, hatte angehalten und die rechte Faust erhoben: Signal zum anhalten. Schnell waren Johanna und ich bei ihm.
„Was gibt’s, Weitwinkel?“ fragte ich ihn
„Da, mein Chef – eine Spur im Wüstensand!“ er deutete auf den Boden.
Und tatsächlich – vor uns zog sich eine einsame Kamelspur von links hinten nach rechts vorne durch den Wüstensand.
Mit einem „Reeeh“ ließen Weitwinkel, Johanna und ich unsere Kamele niederknien, um uns die Spur näher anzusehen.
Meinem Empfinden nach war dies eine gewöhnliche Kamelspur, die sich nicht sonderlich von denen der unsrigen Kamele unterschied.
Nach einer Weile kam auch Kerstin angeritten, die mit einem Satz vom Sattel sprang, sobald ihr Reittier am Boden war.
„Was gibt’s?“ fragte sie.
„Weitwinkel hat ne Kamelspur gefunden.“
Kerstin kniete sich an die Spur und betrachtete sie ganz genau.
„Das ist kein wildes Kamel gewesen. Das ist ein Reitkamel. Und zwar eines, das es eilig hat.“
„Machst du jetzt einen auf Kerstin ben Nemsi, oder was?“ wunderte ich mich.
„Martin. Guck doch mal: Der Abstand zwischen den Abdrücken ist groß – größer als bei einem Kamel das im normalen Paßgang geht. Das war ein Reitkamel im Eiltempo.“
„Und was heißt uns das jetzt? Kannst du uns auch verraten, woher und wohin und wann?“
„Woher und wohin kann ich dir nicht sagen – aber bei der Zeit…nun…“ sie blickte sich die Fußabdrücke noch einmal genau an „da würde ich sagen 1-2 Stunden. Nicht älter.“
„Sollen wir der Spur folgen?“ fragte Weitwinkel.
„Ausgeschlossen, Leute! Warf Johanna ein. „Wir haben noch ne gute Strecke vor uns heute. Um einer Spur zu folgen, haben wir keine Zeit!“
„Dann bleibt uns nur, erhöhte Wachsamkeit walten zu lassen – also Johanna, Weitwinkel: an eure Leute: Augen offen halten, und melden, wenn was merkwürdiges beobachtet wird!“ kommandierte Kerstin.
Während die drei sich wieder auf ihre Kamele schwangen, blieb ich noch etwas an der Spur stehen. Irgendwas gefiel mir nicht. Abgesehen von der ganzen absurden Situation an sich – nun auch noch eine „geheimnisvolle“ Spur, die hier so unvermittelt unseren Weg kreuzte…hm…es stellte sich ein gewisses Gefühl von Mulmigkeit ein.
Als ich dann auch wieder aufgesessen war, und die Karawane an mir vorüberziehen ließ, und dabei jeder einzelnen jungen Frau und jedem einzelnen Marine-Infanterie-Hasen in die Augen blickte, wurde dieses Gefühl nicht besser. Wir ritten weiter einer ungewissen Zukunft entegegen…

…to be continued…

WEITERLESEN:  https://senior525.wordpress.com/2016/11/05/das-104-kamel-baeder-lesben-und-delphine-teil-10/

3 Gedanken zu “Das 104. Kamel – Bäder Lesben und Delphine Teil 9

  1. Pingback: Das 104. Kamel – Bäder Lesben und Delphine Teil 8 | senior525's Blog

  2. Das Weinfest! Ich krieg mich nicht mehr 😀 Auf solche Ideen muss man erst einmal kommen.
    Wieder ein sehr geniales Kapitel!

    PS: Gegen Sting empfehe ich orientalischen Metal.

  3. Pingback: Rubber, Rabbits and the MagicWand – Teil 3b | senior525's Blog

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