Wie es zu „Straights & Rows“ kam…

Eigentlich hat alles mit meiner Begeisterung für den Radsport begonnen. Vor fast 10 Jahren habe ich, in Ermangelung einer ARD-Übertragung, diverse Radrennen auf Eurosport verfolgen müssen. Hin und wieder kam es dann vor, das im Anschluß Snooker übertragen wurde. Ich dachte erst: oh, Billard. Maaaan ist das langweilig. Da es sich aber nicht um Billard handelte, sondern um eine sehr britisch geprägte Abart davon, nahm ich die Herausforderung an, und hab eines Tages mutwillig eine langweilige Sportart verfolgt, mit dem festen Ziel: Du guckst das jetzt solange, bis es nicht mehr langweilig ist. Das hieß auch, sich auf das Experiment Rolf Kalb einzulassen. Denn jede Sportart hat ihren Kult-Fernsehkommentator. Snooker auch. Und wer der kompetenten, aber gleichwohl sedierenden Berichterstattung dieses Mannes standhält, der kann sich dann auch irgendwann für Snooker begeistern. So ist es auch mir ergangen.
Wieder ein paar Jahre später hatte ich nun twitter für mich entdeckt – und aus lauter Langeweile (wieder einmal…) begann ich dann auch diversen Snooker-affinen Accounts zu folgen, @PseudoRolf und @roughmeasures zum Beispiel. Man twittert über snooker, und mein twitter alter-ego @Herb_Watterott (eigentlich für Radsport gedacht, damit @Limbo1 und @Ariakan79 nicht so sehr unter meinen Radsport-tweets leiden mußten) vertreibt sich hin und wieder auch die Zeit mit Snooker-tweets.

Nun ist es so, das man auf twitter auch Accounts empfohlen bekommt, denen man aufgrund gemeinsamer Interessen doch folge solle…
…da nahm das Unglück in diesem Frühjahr/Sommer seinen Lauf. Ich klicke mich durch die Riege englisch-sprachiger Snooker-Profis und bleibe bei einer Schwägerin eines drittklassigen Spielers hängen. Sie ist Aktmodel. (Geil, Titten!) Auf „folgen“ gedrückt, und gut is.
Nun hatte die betreffende Dame, den Namen hab ich schon wieder vergessen, und den Account auch schon wieder längst entfolgt, mal irgendwas von myfreecams.com getwittert. Und da ich ja aus Neugier kaum was auslasse, bin ich dem Link gefolgt, und auf einer Seite gelandet, auf der „Damen“ aus aller Herren Länder ihre primären, entblösten Geschlectsmerkmale in die Webcam halten. Wer kostenpflichtige Credits kauft, bekommt u.U. auch ne Privatvorstellung per Skype.
Nun bin ich ja bekanntermaßen tendenziell pekuniär unterversorgt, und begnügte mich mit den kostenfreien Angeboten, die allerdings geborenen Spießbürgern die Schamesröte zu Kopfe steigen lässen würden.
Nun, wollte ich einer jecken Amerikanerin zuschauen, die sich selbst mit diversen Geräten bearbeitet? Och nööö… mein verquarster Antimerikanismus ist zumindest soweit gediehen, das ich auf die Web-Shows mit über 2000 Zuschauern verzichten wollte. Und da mein persönlicher Bedarf an post-sowjetischer, osteuropäischer Erotik für die nächsten Jahrzehnte aus diversen Gründen gedeckt ist (schönen Gruß an meine Exfreundin…), ließ ich auch das außen vor.
Und da man sich auf betreffender Seite die sich zeigenden Damen nach Kontinenten/Ländern sortiert anzeigen lassen konnte, und ich ohnehin ein gewisses Fable für Großbritannien habe, klickte ich auf „girls from UK“. Und dann suchte ich mir bewußt eine junge Dame aus, die das Label „kostenlos“ hatte (kein Kommentar dazu, bitte…!) UND ich nur einer von 10 Zuschauern war.
Bevor es jetzt richtig spannend wird, muß ich noch einen Einschub machen:
Vor etwas mehr als einem Jahr twitterte @Ariakan79 etwa sinngemäß: „Ich möchte dieses Lied auf der Beerdigung von @ChefleGrand [das ist mein Nickname auf twitter] gespielt wissen http://youtu.be/-Fy3tSim3to
Nun kann man darüber grübeln, ob es @Ariakan79 gut mit mir meint(e), oder ob er mit einem baldigen Ableben meiner Person rechnete. (Nur damit das klar ist, Marco: falls du mich überlebst, kannst du das gern auf meiner Beerdigung spielen, aber nur in einem vernünftigen rheinisch-katholischen Bejräbnis einjebunden!)

Jedenfalls hatte ich mir dann irgendwann im letzten Winter aus lauter Neugierde die betreffenden Filme hinter diesem Video „Sharpe’s Riflemen“ angesehen, und daraus resultierend auch die englischen Spielfilme der „Hornblower“-Reihe. (z.B. Teil1 http://youtu.be/d6qtLWwJq9U ) Obwohl ich in der Schule nicht sonderlich gut in Englisch war, so waren doch diese, in der Ära der napoleonischen Kriege angesiedelten, englischen Fernsehproduktionen für mich ein angenehmer Nachhilfelehrer im Verständnis der englischen Sprache. Tonfall und akzentuieren bekomme ich in jeder Sprache gut hin (fragt mal die Russen, die sind begeistert von meiner klaren Aussprache, trotz des deutschen Akzents). So auch hier. Problem dabei: Nun beherrsche ich englisch, allerdings mit den Fachbegriffen und Redewendungen von vor 200 Jahren…
UND MIT DIESEM Rüstzeug bin ich dann in diesen Webcam-Chatroom geraten: neben den durchaus reizvollen Attributen (ich erspare euch Details) der Dame selbst, fielen mir im Zimmer-Hintergrund Holzbalken auf. Aha, ein Fachwerkhaus. Ein echtes, englisches Fachwerkhaus. Tudor-Stile. Und Titten. Da ist ja für Kultur UND Entertainment gesorgt.
Jedenfalls: als einer der „normalen member“ auf dieser Seite, also diejenigen, die keine Credits kaufen um mehr zu sehen, dachte ich: du hast eh nix zu verlieren, schreib die mal per Skype an. Und nach ein paar Tagen kam dann auch tatsächlich ne Antwort. Um es kurz zu machen: Faye und ich haben dann in den folgenden Monaten immer mehr geskyped, und der eigentliche Grund unseres „Zusammentreffens“ geriet immer mehr in den Hintrgrund. Stattdessen haben wir über alles mögliche, Gott, die Welt, England, Deutschland usw. gequatscht. Ich mit meinem antiquirten Englisch aus Wellingtons Tagen, und sie spricht per Zufall auch einige Brocken deutsch. Es war sehr angenehm mal eine Fremdsprache live zu trainieren.

Und was hat das jetzt alles mit „Straights&Rows“ zutun???
Da Faye in St. Albans lebt, Grafikdesign studiert, und für ihren tumblr-Blog ein paar historische Informationen benötigte, schickte sie mir auch einige ihrer Zeichnungen und Bilder von Gebäuden in St. Albans – darunter auch „the Gables“. Ein markantes Gebäude auf den dortigen Marktplatz. Sie wollte wissen, was dieses Gebäude in früheren Zeiten wohl gewesen sein könnte, und ich gab nach bestem historisch-geographisch geschultem Wissen meine Meinung dazu ab.
Nun waberte dieses Bild von „the Gables“ in meinem Kopf herum, und eine meiner Gehrinzellen muß wohl einen guten Tag (oder nen schlechten, je nach dem…) gehabt haben, denn auf einmal formierte sich in meine lieben Haupt die Idee: „Dieses Bild müßte der Joker in einem Kartenspiel sein!“
WAS bitte für ein Kartenspiel? Ich war Rat und ideenlos. So verbrachte ich denn die nächste Tage und Wochen arbeitslos, hungernd und dem depressiven Delirium nahe, wahlweise Tour de France oder arte, 3sat und phoenix schauend in meinen Gemächern, und brütete. Aus den Dokumentationen, Filmen und meinen dem Wahnsinn recht nahe kommenden Gedanken sog ich unbewußt vielerlei einzelne Stichworte auf. „Rommel“. „Via Mala“. „Römisches Reich“. „Alpen“. „Garamanten“ usw…
Und da in der schon angesprochenen Hornblower-Serie die britischen Marine-Offiziere sich im Kartenspiel „Whist“ üben, lag irgendwie der Gedanke nahe, diese Einzelgedanken in „Spielkarten“ zu verwandeln.
Ein gewisser historischer und geographischer Aspekt war nicht von der Hand zu weisen. Da ich aber zeitgleich aus lauter verzweifelter Langeweile in den Memoiren Albert Speer’s las, lag der Einbezug von Personen mit historischer Bedeutung nahe. Weiterhin wollte ich den angesammelten „Wissensballast“ aus meinem Lieblingsfachbuch „Europas Aufbruch in die Welt“ von René Alexander Marboe (http://www.amazon.de/Europas-Aufbruch-Welt-1450-Conquistadoren/dp/3884005030) mit in dem zu entwickelten Spiel „verwursten“. Unglücklicherweise für euch da draußen hatte ich im Frühjahr von besagtem Autor noch zwei weitere Bücher, einmal über die historische Entwicklung Spaniens von der Spätantike bis zur Renaissance (http://www.amazon.de/Von-Burgos-nach-Cuzco-Spaniens/dp/3884006010) und zum anderen über die Seefaht in der frühen Neuzeit (http://www.amazon.de/Seefahrt-europ%C3%A4ische-Expansion-Alexander-Marboe/dp/3854762992)  gelesen. Also waren auch diese beiden Bücher eine willkommene Ressource. Die Lektüre von Otto Zierer’s „Bild der Jahrhunderte“ (http://www.amazon.de/Bild-Jahrhunderte-Band-XXII-komplett/dp/B001QT82BI) setze ich in meinem Fall grundsätzlich voraus.
Und da ich ja immerhin ein Studium der Alten Geschichte, christlichen Archäologie und historischen Geographie als Magister Artium abgeschlossen habe, war das „Gebräu“ perfekt.

Wochenlang habe ich dann versucht, die einzelnen Ideen, mein Hintergrundwissen und die zufälligen Eingebungen irgendwie miteinander in Einklang zu bringen. Kategorien zu schaffen. Noch war ich mir in keinster Weise darüber im klaren, welches Spielprinzip ich nun verfolgen wollte.
Um der Fülle der Ideen Herr zu werden, beschloß ich daher, das Spiel wenigstens in 2 Level zu teilen. Im ersten Level sollte man Dinge gleicher Art oder gleicher Weise (daher „straights“ und „rows“!) sammeln können, und durch Komplettierung zum Sieg zu kommen. Im Prinzip eine Art Quartett-Spiel. Das wäre ja an und für sich noch umzusetzen gewesen, aber ich hatte mehr Ideen, als sich in dieser Weise hätten umsetzen lassen.
Ich wollte UNBEDINGT das Volk der „Waräger“ mit „Orthodoxem Glauben“ zu „Russen“ „upgraden“. Ich wollte unbedingt die „Bayern“ mit „Kaffee“ zu „Österreichern“ upgraden. Ich wollte unbebdingt das Volk der Phönizier mit Sturmgewehren ausrüsten können, die sie beim Papst kaufen. Und ich wollte noch einen Sport-Aspekt (Radsport und Snooker) und einen zeitlichen Entwicklungs-Aspekt mit einbauen. Dieses Unterfangen glich der Quadratur des Kreises, und hat mich im Juli/August diesen Jahres beinahe um den Verstand gebracht. Erst, als ich mir darüber im klaren war, das ich meine Ideen nach Völkern, Ländern, Städten, usw. ordnen könnte (und auch mußte) formierte sich nun endlich der Gedanke, dieses doch mal übersichtlicherweise zu Papier zu bringen. Mein Zimmer glich in jenen Tagen eher dem Film-Set von „a beautiful mind“, d.h. ich hatte sämtliche Ideen als Papierzettel an meine Wände geklebt, und jeder, der mich in meinen Gemächern besucht hätte, hätte mich nun endgültig für geistesgestört gehalten.

Erschwerend kam noch hinzu, daß ich (teil-)amouröse twitter-Erlebnisse der jüngeren Vergangenheit (liebe Grüße in diesem Sinne an @roughmeasures @hucki_amarna und @believing_girl) zumindest unter geographischen Aspekten mit einfließen lassen wollte. Also mußten auch „Schwaben“, „Österreich“ und „Luxemburg“ eingebaut werden. Immerhin war das Projekt Ende August soweit gediehen, das ich einen großen Papierplan fertigstellte, der mit 256 Kästchen (für fast jede Idee eines) mich vor mir selbst erschaudern ließ: aus dem ursprünglich angedachten Kartenspiel zu zwei Runden war nun etwas geworden, für das man dieses Spielplan benötigte UND auch noch Spiesteine, um die Kästchen für die Spieler zu markieren. Die Personen, Waffen, Schiffe, etc. Sind hierbei noch nicht einbezogen gewesen!

Nachdem ich mit einem meiner Mitbewohner aus meinem Studentenwohnheim die grundsätzliche Spielbarkeit von Level 1 (inklusive der Idee des Spielgeldes) festgestellt hatte (also dem Quartett-Teil), so stand nun Anfang September der Test für Level 2 an.
Durch des Schicksal undurchsichtige Fügung hatte es sich ergeben, das sich die Barmentorin meines Studentenwohnheims als große Gamerin vor dem Herrn (sowohl Computer- als auch Kartenspielen) erwiesen hat, und auch durchgeknallten Ideen gegenüber aufgeschlossen ist. Desweiteren hat Twitterkamerad @hszemi, Informatik und Geographiestudent, ebenfalls aus meinem Wohnheim, aufmerksam meine tweets gelesen, so daß beide sich freiwillig und ohne Zwang zu einem Spieltest einfanden.
Es kam wie es kommen mußte: Level1 ging noch verhältnismäßig „schnell“ über die Bühne (nachdem ich es inhaltlich allerdings um 50% der Ideen abgespeckt hatte, als Resultat des ersten Testes).
Bei Level 2 nun wurde die herätischste aller Fragen gestellt, die nur gestellt werden konnte: „Martin, was ist eigentlich das Spielziel?“
Wie ich solche Nebensächlichkeiten hasse. Es ging doch nur darum, die grundsätzliche Spielbarkeit zu überprüfen! Das Ergebnis war nun, daß das Spiel nach 5 Minuten abgebrochen wurde, und wir brain-stormenderweise uns Ideen zum Spielablauf zurechtlegten. Bis zu dem Zeitpunkt, als es @hszemi in diesem analogem Wust aus gesprochenem Wort, gekritzelten Zetteln und selbstgemaltem Spielgeld nicht mehr aushielt, und den Raum verließ – um nach 2 Minuten mit seinem Notebook wieder zu erscheinen. Er machte sich dankenswerterweise die Mühe, und tippte JEDE meiner Spielkarten in ein Computerprogramm, das die verschiedenen stammbaumartigen Abhängigkeiten der Spielkarten visualisierte. Unterdessen beratschlagten Mitbewohnerin Barmentorin und meine Wenigkeit, was man denn für bereits existierende Spiele als „Vorlage“ für den Spielverlauf nehmen könnte. Daniela brachte es dann auf den Punkt: „Du hast da jetzt soviel bescheuerte Ideen reingebracht, jetzt müssen wir das auch ans laufen bringen!“. Im Endeffekt saßen wir sechs (!) geschlagene Stunden im Zeitungsraum unseres Studentenwohnheims (einem Prachtexemplar des Waschbeton-Barock der frühen 70er, das selbstredent als „Gebäude“ ebenfalls Eingang in mein Spiel fand) . Sechs Stunden! Immerhin konnte ich mir sagen, daß dieses Spiel schon der vordringlichsten Zweck bereits erfüllt hatte, obwohl es noch Lichtjahre von der Spielbarkeit entfernt schien: Es hatte junge Leute für Stunden zusammengebracht, die sich mit etwas beschäftigen, das vordergründig keinem höheren Zwecke dient, sondern den naturgegebenen Spietrieb befriedigt. Sinnigerweise war uns das Schicksal dermaßen hold, das wir als Studenten der Geschichtswissenschaften, der Volkswirtschaften und der Informatik unsere geballfe Fachkompetenz in die Waagschale werfen konnten, um uns um 2Uhr morgens müde und rat- und ergebnislos in unsere jeweiligen Kemenate zurückzuziehen.

Den folgenden Monat verbrachte ich mit überwiegend körperlicher Arbeit, um unsere wohnheimseigene Kellerbar zu renovieren – und verschwendete kaum noch Gedanken an „Straights&Rows“.
Unterdessen wurde ich erst arbeitslos, dann 30 Jahre alt, und sodann pleite. Der Zustand von geistiger Unterfordertheit einerseits und Ideenreichtum andereseits, gepaart mit der Erfahrung aus dem Bar-Umbau, „Projekt-Teams“ für einen konkreten Zweck zu bilden, rumorte solange in mir, bis ich mich im Oktober wieder diesem Mammut-Projekt widmete.
Ich hatte mir nun immerhin schon überlegt, das die einzelnen Spielkarten verschiedene Kategorien von Punkte-Werten in Kampf, Handel, Kultur und Straight und Row- Punkten enthalten sollte. Aber um dies zu spielen, wäre eine „händische“ Addition viel zu kompliziert. Könnte man sich nicht diese Rechenoperation von Computern abnehmen lassen?
Welcher Teufel mich geritten hat, als ich @hszemi fragte, ob man „Straights&Rows“ auch als Computerspiel umsetzen könne, weiß ich nicht. Jedenfalls meinte er per twitter: „klar“.

Und so kam es dann, das ich mir nun seit Mitte Oktober Gedanken mache, wie man nun die „Informationen“ die diese Spielkarten enthalten, elektronisch umsetzen kann. Mein Problem ist allerdings, das ich von Programmierung keinerlei Ahnung habe, und mich die Verzweiflung in cholerische Tempramentsausbrüche treibt. Wobei ich anmerken muß, in solchen Stadien meines Geisteszustandes eher einem wütenden, nervösem Kolibri zu gleichen, der mit rheinischem Singsang in der Stimme und ungeduldig in der Sache, sich der abstrakten Welt der Programmiersprachen geschlagen geben muß. Ideen für graphische Darstellungen fielen mir im Stundentakt ein – aber für die endgültige Entwicklung von „Straights&Rows“ werde ich einen Expertenpool von lieben Mitmenschen bitten müssen, mit denen ich dann auch gerne die Früchte des Erfolges teilen wollen würde. Was zur Zeit gerade fehlt, sind Rechenoperationen, die Kartenwerte miteinander vergleichen, addieren und subtrahieren würden, und eine Programmarchitektur, die aus txt-Dateien die notwendigen Informationen auslesen kann.
Ich bin allerdings zuversichtlich, daß dieses Projekt, irgendwann zum erfolgreichen Abschluß kommen wird: Zu viel Energie und Zeitaufwand steckt schon darin. Und grundsätzliche Grafiken habe ich schon erstellt, bzw. im Hinterkopf. Und bevor ich die ersten Addons mir einfallen lasse, und noch mehr Ideen einbaue, werden meine lieben Mitstreiter (wider Willen?) und meine Wenigkeit aus Begeisterung für anarchische Kreativität eine spielbare Version von „Straights&Rows“ erstellt haben. Es stecken einfach zu viele bekloppte Ideen drin, jetzt MUSS es einfach laufen! Und wenn das dann mal läuft, teilen wir uns auch den kommerziellen Gewinn! 🙂

Der Kampf geht weiter!

Straights&Rows!

Wie Wertungen im Radsport zustande kommen: Teil 3 – Die Bergwertung

Der folgende (leider wieder etwas lang gerantene) Text versucht, für radsportinteressierte Laien, möglichst einfach zu erklären, wie die Bergwertung bei Radrennen erfolgt.

Alte Hasen werden bis auf inhaltliche Fehler wohl kaum was neues finden…
Entweder: mutig sein, und durchlesen, oder Stück für Stück lesen, oder ausdruckenum es aufm klo zu lesen, oder gar nicht lesen, bei Desinteresse 😉

Die bekanntesten Radrennen erleben eine gesteigerte Beachtung seitens der Zuschauer durch Bergetappen. Der Hauptgrund hierfür ist sicherlich die Tatsache, das Aspiranten auf den Tagessieg als auch den Gesamtsieg einer Rundfahrt, so sie denn gute Berg-Qualitäten haben, in den Bergen ihren Vorsprung auf Konkurrenten ausbauen können, bzw. diese durch wohl platzierte Ausreißversuche vergrößern können.
Gleichermaßen besteht hier aber auch die Gefahr „abgehängt“ bzw. „distanziert“ zu werden; d.h. der eigene Rückstand in der Zeitwertung (Gesamtwertung) kann auch größer werden. Wie das funktioniert, bzw. wie sich Zeitwertungen ergeben, habe ich ja bereits im vorangegangenen Post beschrieben.

Es gibt in den Bergen aber auch eine andere Wertung, die bei Etappenrennen von belang ist: Die Bergwertung.
In dieser Wertung gilt, das kein Unterschied zwischen verschiedenen Fahrer-Kategorien (Profis, Jung-Profi, Amateure) gemacht wird. Es gibt also keine eigene Wertung für den „besten Kletterer der Profis“, „besten Kletterer der Amateure“ usw.

Was bedeutet nun „bester Kletterer“?

Nun, die Veranstalter der infrage kommenden Radrennen klassifizieren verschiedene Anstiege im Streckenprofil in unterschiedliche Kategorien.

Eine einheitliche Richtlinie gibt es seitens der UCI nicht – aber bei den meisten Rennen hat sich ein System von 5 Kategorien etabliert, nach denen Anstiege eingeteilt werden können. Das reicht von 4 = kleiner Maulwurfshügel bis 1 = schwerer Berganstieg. Weiterhin gibt es die „HC“-Berge, „Hors Categorie“ – die „Ehrenkategorie“ für super-schwere Anstiege.

Die Einteilung in diese Kategorien richtet sich einfach gesagt nach dem Verhältnis der Steigung zur Streckenlänge des Anstiegs. Das bedeutet, wenn ein Berganstieg 10km lang ist, aber nur eine Steigung von 5% hat, wäre er nicht mal ein Maulwurfshügel der Kategorie 4. (Es sei denn, die Veranstalter wollen mit aller Gewalt einen Bergpreis ausloben…)
Wenn auf den 10 km Anstieg aber eine durchschnittliche Steigung von z.B. 15% oder teilweise sogar mehr zu bewältigen ist, dann ist es ein Anstieg der 1. oder HC Kategorie.
Entsprechendes gilt natürlich für kürzere Anstiege – der Punkt, wo ein Anstieg beginnt, ist den Veranstaltern überlassen. (das trifft besonders in Belgien und Nordfrankreich
zu, wenn bei Rennen die dort stattfinden, ein Maulwurfshügel gefunden werden muß, um die Bergwertung auszufahren).

Gemeinhin ist der Anstieg zu Ende, wenn der höchste Punkt der geographischen Erhebung erreicht ist – aber auch das ist nicht zwingend. Manchmal befindet sich die Abnahme der Bergwertung aus organisatorischen Gründen auch kurz davor.
Es kommt jedoch nicht auf die Höhe des zu überfahrenden Streckenabschnitts an.

In Abstufung der Berg-Kategorien gibt es bei jeder dieser Kategorien unterschiedlich viele Bergpunkte an die Fahrer zu vergeben, die zuerst diesen Berg erklimmen, bzw. überfahren. Jede Rennveranstaltung hat ihr eigenes System mit Punkten die pro Kategorie an die Fahrer zu vergeben sind.

Der Einfachheit halber bastele ich wieder ein kleines, überschaubares System:

4. Kategorie = 3 Pt für den ersten Fahrer, 2 Pt für den zweiten Fahrer, 1 Pt für den dritten Fahrer
3. Kategorie = 5 Pt für den ersten, 4 Pt für den zweiten usw…
2. Kategorie = 10 Pt für den ersten, 8 Pt für den zweiten, usw…
1. Kategorie = 15 Pt für den ersten, 12 Pt für den zweiten usw…
HC Kategorie = 20 Pt für den ersten, 18 Pt für den zweiten usw…

Was mit der Gesamtwertung (d.h. der Zeitabnahme) gemein ist: Der erste der drüber fährt, hat gewonnen.
Der Unterschied zur gemeinen Tageswertung („Etappenerfolg“) besteht aber darin, das nicht pro Tag neu gewertet wird. Es gibt also keinen „Punkt-Führenden des Tages“.
Die Punkte für die Bergwertung werden nach jeder Etappe neu addiert, derjenige, der die meisten Punkte hat, ist Führender der Bergwertung.

Beispiel: Fahrer X sammelt während 2 Etappen 20 Punkte, davon 17 auf der ersten Etappe und 3 auf der zweiten.
Fahrer Y hingegen sammmelt während der 2 Etappen 18 Punkte – davon 8 auf der ersten Etappe und 10 auf der zweiten.

Nach der ersten Etappe führt Fahrer X die Bergwertung mit 17 Punkten an (1.Platz), Y belegt in dieser Sonderwertung den 2. Platz, mit 8 Punkten.
Auf der zweiten Etappe sammelt Fahrer Y zwar mehr Punkte als Fahrer X (10 anstatt 3) – aber da addiert wird, führt weiterhin Fahrer X die Bergwertung mit 20 zu 18 Punkten vor Fahrer Y an.

Diese Berg(-preis)Wertung ist unabhängig von der gefahrenen Zeit auf der entsprechenden Etappe.
D.h. : selbst wenn beide Fahrer X und Y zwar erste auf dem Berg waren, aber im weiteren Verlauf der Etappe wieder zurückfallen sollten, so daß sie als letzer und vorletzter ins Ziel kommen, kann ihnen niemand diese Punkte mehr nehmen.
(Vorausgesetzt die B-Probe ist negativ und die Karenzzeit wird eingehalten. aber dazu kommen wir später mal)

WARUM ist nun so eine Sonderwertung interessant?

Weil der führende in der Bergwertung pro Tag eine Prämie (in Form von Geld) vom Veranstalter erhält. Das heißt, jeden Tag, den ich im Bergtrikot fahre, bringt bares!
Daher haben manche Fahrer ein Interesse, immer die ersten am Gipfel zu sein, und kümmern sich nicht sonderlich drum, den wie vielten Platz sie in der Tageswertung belegen.

AUSNAHMEN:
Es gibt zwei unterschiedliche Sorten von Bergetappen: die, die im Tal enden, und die, die mit einer Bergankunft enden.
Bei der ersten Variante muß das Fahrerfeld (Peloton) nur einen oder mehrere Berge überqueren, um anschließend wieder runter ins Tal zum Ziel zu fahren.
Die zweite Variante bedeutet, das die Etappe auf einem Berg endet – i.d.R. wird bei diesen Bergen die zu vergebene Punktzahl des eigentlichen Berges erhöht bzw. verdoppelt.

Beispiel:
Die Etappe führt über einen Berg der HC-Kategorie, und endet auf einem Berg der 1. Kategorie. (wie z.B. letzten Samstag bei der Tour)
Nach obiger Tabelle müßte es also für den jeweils ersten Fahrer oben 20, bzw. 15 Punkte geben.
Warum wird nun der letzte Berg in der Wertung verdoppelt? (2×15=30 Punkte)

Damit möchten die Organisatoren einen lebhafteren Rennverlauf erreichen. Denn:

Mal angenommen Fahrer X gewinnt die HC-Kategorie mit 20 Punkten, und strengt sich dann nicht weiter an, da der letzte Berg ja „nur“ 15 Punkte hat – und ihn damit niemand mehr einholen kann.
Wenn nun die Bergankunft doppelt zählt, muß er weiter attackieren, damit ihn niemand mit 30 Punkten (zu 20) überholt.
Dieses System hat allerdings auch einen Nebeneffekt:
Es führt dazu, das Fahrer, die aus ganz oben genannten Gründen am Berg „Zeit gut machen“ wollen, da sie um eine Platzierung im Gesamtklassement fahren,
unfreiwillig bei solchen Bergankünften Punkte sammeln, und damit den Wettbewerb verzerren. Prominenteste Beispiele waren hier in der jüngeren Vergangenheit Jan Ullrich, Lance Armstrong und Marco Pantani.
(Weil: wenn ich an jeder Bergankunft als erster ankomme, um meine Konkurrenten zeitlich zu distanzieren, sammle ich auch doppelte Bergpunkte auf die es mir eigentlich gar nicht ankommt.)

Bei besonders schweren Bergetappen, die unten im Tal enden, kann auch die Ankunft dort doppelt gewertet werden – das ist allerdings nicht so häufig der Fall.

TIEF DURCHATMEN! – zwei kleine Ausnahmepunkte möchte ich noch ansprechen.
1. Es gibt sogenannte „inoffizielle“ Preise, d.h. sie werden nur an speziellen Bergen und nur an den ersten Fahrer auf dem Berg verliehen, und sie fließen nicht in die Bergwertung mit ein, sondern sind i.d.R. Geldprämien. Sie müssen nicht von der ausrichtenden Veranstaltung ausgelobt werden, sondern können auch z.B. von lokalen Kommunen ausgelobt werden.

Beispiel: Ein Fahrer fährt als erster über den Berg, kassiert seine meinetwegen 10 Punkte für die Wertung, und obendrein 1000€ von der Veranstaltung für eben diese 10Punkte und dann zusätzlich z.B. 2500€, weil er als erstes diesen einen Berg erklommen hat.

2. Die Bergwertung richtet sich nicht nach der Zeitwertung. Ja. und Nein:
Bei Zeitfahren, die zu Beginn einer Rundfahrt  stehen (sog. „Prolog“), kann es sein, das die Veranstalter trotz flacher Einzelzeitfahrstrecke von max. 8km (das ist so seitens der UCI reglementiert) am nächsten Tag, d.h. der ersten Etappe, den führenden in der Bergwertung präsentieren möchten. Also muß ja irgendwie ein Modus gefunden werden, um denjenigen zu ermitteln.
Bei der Tour de France 2000 hatte man bei dem Prolog-Zeitfahren seitens der Veranstalter sich folgendes ausgedacht: eine minimale Erhebung in der Länge von 800 Metern (!) die nicht mal als Maulwurfshügel der Kategorie 4. durchgegangen wäre, wurde inoffiziell als „Anstieg“ klassiert.
Da bei einem Zeitfahren (dazu gibts ein eigenen Post!) jeder Fahrer einzeln die Strecke abfährt, wurde nun bestimmt, wer diese 800 Meter am schnellsten durchfährt -gewinnt 1 Punkt (!) und damit die Bergwertung. Und zwar unabhängig von seiner Gesamtzeit im in diesem Zeitfahren. D.h. man hätte auch, auf die ganze Etappe gesehen, letzter werden können, Hauptsache man war auf diesen 800 Metern der schnellste.
Und so ist es auch gekommen: Der deutsche Sprinter Marcel Wüst, kein besonders guter Zeitfahrer, hat auf diesen 800 Metern richtig Vollgas gegeben, und damit das Bergtrikot (Tageserfolg beim ersten Tag = führender in der gesamt-BergWertung) gewonnen.

Noch ein paar abschließende Worte über das Trikot:
Gemeinhin wird der führende in der Bergwertung mit dem „gepunkteten“ Trikot ausgestattet. Auch außerhalb der Tour de France.
ABER: Die Punkte auf dem Trikot stehen nicht für die Punkte in der Bergwertung. Die Bergwertung bei der Tour wurde 1933 eingeführt, aber um diese Sonderwertung auch den zuschauern zeigen zu können, wurde 1975 ein spezielles Trikot gesponsert – von einer Schokoladenfirma, die ihre Erzeugnise in rot gepunktetem weißem Papier verpackte.
Wäre das in Deutschland mit Milka passiert, wäre das Bertrikot lila. Da sich aber viele Radrennen an der Tour de France orientieren, sind die Trikot der in der Bergwertung führenden entweder rot gepunktet, oder wenigstens rot – die Farbe hat sich durchgesetzt, ist aber nicht verbindlich.

Zu den speziellen Farben der Trikots komme ich auch irgendwann noch mal.
Ich hoffe die Bergwertung war bis hier hin einigermaßen verständlich.

Wie Wertungen im Radsport zustande kommen Teil 2 – Gesamtwertungen bei (kleinen) Rundfahrten

Wieder ist das folgende für radsportinteressierte Laien – zum besseren Verständnis vergangener, aktueller und zukünftiger Rennverläufe.

(…und wieder ists was lang geraten. ich hoffe aber dafür ausführlich)

In Teil 1 habe ich ja versucht darzustellen, wie innerhalb eines Eintagesrennens mehrere Wertungen abgenommen werden können, obwohl es auf den ersten Blick nur einen Sieger gibt. Als „Besonderheit“ habe ich die Unterschiede der verschiedenen Fahrer-Kategorien (Profis, Jung-Profis, Amateure) angesprochen.

Kommen wir nun zu den Rundfahrten.
Die Bezeichnung ist vielleicht etwas irreführend, es muß dabei nicht zwangsläufig ein Rundkurs aus mehreren Etappen zu fahren sein, der eine geographische Schleife ergibt. Als Rundfahrten werden gemeinhin Radrennen bezeichnet, die aus mehreren Einzel-Etappen bestehen.
Die Anzahl dabei ist unerheblich – es gibt Rennen die bestehen aus zwei,drei oder vier Tagesabschnitten. Als Beispiel wären hier die „3 Tage von DePanne“ in Belgien oder die „4 Tage von Dünkirchen“ in Frankreich zu nennen.
Grundsätzlich wird hier pro Tag eine Etappe gefahren, früher war es allerdings auch üblich,
Halbetappen zu fahren, d.h. beispw. vormittags eine kurze Sprintetappe und nachmittags ein kleines Einzelzeitfahren.
Von dieser Praxis sind aber die meisten Rennveranstalter in den letzten Jahren abgekommen.
Kleiner Hinweis: es gibt auch Eintagesrennen, die sich „Rundfahrt“ nennen: „Rund um Köln“ oder die „Ronde van Vlaanderen“ (Flandernrundfahrt) .Hierbei ist allerdings nur der Name „rund“, es handelt sich tatsächlich aber um Eintagsrennen.

Der Übersichtlichkeit halber fangen wir mal „klein“ an.

Also: nehmen wir mal an, wir haben eine kleine Rundfahrt von 3 Tagen.
1. Etappe = 150 km
2. Etappe = 25 km Einzelzeitfahren
3. Etappe = 150 km

Wenn es sich um drei-vier Tages-Rundfahrten handelt, gibt es meist keine echten Bergetappen, höchsten eine „Bergwertung“. (dazu aber später mehr)
Bei kleinen Rundfahrten die ca. eine Woche dauern (Paris-Nizza, oder Tirreno-Adriatico) sieht das schon was anders. Grundsätzlich könnte man sagen:
Je länger die Rundfahrt dauert, desto mehr unterschiedliche Wertungen gibt es.
Allerdings ist hier auch die Einschränkung zu machen: Die „langen“ Rundfahrten (ab 3-4 Tagesrennen aufwärts) werden normalerweise nur von Profis gefahren.
Für Amateure gibt es zum Teil eigene Austragungen.

Kommen wir zurück zu unserem Beispiel, und betrachten hier erstmal nur die Gesamtwertung. Das ist auf den ersten Blick kompliziert genug.

1. Etappe:
Fahrer X gewinnt (im Spurt oder als Ausreißer) die erste Etappe mit 4h10min.
Fahrer Y wird zweiter mit 4h11min.
Fahrer Z wird dritter mit 4h15min.

(die Abstände sind zwar vll. etwas unrealistisch, aber es geht ums Prinzip)

Das wäre neben dem Tageserfolg gleichzeitig das erste Gesamtklassement dieser Rundfahrt.

2. Am zweiten Tag ergibt sich als Einzelwertung des Zeitfahrens folgendes Ergebnis:

Fahrer Z gewinnt mit 30min.
Fahrer Y wird wieder zweiter mit 35min.
Fahrer X wird dritter mit 39 min.

Damit hätte Z das Tagesklassement gewonnen – soweit klar. Im Gesamtklassement sähe das etwas anders aus:
Denn in der Wertung für das Gesamtklassement werden die einzelnen Fahrzeiten addiert. Wer die geringste Fahrzeit hat, liegt am Ende vorne.

Fahrer X = Gesamtfahrezit 4h49min. (Platz 3)
Fahrer Y = Gesamtfahrzeit 4h46min. (Platz 2)
Fahrer Z = Gesamtfahrzeit 4h45min. (Platz 1)

Nach dem zweiten Tag bekäme also Fahrer Z den Tageserfolg, und übernähme die Rolle des Gesamtführenden (der meist durch ein spezielles Trikot („gelb“) gekennzeichnet wird.)

3. Die dritte und letzte Etappe liefert nun folgendes Ergebnis

Fahrer X gewinnt wieder (im Spurt oder als Ausreißer), diesmal mit 4h12min.
Fahrer Y wird wieder zweiter, diesmal mit 4h13min.
Fahrer Z wird wieder dritter, diesmal mit 4h17min.

Fahrer X hat also seinen zweiten Tageserfolg bei dieser kleinen Rundfahrt erreicht.
Im Gesamtklassement – das den Sieger der gesamten Rundfahrt ausweist, sieht es aufgrund der addierten Fahrzeiten etwas anders aus:

Fahrer X = Gesamtfahrtzeit 9h01min. (Platz 2)
Fahrer Y = Gesamtfahrtzeit 8h59min. (Platz 1)
Fahrer Z = gesamtfahrtzeit 9h02min. (Platz 3)

Wie wir sehen, hat weder Fahrer X, trotz seiner 2 Tageserfolge, die Rundfahrt nicht gewonnen – noch Fahrer Z, obwohl er das Zeitfahren gewonnen hat.
Fahrer Y gewinnt die gesamte Rundfahrt – ohne einen Tageserfolg gewonnen zu haben, da er auf die Gesamtdistanz der Rundfahrt bezogen die konstanteste Leistung (geringste Fahrzeit) erbracht hat.

Natürlich ist dieses Beispiel sehr statisch und einfach gehalten. Im realen Leben sind die Abstände eher nach Sekunden zu bemessen.
Weiterhin wird bei solchen Rundfahrten ggf. die gleiche Rechnung für die Jungprofis (unter 25 Jahre) angestellt, um sowohl den besten Jungprofi pro Etappe als auch
für die ganze Rundfahrt, zu ermitteln.
Hinzu kommen natürlich noch diverse andere Wertungen, die ich aber in den nächsten Postings erklären möchte.

Wie kommen Wertungen im Radsport zustande? Teil 1 – Eintagesrennen.

Der folgende Beitrag ist vielleicht etwas lang, aber als gelernter Geisteswissenschaftlter kann ich nicht anders, als ganze Abhandlungen zu schreiben. Wer will, kann sich das folgende entweder ausdrucken, oder Stückchen für Stückchen lesen, oder es ganz bleiben lassen 😉

Hinweis: Das folgende ist für interessierte Laien gedacht. Für „alte Hasen“ gibts wohl kaum neues, Höchstens Fehlerchen zu entdecken.

Mal abseits vom aktuellen Renngeschehen bei der Tour und der stets notwendigen kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema Doping, möchte ich heute mal für radsportinteressierte Laien möglichst einfach versuchen darzulegen, wie die unterschiedlichen Wertungen im Radsport zustande kommen.

Ein gelbes, grünes und das gepunktete Trikot kennt fast jeder. Das weiße Trikot kennen auch noch einige. Aber wie kommen die einzelnen Wertungen zustande? Und warum ist das wichtig?
Wer Rennverläufe bei (Etappen-)Rennen verstehen will, wer verstehen will „warum der nicht angreift, der hat doch ne gute Position“, der muß sich einmal mit den unterschiedlichen Wertungskategorien auseinandergesetzt haben.
Denn dann versteht man nicht nur Bergetappen, man kann auch die langweiligste Sprint-Überführungsetappe bei der Tour „lesen“.

Warum habe ich oben „(Etappen-)Rennen“ geschrieben. Weil bei Eintagesrennen die Sache wesentlich einfacher ist. Genau genommen könnte man es verkürzen zu:

„wer als erster ankommt, der hat gewonnen“.

Das es nicht immer so einfach ist, möchte ich im folgenden auch erläutern.
Bevor ich also zum gelben, grünen, gepunkteten Trikot komme (und auch diese Farben sind nicht verbindlich!), werfen wir als erstes den Blick auf ein kleines Eintagesrennen. Meinetwegen im Frühjahr, in Belgien:

Stellen wir uns eine Renndistanz von 200km vor. Stellen wir uns weiterhin vor, das es sich um einen „Klassiker“ oder „Halbklassiker“ handelt.
(Was das genau ist, erklär ich irgendwann mal…)
Zu diesem Rennen dürfen alle von der UCI (Union Cycliste International (internationaler Radsportverband) lizensierten Teams antreten – einige müssen
sogar eine Mannschaft stellen, um ihre Lizenz zu behalten (auch das erklär ich irgendwann mal). Hierbei handelt es sich um Profi-Teams.
Wenns „nur“ ein Halbklassiker ist, dürfen u.U. auch „Amateure“ und „Halbprofis“ an den Start.
Es gibt also verschiedene Kategorien von Rennfahrern: Profis, Halbprofis, und Amateure.
Profis sind die Fahrer, die ihren Lebensunterhalt mit Rennfahrten verdienen, d.h. sie sind fest angestellt bei einem Rennstall, für den sie zu arbeiten haben, d.h. sie müssen Leistung erbringen. Halbprofis und Amateure stehen nicht, oder nur teilweise in einem solchen Arbeitsverhältnis, sondern sind zwar auch in Teams organisisiert, die aber keine hochwertige Lizenz haben, bzw. die nicht als „Hauptarbeitgeber“ für diese Fahrer fungieren.
Sorry für den Exkurs…

Also: Wir haben dieses 200km-Rennen, bei dem Profis und Amateure am Start sind.
Alle starten um 12.00 Uhr, und der erste Fahrer, ob nun Ausreißer oder im Massenspurt, gewinnt das Rennen. Meinetwegen um 16.47 Uhr.
Der Fahrer, der um 16.47 Uhr als erstes im Ziel war, hat das Rennen gewonnen. Egal, ob er nun Profi oder Amateur ist.
Mal angenommen, ein Profi gewinnt das Rennen: dann bekommt er dafür neben dem Siegespreis des Veranstalters (in Form eines Pokals, eines Präsentkorbs,
Küßchen von den lokalen Mannequins und einer finanziellen Prämie (die i.d.R. in die Teamkasse geht!) auch noch UCI-Weltranglistenpunkte. (auch das
erkläre ich andernorts nochmal).
Schön – der Mann hat gewonnen. Wenn nun, wie angenommen auch Amateure am Start waren (gleiches gälte für Halbprofis), ein Amateur hinter dem Sieger ankommt, aber als erster von den Amateuren im ganzen Starterfeld, dann kann er z.B. einen „ersten Platz bei den Amateuren“ bekommen. Und das obwohl er z.B. erst als um 16.53 Uhr als Gesamt-siebter von allen gestarteten Fahrern im Ziel eintrudelt. Auch dafür gäbe es dann u.U. eine Prämie, aber keine UCI-Punkte.
Die gleiche Sonderwertung kann auch für „Jung-Profis“ gelten. Ganz kurz: Jung-Profis haben das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet.
Wenn nun ein Amateur oder ein Jung-Profi dieses Rennen gewinnen würde, und zwar als erster von allen, dann würde er ganz sicher als neuer „Rohdiamant“ in der Fachpresse gefeiert, d.h. man würde als neues Talent auf ihn aufmerksam werden.

Ein denkbares Ergebnis des gerade geschilderten Szenarios wäre also folgendes:

Profi X gewinnt das Rennen nach 4h47min – er wird erster und bekommt eine gewisse Anzahl UCI-Punkte.
Jung-Profi Y wird gesamt-Dritter nach 4h49min – er bekommt, neben der Prämie in dieser Sonderwertung, da er bereits Profi ist, auch noch UCI-Punkte.
Amateur Z wird gesamt-Siebter nach 4h53min – und bekommt ebenfalls eine SONDER-Siegprämie. UCI-Punkte wären möglich, sind aber wohl unüblich.

Also haben wir, ob wohl es offensichtlich nur einen Sieger gibt, in Wahrheit drei Sieger. Deshalb kann man für das stattgefundene Rennen erwarten, das nicht nur die Mannschaften bekannter Stars, also die Profi-Fahrer, sondern auch „Nobodies“ und „Newcomer“ versuchen zu attackieren, um mindestens eine der drei Wertungen zu gewinnen, wenn nicht sogar mehr. Deshalb gibt es auch (und gerade!) bei solchen Rennen oftmals einen lebhafteren Rennverlauf, als bei mancher Tour de France „Überführungsetappe“.

Wie sich das mit den Wertungen bei Etappenrennen verhält, in den nächsten Postings.

Tour de France 2013 (3) Rückblick auf die erste Woche

Hallo zusammen!

Nach der ersten Woche der Tour ergibt sich am ersten Ruhetag schon mal die Möglichkeit die erste Woche rückblickend zu betrachten.
So ganz haben sich meine Befürchtungen nicht erfüllt (siehe vorletzten Post),
aber auch sooo ganz zufrieden bin ich dennoch nicht. Aber der Reihe nach.

Korsika hat mit 3 Etappen und drei unterschiedlichen Siegern (erfeulicherweise gleich am ersten Tag ein Erfolg von Marcel Kittel) eine gehörige Portion Tour abbekommen.Aber dennoch: Trotz der wunderbaren Landschaften, die wohl jeden Radsportfan zum Urlaub auf Korsika angestachelt habe mögen, hatte der drei-Tagesausflug doch irgendwie etwas von einem „pre-launch“. Ich hatte zumindest nicht so wirklich das Gefühl, die Tour hätte schon begonnen. Es war mehr wie eine kleine Frühlingsrundfahrt, nur mit dem medialen Gewand einer Tour de France. Die Sache mit dem Mannschaftsbus von OricaGreenEdge wird allerdings in die Tour-Annalen eingehen…

Kaum wieder auf dem Festland, sorgte das Mannschaftszeitfahren in Nizza zwar fachintern für eine Überraschung, da sich die favorisierten Teams der Mannschaft Orica geschlagen geben mußten, aber für ungeübte Zuschauer war dieses MZF nicht so interessant, da es noch nicht „wegweisend“ für den restlichen Verlauf der Tour war.

Und dann die drei Etappen durch die Provence…
…immerhin hab ich da wohl Recht behalten: Etappen durch die Provence sind schön, was die Landschaft angeht, aber ansonsten reine Überführungsetappen. Dankenswerterweise hat Jens Voigt schon mal einen Ausreißversuch gewagt. Aber irgendwie sind diese drei Teilstücke, mitsamt Ausreißversuchen vom Gefühl her eher was für die zweite Tourwoche. Ich kann mir da nicht helfen. Und auch so, wie sonst in der zweiten Tourwoche erwartet, wurde auch gefahren.
Wenns auch Sprintankünfte waren (auch hier wieder mit einem deutschen Tageserfolg durch André Greipel), so war doch das Profil der drei Etappen ziemlich hügelig, was sich dann auch in diversen abgehängten Gruppen gezeigt hat. Die dabei relativ „großen“ Zeitabstände fürs Gruppetto haben mich schon was verwundert. Es ist ja immerhin die erste Tourwoche, da will jeder Fahrer, ob Helfer oder nicht, nicht gleich ne halbe Stunde kassieren. Normalerweise…

Dementsprechend haben wir in der ersten Woche an jedem Tag einen anderen Sieger gehabt. Nicht das ich das nicht begrüßen würde, aber eine „normale“ erste Tourwoche sieht gemeinhin anders aus. Ich möchte fast soweit gehen und behaupten: Das Kräfteverhältnis im Peloton war durch die Streckenführung während der ersten 5-6 Tage etwas „zu sehr“ gleich verteilt – um nicht zu sagen: neutralisiert.

Die beiden Pyrenäen-Etappen.
Das einer der Favoriten (und da war auch Christopher Froome als erstes zu nennen) die Möglichkeit wahrnehmen würde, „schon mal“ in Gelb zu fahren, war abzusehen.
Mehr überraschend war eher, wie wenig die anderen (Contador, Valverde, Schleck) der Leistung des Teams Sky am Samstag entgegen zu setzen hatten. Und als dann auch noch Richie Porte als „Edelhelfer“ es auf den 2. Platz der Gesamtwertung brachte,
war überall im Netz zu lesen: „Die Tour ist entschieden!“ Auch die Kommentatoren auf Eurosport waren nicht ganz frei von diesem euphorisch-fatalistischen Gefasel. Obendrein schwang auch überall klamm-heimlich die Frage mit: „Wie macht der Froome das? Das kann doch nicht mit rechten Dingen zu gehen?!“
Ähm… nunja: er hat im Gegensatz zu den anderen Favoriten seine Mannschaft aber auch ganz schön rackern lassen. Das Ergebnis davon haben wir gestern gesehen: Froome war alsbald alleine.
Und gestern haben sich die anderen Favoriten Contador, vor allem aber Valverde, etwas von diesem „Dominanz-Schock“ erholt, und sind konsequent ihr Tempo gefahren. Nur angegriffen haben sie nicht. Einzig der kleine Kolumbianer Quintana war verwegen genug, es immer wieder mit Antritten zu versuchen. Aber dadurch, das Contador, Valverde (und auch ein tapfer fahrender Andy Schleck), nicht angreifen konnten oder wollten,
haben sie quasi „Mannschaftsarbeit“ für Froome geleistet – und ihn schön brav über 5 Bergwertungen kutschiert.  Da es nur diese beiden Etappen in den Pyrenäen gab (eine zu wenig, wie ich immer noch finde), konnte das Gesamtklassement vor dem ersten Ruhetag heute nicht großartig anders aussehen, als es heute ist.

Die kommenden Etappen sind eigentlich so, wie man sich die „erste Tourwoche“ vorstellt: Sprintetappen und Einzelzeitfahren.
Bei ersteren können wir mit etwas Glück wieder auf deutsche Etappenerfolge hoffen, und bei letzterem: Hier gilt, wer die Tour gewinnen will, muß „alles“ gut können. Nicht nur Berge hoch fahren. Das Froome das kann, ist bekannt. Aber wenn andere die Tour (noch) gewinnen wollen, werden sie es hier versuchen müssen. Und zwar bevor die Alpen kommen.

Tour de France 2013 (2) – warum man den Radsport nicht verloren geben darf

„Ach die sind doch eh alle gedopt!“ – das ist wahrscheinlich das erste, was die meisten denken, wenn sie „Radsport“ hören. Allerdings kennen auch die meisten nicht mehr Radsportler als Lance Armstrong und Jan Ullrich. Danach hörts bei den meisten wohl schon auf – wer 5 Namen von Radsportprofis aufsagen kann gilt schon als eingefleischter Experte. Das die (vermeintlich) großen Stars vergangener Jahre „alle gedopt“ waren, kann man mehr oder weniger so stehen lassen. Leistungsdruck prominenter Radfahrer durch Erfolgshunger führte quasi zwangsläufig dazu – vielleicht bisweilen immer noch. Warten wir mal die B-Probe ab.
Wie siehts denn aber weiter hinten im Peloton aus? Bei den vielen namenlosen „Wasserträgern“? Die hecheln bei großen Rundfahrten ihren (gedopten) Mannschaftskapitänen auf den Bergetappen hinterher. Oder ziehen beim Massenspurt den Sprinterzug an, damit der (gedopte) Sprinter der Mannschaft als erster über den Zielstrich kommt.
Die Wasserträger können nur drauf hoffen, beim Zeitfahren nicht zu viel Zeit zu verlieren, bei Bergetappen vor Kontrollschluß das Ziel zu erreichen und ansonsten sich bei Stürzen nicht den Hals zu brechen.

Denken wir uns mal so einen fiktiven, „namenlosen“ Radfahrer. Lassen wir Italiener sein, und nennen ihn Giovanni.
In seiner Jugend spielte Giovanni mit den anderen Jungs Fußball – aber zum Training fuhr mit dem Rad. Und überhaupt waren seine Sportidole brühmte italienische Radrennfahrer. Nach der Schule heuerte bei einem Amateur-Team an – um irgendwann mal den Giro mitzufahren. Nicht um ihn zu gewinnen. Dafür mangelte es ihm an Berghärte, Sprintvermögen und Zeitfahrqualitäten. Giovanni war ein guter Allrounder. Mit 22 wechselte er in ein Profi-Team. Jetzt fuhr er bei kleineren Etappenrennen und bei unzähligen Eintages-Kirmestennen belegte er 3. und 2. Plätze. Einmal war sogar ein Sieg drin. Und bei seiner 2. Teilnahme bei Tirreno-Adriatico hatte er einen Solo-Ausreißversch von sage und schreibe 67,5km! Er war live im Fernsehen. Seine Eltern waren stolz bis dorthinaus – und seine Freundin auch.

Weitere zwei Jahre später: Giovanni hat geheiratet, ist junger Vater und von Beruf Radrennfahrer. Immer noch nicht berühmt. Ein einfacher Wasserträger. Bei seiner ersten Giro-Teilnahme (…endlich!) hechelt er sich die Lunge aus dem Leib, nur damit sein Capitano immer genug Trinkflaschen bekommt. Am Berg wird er fast ohnmächtig, weil er sich abmüht nicht aus dem Gruppetto zu fallen.
Giovanni wird wahrscheinlich nie eine Etappe beim Giro, der Vuelta oder der Tour gewinnen. Er wird immer ein kleiner Punkt im Peloton bleiben. Aber er wird strampeln. Für seine 2275,43€ brutto im Monat, die er vom Team bekommt.
Für mehr reichts nicht. Er dopt nicht. Es würde ihm nix bringen. Wesentlich schneller führe er nicht und zum Kapitän würde er dadurch auch nicht.
Er ist keiner von „denen da oben“.
Er ist ein Radsportler.
Einer von der namenlosen Masse der ungedopten.

Tour de France 2013 (1)

Hallo liebe Leute

Wie auch in den letzten 23 Jahren gedenke ich diesen Sommer soviel Tour de France zu schauen wie nur irgend möglich ist.

Mehr aus Traditions und Brauchtumsgründen, und weil für mich die alljährliche Tour DAS Ereignis des Sommers ist. Die Zeiten, in denen man mit großen Stars mitfiebern konnte sind vorbei – aus bekannten Gründen.

Von in der Szene bekannten Namen sind nur Chris Froome und Alberto Contador als Favoriten zu nennen – ersterem könnte man einen Gesamtsieg gönnen (allein der Glaube daran fehlt mir noch zur Zeit) – bei letzterem… nunja. Wenn Contador wirklich sauber fährt, hat er zwar Chancen ein paar Etappen gut zu fahren, aber ob das für einen Gesamtsieg reicht wird man sehen müssen.

Vielleicht wird diese Tour ihre eigenen kleinen Helden hervorbringen – und genau solche Rennsituationen machen ja eigentlich den Reiz einer solchen großen Rundfahrt aus.

Das Streckenprofil der Tour 2013 gefällt mir ganz und gar nicht.

Schön, die Korsen werden zum ersten Mal mit der Anwesenheit der französischen Sportikone beglückt (ob die das wohl so prickelnd finden…?) Aber aus meiner Sicht hätten es auch zwei Etappen getan, anstatt drei. Denn mit einer halben Rennwoche auf der Insel geht beim großen Rest einiges an interessanten Streckenprofilen verloren.

Das in einem ungraden Jahr Frankreich entgegen des Uhrzeigersinns befahren wird geht ja in Ordnung. Aber nach wahrscheinlich langen (langweiligen) Ausreißeretappen geht es gerade mal 2 Tage in die Pyrenäen  -die erste Etappe ohne Reiz mit einem Schlußanstieg, die zweite Etappe mit Sägezahnprofil aber laaaangem Auslauf – da wird das Peloton spannungsfrei zusammenfahren können.

Danach eine wahnsinnige Überführung in die Bretagne um dann wieder mal in laaangen Etappen wieder (!) Richtung Provence  Frankreich zu durchqueren, damit man das Pflichtprogramm Mont Ventoux und l´Alpe d´Huez absolvieren kann. Und danach gehts dan in scharfen Bruch und wahrscheinlich per TGV zur Schlußetappe Versailles-Paris.

Nun, das ein Mannschaftszeitfahren am 4 Tag stattfinden ist zwar ganz nett – aber das hätte  man auch auf Korsika am zweiten Tag machen können (wenn schon kein Prologzeitfahren stattfindet).

Das dann aber noch zwei Einzelzeitehren abgenommen werden… nun ja… zusammen mit 3 Tagen Korsika sind das aus meiner Sicht 6 „verlorene“ Tage, die zwangsläufig zu den phantasielosen restlichen Etappen führen müssen.

Und auf diesem Profil werden es die „Favoriten“ schwer haben, sich voneinander abzusetzen – das ist im Prinzip auch so gewollt um die Spannung zu erhalten, aber dadurch verhindert man auch Angriffsmöglichkeiten. Und ob es die vielen kleinen namenlosen Berge auf den konfus geplanten Alpen-Etappen das rausreißen… ich wage es zu bezweifeln.

Mein Fazit zur Streckengestaltung: Die 100. Ausgabe der Tour de France hätte eine ausgewogenere Planung verdient. Das Verhältnis von Pyrenäen und Alpen stimmt nicht und die Flachetappen sehen zu offensichtlich nach Notlösung zwecks Überführung aus.

Und legendäre Gebiete, durch die man Etappen anläßlich des Jubiläums hätte führen können, wie etwa Normandie, oder Massif Central, bleiben etwas außen vor. Es ist keine „große Schleife“ sondern irgendwie ein hingerotzter Streckenplan.

Was die Chancen auf deutsche Etapensiege angeht:

Nun, mit André Greipel z.B. muß man immer rechnen. Was John Degenkolb und Marcel Kittel zustande bringen, hängt davon ab, wie gut ihre Mannschaften sein werden. Ich fürchte aber, das es nicht so viele Sprintankünfte gibt, wie die Strecke vermuten läßt – irgendwie riecht diese Tour nach vielen Ausreißergruppen, die am Ende interessanter sein werden als der Kampf um das gelbe Trikot.

Was ich aber sehr vermute ist, das es sich Jens Voigt nicht nehmen lassen wird, bei einer Etappe wieder eine irre Flucht hinzulegen. In seinem biblischen Alter könnte jede Tour die letzte sein – da wird er sich sicher zeigen wollen.

Warten wir es ab, was uns die Tour 2013 bringt.

wer sich selbst ein Bild machen möchte, folge bitte diesem link (Seite in englisch und französisch) http://www.letour.fr/le-tour/2013/us/overall-route.html

„Papa, warum fahren da eigentlich keine Neger mit?“

Als ich ein kleiner Junge war, und das ist nun auch schon gut 20 Jahre her, habe ich genau diese Frage meinem Vater gestellt, als im Fernsehen die Tour de France lief.
Seit den frühen neunziger Jahren schaue ich nun regelmäßig Radsport – und da ich mich noch dunkel an die olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul (ich war damals 5) und 1992 in Barcelona (ich war damals 9) erinnern erinnern konnte, lag die Frage nahe. Denn das Schwarzafrikaner (ja… zu Hause hieß das „Neger“…) schnell laufen können, konnte ich nicht ganz nachvollziehen, warum es denn keine Schwarzafrikaner im Profiradsport gab.
Und so frug ich ahnungsfreier Junge meinen Vater, der nach einigem Schulterzucken antwortete: „Weil die Neger dat mit der Gangschaltung wahrscheinlich nicht auf die Reihe bekommen…. ich weiß es nicht.“
Schon damals fand ich diese Antwort unbefriedigend bzw. doof.
Es dauerte dann ein paar Jahre, und einige Ausgaben der Tour de France, bis ich mich dann als Jugendlicher gegen Ende der 90er Jahre dazu durchringen konnte, mal beim ARD-Zuschauer-Telefon anzurufen.
Das war die große Zeit des Jan Ullrich, und die ARD-Übertragungen von Bergetappen begannen schon morgens um 10.30 – und dauerten sieben Stunden!
Jedenfalls wurde ich gleich zweimal enttäuscht: Zum einne hatte ich insgeheim gehofft, Herbert Watterott persönlich würde das Gespräch entgegennehmen – was aber nicht der Fall war. Statt dessen meldete sich ein Mitarbeiter des Saarländischen Rundfunks, der auf meine Frage (ich verwendete dann immerhin schon das Wort „Schwarzafrikaner“) auch keine rechte Antowrt wußte. Er stammelte etwas von „…tja… die Trainingsmöglichkeiten werden in Afrika nicht so besonders gut sein…“ – am liebsten hätte er mir wahrscheinlich genau das gleiche genatwortet wie mein Vater einige Jahre zu vor.
Trainingsmöglichkeiten? Es gibt keinen Radsport in Afrika? Erzählte nicht JEDES JAHR der legendäre Herbert Watterott, das es im Winter eine „Tour de Burkina Faso“ gäbe? Und das der Typ auf dem gelben Motorrad, der die Schiefertafel mit den Zeitabständen den Ausreißern entgegenhält, NUR deswegen bei der Tour ist, weil die Tour-de-France-Organisation auch diese „Tour de Burkina Faso“ organisiert?

Die Jahre gingen ins Land, und hin und wieder sah ich dann mal einen japanischen Radsportler im Fernsehen. Aber im großen und ganzen ist Radsport immer noch eine „weiße“ Sportart: Europäer inkl. OSteuropa, Nordamerikaner und ein paar Lateinameirkaner.

Heute habe ich – eher aus Langeweile – die Etappe der Türkeirundfahrt auf Eurosport verfolgt. Gewonnen hat ein: Schwarzafrikaner. Natnael Berhane aus Eritrea hat eine schwierige Bergankunft gewonnen. Den Ort hab ich wieder vergessen, ebenso wie die Distanz. Nur das es in der Region des Zielortes Apfelanbau gibt (sowas lernt man bei Radsportübertragungen).

Das wichtigste aber ist: Es gibt Schwarzafrikaner, die Radsport betreiben. Und dazu noch erfolgreich sind. Und das in diesem Fall ausgerechnet aus Eritrea – einem der ärmsten Länder der Erde; wo also Trainingsmöglichkeiten, oder wenigstens die Berühurung mit Radsport sehr dünn gesäht sein dürften.
Ich weiß, er fährt in einer franzöischen Mannschaft, das tut der Widerlegung der These meines Vaters und des SR-Mitarbeiters keinen Abbruch.

Ich würde mir wünschen, wenn solche Erfolge wie der heutige durch Natnael Berhane etwas gegen den unterschwelligen Rassismus in der Gesellschaft bzw. in einigen Teilen der Sportwelt beitragen.

Ich freue mich auf eine buntere Radsportwelt! 🙂