Autobahn

(ein vom Verkehrsverhalten abgesehen fiktionaler Text)

 

Wenn ich so mit „meinem“ Auto über die Autobahn fahre…

Auf einer Autobahnfahrt hat man ja bei nicht allzu hektischer Verkehrslage genügend Zeit sich Gedanken zu machen. Besonders über die anderen Verkehrsteilnehmer.Ich sitz also in dem 92er Astra F, und mute es dem antiquierten, doch gut erhaltenen Vehikel zu, tatsächlich 130km/h zu erreichen. Erlaubt sind 120 km/h.

Ja, Mundorf, dann fährst du aber 10 km/h zu schnell.

Ich weiß. Und trotzdem ziehen alle anderen PKW links an mir vorbei. Ich mein, was ist mit euch los? Wenn ich mein Fahrzeug schon 10km/h übers Soll prügle, dann ist das schon ne Ordnungswidrigkeit, aber was macht ihr? Die Schilder links und rechts stehen da nicht nur zu Zierde des Vaterlandes, die haben schon nen Sinn und Zweck. 120 heißt 120 und nicht 180!

Ja, aber wenn die Straße doch frei ist, dann kann man doch…

Nä, kann man eben nicht. Es gibt sowas wie Verkehrsregeln. Dazu gehört neben den Geschwindigkeitsbegrenzungen auch das Rechtsfahrgebot. Und beim Spurwechsel ist das Blinklicht zu betätigen – eine Vorgabe die die meisten anderen Benutzer der deutschen Autobahnen offenbar erfolgreich aus ihren Gehirnen gelöscht haben.

Und wenn ichs eilig hab?

Tja, dann muß man eher losfahren, oder bei Fahrtantritt genügend Zeit einkalkulieren. Grob auf eine Stunde 100 km; wenn ich weiß, wie weit mein Ziel weg ist, kann man sich dann bequem die voraussichtliche Fahrtzeit ausrechnen und sich danach richten.

Mit diesen Gedanken saß ich nun im alten Astra unterwegs auf der A61, als von hinten mein Lieblingsfreund herandüste. Soeben hatte ich einen LKW überholt. Dieser fuhr anstatt der für ihn erlaubten 80 knapp 100, und ich zog mit 120 auf der Mittelspur an ihm vorbei.Nun denn, mein Lieblingsfreund machte sich im Rückspiegel breit: Eine Ingolstädter Penisvergrößerung. (dunkler Audi A-(beliebige Nummer hier einsetzen)).

Man man man, was ich diese Typen doch liebe. Da sitzt so ein Mann drin, irgendwo zwischen Mitte dreißig und Anfang fünfzig. Arbeitet im Außendienst, Vertrieb oder was auch immer. Ist verheiratet, hat 2-3 Kinder. Und macht auf seinem twitteraccount einen auf ganz, ganz großen Mr. Grey. Postet Fotos von festgebundene Frauen, ab und zu mal ein Mittagessen, hat mindesten 1300 follower und fickt anderleuts Frauen. Die eigene Frau ist in der Ehe unglücklich, bleibt aber der Kinder wegen. Sie ist auch auf twitter, und postet ebenso 50-shades Bilder, und wenn sie Gück hat, kann sie sich von so nem Typ der ihrem Mann vielleicht gleicht, ficken lassen. Allerdings gelingt ihr das weit aus weniger als ihm.

Und dann kommt er angedüst, von hinten, der gute Mann, mit seinen ca. 40-60.000 Euro im Jahr. In seiner Ingolstädter Penisvergrößerung. Nicht, das er die nötg hätte, neeeiiin, natüüürlich nicht. Er ist ja im Außendient, im Streß, er hat nen Termin.

Dankenswerterweise schießt der Volksgenosse mich nicht mit seinem Behemoth von der Piste, sondern zieht es vor, in die Eisen zu steigen und mich über die Funktionalität seiner Lichthupe zu informieren. Derweil schließe ich den Überholvorgang den LKW betreffend ab. Bei Tempo 130. Erlaubt sind 120. Blinke vorschriftsmäßig, um Günni/Sergej/Wouter (oder wie auch immer das übernächtigte Günther Willers Imitat im LKW auch heißen mag) anzuzeigen, das ich mich vor ihn setze.

Mister 400 PS rauscht derweil gastretend mit mindestens 150 Sachen an mir vorbei, ohne kaum die Spur zu wechseln. Blinker? Nein, Gott bewahre, doch nicht für den halben Meter, den er gnädigerweise etwas nach links zieht. Die Blinker an seinem Wagen sind dazu da, das „tut-tut“ der Funkverriegelung auf dem Parkplatz optisch zu untermalen. Wir blinken doch nicht! Wir haben 1300 follower auf twitter.

Während er so vor mir am Horizont verschwindet, überholt uns alle des Schicksals ausgleichende Gerechtigkeit: Einer von den sagenumwobenen Rennpanzern der Bayerischen Motorenwerke zieht mit gefühlter Lichtgeschwindigkeit ganz links an Günni/Sergej/Wouter, mir, und Mr. Grey vorbei. Sie wissen schon, diese SUVs von BMW. Mindestbetriebsgeschwindigkeit 100 km/h. Niemand hat bislang einen ihrer Fahrer jemals gesehen. Wahrscheinlich weil sie nie aussteigen. Diese Fahrzeuge können gar nicht anhalten. Und wenn diese Fahrzeuge doch irgendwo mal stehen, entsteigen ihnen Wesen, die scheinbar 40-jährige, äußerst dünne blonde Frauen darstellen sollen. Aber das ist vermutlich nur die Tarnung der Aliens.

Zurück zu Mr. Grey.

Mundorf, kann das vielleicht sein, das du etwas neidisch auf den Typ bist, weil der ne schnellere Karre fährt, mehr follower hat, Arbeit hat und alles wegflankt, was ihm im Dienstreisenhotelzimmer entgegenkommt? Du Geisteswissenschaftler in deiner alten Karre?

Hehehe…nee! 😀 😀 😀 Wißt ihr, früher war nicht alles besser. Aber vieles. Wenn bei einem Automobil mal der Scheinwerfer kaputt geht, was macht man dann? Nun. Herr Rastlos davorne in seinem dunklen Audi fährt in die Werkstatt, holt sich nen Mietwagen; in der Werkstatt wird das Fahrzeug nahezu komplett auseinander genommen, die Lampe gewechselt, die Software(!!!) neu konfiguriert, und am nächsten Tag sind wir dann wieder auf Deutschlands Autobahnen unterwegs.

Unsereiner geht hin, kauft für 6,40€ (!) zwei neue H4-Birnen, macht die Motorhaube auf, rüsselt die alten Birnen aus der Fassung, steckt die neuen rein, und gut ist. Dauer: 5 Minuten, Kostenpunkt 6,40€. Es gibt Zigaretten-XXL-Packs, die kosten mehr. Der Herr Potenzbeschleuniger darf hingegen seiner Werkstatt eckiges Geld berappen. Und wißt ihr was? Ich gönn es ihm. Ich gönn es ihm von ganzem Herzen. Wer fährt, fickt und twittert wie ein Fürst, der darf auch fürstlich bezahlen. Wenn ich das Geld hätte, würd ich ein anderes Auto haben wollen? Ich glaube nein. Nicht, weil ich so vernarrt in Opel wäre. Aber ich habs nun mal mit weißen, antiquirten 2-türigen Kleinwagen. Ohne Elektronik. Mein 84er Toyota Starlet war auch ein gepflegtes Straßenwunder. Solang ich mich in meinem Auto wohlfühle, und es anstandslos tut was es soll, bin ich mit dem zufrieden, was ich habe. Und so fahre ich weiter gemächlich auf der Autobahn. Zwar 10 km/h schneller als erlaubt, aber langsamer als alle anderen. Entspannt.

Ich fahr übrigens grad zu einer Frau. Zum ficken. Ihr Mann ist grad nicht da.

Er arbeitet im Außendienst.

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